Ducati XDiavel S und Harley-Davidson Breakout 114

V2-Cruiser im Vergleichstest

Schattenspiele: Die Gedanken, Gerüche und Eindrücke fliegen vorbei. Und dann ein lässiger Zwischenspurt...
Ducati XDiavel S und Harley-Davidson Breakout 114 im Vergleichstest.Auf der linken seite zeigt der V2, dass er ursprünglich hinter einer Supersportler-Plastikverkleidung seine vier Takte hämmerte.Das TFT-Display und die Kontrolleuchten sind durch den Lenker getrennt.Optisch zweigeteilt: Die Schokoladenseite der Ducati ist rechts, mit Stummelauspuff und Zylindern samt Schlagring-Schmuck.
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An einem Tag, der sehr rein war und klar, trafen ein pechschwarzes und ein schneeweißes Motorrad mit fetten 240er-Heckwalzen aufeinander. Beseelt von mächtigen V2-Motoren definieren die beiden Cruiser Ducati XDiavel S und Harley-Davidson Breakout 114 „Power“ völlig unterschiedlich. Jekyll und Hyde sind sich nur einig im Anders-Sein.

Bewegende Erzählungen zelebrieren Gegensätze: Tag und Nacht, Sonne und Mond, Himmel und Hölle. Eben Kontraste als Antrieb des Lebens. So auch bei diesen Power-Bikes mit charakteristischen V2-Motoren und massigen 240er-Heckwalzen auf Acht-Zoll-Felgen. Geduckt und lang sind beide, reißen sich mit wartungsarmen Zahnriemen vorwärts und leuchten mit modernen LED-Scheinwerfern in die Welt hinaus. Trotzdem eint sie nur der Disput: mächtiger Hubraum? Oder lieber Punch durch hohe Drehzahlen? Die Seele baumeln lassen? Oder es sich voll besorgen? Lieber echte 158 Newtonmeter oder 157 PS? Kalt- oder Vollblut? Eher traditionelle oder doch moderne Technik? Harley-Davidson Breakout 114 oder Ducati XDiavel S?

It's a Chopper, Baby!

Es wirkt, als hätten Gott und Teufel eine Wette abgeschlossen. These und Antithese: Wer bietet den unkonventionellsten Fahrspaß, den man für über 23.000 Euro kaufen kann? Willkommen im Reich des „Long and low“, des lässig zurückgelehnten Sitzens und der heftigen Beschleunigungen mit kleinstem Dreh am Gasgriff. Power-Bikes sind das, für gött­liche Erlebnisse. Aber Cruiser, so ganz ohne fette Schutzbleche? Eher ist die Ducati XDiavel S mit 17-Zoll-Rädern ein waschechtes Muscle-Bike. Dagegen trägt die im Dragstyle gezeichnete Harley-Davidson Breakout 114 einen riesigen 21-Zöller vorn und ein 18-Zoll-Rad hinten, eng unterm knappen Heck-Fender. It’s a Chopper, Baby!

Harley-Davidson Breakout 114 macht den Anfang

Die Zeit ist reif für Schwarz-Weiß-Malerei. Von Engeln beseelt oder vom Teufel geritten? Trifft amerikanische Landmaschinentechnik auf Hightech aus Bologna? Gemach. Die Harley-Davidson Breakout 114 genießt den Vortritt. Was für ein cooler Hocker! 114 Kubik-Inch, macht im metrischen System 1.868 cm3. Wow. Super-Trumpf in jedem Motorradquartett. Chef im Ring! Der luft-/ölgekühlte V2 puncht und lebt. Seine Zylinder sind ein in Metall gegossenes Victory-Zeichen. Glaubensbekenntnis 45 Grad. Irre 114,3 Millimeter Hub haben die 102er-Kolben vor sich. Du glaubst, jeden einzelnen Verbrennungstakt zu spüren. Leerlaufdrehzahl warm: 850. Noch Fragen?

Foto: r-photography.info
Gewölbte Ventildeckel zitieren den „Knucklehead“ von 1936.
Gewölbte Ventildeckel zitieren den „Knucklehead“ von 1936.

Die bleischwere Kurbelwelle macht den geschmeidigen „Biggest Twin“ unabwürgbar. Seidenweich-smooth pulsiert der Langhuber dank zweier Ausgleichswellen. Softails tragen den hocherhobenen Achtventiler „Milwaukee Eight“ starr verschraubt im Rahmen. Überbordend gibt sich das Drehmoment. 140 Newtonmeter schon unter 2.000 Touren schieben mächtig an. Schaltdrehzahl? Maximal 3.000. Unterhalb dieser Marke läuft dagegen die Ducati XDiavel S noch gar nicht rund, ruckelt bloß, vor allem in hohen Gängen. Nein, aus engen Kehren und Ecken marschiert die Harley-Davidson Breakout 114 im zweiten Gang mit mehr Schmackes raus als die Duc, macht erst mal Meter.

Feeling auf der Breakout stimmt

Locker, nicht angestrengt wirkt der US-V2 beim „Ausdrehen“ – das sind nur maximal 5.000 Touren. Es ist eine andere Art der Fortbewegung, ein Ausbruch, ein Breakout. Alles untermalt von bassigem, aber nicht aufdringlichem Auspuff-Sound. Das Feeling auf der Harley-Davidson Breakout 114 stimmt. Seit der V-Rod ist dies der kräftigste Harley-Serien-V2, der beste Serien-Big-Twin aller Zeiten! Klar bleibt ordentlich was vom herrlichen Langhub-Wums in der ellenlangen Gesamtübersetzung hängen. Tempo 100 sind im Overdrive vom Sechsten bloß 2.350 Umdrehungen, im Fünften auch nur 2.850 Touren. Es heißt also mitunter runterschalten vor dem Überholen, für echte „Passing power“.

Foto: r-photography.info
Auch die Amerikanerin setzt auf moderne LED-Scheinwerfer.
Auch die Amerikanerin setzt auf moderne LED-Scheinwerfer.

Gut hörbar, aber unerbittlich exakt rasten die sechs Gänge ineinander, wie die Weichen des Western Union Express. Das gehört so. Die schweren Gangräder der Harley-Davidson Breakout 114 strahlen eben Unzerstörbarkeit aus. So wie die ganze Maschine. Wenn’s denn wirklich sein muss: aus dem Stand von null auf 100 in 4,1 Sekunden. Das kann die wasser-/ölgekühlte Ducati XDiavel S noch eine Sekunde schneller. Abfackeln von Benzin in riesigen Zylindern (106er-Bohrung!) übersetzt die Duc gefühlt eins zu eins in brachiale, überfallartige Beschleunigung.

Ducati XDiavel S ist Königin des Ampel-Sprints

Diese Boden-Boden-Rakete stürmt wie von einem Katapult abgeschossen nach vorn. Ein teuflisches Erlebnis, dieser Antritt ab mittleren Drehzahlen. Und das ohne Angst vor einem abhebenden Vorderrad. Die feiste Ducati XDiavel S ist die Königin des Ampel-Sprints, haut so gnadenlos zu, wie es der Schlagring-Schmuck rechts an den Zylindern vermuten lässt. Als wäre der Leibhaftige hinter dir her. Gut festhalten! Die hydraulische Kupplung lässt sich auch unter heftigem Leistungsein­satz erfreulich feinfühlig dosieren.

Foto: r-photography.info
Auf der linken seite zeigt der V2, dass er ursprünglich hinter einer Supersportler-Plastikverkleidung seine vier Takte hämmerte.
Auf der linken seite zeigt der V2, dass er ursprünglich hinter einer Supersportler-Plastikverkleidung seine vier Takte hämmerte.

Schwergängig agiert das Getriebe Ducati XDiavel S. Mit zunehmender Testdauer bekommt Georg kaum noch den ersten Gang rein. Und den Zwischenleerlauf zwischen fünftem und sechstem Gang muss er umschiffen wie ein Lotse tückische Klippen am Hafeneingang. Mechanisch läuft der 90-Grad-V2 viel härter und rappeliger als der Motor der Harley-Davidson Breakout 114, rotzig-roh. Der ultrakurzhubige Satansbraten braucht Drehzahl, am liebsten 4.000 plus, will Feuer, stachelt und stichelt ständig an. Feurig-entfesselt dreht der Testastretta mit ­variabler Ventilsteuerung (DVT) bis zur 10.000er-Marke. Das ist ein anderes Naturell. Heißsporn statt Brummbär. Hat auch was.

Flanieren statt Planieren?

Ducatis unnachahmliches V2-Stakkato posaunt pure Lebensfreude heraus. Im Schiebebetrieb prustet es aus extrem kurzen Auspuff-Mündungen. Dadurch kommt das herrlich überfräste Hinterrad voll zur Geltung. Wie der Deiwel rennt die Ducati XDiavel S, volle 250 ­Sachen. Und zwar wie am Schnürchen geradeaus. Münchhausen kann sich nicht besser gefühlt haben beim Ritt auf der Kanonenkugel. Auch bei der Harley-Davidson Breakout 114 gilt: Länge läuft. Sie winkt bei 190 ab. Na und? Stört es die amerikanische ­Eiche, wenn sich der italienisches Widersacher daran kratzt? Aber kann der „kleine“ 1262-Kubik-Motor auch entschleunigen, flanieren statt planieren? Nur, wenn man sich zusammenreißt. Und auf dem Boulevard im niedrigeren Gang bleibt als auf der Harley.

Foto: r-photography.info
Optisch zweigeteilt: Die Schokoladenseite der Ducati ist rechts, mit Stummelauspuff und Zylindern samt Schlagring-Schmuck.
Optisch zweigeteilt: Die Schokoladenseite der Ducati ist rechts, mit Stummelauspuff und Zylindern samt Schlagring-Schmuck.

Auf Knopfdruck ändert die Ducati XDiavel S den Charakter: Die drei Fahrmodi Sport, Touring und Urban verändern Leistungsabgabe, Gasannahme, Eingriffsschwellen von ABS und der feinfühligen Traktionskontrolle. ­Urban wirkt deutlich defensiv, regelrecht ­beschnitten, Touring passt meist perfekt. Umfangreich gibt sich die Ausstattung mit Tempomat, Tagfahrlicht, beleuchteten Lenkarmaturen und modernem TFT-Farbdisplay des intelligenten Bordcomputers. Aktuell zeigt das Thermometer drei Grad an, Zeit für eine Eiswarnung. „Bluetooth-Connectivity“ verbindet das Telefon während der Fahrt. Aber will man das?

Wie sieht es beim Sitzkomfort auf?

Aktiver, mit ein wenig mehr Körperspannung sitzt man auf der Ducati XDiavel S. Dynamisch und relaxt, sehr kompakt ins Geschehen inte­griert. Der Lenker kommt dir etwas mehr entgegen. Auf der Harley-Davidson Breakout 114 hingegen fährst du nicht nur Motorrad – offen und breitschultrig nimmst du die Welt in Empfang. Breit ist die kaum gekröpfte Stange des Drag Bar-Lenkers, liegt wie die Fußrasten weit vorn. Der im Riser versteckte Bordcomputer weiß nötigste Infos: zum verbleibenden Tankinhalt, Reichweite, Uhrzeit, eingelegtem Gang und Drehzahl. Schräglagenfreiheit? Endet im American Way of Schleif bei exakt 26,8 Grad (Werksangabe!). Mäßigung ist kein Fehler.

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Das mächtig überfräste Hinterrad der Duc erinnert an Kreissägen. Als Asphalt-Fräse betätigt sich die Harley.
Das mächtig überfräste Hinterrad der Duc erinnert an Kreissägen. Als Asphalt-Fräse betätigt sich die Harley.

Per praktischem Handrad fürs versteckt liegende Zentralfederbein in Cantilever-Art – daher die Starrrahmenoptik – lässt sich das Heck ein wenig anheben. Trotzdem setzt rechtsherum bald nach den Rasten der untere der beiden Schalldämpfer auf. Und der lässt garantiert keine Kurskorrekturen mehr zu. Die 306 Kilogramm Kampfgewicht erfordern Weitsichtigkeit. Viel leichter nimmt die Italienerin neue Radien an. Stabilität trifft Agilität. Die weiter hinten und enger platzierten Fußrasten der Ducati XDiavel S nehmen erst jenseits von 40 Grad Schräglage Bodenproben. Ihr Pirelli Diablo Rosso II „made in Germany“ rollt hinten dank viel runderer Kontur komplett bis zur Reifenkante ab, lässt kein teures Gummi ungenutzt.

XDiavel S gewinnt die Brems-Disziplin

Dagegen wirken Harleys Michelins Pkw-artig flach: 40er-Querschnitt – weniger Reifenflanke geht nicht. Auf feuchter Straße ist ihre Haftung beschränkt. Da können die ­Pirellis mehr. Trotz der endlos langen, gereckten Gabel klappt die Breakout in Kehren nicht selbsttätig weiter ab, hält die anvisierte Linie. Fast ein Kunststück, bei 56 Grad Lenkkopfwinkel und ultraflachen 54 Grad Gabelwinkel. Ganz enge Ecken sind trotzdem knifflig. Logisch, bei fast 1,70 Meter Radstand und 145 Millimeter Nachlauf. Störrisch wird die Breakout auf der Bremse (die Einzelscheibe vorn verknüpft recht hohe Handkraft mit mäßiger Wirkung), fährt dann am liebsten nur noch geradeaus. Ordentlich dämpft die 49er-Showa-Gabel mit ihrer „Dual Bending Valve“-Technologie. Unverschämt gut fährt die fünf Zentner leichte Ducati XDiavel S, rollt sensationell behände. Sie zieht sprichwörtliche Kreise um die Harley-Davidson Breakout 114. Ducatis Sportgene schimmern durch. Ein Motorrad aus einer anderen Galaxie. Für Fahrdynamik sorgt hier auch das superbe Chassis. Ein Gedicht ist die einstellbare, kohlenstoffbeschichtete 50er-Upside-down-Gabel. Sie ist neben besseren Bremsen Kennzeichen des S-Modells: Diese Gabel spricht superfein an und ist doch sämig gedämpft. Famose Brembo-Monoblocks beißen radial betätigt extrem kräftig und doch fein dosierbar zu. Bestens! So verzögert man heute.

Foto: r-photography.info
Zwei V2-Motoren, zwei Welten. Während die Ducati selbst Sportfahrer anturnt ist die Harley stilvoll, einfach erlebnisreich.
Zwei V2-Motoren, zwei Welten. Während die Ducati selbst Sportfahrer anturnt ist die Harley stilvoll, einfach erlebnisreich.

Auf dem rudimentären Sozius-Sitzbrötchen des frei schwebenden Hecks der Ducati XDiavel S sitzt man wie ein Affe auf dem Schleifstein. Dahinter lauert das pure Nichts. Beim Gas­geben heißt es gut festhalten, sonst droht der Absturz aufs Hinterrad. Für bedingten Passagierbetrieb empfiehlt sich allein die Harley-Davidson Breakout 114. Sie bleibt von Zuladung gänzlich unbeeindruckt. Und präsentiert sich bei ­jedem Abstellen (häufig angesichts des kleinen 13,2-Liter-Tanks!) als Ikone schon im Stand. Es ist ein Statement auf Rädern: Ich fahre, also bin ich. Eine Harley zieht Bewunderer magisch an. Chrome, sweet Chrome. Ehrliche Mechanik, der Glanz amerikanischen Schwermetalls fasziniert halt auch im Digitalzeitalter. Kunststoff? Nicht doch. Schutzblech ist hier wörtlich zu nehmen. Stil können sie einfach, die Amis. Langzeit-Qualität ohnehin. Vier Jahre Garantie gibt’s obendrein.

XDiavel S das bessere Motorrad?

Weit abstehende Handhebel dürften aber gerne einstellbar sein, das separate Lenkerschloss ist angesichts von selbstschärfender Alarmanlage und Keyless Go gelebter Anachronismus. Herrlich knisternd erkalten die Kühlrippen nach dem Abstellen. Stundenlang, wie die Glut nach dem BBQ. Dagegen prägt die Ducati eine technoidere Anmutung, ein kühlerer Charme. Er beeindruckt eher Kenner, passt in keine Schublade. Klar ist die Ducati XDiavel S objektiv das bessere Motorrad. Ihr Fahrverhalten kommt der Quadratur des Kreises nahe. Ducati hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Lucifer’s Choice. Doch die Breakout entfaltet einen enormen Charme, der sich nur schwer in Test­ergebnisse fassen lässt. Schon die bisherige Breakout war die zweitbestverkaufte Harley in Deutschland. Mit der Harley-Davidson Breakout 114 wird die Erfolgsgeschichte (für 1.400 Euro weniger gibt’s auch eine 107er mit 1.745 Kubik) nun weitergeschrieben. Es herrscht Patt zwischen Himmel und Hölle – Impressionen pro Kilometer gibt’s nämlich hier wie dort reichlich.

MOTORRAD-Testergebnis

Ducati XDiavel S

Der weiße Riese beschleunigt diabolisch und fährt selbst in Kurven einfach himmlisch. So katapultiert das Italo-Bike Cruiser-Fans in höhere Sphären, turnt selbst Sportfahrer an. Die Ducati XDiavel S sprengt Konventionen!

Harley-Davidson Breakout 114

Stilvoll, schön und verdammt noch mal erlebnisreich. Der Harley-Davidson Breakout 114 gebührt Respekt. Dieses hochästhetische Flacheisen ist mit einem wahren Dampfhammer von V2 Drehmoment-König und Chefsessel zugleich. Mild und wild!

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