Motorradtour Mittelgebirge Klaus H. Daams
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Motorradtour Mittelgebirge: Kurvenspaß in Deutschland

Motorradtour im Mittelgebirge Kurvenspaß jenseits der Alpen

Von Ebbegebirge und Rothaargebirge übers Thüringer Schiefergebirge und Elbsandsteingebirge bis zum Zittauer Gebirge – das verspricht auch jenseits der Alpen Kurvenspaß quer durch Deutschland.

"Ticktack, ticktack", macht die Standuhr im Frühstücksraum des rustikalen Landhotels "Herscheider Mühle". In der sich eines der sieben Geißlein aus Grimms Märchen sicher gut hätte vor dem bösen Wolf verstecken können. Bestimmt kein Wolf im Schafspelz ist die Kawasaki Z 900 RS Cafe. Aber dank geschmeidiger 112 PS und gutmütig-straffem Fahrwerk ideal für unsere bevorstehende Jagd nach und durch Landschaften, die den verheißungsvollen Zusatz Gebirge im Namen tragen. Von Herscheid nach Zittau, dafür berechnet das Navi als schnellste Verbindung ohne Autobahn gute elf Stunden und 632 Kilometer. Wir werden sehen. Los geht’s dort, wo die Mädchen angeblich noch wilder als die Kühe sind, im Sauerland. Wozu auch das Ebbegebirge und die Nordhelle zählen, mit 662 Metern höchster Berg der Region und zugleich als L 707 zwischen Herscheid und Valbert beliebt-berüchtigt bei Zweirad-Tieffliegern aus dem Ruhrpott und sogar Holland – Kurven kratzen, bis der Arzt kommt.

Biggetalsperre – damals größte Baustelle Deutschlands

Doch Gerd und ich sehen uns nach den Aufwärmschwüngen über die Nordhelle fragend an und sind uns einig: ganz nett, aber kein Vergleich zu einer Hammerstrecke wie etwa dem Kesselberg zwischen Kochel- und Walchensee. Doch Seen hat auch das Sauerland reichlich zu bieten. Zum Beispiel die bei Wasserratten und Badenixen beliebte Listertalsperre. Gleich nebenan: die erst in den 1960er-Jahren buchstäblich aus dem Nichts – na ja, über umgesiedelten und dann gefluteten Dörfern – entstandene Biggetalsperre, damals größte Baustelle Deutschlands. Für den kleinen Hunger oder auch nur das Benzingespräch zwischendurch wartet der Bikertreff "Bigge Grill" am westlichen Ufer zwischen Sondern und Attendorn. Schon für Weihnachten wachsen rund um den Homert, höchste Erhebung des Lennegebirges, die Nordmanntannen heran.

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Mittelgebirgsjäger dürfen sich unter anderem auch über relativ wenig Verkehr freuen.

Stummer, wenn nicht gar sehnsuchtsvoller Gruß an die Z 900 mit ihren kawa-grünen Racingstreifen. Alles andere als angewurzelt wieselt die Z durchs Winkelwerk, zumal sie nicht nur für ein bis zwei Wochen im Jahr Freude macht. Vorbei am Fort-Fun-Abenteuerland – wie die Attahöhle bei Attendorn und der Karl-May-Festspielort Elspe eine der vielen Freizeitattraktionen hierzulande – hurtig-spurtig weiter nach Niedersfeld und hoch zum Langenberg, mit gut 843 Metern der höchste Berg des sauerländischen Rothaargebirges wie auch von ganz Nordrhein-Westfalen. Ende Gelände aber am Wanderparkplatz vor der "Hochheide Hütte". "Wegen Renovierung geschlossen" – so gibt’s statt Kaffee und Kuchen nur reichlich Aussicht. Tschüss Sauerland, Stölzinger Gebirge voraus. Nie gehört? Wir auch nicht. Bis die Wundertüte Wikipedia weiterhalf. Via Küstelberg und Hansestadt (!) Medebach zum Edersee; so schön die Uferstraße, so strikt gilt dort Tempo 50. Und das Wasser steht so niedrig, dass ein Ausflugsschiff fast wirkt wie ein Fisch auf dem Trockenen. Während man bei schönem Wetter am Edersee gleich schwarmweise zum Bikertreff "Zündstoff" strömt, lockt bei Wega an der B 253 die dornröschenhafte Land-Disco "Las Wega" wohl nur noch zeitgeistresistentes Publikum auf die kleine Tanzfläche. Last exit heute ist das hübsche Melsungen mit seiner nachtschwärmertauglichen und auch tagsüber malerischen Altstadt.

Zum Knüllgebirge im Rotkäppchenland

Wie ein Dreigestirn herrschen Stölzinger und Richelsdorfer Gebirge sowie Knüllgebirge im nordhessischen Bergland. Wunderbar weit ab vom Schuss, dieses ehemalige Zonenrandgebiet mit seiner bunten Mischung aus Wäldern, Äckern und Wiesen, Blickachsen und geschwungenen Straßen. Dass "Gebirge" vielleicht etwas groß- respektive hochspurig klingt: geschenkt. Kaum bist du über eine Kuppe oder um eine Kurve gefahren, taucht schon wieder ein "neues" Landschaftsrelief auf. In Dörfern wie Wickersrode grüßen die Kids noch durchreisende Motorradfahrer. Nur ein Bussard fühlt sich von Kawa und Duc gestört, steigt mit dem markanten Schrei aus einem Feld hoch hinaus übers sanft gewellte Land am Eisberg, der höchsten Erhebung des Stölzinger Gebirges. Wo, wie in Nausis, "Heimat ein Zuhause hat". "Glück auf" heißt es in der alten Bergbaustadt Nentershausen am Fuße des Herzberges, dem höchsten Punkt im Richelsdorfer Gebirge, dann Picknickpause oberhalb der Burg Tannenberg und schließlich Abflug zum Knüllgebirge im Rotkäppchenland. Dort errichteten die Amerikaner in den 1950er-Jahren auf dem Knüllköpfchen, einem erloschenen Vulkan, eine Radarstation; vermutlich, um "die Roten" auszuspähen. Der Spuk ist hier lange vorbei, heute sind die Jugend- und Wanderherberge "Boglerhaus" sowie die "Knüll-Jause" nebst Campingplatz ein lohnendes Ziel auf dem knuffigen Köpfchen. Übrigens: Was für ein Roadmovie ist das bei freiem Fahren bis zum Thüringer Schiefergebirge! Ein Mix aus Landstraßengeschlängel und Lebensgeschichten.

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Heimatfilm-Idylle im Erzgebirge, auf der anderen Seite liegt Tschechien, wo es Krušné hory heißt.

Bei Philippsthal ein vorerst letzter Berg, ganz in Weiß; nein, kein Eisberg, sondern der Monte Kali, gigantische Abraumhalde von unter Tage geförderten Kalisalzen an der Werra. Wobei man nach der Wende acht der neun Thüringer Kaliwerke abgewickelt und die Grube in Merkers zum Erlebnisbergwerk umgemodelt hat. Der japanische Vierzylinder schnurrt indes im Sechsten stressfrei durch die Orte, lässt den Gedanken Raum und Zeit, durch die Welt zu fliegen. Feierabend in Schmalkalden. "Herzlich willkommen im Heimatland unserer Olympia-Siegerin Kati Wilhelm", begrüßt uns plakativ der Thüringer Wald. Ein Besuch bei der Biathlon-Ikone steht zwar nicht im Roadbook, wohl aber der Große Farmdenkopf, höchster Berg des Thüringer Schiefergebirges. Doch ach, der Homo motoricus ist schwach, ein geeigneter Aussichtspunkt ab dem Pumpspeicherwerk Goldisthal nur zu erwandern. Flugs also weiter zum Fichtelgebirge und Elstergebirge? Oder lieber zeitsparend gleich ins Erzgebirge? Auch diese kurvenreiche Etappe via Probstzella, Swinger-Club "Zum Kuckuck", Bad Lobenstein, Plauen und Poppengrün ist voller Reize. Punktlandung in Morgenröthe-­Rautenkranz, Geburtsort von Kosmonaut Sigmund Jähn, erster Deutscher im All. Ihm gewidmet wurde hier nicht nur eine Straße, sondern auch eine Raumfahrtausstellung.

Fichtelberg, Seiffen, Elbsandsteingebirge

Anachronistisch wirkt dagegen die Welt der Schwippbögen und Räuchermännchen rund um Seiffen. Wohin wir selbst mit einer Boden-Boden-Rakete wie der 231 Kompressor-PS starken Kawasaki H2 an diesem Nachmittag wohl nicht mehr kämen. Zwischenstopp daher auf dem Fichtelberg, mit 1.215 Metern höchster Berg des Erzgebirges sowie der gesamten Tour. Nach gutem Schlaf und Frühstück schnell noch ein Häppchen Geologie, damit der Gebirgsjäger demnächst weiß, um welche fotogenen Felsen er kurvt. Zum Beispiel um abgerundete Brocken aus Granit, die aussehen wie mit Schafwolle gestopfte Säcke; Fachleute sprechen da von Wollsackverwitterung. Nächstes Ziel: Seiffen. Wer dabei an Kistenrennen denkt, ist auf dem Holzweg. Buchstäblich. In der sogenannten Spielzeugstadt, Zentrum erzgebirgischer Volkskunsterzeugnisse, wimmelt es nur so von Läden und Schauwerkstätten mit hölzernen Weihnachtspyramiden, Räuchermännchen und Schwippbögen. Wenig später goutieren wir das gewundene Geläuf gen Teichhaus. Und finden dann aus dem Umleitungswirrwarr bei Bärenfels und Rehefeld kaum noch heraus. "Ist das da der Große Zschirnstein?", fragt der inzwischen im Elbsandsteingebirge gestrandete Jäger einen Dorfbewohner von Kleingießhübel. "Nein, der Kleine. Der Große liegt dahinter, da kommt man nur zu Fuß rauf." – "Und der schönste Blick?" – "Am besten bei Schöna." Tja, nutzt aber alles nichts, diese Trophäe bleibt uns verwehrt. Egal, am imposantesten ist das Elbsandsteingebirge sowieso nicht an seinem höchsten Berg, sondern an den höchst malerischen Schrammsteinen und der Bastei. Millionen Besucher und Künstler wie der Romantiker Caspar David Friedrich irren nicht. Doch auch hier gilt: Ohne Fußschweiß kein Preis, und so geben wir statt Schusters Rappen wieder den Pferdchen die Sporen, treiben diese erst durchs Nadelöhr Bad Schandau über die Elbe, machen dann durch Tschechien rüber bis ins Zittauer Gebirge.

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Besonders im Frühling und Sommer blüht es links und rechts der Straße kräftig und farbenfroh.

Bei Jonsdorf erblicken wir kapitale Felstürme direkt an der Straße, bei Waltersdorf die Sonnebergbaude, ein lauschiger Landgasthof, von dessen Terrasse aus du Fuchs und Rehbock gute Nacht sagen oder für den nächsten Tag vielleicht doch mal eine Wanderung planen kannst. Vielleicht zum mit 792 Metern höchsten Berg des Zittauer Gebirges. Zugabe und kein Märchen: Hinter den sieben Bergen, da liegt ein Gebirge, das ist noch winziger als du, zauberhaftes Zittauer Gebirge. Das Spaargebirge nämlich, ein etwa drei Kilometer langer und 200 Meter breiter Höhenzug, maximal 191 Meter messend. Sehr sparsam. Immerhin erinnert hier, am "Gasthaus Boselblick", eine eidgenössisch rot-weiß lackierte Kuh an die Schweiz. Fast wie in den Alpen.

Infos zur Motorradtour Mittelgebirge

Auch wenn es dort landschaftlich oft nicht so spektakulär rockt wie in den Alpen: Das Netz kurviger Motorradsträßchen ist in den Mittelgebirgen spürbar dichter gestrickt – und deutlich weniger frequentiert.

Mittelgebirge: Mehr als 20 Mittelgebirge in Deutschland nennen sich explizit Gebirge, vom Ahrgebirge in der Eifel bis zum Zittauer Gebirge im Osten. Dazu gehören auch der Schwarzwald, die Schwäbische Alb, der Bayerische Wald oder der Harz. Nur die allerwenigsten sind höher als 1200 Meter oder überschreiten gar die Baumgrenze. Charakteristisch für sie ist die Reliefenergie, die Höhendifferenz zwischen Fuß des Gebirges und dessen höchster Erhebung; je nach Region sind das 200 bis 500 Meter.

Auf dieser Tour: Ebbegebirge, Nordhelle (662 m); Lennegebirge, Homert (656 m); Rothaargebirge, Langenberg (843 m); Stölzinger Gebirge, Eisberg (583 m); Richelsdorfer Gebirge, Herzberg (478 m); Knüllgebirge, Eisenberg (635 m); Thüringer Schiefergebirge, Großer Farmdenkopf (868 m); Fichtelgebirge, Schneeberg (1051 m); Elstergebirge, Kapellenberg (759 m); Erzgebirge, Keilberg (1244 m); Elbsandsteingebirge, Großer Zschirnstein (560 m); Zittauer Gebirge, Lausche (792 m); Spaargebirge, Juchhöh (191 m)

Unterkünfte: Ganz im Grünen liegt das geschichtsträchtige "Landhotel Herscheider Mühle", www.herscheider-muehle.de. Nur ein paar Gasstöße bis zur Nordhelle sind es zum "Hotel Jagdhaus Weber”, www.jagdhaus-weber.de. Zwar kein Restaurant im modern eingerichteten Haus, aber eine fußläufig erreichbare Altstadt vor der Tür hat das "Hotel Sonnenhof", www.hotel-sonnenhof-melsungen.de. Im Stil eines Alpengasthofes begrüßt das "Hotel Jägerklause" seine Gäste, www.hoteljaegerklause.de. Nicht nur mit seiner Top-Lage auf 1215 Metern kann das "Hotel Fichtelberghaus" punkten, www.hotel-fichtelberghaus.de. Skilift und Fußweg hoch zur Lausche gibt’s direkt vis-à-vis vom "Wanderhotel Sonnebergbaude", das unter anderem auch besonders auf Motorradfahrer eingestellt ist, www.sonnebergbaude.de

Motorradtreffs: "Bigge Grill" am Westufer der Biggetalsperre bei Attendorn; Restaurant, Bikertreff und Western-Motel "Zündstoff" in Hemfurth am Edersee; "Knüll-Jause" oben am Knüllköpfchen bei Schwarzenborn; Bikertreff "Ehrenzipfel" in Breitenbrunn am Fuße des Fichtelbergs.

Sehenswert: Attendorner Tropfsteinhöhle, www.atta-hoehle.de. Elspe Festival, u.a. mit Karl-May-Festspielen im Sommer, www.elspe.de. Fachwerkstadt Melsungen, www.melsungen.de. Burg Tannenberg im Richelsdorfer Gebirge, www.tannenburg.de. Deutsche Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz, www.deutsche-raumfahrtausstellung.de. Erzgebirgisches Spielzeug- und Freilichtmuseum Seiffen, www.spielzeugmuseum-seiffen.de. Nussknackermuseum Neuhausen, auch mit Motorradausstellung und Dampfmaschine, www.nussknacker museum-neuhausen.de

Literatur & Karten: Statt Reiseführer empfehlen wir neben einer Übersichtskarte auch einen Satz Detailkarten. Für die Suche nach den schönsten Nebenstrecken besonders praktisch sind Karten im Maßstab 1:200.000, zum Beispiel das ADAC Straßenkartenset D 21/22, das für 14,95 Euro 20 Karten auf zehn Doppelblättern bietet. Ebenfalls empfehlenswert sind die Motorrad Powerkarten "Deutsche Mittelgebirge" für 19,90 Euro. Sie sind laminiert und bieten im Maßstab 1:275.000 etwas mehr Übersicht und Unterkunftstipps.

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