Yamaha MT-09 im PS-Fahrbericht

Mittelklasse-Naked Bike goes bad

Willkommen in der oberen Mittelklasse: Schaltautomat. Die Gangwechsel könnten allerdings noch einen Tick sanfter vonstatten gehen
Neue Formen, fiesere Optik: Die MT-09 möchte böse sein. Statt am Heck ist der Kennzeichenhalter nun an der Schwinge angeschraubt. Das unterstreicht das knackig-kurze HinterteilYamaha MT-09Yamaha MT-097 Bilder

Konzertsaal-Ruine, bröckelnder Beton und brennende Fässer - in dieser Szenerie wurde die neue Yamaha MT-09 präsentiert. Botschaft: Das Mittelklasse-Naked Bike goes bad! Wie böse genau?

Keiner wusste davon. Nur allgemeines Staunen über die lange Busfahrt nachts ins Nirgendwo. Dann endlich der Stopp. Den versammelten Journalisten bietet sich ein Bild wie aus einer schaurigen Filmszene: ausgediente, brennende Fässer vor zerfallenden Fassaden, graue Betonwände eingefärbt mit bunter Sprühkunst. Im Innern des halbrunden Gebäudes, mitten auf einer ehemaligen Bühne, eine riesige Projektionswand. Daneben im Scheinwerferlicht die neue Yamaha MT-09. Auf den darüber liegenden Rängen lauscht das Publikum gespannt dem Zeremonienmeister, der ein neues Kapitel der „Dark side of Japan“ feiert. Zweifellos eine beeindruckende Inszenierung.

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Sitzposition um 5 Millimeter höher

Am nächsten Tag bieten Testfahrten mit der neuen Yamaha MT-09 die Gelegenheit zu checken, was hinter der Aufführung vom Vorabend mit den stolzen Worten steckt. Schon bei den ersten Bodenunebenheiten fällt das straffere Grund-Setup der Federelemente auf. Hier hat Yamaha auf die allgemeine Kritik an der laschen Abstimmung der ersten MT-09 von 2013 reagiert – bravo! Doch beim Federbein schossen die Japaner womöglich übers Ziel hinaus. Ungewohnt hart dringen Schläge zum Piloten durch. Wie sich erst im Nachhinein herausstellte, änderten die Techniker speziell für dieses Event die Standard­einstellung und erhöhten sowohl die Dämpfung als auch die Federvorspannung des Monoshocks. Ob Plattschuss ins eigene Knie oder dienliche Maßnahme, wird ein ausführlicher kommender Test zeigen.

Einen positiven Nebeneffekt hat die kleine Schummelei jedoch schon heute. Mit der stärker vorgespannten Feder erhöht sich auch die Sitzposition. Serienmäßig bereits um fünf Millimeter angehoben, sitzt der Pilot auf der neuen Yamaha MT-09 aktiver als auf der Vorgängerin. Außerdem brettert die Fuhre nun spürbar knackiger durch die Gegend und schaukelt sich im Attacke-Modus nicht auf – soweit man bei den herrschenden Bedingungen überhaupt von Angreifen reden kann. Trotz der erhöhten Stabilität ist die Höchstgeschwindigkeit der MT-09 weiterhin auf 210 km/h begrenzt. Einen großen Anteil an dieser Stabilität hat auch die gestraffte, nun voll einstellbare Gabel. Sie ist asymmetrisch ausgelegt, führt also in einem Holm die Druck-, im anderen die Zugstufe.

Dazu spendierte Yamaha der Neuen eine Anti-Hopping-Kupplung. Dank Servo-Unterstützung mit erfreulich geringer Handkraft zu bedienen, verhindert sie beim Herunterschalten wirkungsvoll Hinterradstempeln. Wer bei dieser Übung allerdings gleichzeitig hinten scharf bremst, muss weiter mit einer leicht hüpfenden Heckpartie rechnen.

Yamaha MT-09 mit Quickshifter

Neuerungen bietet die Yamaha MT-09 auch bei der Elektronik. Das Durchladen der Gänge funktioniert jetzt easy per Quickshifter. Spätestens hier ist klar: Die Schalthilfe ist in der oberen Mittelklasse angekommen. Perfekt wäre es, wenn die Gangwechsel noch einen Tick geschmeidiger vonstatten gingen, doch die Richtung stimmt. Blippern, also kupplungsfreies Runterschalten, ermöglicht das System leider nicht. Das kann man in dieser Klasse aber auch nicht verlangen.

Bei der Abstimmung der drei Fahrmodi sieht das etwas anders aus. Auf Stufe „A“ springt die Yamaha MT-09 so abrupt ans Gas, dass sich uns der Sinn dieser Einstellung nicht erschließt. „B“ kennt keinerlei Lastwechsel, was super ist, aber die Power begrenzt. Standard („Std“) ist jene Position, die das Beste aus den zwei Welten vereinen soll. Das schafft sie fast, könnte für besonders feinfühlige Naturen jedoch den Wechsel vom Schiebe- in den Lastbetrieb noch einen Hauch sanfter vollziehen.

Etwas mehr Sensibilität wünschen wir uns auch für die seit Anfang 2016 in der Yamaha MT-09 werkelnde, zweistufige und abschaltbare Traktionskontrolle. Auf Position eins lässt sie ungeniert Wheelies zu. Achtung, Abflug via Rückwärtssalto nicht ausgeschlossen! Wer mit dem Einradtanz nichts am Hut hat, wählt Stufe zwei. Sie greift schon bei geringen Abweichungen von Vorder- zu Hinterraddrehzahl ein, regelt hierbei etwas grob, hält die Front aber immerhin zuverlässig am Boden. Ideal wäre noch eine dritte, fein arbeitende Stufe zwischen diesen beiden.

Ganzheitliche Unterhaltung auf höchstem Niveau

Uneingeschränkter Applaus gebührt hingegen dem durchzugsstarken Dreizylinder. Bis auf eine neue Abstimmung des Motormanagements unverändert, hat er durch die Euro 4-Norm nichts an Faszination und Spritzigkeit eingebüßt. Der Triple flutet den Piloten noch immer mit Endorphinen – absolute Weltklasse! Dazu elektrisiert nach wie vor der fauchende Sound der Yamaha MT-09. Den Drilling von der Leine zu lassen, heißt ganzheitliche Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Schauen wir abschließend aufs Design. Die schmalen LED-Scheinwerfer blicken finster drein. Dazu passt die kantige Form der Lampenmaske. Überhaupt tritt die neue Yamaha MT-09 aggressiver auf als die bisherige: geschärfte Formen, kurzes Heck, auffälliger Kennzeichenhalter. In Sachen Styling haben die Designer ganze Arbeit geleistet und der MT ein grimmiges Äußeres verpasst.

Wie böse also ist die neue Yamaha MT-09? Sagen wir so: Sie mimt den Fiesling, besitzt aber eine ordentliche Portion japanischer Vernunft – was ja per se nichts Schlechtes ist. Technisch hat die MT-09 zugelegt, vermittelt mit rund 9.000 Euro aber nicht mehr das gierige Schnäppchen-Gefühl der ersten Baureihe (8.000 Euro). Wir sind gespannt, was die Konkurrenz draufhat. KTM zimmert noch an der 790er-Duke, und Triumph schickt bereits im Frühjahr die Streety 800 ins Rennen. Das werden spannende Zeiten!

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