Fahrbericht

Harley FXRSS-1458

Im soliden Aluminium-Chassis verabschiedet sich ein aufgeblasener Harley-Twin vom Mythos träger Gelassenheit.

Eines gleich vorneweg: Die Frage nach Sinn und Unsinn wollen wir auf den nächsten sechs Seiten nicht stellen. Kein nüchtern denkender Mensch käme auf die Idee, aus der antiquierten Harley-Technik ein Sportmotorrad zu basteln. Dazu fehlt der übergewichtigen Konstruktion jegliches Talent. Und trotzdem scheint die Lust an der Sportlichkeit auch im Milwaukee-Lager um sich zu greifen. Holger Dunke, Harley-Händler im badischen Bruchsal und bislang mit dem Aufbau von Choppern aller Stilrichtungen beschäftigt, entdeckte für sich den neuen Way of drive und setzte die spleenige Idee vom Harley-Racer in die Tat um. Also weg mit dem stählernen Rohrgebilde und her mit den polierten Alu-Schleifen. Feine Schweißraupen und clever angelegte Versteifungen zeugen vom gekonnten Handwerk der englischen NWS/RMD-Rahmenschmiede. Ursprünglich für den Drag-Strip konzipiert, verspricht die Lenkgeometrie auch für kurviges Terrain passable Eigenschaften. Eine 64 Grad steil angestellte Suzuki-Upside-down-Gabel mitsamt 17-Zoll-Rad und sportlichem 120/70er Pirelli Dragon-Gummi zieren die Front, während Achtern der Pirelli im obligaten 180er Format für Traktion und - ganz wichtig - Show-Effekt sorgt. Beim Radstand von stattlichen 1585 Millimetern orientierte man sich noch rigoros an überschlagsicheren Dragster-Maßen. Was dem Sportsmann an Handling flöten geht, beschert dem erstaunten Zuschauer eine wirklich imposant gestrecktes Monster, das durch seine unkonventionelle Mischung aus Streetfighter, Renner und Chopper in keine Schublade paßt. Länge läuft, das weiß jedes Kind. Und so spielt es bei der FXRSS 1458 keine Rolle, daß die Rahmenschleifen auf die tragende Funktion des Motors verzichten müssen. Trotz der elastischen Motorlagerung in Gummielementen genügt die Rahmensteifigkeit, um den 95 PS starken Prototyp in allen Fällen stabil auf Kurs zu halten. Damit die elastisch aufgehängte Einheit von Getriebe mit integrierter Schwingenlagerung die Spurtreue nicht verdirbt, stützt sich der Getriebeblock über eine dritte, zusätzliche Gelenklagerung am Rahmen ab. Mühelos und zielgenau beim flotten Einbiegen und Schräglagenwechsel, verlangt das 241 Kilogramm schwere Monstrum in langgezogenen Kurven jedoch nach straffen Zügeln. Man wird das Gefühl nicht los, als ob der langgestreckte Hinterbau dabei schnurstracks geradeaus fahren möchte. Was nicht heißen soll, daß die FXRSS 1458 nichts für Kurven übrig hat. Wenn es sein muß, beugt sie sich bis auf den Kupplungsdeckel in Schräglage. Wem das nicht genügt, muß die eingeschränkte Bodenfreiheit mit akrobatischen Turnübungen ausgleichen. No sports? Von wegen, dieses Ding will bezwungen werden. Oder man läßt es einfach lose dahingrummeln. No sports! Letzter Gang, wenig Drehzahl - und die Harley-Welt ist wieder im Lot. Dafür sorgt schon allein der Antritt des V2-Motors. 135 Newtonmeter Drehmoment stehen parat, um, Gas auf, Gas zu, durch die Landschaft zu poltern. Sauber abgestimmt, reagiert der Mikuni-Vergaser mit Beschleuniger-Pumpe ohne zu zaudern auf jedes Kommando. Schließlich stehen 95 PS auf dem Papier; und die schieben flott voran. Bis auf stolze 207 km/h drückt sich die Harley durch den Wind. Den Reiter am breiten Lenker weit aufgespannt, zwingen solche Experimente flachliegend zum Versteckspiel hinter der steil angestellten Streetfighter-Nase. Wie, bitte schön, ist eine solche Leistungsexplosion zu erklären? Na klar, der Hubraum, der über einen Hub von 119,5 Millimeter (Serie 108) und 89er Mahle-Schmiedekolben (Serie 88 Millimeter) auf 1458 Kubikzentimeter für die »Touring-Version« aufgestockt wurde. Mit Serienteilen ist da nichts zu machen. Gehäuse und Kurbeltrieb stammen vom Harley-Spezialisten S&S und ermöglichen bis zu sagenhaften 1880 Kubikzentimeter Hubraum. Anstatt des 40er Keihin-Gleichdruckvergasers schnüffelt der Motor sein Lebenselexier jetzt durch das 42er Mikuni-HSR-Bauteil. Ein leichtgängiger, rollengelagerter Flachschieber senkt die Handkraft am Gasgriff und reduziert die Verwirbelungen im Ansaugtrakt. Strömungsoptimierte Kanäle und Ventilsitze schließen sich an und erleichtern dem Gemisch den Zugang zu dem 9,8 zu 1 verdichteten Zylinderkopf. Gezündet wird mittels elektronischer Crane Hi-4-Zündanlage, die dem Spieltrieb durch verschiedene Zündkurven freien Raum läßt. Geänderte Nockenprofile mit 12,7 Millimeter Ventilhub (Serie ???) machen dem V2 auch oben rum Dampf, ohne daß die Kraft aus dem Drehzahlkeller verlorengeht. Damit der Punch auch auf die Straße kommt, unterstützt eine Fliehkraft-Mechanik die Kupplungsfedern und erhöht mit steigender Drehzahl den Anpreßdruck der Reibbeläge. Dragster-Spezialisten wissen Bescheid, dieser Trick bewahrt auch die Top-Fuel-Bikes auf dem Drag-Strip vor verrauchten Kupplungen. Das Ergebnis der Motoren-Kur: Der Sprint auf 100 km/h ist in 4,5 Sekunden erledigt, bis 160 km/h vergehen 13,7 Sekunden, und den Durchzug im letzten Gang von 60 auf 140 km/h meistert der Langhuber in gerade mal 9,3 Sekunden. Damit die Fuhre auch wieder zum Stehen kommt, zieht man alle Register: 16 Bremskolben, verteilt auf zwei Spiegler-Bremszangen verwandeln die Geschwindigkeit mühelos in Wärme. Eine imposante Technik, keine Frage, aber für die Harley FXRSS 1458 schlicht und einfach überdimensioniert. Technik-Freak und Maschinenbau-Ingenieur Holger Dunke dagegen findet’s einfach genial. Mit einigen anderen Details seines in wenigen Wochen aufgebauten Prototyps dagegen hadert er noch. Die billige Metisse-Verkleidungsschale aus popeligem Plastik mit der trüben Doppelfunzel zum Beispiel, die nutzlosen Rückspiegel oder die provisorische Radabdeckung aus Alumimium stehen ganz oben in der Mängelliste. Bis der Prototyp verkaufsfertig daherrollt, werden bei H.D. American Motorcycles noch einige Nachtschichten gefahren. Daß sich die Harley-Kundschaft für die sportliche Variante begeistern kann, ist keine Frage. Nur der Preis von rund 15500 Mark für den Rahmen-Kit und 14000 Mark für den »kleinen« 1458er Motor könnte die sportbegeisterte Harley-Klientel zum Nachdenken bringen.
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Harley-Davidson FXRSS 1458 (FB) (Archivversion) - Varianten zum Thema Sport

Immer mehr Harley-Freaks versuchen sich im schier aussichtslosen Unterfangen, ihren V2 auf Sport zu trimmen. Aus dem Widerspruch von antiquierter Technik und rassiger Sportlichkeit entstehen oft die ungewöhnlichsten Motorräder. Der Wandel vom chrombehangenen Schwergewicht zum schnittigen Flitzer kommt den Harley-Strategen gerade recht. Nicht umsonst installierte man den Harley-Cup, bei dem auf streng reglementierten 883 Sportster beinhart um Sieg und Ehre gefochten wird. No sports? In einer Gesellschaft, die geprägt ist von Fitness und Aktivität, kann sich auch Harley-Davidson nicht nur auf das Image träger Gemütlichkeit verlassen.

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