Fahrbericht: Honda CB 1300

Big Brother

Vom Kuchen der hubraumstarken Unverkleideten will sich Honda nun mit der komplett neu konstruierten CB 1300 ebenfalls ein großes Stück abschneiden. Das Rezept dafür lautet »Tanoshii«.

Der Japaner im Allgemeinen und erst recht derjenige, welcher der Spezies der Motorradentwickler angehört, hat stets ein blumiges Synonym für sein Produkt parat. »Tanoshii« kommt es ihm über die Lippen, als er die neue CB 1300 für eine erste Probefahrt in Japan übergibt. Mit einem strahlenden Lächeln untermauert er die Bedeutung des Wortes, das auf deutsch so viel wie Spaß, Vergnügen, Glück bedeutet. So weit, so gut. Bleibt abzuwarten, ob sich besagtes Tanoshii beim Fahren einstellt. Im Stand strahlt die CB 1300 eher kühle Funktionalität denn euphorisierende Glückseligkeit aus.
Bei der Sitzprobe kehrt jedoch eine gewisse Vorfreude ein. Die Arme entspannt am Lenker, fühlt sich der Pilot auf der straff gepolsterten Sitzbank in moderater Sitzhöhe auf Anhieb wohl. Beim Druck aufs Knöpfchen säuselt der große Reihenvierer sanft vor sich hin. In Europa wird sich die CB 1300 akustisch allerdings stärker in Szene setzen, weil dort die geräuschreduzierende Drosselklappe im Auspuffsammler des Japan-Modells entfällt. Für Honda beinahe schon selbstverständlich ist die leichtgängige und sauber einrückende Kupplung.
Und endlich kann der Big Four sein Potenzial unter Beweis stellen. Wobei beim vollen Öffnen der Drosselklappen zwar ordentlicher Vortrieb vorhanden ist, der Biss im ersten Moment aber etwas hinter den hohen Erwartungen zurückbleibt. Erst bei 3000/min kommt der zweite Wind, dann schüttet der 1300er-Motor seine Leistung locker aus und schiebt die über 250 Kilogramm schwere Honda samt Fahrer mit Nachdruck gleichmäßig bis an den roten Bereich. Erfreulich für alle europäischen Interessenten: Die Exportversion hat mit 116 PS bei 7000/min zusätzliche 16 Pferde zu bieten, und auch das Drehmoment von üppigen 117 Newtonmetern bei 6000 Umdrehungen kann sich sehen lassen.
Sauber und spontan nimmt der Motor über den gesamten Drehzahlbereich Gas an. Der Pilot steppt das leicht zu schaltende, präzise Getriebe mit kurzen Schaltwegen durch und reguliert den Vorwärtsdrang im fünften Gang nur noch per Gasgriff. Schon nach kurzer Eingewöhnung macht sich Entspannung breit. Doch welchen Part spielt dabei das Fahrwerk?
Dank der straffen Abstimmung von Gabel und Federbein animiert das zu eher sportlicher Fahrweise. Auch die Handlichkeit ist für ein über 250 Kilogramm schweres Motorrad verblüffend gut. Allein in ganz engen Kehren kann die CB 1300 ihr Gewicht nicht verbergen. Je weiter sich die Kurven öffnen, umso mehr ist die große Honda in ihrem Element. Dank der steifen Gabel folgt sie der angepeilten Linie mit hoher Lenkpräzision. Die Doppelscheibenbremse mit Vierkolbensätteln hat das üppige Gewicht stets fest im Griff. Selbst eine engagiert bewegte CB 1300 fangen die Bremsen – erstaunlicherweise ohne das Verbundbremssystem CBS - mit geringer Handkraft und guter Dosierbarkeit stets sicher ein.
Tanoshii also auf der ganzen Ebene? Das potente Triebwerk macht zweifelsfrei Spaß, das straffe Fahrwerk bereitet Vergnügen, und beim Fahrer stellt sich schon nach kürzester Zeit ein Glücksgefühl ein. An dem wollen auch die Marketingstrategen teilhaben, und zwar spätestens, wenn sie ihr hoch gestecktes Ziel erreichen, je viertausend Einheiten in Japan und Europa zu verkaufen.





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