Fahrbericht Yamaha SCR 950 (2018)

Das unbekannte Wesen

Die Lage sieht schräger aus, als sie tatsächlich ist.

Keine Bange, es folgen jetzt keine bemühten Wortspielchen und Vergleiche mit den stets leicht schlüpfrigen Oswalt-Kolle-Beziehungsfilmen der 1970er-Jahre. Auch die Yamaha SCR 950 ist den meisten Motorradfahrern völlig unbekannt. Doch das muss ja nicht so bleiben.

Die im Frühjahr 2017 vorgestellte Yamaha SCR 950 ist ein echter Exot auf deutschen Straßen. Laut Aussage von Yamaha Deutschland wurden seit dem Start bis Mitte Juli 2018 gerade mal 217 Einheiten unters scrambleraffine Volk gebracht. Wieso eigentlich? Begeben wir uns auf Spurensuche. Zufällig hatte der Autor dieser Zeilen bereits in der letzten Ausgabe (MOTORRAD 16/2018) das Vergnügen, sich mit zwei Scramblern der Oberklasse in Gestalt der BMW R nineT Scrambler sowie der Ducati Scrambler 1100 Special zu beschäftigen. Die beiden kosten je rund 5.000 Euro mehr als die 54 PS leistende Yamaha, was nur ein Grund ist, der einen direkten Vergleich verbietet. Zudem hat die BMW mit 110 PS fast die doppelte Leistung, die Duc ein Plus von 32 Pferden.

Doch beim im realen Betrieb deutlich wichtigeren, weil ständig spürbaren Drehmoment sieht die Welt schon ganz anders aus. 80 Nm bei 3.000/min drückt die Yamaha auf die Kurbelwelle. Der Boxer überflügelt sie zwar klar mit 116 Nm, die allerdings erst bei der doppelten Drehzahl anliegen. Die Duc wiederum lässt es bei 88 Nm und 4.750/min bewenden. Zudem liefert der luftgekühlte 60-Grad-V2 der Yamaha bereits ab Standgas satte 70 Nm ab und büffelt sich schön von unten durchs leider schmale Drehzahlband. Ab etwa 4.000/min lässt der Vorwärtsdrang stark nach, und um höher als 5.000/min zu drehen, bedarf es schon eines unsensiblen Gemüts. Mangels Drehzahlmesser kann man die Zahlen nicht ablesen, man spürt sie aber sehr deutlich. Zudem läuft der Vierventiler kultiviert, und zurückhaltend bewegt gönnt er sich nur 4,2 Liter Sprit auf der Verbrauchsrunde. Die fünf Gänge benötigen zwar recht lange Schaltwege, rasten aber durchwegs sicher mit einem satten Klonk ein. Ab 60 km/h richtet es ohne Ruckeln der fünfte. Zum Runterschalten ist dann ein nachdrücklicher Tritt auf den Schalthebel gefragt. Rein antriebsseitig muss sich die Yamaha unter Realbedingungen also nicht vor den Großen der Zunft verstecken, den Fast-forward-Modus mal außen vorgelassen. Der ist in der Scrambler-Szene aber ohnehin nicht so sehr angesagt und verbietet sich auf der SCR 950 aus einem ganz anderen Grund: ihrer Basis.

Diese ist der Cruiser XV 950 R, mit dem sich die Scrambler neben fast allen Anbauteilen auch den Motor, die Federelemente und vor allem den Rahmen teilt. Die um 140 auf 830 mm gestiegene Sitzhöhe wird durch einen angeschraubten Hilfsrahmen realisiert. Es ist kein Geheimnis, dass schnelles Durcheilen von Kurven nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen eines Cruisers zählt. Meistens gemahnen die weit unten angebrachten Fußrasten frühzeitig Funken sprühend Einhalt. So auch die SCR, wenngleich ihre Rasten im Vergleich zur XV um 15 cm nach hinten und drei nach oben wanderten. Dort bekommen sie zwar erst einige Winkelgrade später Bodenkontakt, dafür sind sie beim Rangieren und auch schon beim schlichten Fußabsetzen ständig im Weg. Damit sind wir auch schon durch mit ernsthaften Kritikpunkten.

Weniger ernsthafte sind die nicht einstellbaren und recht weit abstehenden Griffe für Kupplung und Bremse sowie die flache Sitzbank, die genauso bequem ist, wie sie aussieht. Eine, anderthalb Stunden nonstop darauf sitzen, geht gerade noch, darüber wird es sportlich. Doch – und genau deshalb sehen Sitzbank, Tank, Seitendeckel, der Lenker, die Alu-Schutzbleche so aus, wie sie aussehen – die Linie stimmt! Sie erinnert ein wenig an Motocrosser der späten 1960er-, frühen 1970er-Jahre. Auch die legendäre XT oder SR 500 ist gefühlt nicht weit weg. Während der Beschäftigung mit der SCR dämmerte es dem Autor auch, warum ihm dieses Motorrad überhaupt nicht unbekannt, sondern im Gegenteil ziemlich vertraut vorkam: Das Wesen, der Charakter, die Fahreigenschaften, softe Gabel, straffes Heck, der Motor, von den kaum vorhandenen Vibrationen mal abgesehen, ein bisschen auch die Sitzposition, erinnerten ihn doch stark an eine 1984er- Yamaha-XS-650. Die ist bis heute im Erstbesitz, erfreut sich bester Gesundheit, und der Autor bekommt sie bei gemeinsamen Ausfahrten gelegentlich auch mal in die Finger bzw. unter den Hintern.

That’s it! Wie weiland die XS ist die SCR heute ein Bike für Leute, denen das ewige Mehr, Mehr, Mehr und speziell die mittlerweile ausartende Elektronifizierung sonst wo vorbeigehen. Die einfach nur stilvoll ihre Runde drehen und genießen wollen. Müssen ja nicht gleich 500 km sein, dafür gibt es in der Tat Besseres. Und die über kleine Macken hinwegsehen. Für die könnte die SCR bald ein sehr bekanntes Wesen sein.

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