Einschlafen auf dem Motorrad

Sag niemals nie

Gefahr auf der Urlaubsreise: Monotonie beim Motorradfahren macht müde und kann zum gefürchteten Sekundenschlaf führen. Lesen Sie Hintergründe und Vorbeugemaßnahmen.

Autobahn, schon seit Stunden. Monoton geht es geradeaus. Konstante Motordrehzahl, immer gleiches Rauschen im Helm. Unmerklich gleitet man in diesen Zustand zwischen wach sein und wegdämmern. Langsam, ganz langsam werden die Lider schwer, senkt sich der Blick. Jetzt nur ein Sekündchen die Augen zu schließen ...

Vielfahrer kennen die Situation. "Nur" noch 300 Kilometer bis zum Ziel, das Hotel ist doch gebucht oder das traute Heim in Reichweite. Die läppische letzte Etappe reitet man da auf einer Backe ab. Um Zeit zu sparen, auf der Bahn. Bis man sich das erste Mal auf der Standspur wiederfindet. Bei voller Fahrt. Dann ist der Schreck groß, weil bei 130 Stundenkilometern die Welt mit 36 Metern pro Sekunde an einem vorbeifliegt. Das Motorrad ist 36 Meter völlig unkontrolliert weitergefahren. Puh, noch mal gut gegangen. Schlagartig ist man hellwach. Doch nicht lange. Bald wiederholt sich das Ganze. Nur mal kurz die Augen zumachen ... Es könnte irgendwann wirklich das letzte Mal sein.

So weit sollte es nicht kommen. Tut es aber: Rund ein Viertel aller Autobahnunfälle mit Todesfolge sind auf Einschlafen am Steuer zurückzuführen, haben Studien der deutschen Versicherer ergeben. Womit schon ein wesentliches Kriterium für das Risiko Sekundenschlaf genannt ist: Monotone Straßenführung mit langen Gerade-aus-Strecken, verbunden mit langer Fahrzeit und schlafenden Mitfahrern, erhöht das Einschlafrisiko eklatant. Das betrifft zwar vor allem Autofahrer, doch auch Motorradfahrer bleiben nicht verschont. Denn auf kurvigen, anspruchsvollen Landstraßen oder gar Alpenpässen ist vermutlich noch nicht einmal der übermüdetste Biker eingeschlafen. Auf kilometerlangen Autobahnetappen ist die Gefahr dagegen weit größer. Diese ewig ähnlichen Reize, besonders, wenn der Verkehr gleichmäßig fließt... Jeder zweite Unfall dieser Art passiert bei geringer Verkehrsdichte. Auch die Tageszeit spielt eine entscheidende Rolle: Rund 60 Prozent der Einschlaf-Unfälle ereignen sich bei Dunkelheit, besonders morgens zwischen 5 und 6 Uhr, wenn der Bio-Rhythmus im Keller ist.

Daneben spielt natürlich die individuelle Konstitution und Kondition eine entscheidende Rolle: Wie fit ist man, seit wann schon auf den Beinen? Wie lange und wie gut hat man in den Nächten zuvor geschlafen? Wie viel Kilometer liegen bereits hinter einem, wie viele noch vor einem? Perfiderweise tritt dieser Unfalltyp meist kurz vor dem Ziel auf, gerade bei der Heimfahrt, wenn man es eben noch nach Hause schaffen will. Kurz das Visier aufklappen, frische Luft, Hauptsache wach bleiben. Es sind ja nicht mehr viele Kilometer. Und man ist ja schließlich kein Weichei.

Sicherer sind andere Strategien: ausgeruht losfahren, keine Nachtfahrten nach einem kompletten Arbeitstag (siehe Interview), genügend Pausen einlegen, mindestens alle zwei Stunden; in den Pausen bewegen, auch wenn Stretching-Übungen und Kniebeugen vielleicht etwas albern aussehen; viel trinken, natürlich keinen Alkohol, sondern Wasser sowie Fruchtsäfte. Außerdem genügend essen. Wenn nichts mehr geht: Sich einfach mal auf einer Wiese oder Bank hinlegen, eine Viertelstunde Schlaf wirkt oft schon Wunder. Oder ein Zimmer an Ort und Stelle nehmen. Ein Sturz ist teurer als jedes Hotelbett.

Ein Thema, bei dem auch der Staat gefordert ist: "Rumble Strips" (quer gerippte Fahrbahnrandbegrenzungen) auf Autobahnabschnitten warnen den Fahrer beim Überfahren der Begrenzung durch Geräusch und Vibrationen. Damit noch Zeit zum Reagieren bleibt.
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Interview mit Dr. med Sven Rupprecht

Dr. med. Sven Rupprecht, Neurologe und Schlafforscher an der Uniklinik Jena, gibt Expertentipps.
Urlaubszeit ist wertvoll – viele steigen deshalb gleich nach der Arbeit aufs Motorrad. Vom Tag noch fit – was soll da schiefgehen?
Jede Menge. Denn am frühen Abend sind wir nicht mehr so leistungsfähig, der Bio-Rhythmus fährt sich herunter und ist auf Schlafen eingestellt. Wer jetzt losfährt, wird bald merken, dass die Konzentration nachlässt. Man fröstelt, die Augen brennen und fallen dann einfach zu: Sekundenschlaf – einer der häufigsten Unfallgründe. Wichtig zu wissen: Der Körper nimmt sich, was er braucht. Egal, ob man Motorrad fährt oder Zeitung liest – wenn der Punkt überschritten ist, fallen die Augen zu.

Gibt es eine ideale Reisezeit?
Ganz klar zwischen 7 und 8 Uhr morgens. Unser Bio-Rhytmus ist so richtig schön in Schwung – bis zum Nachmittag – dann hängt die Kurve unten. Nach dem Mittagessen deshalb eine halbe Stunde schlafen. Schattige Ecken gibt’s auf fast jedem Rastplatz. Aber: nicht länger als 35 Minuten, sonst kommt der Körper in die Tiefschlafphase – und aus der kommt man selten frisch wieder raus.

Kann ich vor der großen Tour „vorschlafen“?
Auf Vorrat schlafen geht leider nicht. Trotzdem: Wer zwei, drei Nächte vor der Urlaubsfahrt ausreichend schläft, ist fitter und hält länger durch.

Kaffee, Red Bull und Sauerstoff-Wasser – Wundermittel gegen Müdigkeit?
Wundermittel gibt es nicht. Der Klassiker Kaffee wirkt tatsächlich – kurzfristig. Das Koffein stimuliert das Gehirn für kurze Zeit. Ähnliches wird auch von Nikotin behauptet – ist aber umstritten. Quatsch dagegen ist Sauerstoff-Wasser – wie soll der Sauerstoff vom Darm ins Gehirn gelangen? Auch die Proteine im Steak können uns länger wach halten, Kohlenhydrate wirken dagegen einschläfernd. Trotzdem: Wenn der Körper schlafen will, dann tut er das. Auch mit Koffein.

Was ist mit dem „Geheimtipp“: Visier auf – dann wirds schon wieder?
Frische Luft ist immer gut. Trotzdem sollte man spätestens alle zwei Stunden Pause machen und sich bewegen. Zusatzinfo für Nutzer antiallergischer Mittel: Viele von denen wirken schlaffördernd.

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