Motorradreise in Frankreich Klaus H. Daams
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Motorradtour in Frankreich: Lyon, Loire, Allier

Motorrad-Kurvenswing in Frankreich Südwestlich von Lyon, rund um Loire und Allier

Südwestlich von Lyon, rund um die junge Loire und den schluchtenreichen Allier, bitten leere Landsträßchen zum Kurvenswing. Mittendrin: das Städtchen Le Puy-en-Velay, das zwischen den Kegeln erloschener Vulkane liegt und dessen Altstadtgassen zum Après-Moto einladen.

Das fängt ja gut an. An diesem Samstagabend bei der Ankunft in Le Puy-en-Velay meint es das Raum-Zeit-Kontinuum gut mit uns. Zur Glücksfee wird die Lady an der Hotelrezeption mit dem Tipp: Puy de Lumières, eine spektakuläre Lightshow an einigen der markantesten Orte dieser mit einer himmlischen Skyline gesegneten Stadt der drei Vulkankegel. Merci beaucoup, auch wenn die Nacht dann etwas kürzer wird. Beim Mitschwimmen im Strom der Menschen, die es durch die Altstadtgassen zum Fußballgucken an die Kathedrale Notre-Dame de l’Annonciation zieht. Wo hoch oben, am Endemeiner Freitreppe, die Fassade von "Unserer lieben Frau der Verkündigung” in immer neuen fantastischen Farbenkleidern erscheint und stets andere Motive auf die Kirchenmauern projiziert werden, wie von göttlicher Hand gesteuert. Hätte es so etwas schon im finsteren Mittelalter gegeben – selbst die ungläubigsten Seelen wären bekehrt worden. Oder hätten vor dem Teufelswerk furchterfüllt Reißaus genommen.

Tage rund um Le Puy

Vom Wunder digitaler Lightshows zur Ingenieurstechnik im Land der aufgehenden Sonne bringt uns das Doppelkupplungsge­triebe der Honda Africa Twin. Ob das die linke Hand nahezu arbeitslos machende DCT nun Erleuchtung oder Ballast ist, das mag wie bei jeder Glaubensfrage jeder für sich selbst entscheiden. Uns begleitet es jedenfalls ganz geschmeidig für die nächsten Tage rund um Le Puy.

Erstes Ziel unserer Reise ist Polignac. Womit entgegen des Vorschlags aus der Suchmaschine nicht Yolande Martine Gabrielle de Polastron, duchesse de Polignac, gemeint ist; denn diese starb schon kurz nach der Französischen Revolution. Nein, stattdessen steuern wir den alten Familiensitz der Gräfin und Herzogin an: das auf einem Basaltplateau thronende Dörfchen Polignac mit seiner imposanten Festung. Von dieser steht nur noch der Turm, unterhalb davon das Hotel und das einladende Straßencafé "Les Terrasses de Polignac”. Und was steht auf dem Tacho? Heute noch keine zehn Kilometer. On y va, lass uns gehen! Über die hier noch liebreizend kleine Loire und auf der sich dem Flüsschen anschmiegenden D 103 zum Château Lavoûte-Polignac, quasi der kommodere Zweitwohnsitz der Adelsfamilie. Das sich aber, wie auch das nächste Schatöchen, das etwas weiter westlich gelegene Château de la Rochelambert, für Motorradfahrer, die mit ihrer Sitzbank verwachsen sind, als von suboptimalem Interesse entpuppt. Die Besichtigung setzt nämlich einen schweißtreibenden Fußmarsch voraus.

29 Kilometer grüne Welle

Wir bleiben im Sattel und schlagen uns lieber auf die D 590 zwischen Loudes und Langeac. 29 Kilometer grüne Welle, oh, là, là. Rot strahlen hier höchstens die Dachziegel der wenigen Häuser, der Klatschmohn und die Spitzen der Begrenzungspfähle am Rand der Überlandstraße. Der nächste Café au Lait ist schnell gefunden, das gemütliche "Café de la Tour” in Lavoûte-Chilhac ist ein prima Plätzchen zum Auffüllen des Koffeinpegels. Zwischen Kanuverleih und mittelalterlicher Steinbogenbrücke über den Allier strategisch geschickt platziert, kannst du dort zudem in aller Ruhe das sonntägliche Treiben aufsaugen, vom Familientreffen bis zum Ausflug der lokalen Mopedgang. Dem nächsten Trüppchen einheimischer Motards begegnen wir wohl nicht zufällig auf der Brücke über den Allier in Vieille-Brioude, nach 20 weiteren tollen Kilometern, diesmal auf der kurvigen D 585. Tja, Freizeit ist Fahrzeit, da ticken die beiden Nachbarländer Frankreich und Deutschland ganz ähnlich.

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Das Café de la Tour in Lavoûte-Chilhac lädt zur Kaffeepause ein.

Vespa-Museum in Auzon

Weiter im Westen liegt Auzon und sein kleines Vespa-Museum. Die private Sammlung der kultigen Scooter hat, leider oder logo, sonntagnachmittags geschlossen. Zum Trost bleibt der Blick auf ein graziles Lancia Fulvia Coupé, ein Design-Schmuckstück aus den frühen Siebzigerjahren. Wir legen weitere 40 wunderbare, man ahnt es schon, kurvige Kilometer zurück, diesmal auf der D 5 und D 588. Sorgt auch mit DSG-Getriebe für richtig viel Fahrfreude. Wessen Herz statt für bildhübsches Blech wie das der italienischen Zwei- und Vierräder eher für klerikale Kunst schlägt, wird in La Chaise-Dieu fündig. Wie ein sakrales Ufo, buchstäblich vom Himmel gefallen, dominiert die wuchtig-wehrhafte Abteikirche das Ortsbild. Prominentestes Inventar ist der "Totentanz”, eine Wandfreske, auf der Vertreter aller Gesellschaftsschichten von Gevatter Tod zum Tanz an die Hand genommen werden. Liberté, Égalité, Fraternité – Létalité. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und – Tödlichkeit. Wem es davor graust, der schmaust besser vis-à-vis der Kirche im Restaurant "Le p’tit creux” zu Abend. Was wir uns aber verkneifen, uns zieht es zurück nach Le Puy, auf höchst lebendig rotierenden Reifen.

Frisch geteert für die Tour de France

Am Montagmorgen ist zunächst eingrooven auf der D 589 bis Saint-Privat-d’Allier angesagt, dann geht’s richtig los. "Route de la Bête” steht auf einem Schild, und es ist wahrhaftig zum Niederknien. Jakobswegpilger wandern hoch nach Rochegude zur Chapelle Saint-Jacques und zu einem alten Wehrturm, genießen den Panoramablick auf die Schluchten des Allier. Wir auch, allerdings per mobiler Aussichtsplattform. Von noch weiter oben betrachtet hangeln wir uns wie zwei bunte Pünktchen auf der D 301 über dem tief eingeschnittenen Flusstal entlang. Kurven dann hinab nach Prades. Diese für die Tour de France frisch geteerte Straße war 2017 übrigens auch ein Pulsbeschleuniger für den Rennradler Marcel Kittel, den das noch gut lesbare, anfeuernde Graffiti bis nach Paris pushen sollte. Cool-down dann am Ufer des Allier, eine beliebte Badestelle, gesäumt von den Orgues basaltiques de Prades, die wie versteinerte Orgelpfeifen gen Himmel ragen.

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Hinab nach Prades, die großen Lettern zeugen von der Tour de France 2017.

Ein Halleluja auch für die nächste Etappe, die nun nicht hoch, sondern knapp über den Allier führt. Während sich dort Paddler mit Prallfelsen, Surfwelle und spritziger Bootsgasse amüsieren, navigieren wir parallel dazu die Bikes zwischen schroffen Felswänden und Bruchsteinmäuerchen auf der zappeligen D 48 nach Langeac. Hier tauchen wir tief ein in die wunderbare Welt der, nein, nicht der Amelie, sondern der französischen Super-Hyper-Inter-Märkte. Ja, man vermisst sie schon, die heimischen Tankstellen-Tempel, wo es fast flächendeckend und selbst in der tiefsten Provinz ebenso Sprit wie Snacks gibt. Hier dagegen: Kurven ohne Ende durch dünn besiedeltes Land, doch an jeder Ecke volle Regale – und so stiefelst du dann eben nur für ein paar schnelle Happen en passant durch schier endlos lange Supermarktgänge. Zur Belohnung warten aber wieder so Leckerchen wie die D 590 nach Pinols und die D 41 durch den Forêt d’Auvers. Nicht ganz so leicht verdaulich ist dagegen das nahe gelegene Monument für die gefallenen Kämpfer der Résistance am Mont Mouchet.

Schlussspurt der Tour

Der Schlussspurt unserer Tour führt uns zurück nach Le Puy. Etwas für Tüftler. Die Straßenkarte ähnelt einem Schaltplan, voll mit grünen, gelben, weißen und blauen Linien – die roten zählen erst mal nicht. Alles verdammt verzwirbelt. Aber genau darum geht es ja, die kurvigste Verbindung herauszuklamüsern. Wir wählen die D 589 über Saugues und Monistrol-d’Allier bis wieder nach Saint-Privat-d’Allier, machen dabei unterwegs Bekanntschaft mit der "Bestie (la Bête) des Gévaudan”, einer zähnefletschenden Monumentalskulptur, errichtet in Erinnerung an ein Raubtier, das Ende des 18. Jahrhunderts rund 100 Menschen aus der Gegend zerfleischt haben soll. Wir biegen ab auf die schnuckelige D 40 nach Alleyras, begrüßen dort den ein oder anderen vermeintlichen Dorfbewohner, liebevoll aus Lumpen gebastelte, lebensgroße Figuren. Wir swingen weiter auf der D 33 durch ein feines Wiesenfeldergeflecht nach Cayres, wo zwei spitzenmäßige Kirchtürme für Aufsehen sorgen, und landen schließlich für die letzten Kilometer doch auf einer roten Linie, der N 88, und wieder in Le Puy. Puh, geschafft.

Badestellen für Wasserratten

Längst geschafft ist inzwischen auch die Gewöhnung an das DCT der Africa Twin, statt der Gänge wechseln wir selbst nur noch die Himmelsrichtung. Und damit auch das Landschaftsbild. Nach den Hochebenen und Schluchten des Allier im Westen von Le Puy nun also grob Richtung Osten. Zu vulkanischen Bergketten, von der Morgensonne zum verheißungsvollen "Maulwurfshügelland” modelliert. Vor Chadron erst eine kurze Liaison von D 27 und Loire, die dicht an dicht durch die Botanik schunkeln, dann ein Déjà-vu: Ist das nicht die Mütze von Bob Marley, das grün-gelb-rote Ringelding, das in Goudet den Kirchturm vor Petrus’ Launen behütet? Nein, wir haben nichts geraucht. Können unter einer Linde auf dem Kirchenvorplatz aber ein Nickerchen halten, ohne gleich als Clochards verscheucht zu werden. Und träumen im schönen Dorf "plus beau" Arlempdes, mit knapp zwölf Dutzend Bewohnern, von einer Rolltreppe. Steil geht, besser: ginge es hoch zu einem zerklüfteten Felsplateau mit den Ruinen des ersten Schlosses an der Loire, die 30 Kilometer weiter entspringt. Phänomenal dürfte von dort oben die Vogelperspektive sein. Ein paar Kurbelwellenumdrehungen weiter an der Badestelle neben der D 54 Richtung Vielprat ist es die Froschperspektive.

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Das Café de la Tour in Lavoûte-Chilhac lädt zur Kaffeepause ein.

Noch idealer für Wasserratten ist der Kratersee Lac d’Issarlès, ein türkisblaues Juwel "in the Ardeche Mountains”, mit Sandstrand und Campingplatz, gastronomischer Infrastruktur und sogar Feinkost-Metzgerei. Pack die Badehose ein, nimm dein feines Mopedlein und dann nischt wie raus zum Issarlès – frei nach Conny Froboess. Ein Evergreen auch, zwischen Le Béage und Les Estables, rund um die "Obermaulwurfshügel" Mont Gerbier-de-Jonc und Mont Mézenc, ineinander verknäulte Sträßchen, die mit uns Pogo tanzen, angefeuert auf der Karte von ganz viel Grün. In Zahlen: 122, 631, 36, 378, 237, 215, 278, 410, 262 – davor jeweils ein "D", das auch für Dauergrinsen stehen könnte. Zum Nach(t)schwärmen zieht es uns dann noch mal in die Altstadt von Le Puy, ins Bermudadreieck zwischen Place Cadelade, Place des Tables und Place du Plot. Über allem das auf erloschenen Vulkanschloten thronende Triumvirat aus Madonnenstatue Notre-Dame de France, Kirche Saint-Michel und Kathedrale Notre-Dame de l’Annonciation. Womit wir schwupps wieder am Anfang der Geschichte sind. Und zugleich auch am Ende.

Infos

  • Anreise: Von beispielsweise dem Kölner Dom aus sind es via Luxembourg, Lyon und Saint-Étienne rund 850 Kilometer bis zu den Spitzen der ehemaligen Vulkane in Le Puy-en-Velay.
  • Übernachten: In Le Puy-en-Velay gibt es gleich drei Häuser der ibis-Kette. Alle sind zentral gelegen und mit Parkplatz, aber von unterschiedlichem Standard und Preisniveau; in Polignac unterhalb der Burgruine das charmante "La Gourmantine”; in La Chaise-Dieu vis-à-vis der Abteikirche das "Hôtel Restaurant Le Lion d’Or"; in Arlempdes, einem der schönsten Dörfer Frankreichs, das "Hôtel du Manoir"; am Bade­see Lac d’Issarlès das "Logis Hôtel le Panoramic"; in Le Béage, unweit des Mont Gerbier-de-Jonc, das familiäre "Hotel Restaurant Beauséjour en Ardèche".
  • Literatur & Karten: Der Reiseführer "Limousin & Auvergne" aus dem Michael Müller Verlag für 20,90 Euro widmet dem Département Haute-Loire mit der Hauptstadt Le Puy-en-Velay immerhin 40 Seiten. Als Straßenkarte empfehlenswert ist das Blatt 522 von Michelin "Auvergne, Limousin", Maßstab 1:200 000, 8,99 Euro.

Le Puy-en-Velay

  • Lage: Im Südosten Frankreichs, Region Auvergne-Rhône-Alpes
  • Amtssprache: Französisch
  • Währung: Euro
  • Nächste größere Orte: Lyon, Clermont-Ferrand, Saint-Étienne
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