Aprilia RSV4 RF im Fahrbericht

Noch schneller, noch besser?

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Auf der Rennstrecke ist Aprilias Superbike-Waffe RSV4 eine Macht. Den letzten Vergleichstest auf diesem Terrain gewann sie souverän. Damit das so bleibt, wurde sie nun überarbeitet. Die Aprilia RSV4 RF mit leichten Rädern und Öhlins-Dämpfern gab eine erste Kostprobe ihres Könnens.

Das einzige Ziel bei der Entwicklung der Aprilia RSV4 ist, das schnellste Superbike zu bauen. So der Pressetext. Und dann das: ein Tempomat. Den hat die überarbeitete RSV4 nun tatsächlich auch. Aber nicht, weil sie ihn wirklich bräuchte. Sondern weil ihr überarbeitetes Elektronikpaket samt brillantem TFT-Display künftig auch in der Tuono Dienst tun wird. Bei Aprilias Superbike-Derivat standen für die Überarbeitung freilich andere Dinge im Brennpunkt: Speed und Rundenzeiten. Und dafür hat Aprilia mehr getan, als es der erste Blick vermuten lässt.

Im Video: Die Aprilia RSV4 RF auf dem Prüfstand

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Aprilia RSV4 RF mit Kurven-ABS

Da wäre zunächst besagte Elektronik: Das APRC (Aprilia Performance Ride Control) getaufte Elektronikpaket wurde komplett überarbeitet. Das betrifft den elektronischen Gasgriff (Ride-by-Wire), die Wheelie-Kontrolle und die Launch-Control. Völlig neu ist neben bereits erwähntem TFT-Display, das nun neben dem Bremsdruck auch die Schräglage – bei den Testfahrten mit der Aprilia RSV4 RF bis zu  – anzeigt, und neben dem Pitlane-Speedlimiter auch der Schaltautomat, der jetzt auch das kupplungsfreie Herunterschalten bei geöffnetem Gasgriff erlaubt. Für den Fall, dass man einmal in zu hohem Gang in die Kurve rauscht. So viel vorweg: Das funktioniert tatsächlich. Die leichtgängige Anti-Hopping-Kupplung braucht man eigentlich nur noch zum Anfahren. Angesichts des weit abstehenden, nach wie vor nicht einstellbaren Handhebels kein Fehler.

Das Bosch 9.1-ABS mit Hinterrad-Abhebe-Erkennung ist nun auch kurventauglich und in drei Stufen einstellbar, wobei Stufe eins als Rennabstimmung gelten darf: Dann sind Hinterrad-ABS und Kurvenfunktion deaktiviert. Zur besseren Verarbeitung der Signale ist die IMU statt horizontal nun im 45-Grad-Winkel im Rahmenheck positioniert. Krönung des Elektronikpakets ist die bei der Aprilia RSV4 RF serienmäßige (RR optional) Multimedia Platform, mit der sich unter anderem für zwölf eingespeicherte Rennstrecken die Elektronik kurvenselektiv justieren lässt.

Gewaltige, zweiflutige Auspuffkeule

Beim Fahrwerk kümmern sich eine 800 Gramm sparende Öhlins-NIX-Gabel der jüngsten Generation und ein TTX-Federbein um die Dämpfungsarbeit. Letzteres stützt sich über eine geänderte Umlenkung an der Schwinge ab. Dadurch kommt es mit 85 N/mm Federrate aus (2016: 105 N/mm). Auch bei der Gabel kommen weichere Federn mit 100 statt bisher 105 N/mm zum Einsatz. Feinstes Material auch bei den Bremsen. Brembos M50-Zangen sorgen zusammen mit 330 mm großen und fünf Millimeter starken Scheiben für Verzögerung. Und damit es trotz Euro 4 weiterhin richtig vorwärts geht, wurden die Nockenprofile des V4 verfeinert und die Ventilfedern verstärkt. Denn der V4 darf nun bis 14.400 und damit 300/min weiter drehen. Möglich machen dies auch 30 Gramm leichtere Kolben, welche die Blow-by-Verluste minimieren und deren Kolbenbolzen eine DLC-Beschichtung tragen.

Passé sind übrigens die variablen Ansaugtrichter. Nun kanalisieren zweiteilige starre und 500 Gramm leichtere Trichter den Luftstrom. Lohn der Mühe: Trotz Euro 4 leistet die RSV4 sowohl als RR wie auch als Aprilia RSV4 RF, die zum Test zur Verfügung stand, 210 PS bei 13.000/min. Dass es nicht ganz einfach gewesen sein kann, die Lärmwerte einzuhalten, davon zeugt die gewaltige, zweiflutige Auspuffkeule. Auf sie geht der Löwenanteil der rund 2,5 Kilogramm Gewichtszunahme der RSV4. Bis 5.500/min schickt eine Klappe im Auspuff den Abgasstrom durch ein Labyrinth. Ab dieser Marke verschließt sie diesen Umweg und ebnet den Abgasen den direkten Weg ins Freie.

Fahrbarkeit als Schlüssel zu schnellen Rundenzeiten

Den Weg frei gibt in diesem Moment auch die Boxenampel der Rennstrecke von Cremona südlich von Mailand. Ein eher enger Kurs, mehr 600er-tauglich denn für potente Superbikes. Gut 85 Prozent einer Runde finden hier im zweiten oder dritten Gang statt. Immerhin, eine 900-Meter- Gerade gibt Gelegenheit für Muskelspiele. Mit sattem Röhren schiebt die Aprilia RSV4 RF auf die Strecke. Die Testmaschinen waren für das erste Beschnuppern mit Akrapovic-Racing-Auspuff samt passendem Mapping bestückt. Zumindest damit hängt der V4 rasiermesserscharf am Gas, geht direkt, reaktionsschnell und ohne Ruck zu Werke. In den engeren Sektionen der Strecke absoluter Pluspunkt. Wie in der Spitzkehre auf Start-Ziel, die mit niedriger Drehzahl im zweiten Gang genommen wird. Ultrapräzise nimmt der V4 beim Öffnen der Drosselklappen die Arbeit auf, so lässt sich der Leistungseinsatz millimetergenau dosieren. Fantastisch, wie gleichmäßig der V4 anschließend durchs Drehzahlband feuert. Fahrbarkeit ist ein Schlüssel zu schnellen Rundenzeiten, der V4 bietet sie. Nur auf den letzten 700/min lässt der Elan nach, womit die gewonnenen 300 Umdrehungen Maximaldrehzahl als Überdrehreserven gelten dürfen.

Der erste Eindruck, dass die fein ansprechende Gabel im Vergleich zum Federbein überraschend soft abgestimmt ist, weicht auf der Strecke dem Gefühl toller Balance. In Verbindung mit der bezaubernden Handlichkeit sind zackig durchgerissene Schräglagenwechsel ein Klacks. Durch eine schnelle Biegung knallt die Aprilia RSV4 RF, die sich durch unglaublich filigrane Schmiederäder und ihre Öhlins-Federelemente von der RR-Version unterscheidet, mit unveränderter Stabilität und Präzision. Das gierige Einlenken, das Gefühl vom„Übers-Vorderrad-Fahren“ der RSV4 ist einfach eine Wucht. Allerdings: Rutscht man beim Beschleunigen nach hinten und klammert sich zu fest an die Lenker, reagiert die Aprilia RSV4 RF schon mal mit Pendeln, das sie dann auf die folgende Gerade mitnimmt. Sie honoriert im Gegenzug aber Gewichtsverlagerung nach vorne, indem die Bewegung rasch wieder abklingt.

So entpuppt sich die Strecke doch als guter Prüfstein für die Aprilia RSV4 RF. Weil die sich zum einen dank ihrer Wendigkeit kräfteschonend durch die engen Streckenteile scheuchen lässt, zum anderen ihre Elektronik sehr effizient arbeitet. Die nach wie vor vom Lenker aus bedienbare Traktionskontrolle regelt im Bedarfsfall sanft, die Wheelie-Kontrolle ohne allzu grobe Eingriffe. Und beim harten Ankern hält die Abhebe-Erkennung das Hinterrad sicher am Boden. Lediglich die Bremse spielte nicht völlig auf diesem hohen Niveau. Mit mächtiger Bremsleistung gesegnet, ließ sie es etwas an spontanem, kräftigem Zubeißen beim ersten Anlegen missen. Das Gefühl für das Vorderrad beim Einbiegen auf der Bremse könnte noch etwas knackiger rüberkommen. Doch davon abgesehen präsentiert sich die Aprilia RSV4 RF austrainiert und topfit, um vorwärts zu gehen und ihre Vormachtstellung auf der Rennstrecke gegen die erstarkte Konkurrenz zu verteidigen. Ob ihr das gelingt, steht im großen Rennstrecken-Shootout in MOTORRAD 11/2017.

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