Motorradresie Frankreich Cote d'Azur Gerhard Eisenschink

Motorradreise Côte d’Azur und Seealpen

Motorradreise Côte d’Azur und Seealpen Lebensart, Strand, Felsen, Hügel, blaues Meer

Einsame Bergstraßen zwischen weißen Kalkbergen mit Kurven ohne Ende – was will man mehr als die französischen Seealpen? Klar, die Kombination mit der Côte d’Azur, um auch noch Küste und blaues Meer zu erleben.

C’est le parking de la moto – das ist der Parkplatz fürs Motorrad", meint Madame Sophie Longo im "Hotel Villa Saint Hubert". Ja, der Lenker der BMW G 310 GS passt gerade so durch das schmiedeeiserne Eingangstürchen der alten Villa. In einer Mauerausbuchtung neben den Bistro­tischen findet die Maschine knapp Platz. 850 Kilometer ist sie hierhergefahren, quer durch die Schweiz und Oberitalien. Dann noch über die Ausläufer der See­alpen und den Col de Tende in glückseligem Kurventaumel heruntergefallen zum Mittelmeer. Und hinein in das Gewirr der Straßen von Nizza, in denen jetzt nachts noch die Hitze steht. Das ist Süden, das ist die Antwort auf verregnete deutsche Sommer.

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Motorradresie Frankreich Cote d'Azur
Motorradreise Côte d’Azur und Seealpen Lebensart, Strand, Felsen, Hügel, blaues Meer
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Traumstraßen im Osten von Nizza

Am nächsten Morgen Frühstück gleich neben der G 310 GS am Bistrotisch im Garten. Croissant und Café au Lait auf Augenhöhe mit dem Kupplungshebel. Und dann los. Auf Empfehlung von Madame Sophie müssen es "les Corniches" sein, wenn man sehen will, was die Côte d’Azur ausmacht. Lebensart, Strand, Felsen, Hügel, blaues Meer, alles auf diesen Traumstraßen im Osten von Nizza. Also runter Richtung Meer und links, wo es nicht mehr weitergeht vor lauter Palmen, Skateboardfahrern, Joggern, Radfahrern, Badetuchträgern und Nobelhotels. Die Promenade des Anglais ist eine Lebensader von Nizza, auf der man stundenlang nur schauen könnte. Ihr folgend gelange ich zum Hafen, gerahmt vom Schlossberg und einem Rund prächtiger Häuser und gefüllt mit einer beeindruckenden Auswahl an Luxusjachten. Doch die Traumstrecken liegen hinter dem Hafen auf der Corniche Richtung Villefranche. Ich muss weiter.

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Die Klimagunst der Küste macht sie im Prinzip schon ab März zum Tourenrevier.

Zur Belohnung einige Kilometer später dann schon der Traumblick in die Bucht von Villefranche-sur-Mer, gerahmt von Kalksteinhügeln mit Luxusvillen und durchzogen vom Cap Ferrat, einer weit vorspringenden Halbinsel mit den höchsten Grundstückspreisen an der Côte d’Azur. Mag gut finden, wer will, ich möchte fahren statt zahlen. Drei Cor­niches gibt es östlich von Nizza. Auf der unteren, der Corniche Inférieure, bin ich dem Meer gefolgt, nun fahre ich ein Stockwerk höher auf die mittlere, die ­Moyenne Corniche, die meinen Blick auf diese wunderschöne Bucht weitet.

Nach Norden in die Berge der Seealpen

Ich komme durch Èze Village mit seinen sehenswerten Gassen und der Lage auf steilem Fels. Aber ich will noch höher und fahre hinter dem Ort hinauf zur Grande Corniche, die sich auf dem Rücken der die Bucht begrenzenden Hügel kurvig hinzieht. Weit ist der Blick über das Meer und den gesamten Küstenabschnitt von Monaco bis Cannes. Aber da ist auch der Blick nach Norden auf die Berge der Seealpen, die zum Greifen nahe scheinen. Dort will ich hin.

Über La Trinité und La Turbie fädele ich ins Tal des Paillon de Contes ein, um nach Norden in die Berge zu kommen. Im Prinzip ist jeder dieser hier an die Côte führenden Alpenflüsse eine ideale Einfädelspur in die Berge. Ob Vésubie, Tinée, Loup oder die Paillon-Flussarme, sie alle warten mit traumhaften kleinen Straßen in ihren Tälern auf, die kurvig nach Norden führen, oft durchsetzt mit spektakulären Schlucht-Abschnitten. Die D 5 im Tal des Paillon de Contes führt mich am Namen gebenden Contes vorbei und über Coaraze weiter hinein in die Seealpen.

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Im wilden Zickzack geht es spektakulär in die Felsen. Tunnel und Überhänge würzen die Kurven.

Die Landschaft verändert sich. Waren es bisher Olivenhaine und mediterrane Trockenvegetation an den Berghängen, wird es mit zunehmender Höhe grüner, und ein zunächst schütterer Wald wird immer dichter. Ich passiere Peïra-Cava, einen Wintersportort mit Schwarzwald-Ambiente. Die Straße wird wenig später zur kurvigen Panoramabühne, von der man die Berge sieht, die nun auch immer mehr Felsen zeigen. Ich nähere mich den Dreitausendern des Mercantour-Nationalparks, den markanten Gipfeln der Seealpen.

Col Saint-Martin auf 1.500 Meter

Doch nach dem 1.607 Meter hohen Col de Turini endet meine Fahrt nach Norden, ich schwenke erst einmal nach Westen ab, um hinunterzuwedeln nach La Bollène-Vésubie. Auf ebenfalls schön kurviger, aber flotterer Talstrecke erreiche ich Saint-Martin-Vésubie. Dann die nächste Portion Bergstrecken, wenn es zum Col Saint-Martin auf 1500 Meter hochgeht. Meine erklärte Lieblingsstrecke des Tages wird aber 20 Kilometer später diese wunderbare kleine, enge D 30 von Saint-Sauveur-sur-Tinée hoch nach Roubion. Mal durch Tunnel, mal in kurvigem Zickzack geht es spektakulär in die Felsen hinein, unter Überhängen durch und entlang hoher Wände. Und tief unter mir auch noch eine Schlucht. Dann Roubion. Welche Verrückten bauen ein Dorf in einer derartig schwer zugänglichen Region? Mir fallen eigentlich nur Motorradfahrer ein, die jeden Tag eine Hammerstrecke zum Einkaufen fahren wollen.

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Der gestaute Verdon wird zum Lac de Sainte-Croix.

Nach dem Col de la Couillole geht es wieder mal nach unten. Aber wie! Die Gorges du Cians gelten als eine der beeindruckendsten Alpenschluchten. Rot wie der Grand Canyon, aber noch viel verwinkelter und vor allem mit einer genialen Straße drin sind sie nochmals eine Steigerung dieses kontrastreichen Tages. Auf 100 Kilometern habe ich Meer, Palmen, Trockenvegetation, Schwarzwald-Ambiente, Alpenpanoramen, irrsinnige Kurvenstrecken und nun diese Schlucht erlebt.

Grand Canyon du Verdon

Am nächsten Tag erst einmal ein Stück westlich im oberen Var-Tal nach Entrevaux: Seit 300 Jahren hat sich der Ort kaum verändert und gleicht immer noch einem wehrhaften Bergdorf aus dem Mittelalter. Dann kurve ich auf winzigen D 911 und D 221 nach Süden nach Saint-Auban, wobei ich gar nicht glauben kann, wie einsam und verlassen diese Region ist. Vor Saint-Auban ist in den Clue de Saint-Auban wieder Schlucht angesagt mit Überhängen, Steilwänden und einer engen Straße, die um Felsnasen herumzirkelt. Über den 1.430 Meter hohen Col de Bleine erreiche ich schließlich das Tal des Loup.

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Mittelalterliche Dörfer begleiten fast ständig die Fahrt im Hinterland der Côte d’Azur.

Doch vorher muss ich der wohl bekanntesten Schlucht der Region Referenz erweisen, dem Grand Canyon du Verdon, auch wenn mich die Fahrt nun weit von der Küste weg in die Haute Provence führt. Aber die mit 700 Metern tiefste Schlucht Europas ist eine Hammer-Motorradstrecke. Über Castellane fädle ich ein und folge erst einmal unten in einer Schlucht dem Verdon. Dann schwingt die Straße hoch und bietet den Blick auf das, was der eigentliche Grand Canyon ist: eine zerfurchte Hochebene, in der tief unten der grünblaue Fluss eingegraben ist. Die G 310 GS scheint nicht mehr aufhören zu wollen, von einer Kurve in die nächste zu fallen. Aber ich brauche eine Pause und stehe nun auf der Pont de Galetas und schaue auf die Boote unter mir. Das weckt die Lust auf Wasser.

Jachten in allen Größen

Am nächsten Tag zieht es mich daher wieder an die Küste zurück. Nicht ohne vorher in Grasse, der Stadt der Düfte, vorbeigeschaut und einen Abstecher in die Gorges du Loup gemacht zu haben. Auch hier wieder verwinkelte Kurvenstrecken scheinbar im Bauch der Erde und inmitten einer Galerie an Felsskulpturen, auf die Orte wie Gourdon oder Pont-du-Loup eine Krone oben draufsetzen. Dann ist Cannes erreicht, die Stadt der Filmfestspiele, der Stars, der mondänen Hotels und der Luxusjachten. Irgendwie habe ich den Seewind und den Geruch nach Meer vermisst. Da ist eine Runde um Juan-les-Pins und das Cap d’Antibes zum Hafen von Antibes genau das Richtige.

Da sitze ich nun und schaue auf die Jachten in allen Größenordnungen. Wie viele Millionen wohl allein in diesem Hafenbecken vor Anker liegen? Daneben meine kleine G 310 GS der Bayerischen Motorenwerke, noch dazu produziert in Indien und für unter 6.000 Euro ein echtes Schnäppchen. Doch ihre 34 PS aus dem munteren Einzylinder-Motörchen haben irrsinnig Spaß gemacht auf diesen genialen Strecken der Seealpen. Ohne dass ich mich über hohe Liegekosten in irgend­einem Hafen hätte ärgern müssen.

Infos zur Motorradreise Côte d’Azur

Anreise: Über A 5 (Rheintal) nach Basel und über Luzern durch die Schweiz (A 2, Vignette) nach Lugano und Como (Beschilderung Chiasso). Oder A 81 nach Schaffhausen und (mit Vignette) über Zürich und Luzern nach Bellinzona und Como. Alternativ über München auf der A 96 nach Lindau und mit österreichischer und schweizerischer Vignette über Bregenz, Chur und Thusis durch den San-Bernardino-Tunnel nach Como. In Italien über Mailand und entweder nach Savona und an der Küste über Monaco nach Nizza. Oder über Cuneo zum Col de Tende und kurvenreich auf der französischen D 2204 über Sospel nach Nizza.

Reisezeit: Die Klimagunst der Küste macht sie im Prinzip schon ab März zum Tourenrevier, wenngleich in den Bergen dann noch Schnee liegt. Zwischen April und bis in den November ist das Revier ideal. Juli und August? Total überlaufen. Die Côte d’Azur kommt im Jahr auf ca. 300 Sonnentage.

Sehenswert: Nizza ist eine spannende Großstadt mit mediterra­nem Flair und pulsierendem ­Leben. Pflicht sind Hafen und Flaniermeile Promenade des Anglais, aber auch viele Museen (Musée National du Sport), Plätze (Place Masena), Kirchen (Cathédrale Saint-Nicolas), ­Paläste (Palais Lascaris, Jus­tizpalast) und Straßen (Blumenmarkt auf dem Cours Saleya) warten. Grasse ist weltweit bekannt als die Stadt der Düfte, nicht erst seit dem Klassiker "Das Parfum". In verschiedenen Parfümerien kann man bei Führungen Einzelheiten zur Herstellung erfahren. Die Stadt ist aber auch wegen prächtiger Gebäude aus der Belle Époque sehenswert. Antibes und Juan-les-Pins sind zwei zusammengewachsene Elite-Orte. Antibes lockt mit Altstadt, Hafen samt Megajachten und Zitadelle, Juan-les-Pins mit dem Cap d’Antibes, Stränden und dem Jazz-Festival, bei dem schon weltbekannte Größen wie Ray Charles oder Miles Davis spielten. Auch Cannes reizt mit palmengesäumter Promenade und im Hafen mit Luxusjachten, die man sich wohl nur leisten kann, wenn einem im Casino das Glück hold ist. Immerhin: Cannes hat gleich drei ­davon. Und dazu noch das welt­bekannte Filmfestival. Herausragende Kunstmuseen sind in einer Region, die die bedeutendsten Maler angezogen hat, fast schon selbstverständlich. In Nizza sind es das Musée Matisse, das Musée du Message Biblique Marc Chagall und das Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain. In Antibes ist es das Musée Picasso im Château Grimaldi, in Vallauris das Château Musée de Vallauris Musée National Picasso und in Cagnes-sur-Mer das Renoir-Museum Villa Les Colettes. Mittelalterliche Dörfer begleiten fast ständig die Fahrt im Hinterland der Côte d’Azur, oft als ­Adlernester in spektakulärer Sporn­lage. Immer gut für einen Pausenstopp sind Vence, St-Paul-de-­Vence, Tourrettes-sur-Loup, Haut-de-Cagnes, Gourdon, Èze Village, Villefranche-sur-Mer, Touët-sur-Var, Beuil, Entrevaux, La Turbie, Moustieres-Ste-Marie und viele andere am Weg, die zwar historisch weniger bedeutend sein mögen, aber immer noch den typisch französischen Charme ausstrahlen und eine Kaffeepause wert sind.

Übernachten: Mitten in der Altstadt von Nizza versteckt hat das "Hotel Villa Saint Hubert" zwar keinen Platz für Motorräder, aber ein Herz für ihre Fahrer. Wer es luxuriöser möchte, findet im luxuriösen "Grandhotel Negresco" ein Zimmer ab 250 Euro. Fast direkt am Strand und am Cap d’Antibes gelegen, ist das komfortable "Hotel Josse" in Antibes ideal zum Erkunden dieses Küstenabschnitts. Für Motorräder gibt es eine Garage. Wer in zwei Nächten gut den Kaufpreis einer BMW G 310 GS ausgeben möchte, nimmt sich draußen am Cap im Luxushotel "Éden Roc" aus der Belle Époque eine Deluxe Suite und kann zur Zeit der Filmfestspiele Stars aus ­aller Welt dort finden. Verkehrsgünstig und garantiert ohne Filmstars, dafür viel von Motorradfahrern besucht, liegt das "Relais d’Artuby" an der Kreuzung zweier einsamer Landstraßen nahe Seranon in sehr ­schöner Umgebung.

Literatur/Karte: "Côte d’Azur”, Michelin, Grüne Reiseführer, Preis 24,99 Euro. "Provence, Côte d’Azur", Michelin Straßen- und Tourismuskarte 1:200 000, Preis 8,99 Euro. Wer mehr Platz im Tankrucksack hat, findet im Straßen- und Reiseatlas Frankreich von Michelin das ganze Land 1:200 000 für alle möglichen Extratouren zum Preis von 19,99 Euro.

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