Motorradtour Schleizer Dreieck: Immer eine Reise wert

Motorradtour Schleizer Dreieck Immer eine Reise wert

Schleiz ist Kult, Punkt. Doppelpunkt: Nicht nur IDM und andere Events auf der ältesten Naturrennstrecke Deutschlands, dem Schleizer Dreieck in Thüringen, sind eine Reise wert. Auch das Umland hat seinen Reiz – und der ein oder andere Protagonist aus der Schleizer Motorradszene ganz viel zu erzählen.

Vorstart ist für uns in Schleiz auf dem ­Neumarkt, einem ehemaligen Pferde­badeteich. Während Gerd es sich dort bei Baisertorte aus der Landbäckerei gutgehen lässt, gehe ich zur Stadtinformation in der Alten Münze. Wo es von Janina Agatha, hilfsbereite Seele hinterm Tresen, neben Übernachtungstipps auch den Rat gibt, den mit der hiesigen Rennszene vertrauten Jürgen Hartelt zu besuchen. Volltreffer. "Motorradbekleidung” steht an der Scheibe des ältesten noch existierenden Schleizer Einzelhandels­geschäfts nach der Wende. Respekt. Fehlt bloß der Siegerkranz. Für den wäre aber eh kein Platz, sieht es drinnen doch aus wie in einem bunt sortierten Ruhrpott-Büdchen. Wo ein Fitzelchen Platz war über Türen und Regalen: Poster von ­Joey Dunlop, Fast Freddie Spencer und Co., nicht mehr ganz druckfrisch. Ganz im Gegensatz zu den Karten für die IDM, die Jürgen wie in jedem Jahr im Vorverkauf bereithält. Zudem hat er jede Menge Anekdoten aus der 90-jährigen Geschichte des Schleizer Dreiecks auf Lager. Glücklicherweise gibt es das auch als Buch, denn bestimmt ist Gerd mit seinem Kuchen längst ­fertig.

Also machen wir rüber zum BMW-Händler, Arbeitsstätte von Motorradverkäufer Christian Winckler, der nebenher als Tourguide im Umland unterwegs ist. Folglich hat er auch ein paar Tipps in petto, beispielsweise die Bleilochtalsperre. ­Alljährlich steigt da im August das SonneMondSterne Festival, ein gigantisches Open-Air-Event für elektronische Tanzmusik. Statt auf so illustre Acts wie Sven Väth oder Gestört aber Geil stoßen wir heute nur auf die sächsischen Klänge einer Familie aus Chemnitz, die es sich am Seeufer gemütlich gemacht hat – und im Gegenzug dem Multistrada-Sound lauscht. Der verstummt schließlich vorm Hotel "Luginsland". Die gelbe Villa lag früher, vor der Verkürzung des Kurses, direkt an der Rennstrecke, die Restaurantterrasse bot ideale Logenplätze für den Blick auf die Heinrichsruher Kurve. Die Gaststube ist tapeziert mit Bildern von Legenden am Gasgriff, an der Decke hängt wie ein Kronleuchter ein Minibike, Geschenk an Wirt und Hotelier Otto Pätzold. Dessen Vater konnte in den Sechzigerjahren als einziger Vermieter in Schleiz Zimmer mit Badewanne anbieten, sehr zur Freude von Luigi Taveri, damaliger mehrfacher Weltmeister in der 125er-Klasse aus der Schweiz.

Rot-weiße Curbs an der ehemaligen B 2

Rot-weiße Curbs wischen vorbei, herzlich willkommen. Die Muntermacher säumen einen Abschnitt der ehemaligen B 2, über den an normalen Tagen der Verkehr vom Stadtzentrum gen Süden fließt – und wo bei Rennen das Feld durch die "Seng” schießt, tiefste Stelle des Schleizer-Dreieck-Kurses. Vom Race- in den Touring-Modus. Klassisches Ausflugsziel ist Schloss Burgk hoch über der Saale. Für Freunde fürstlicher Wohnkultur gibt’s ein Museum, für hungrige Mägen die Schlossterrasse, geöffnet ab 11 Uhr. Weiter zu Bratwurst, weiter zu Lutz Heuschkel in Gräfenwarth. Ein Imbiss wie aus dem Thüringer Bilderbuch. Fehlt nur der himmelblaue Trabi. "Da muss ich erst die Antriebswellen reparieren”, grinst Grillmeister Lutz, derweil packt Gerd schon mal prophylaktisch ein Frikadellenbrötchen in den Koffer der Multistrada. Es folgt eine ordentliche Portion hübscher Fassaden in Saalburg-Ebersdorf, danach vorbei an Friesau, im Mai Bühne fürs Bikertreffen mit Pfarrer Ingolf Scheibe-Winterberg. Freie Fahrt durch lang gezogene Kurven und ein verschachteltes Feldermosaik bis Ziegenrück. Hoch nach Moxa folgt ein saftiges Serpentinenstück, wir biegen ab ins malerische Paska, wo Enten den Löschwasserteich bevölkern. Für trockene Reifen und ein Schwätzchen mit dem Kassierer nehmen wir die Mühlenfähre zwischen Linkenmühle und Altenroth. Am ­Hohenwarte-Stausee führt die Straße durch viel Wald, später durchs sanft gewellte Getreidemeer bei Knau zu den Plothener Teichen. Wo Gerd sich ausklinkt, um heute noch zurück an den heimischen Niederrhein zu kommen.

Motorradtour Schleizer Dreieck
Klaus H. Daams
1923 fand auf der 7,6 Kilometer langen, ältesten Naturrennstrecke Deutschlands die „1. Brennstoffprüfung” für zehn Automobile und 15 Motorräder statt.

Zeit für ein paar Telefonate. Jürgen Müller, freier Reporter aus Schleiz, hat einen Sohn, der mit Nachwuchsrennfahrer Micky Winkler befreundet ist. Und der hat spontan Zeit für eine Runde Fotofahren, Treffpunkt Alte Münze. Dort stellt sich heraus, dass die Sache einen kleinen Haken hat, der 17-jährige Micky nämlich noch keinen Führerschein. Kein Problem. Vater Steffen hat eine zwar abgemeldete Honda CBR 600 F, aber auch einen Freund – und der hat eine rote Nummer. Na bitte. Sonntagmorgen am Buchhübel, höchster und für die Zuschauer attraktivster Punkt am Schleizer Dreieck. Micky bringt zum Fotoshooting seine Kawasaki Ninja 400 mit, Einsatzgerät für die IDM Supersport 300. Bei den Läufen zuletzt in Oschersleben hat er damit den 6. und 7. Platz gemacht, für seinen Karrieretraum Rennfahrer die Schule nach der elften Klasse sausen lassen. "Am Wochenende Rennen, Sonntagabend oder Montag zurück, anschließend Klassenarbeit schreiben und für gute Noten viel lernen – das ging einfach nicht zusammen”, erklärt Micky. Good luck. Von der 400er-Ninja zur 600er-Honda, ein typischer Joghurtbecher des letzten Jahrtausends. Für ­Besitzer Steffen ein Traum noch vor der Wende, den er sich 1993 mit der PC 25 erfüllt und seitdem 52.000 Kilometer lang gelebt hat. Ein paar weitere mit der rot-violetten Farbbombe kommen nun dazu. Erstes Ziel ist Zeulenroda, wo es uns unter die Sonnenschirme der Pizzeria ­"Toscana" treibt.

"Wir haben die Stasi entwaffnet"

Wir führen Benzingespräche, aber noch spannender als die obligatorische ostdeutsche Zweirad-Sozialisation per Simson S 50, MZ ES 150 und TS 250 ist für mich das, was Steffen, Jahrgang 1963, über seinen Wehrdienst von 1988 bis Anfang 1990 bei den Bereitschaftspolizei erzählt. "Wir haben die Stasi entwaffnet, gleich nach der Wende, hatten den Befehl, die Waffenkammer in der Normannenstraße auszuräumen. Wir sind da sonntags mit zwei LKW raus, im ersten die Waffen, im zweiten die Munition, so sind wir durch Berlin gefahren – bevor montags dann (am 15. Januar 1990) die Stasizentrale von der Bevölkerung gestürmt wurde.” Mannomann.

Motorradtour Schleizer Dreieck
Klaus H. Daams
Freie Fahrt durch lang gezo­gene Kurven und ein verschachteltes Feldermosaik.

Weiter geht’s, vorbei an der Kartbahn Oberlandring bei Neuehäuser. Es folgt ein Abstecher zum touristisch vermarkteten Mittelpunkt der Erde in Pausa, anschließend Kurven wetzen auf der Deutschen Alleenstraße zwischen Tobertitz und Kloschwitz. Ideal für ein Picknick ist der Platz vorm romantischen Wasserschloss Geilsdorf. Auch touristisch gibt es einiges zu entdecken: Freunde experimenteller Musik, Stichwort Gülleorgel, besuchen die Stelzenfestspiele bei Reuth, eine mahnende Erinnerung an die deutsche Teilung stellt das Freilichtmuseum Mödlareuth dar, das genau auf der Grenze zwischen Thüringen und Bayern liegt. Nach dieser Runde noch mal vielen Dank an Steffen. Sein Wort zum Sonntag: "Wir geben uns immer Mühe, wenn wir helfen können. Früher ging’s nicht anders!”

"Der Pokal ist nur eine Zugabe"

Sehr viel "Früher" gibt es bei Heinz-Jürgen ­Walther. Der vitale wie kommunikative Senior ist mit seiner AWO 425 erfolgreicher und konstanter Starter beim ADMV-Classic-Cup, der Hobbykeller eine picobello sortierte Schatzkammer voller Trophäen und historischer Preziosen. Ganz zu schweigen von dem, was es alles zu hören gibt. Von Rudi Felgenheier, 1952 sensationeller Sieger auf einer 250er-Werks-DKW beim Großen Preis von Deutschland auf der Solitude, bis zum Credo des weisen Racers: "Der größte Preis, den du gewinnst, ist, wenn du zu Hause so ankommst, wie du weggefahren bist; wenn Mann und Material in Ordnung sind – der Pokal ist nur eine Zugabe.”

Von damals zu heute, und damit zu Julian Puffe. Der schlaksige Schleizer, übrigens auch er ohne Motorradführerschein, hat 2019 auf einer BMW S 1000 RR die Superbikeklasse am Nürburgring gewonnen. Jetzt setzt er auf die aktuelle Honda Fireblade. Zwischen den Rennen ist Julian, gelernter Mechatroniker, beim örtlichen Ford-Händler im Marketing beschäftigt. Sein Ziel: "Irgendwann in die SBK-WM zu kommen, darauf arbeiten wir hin." Was das Besondere an Schleiz sei, beschreibt der Nachwuchsracer wie folgt: "Es ist eine Naturrennstrecke, geht berghoch und bergab, vorbei an Maisfeldern, eben noch oldschool. Dazu die begeisterten Fans und das atemberaubende Flair.” Genau das können Besucher im folgenden Jahr hoffentlich wieder ganz hautnah erleben.

Infos zum Schleizer Dreieck

1923 fand auf der 7,6 Kilometer langen, ältesten Naturrennstrecke Deutschlands die "1. Brennstoffprüfung” für zehn Automobile und 15 Motorräder statt. Bis heute gültiger Zuschauerrekord sind die 250.000 ­Besucher von 1950 beim damals einmaligen gesamtdeutschen Meisterschaftslauf für Motorräder. Danach trennten sich auch die sportlichen Wege von DDR und BRD. Nicht zuletzt durch die international besetzten Formel-III-Rennen in den 1960er-Jahren wurde Schleiz zur größten Motorsportveranstaltung der sozialistischen Länder. Um die Sicherheit zu erhöhen, wurde die dem öffentlichen Straßenverlauf folgende Strecke zweimal umgebaut und verkürzt. 1988 ersetzte man die Haarnadelkurve im Stadtgebiet durch eine Schikane, 2004 entstand dann die Querspange ­zwischen Seng und Buchhübel, wodurch der Abschnitt über die Heinrichsruher Kurve und Wald­kurve wegfiel. Seitdem misst der Kurs nur noch 3,8 Kilometer, hebt sich aber immer noch deutlich ab von den oft synthetischen Strecken anderswo – sehr zur Freude der Motorsportfans. Die haben am Schleizer Dreieck die Wahl zwischen: Internationale Sidecar Trophy, Driftfestival, VFV Oldtimer-GP, IDM und German TT.

Anreise: Das thüringische Städtchen südlich von Gera erreicht man am schnellsten über die A 9 Berlin–Nürnberg, Ausfahrt Schleiz. Übernachten: Am südlichen Rand von Schleiz, direkt an der alten Strecke, das Hotel "Luginsland”; weit ab vom Schuss und hoch über dem Hohenwarte-Stausee bei Drognitz-Reitzengeschwenda das Hotel "Sommerfrische Lothramühle”.
Literatur und Karten: "90 Jahre Schleizer Dreieck: Die wechselvolle Geschichte einer einzigartigen Rennstrecke”, HB-Werbung und Verlag, 19 Euro. Bei ­Planung und Navigation hilfreich: Marco Polo Deutschland Blatt 7 "Thüringen", 1:200 000, 9,99 Euro; Freytag & Berndt Deutschland Bl 6 "Thüringen", 1:200 000, 11,90 Euro