Land voller Überraschungen und Kontraste: türkisblaues Wasser im Ionischen Meer, schroffe Gipfel in den Albanischen Alpen, wilde Küstenstraßen und grüne Flusstäler – Albanien bietet enorme Abwechslung!
- Anreise: Mit dem Motorrad sind es ab München auf dem Landweg über Österreich, Slowenien, Kroatien und Montenegro auf dem schnellsten Weg via Autobahnen mindestens 1.200 Kilometer, inklusive Vignettenpflicht in Österreich und Slowenien und in Kroatien entfernungsabhängiger Maut. Möchte man nur auf Nebenstrecken fahren, sollte man mindestens drei Tage An- und Rückreise einplanen. Sinnvolle Fährverbindungen bei Anreise über Italien oder um einen Teil der Strecke nicht im Sattel sitzen zu müssen: Ancona–Durrës, Triest–Durrës. Oder von Venedig, Triest, Ancona nach Igoumenitsa (Griechenland), von dort ca. halbe Stunde bis Grenze Südalbanien.
- Reisezeit: Wir waren im April unterwegs, da kann es in den Bergen auch empfindlich kalt werden, was bei uns öfter zu Planänderungen führte. Die beste Zeit für eine Albanien-Reise sind Mai/Juni sowie September/Oktober. Im Hochsommer kann es sehr heiß werden, deutlich über 30 Grad Celsius. Zudem können dann auch Straßen, Hotels und Campingplätze mit Urlaubern aus ganz Europa überfüllt sein – Albanien ist schon länger kein Geheimtipp mehr.
- Motorradfahren: Ein Hinweis fürs Navi: Wer im Menü Optionen wie "kurze Strecke" oder "kleine Straßen" auswählt, landet später nicht selten auf Schotterpisten, auch wenn diese in den Präferenzen vom Navi gemieden werden sollten. Tempolimits: innerorts 40 bis 60 km/h, Landstraße 80 km/h, Schnellstraßen 90 bis 110 km/h.
- Unterkunft: Über Buchungsportale finden sich ab 30 Euro gute Unterkünfte. Ein Highlight war das "Beliz Boutique Hotel" in Vlora (DZ ab ca. 50 Euro). Hotelier Anton ist selbst Ducati-Fahrer und heißt Motorradfahrer besonders willkommen. Ebenso charmant: Das "Havana Hotel" in Saranda (DZ ab 40 Euro) mit Blick aufs Meer und Sonnenuntergang direkt vorm Balkon.
Empfehlenswerter Platz für Camping, insbesondere wenn Zelt im Gepäck (ca. 10 Euro/Nacht) oder wenn mit Campervan und Motorradanhänger unterwegs: das wunderschöne "Lake Shkodra Resort" im Norden Albaniens. Dort gibt es auch Hotelzimmer (DZ ab 45 Euro) und Glamping. Generell: Zur Hauptferienzeit gefragte Unterkünfte frühzeitig reservieren! - Sehenswert: Die Altstadt von Berat, Unesco-Weltkulturerbe, ist ein Muss. Ebenso das urige Bergdorf Theth in den Albanischen Alpen und die Ruinen von Butrint im Süden des Landes. Der Llogara-Nationalpark nebst gleichnamigem Pass liegt im Ceraunischen Gebirge, auch in Südalbanien. Krasse, fast senkrechte Wände prägen die Osum-Schlucht bei Berat. Entlang der Adriaküste laden viele Strände zum Entspannen ein.
- Literatur & Karten: Viele Informationen, Anregungen und einen sehr guten Überblick liefert der aktuelle Albanien-Reiseführer aus dem Reise Know-How Verlag. Eine Karte im Maßstab 1:200 000 von Freytag & Berndt gibt’s für ca. 12,90 Euro.
Tag 1: Raus aus Shkodra – rein ins Abenteuer
Wir arbeiten uns aus der 61.000-Seelen-Stadt Shkodra Richtung Nordwesten vor. Hannes hat einen Wasserfall für uns ausgeguckt. Stadtauswärts herrscht wildes Gewimmel – alle fahren kreuz und quer, doch nie wird es wirklich gefährlich. Nach rund 40 Kilometern die ersten Kurven: 650 Höhenmeter auf zwölf Kilometern, hinab ins raue, wilde Cijevna-Tal. Über feinen Gourmet-Asphalt gleiten wir zum Wasserfall Kanioni i Bashkimit. Am Bikertreff der Rrapsh-Serpentine an der SH 20 reicht uns der freundliche Pjerin einen Kaffee aus seinem Foodtruck. Perfekter Auftakt.
Tag 2: Abenteuer mit "albanteuerlichem" Boot
Es geht früh los – ohne Frühstück – und hinein in die Berge. Ziel: die Fähre über den Koman-Stausee. Nach 50 Kilometer Gerüttel und einem letzten Tunnel stehen wir an einem überfüllten Anleger. Doch statt einer richtigen Fähre wartet dort ein Boot, das aussieht, als wäre das Oberteil eines 70er-Jahre-Reisebusses auf ein Fischerboot geschraubt worden. Sehr rustikal. Hannes’ Motorrad wird verladen. Ich bin skeptisch. "No problem, no problem", beruhigt man mich, und vier, fünf Jungs zerren an meiner Ducati. Ich brülle: "Stop! Slowly!" Schließlich steht das Motorrad, mit ausgefranstem Seil vermeintlich gut gesichert, auf dem Deck – schon legen wir ab, und nach drei Stunden ist der Puls auch wieder normal. Nach dem Abladen geht es bei fünf Grad auf miserablen Straßen weiter Richtung Fushë-Arrëz. Ich friere. Die dekorative Ölspur, die unsere nutzbare Fahrspur auf 50 Zentimeter reduziert, macht’s nicht leichter. Welch ein Ritt!
Tag 3: Periskopia oder Saporischschja – irgendwo dazwischen
Peshkopia ist unser Ziel. Oder wie wir es nennen: "Periskopia" (Hannes) oder "Saporischschja" (ich). Der Weg dorthin: ein Kurventraum mit feinem Asphalt. In Lajthizë machen wir Halt – ein verfallenes Haus, wo an einem morschen Balken ein Hund an rostiger Kette hängt. Heult er so angsteinflößend, weil man ihm nur Weißbrot zu fressen gab oder weil er uns verjagen wollte? Kurz vor Peshkopia werfen wir noch einen Blick auf Albaniens höchsten Berg, den Korab (2.754 Meter), und checken dann in einem, vermutlich Anfang der 90er letztmals renovierten Hotel ein. Meine Penne Arrabiata schmecken nach nichts, Hannes hat mehr Glück.
Tag 4: Regen, Regenbogen und Roller ohne Regeln
Peshkopia selbst überzeugt uns wenig – außer der Moschee. Wir steuern lieber Richtung Meer und Frühling. 141 Kilometer stehen auf dem Zettel. Der Verkehr auf den Hauptstraßen nervt, also biegen wir ab – Glatteisgefühl inklusive, denn der Regen vermischt sich mit schillerndem Öl auf der Straße. Nach einer Apfelpause vor dem Tunnel (der Verkäufer lehnt Geld ab – wir zahlen trotzdem) folgt Luxusasphalt mit langen, schnellen Bögen Richtung Tirana. In Durrës feiern wir unseren kulinarischen Höhepunkt: die unfassbaren Tagliatelle di Mare im "Saporre di Mare".
Tag 5: Stadttreiben in Durrës
Heute lassen wir es ruhig angehen. Bummeln durch Durrës – rund um den Bulevardi Epidamn, wo sozialistische Architektur auf modernes Leben trifft. Wir sitzen am Shatervani-Brunnen, beobachten einen Opa beim Zusammenfegen von Sonnenblumenkernen, eine Oma mit Hüftleiden und Kinder beim Taubenfangen. Außerdem Teens, die in Handys glotzen und nur fürs Selfie lächeln, und fette Roller ohne Kennzeichen und ohne dB-Killer. Helm ist für Weicheier.
Tag 6: Vjosa-Tal und Albaniens schwarze Suppe
Über Quark Fier rollen wir ins Vjosa-Tal. Ein kurviges Highlight auf dem Navi führt uns erneut auf Luxusasphalt – der jedoch schon nach wenigen Kilometern zunehmend bröckelt. Immerhin werden die Kurven nicht weniger. Vor Ballsh rümpfen wir die Nasen, mal riecht es nach Öl, mal nach faulen Eiern. Hier förderte man noch während der kommunistischen Ära ab 1967 schwefelhaltiges Erdöl, bis es 2016 für den Staatskonzern Albpetrol unrentabel wurde. Zurück bleiben soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme. Doch auch Hoffnung: Vielleicht hilft der Tourismus?
Tag 7: Badewannen im Sekundentakt
Iron-Butt-Hannes dreht weiter seine Runden, ich mache ein Päuschen, aber abends muss ich noch mal an die frische Luft, und wir fahren zur Karstquelle Syri i Kaltër. Ein unfassbares Naturphänomen. Kristallklares Wasser schießt in tiefblauer Farbe aus dem Boden. 8.000 Liter, das sind 47 volle Badewannen. Pro Sekunde! Ich will die Faszination in einem Foto festhalten – unmöglich.
Tag 8: Traumhafte Küste
Von Saranda surfen wir entlang der Küste Richtung Vlorë. Die 130 Kilometer bis dahin sind die landschaftlich schönsten meiner Motorradlaufbahn: himmlische Strände, die griechische Urlaubsinsel Korfu in Sichtweite, Bilderbuch-Aussicht auf den Qeparo-Beach und kurz danach schon wieder ein Eyecatcher, die malerische Bucht von Porto Palermo mit dekorativer, dreieckiger Festung – absolute Reizüberflutung! Der Llogara-Pass setzt allem die Krone auf. Unbeschreiblich!
Tag 9: Asphalt Royal und marihuanageschwängerte Straßen
Wir wollen zurück ins Vjosa-Tal, noch einmal zu der einen fotogenen Straße, die mit Asphalt Royal. Doch das Navi führt uns ins Nirgendwo. Straßen enden einfach. Zurück in der Zivilisation riecht es mal wieder nach Gras – die berauschende Wolke dringt aus dem Auto eines Security-Services. Sicherheit geht anders. Doch der Weg ins Tal lohnt: asphaltierte Freude. Der Tag? Fahrtechnisch gesehen ganz weit vorn.
Tag 10: Zvërnec – ein Ort wie gemalt
Auf der schmalen Landzunge zwischen Lagune und Bucht liegt Zvërnec. Das byzantinische Kloster, erreichbar über einen geschwungenen Holzsteg, strahlt Ruhe und eine fast meditative Atmosphäre aus. Und ist sehr fotogen, jedenfalls pilgern auch Brautpaare mit eigenem Fotografen hierher. Auch ich bin sehr entzückt, es ist magisch.
Tag11: Navi-Roulette
Perfektes Frühstück im "Beliz Boutique Hotel". Unser Gastgeber, Ducati-Monster-Fahrer Anton, ist mit seinem perfekten Englisch nicht nur sehr freundlich, sondern auch lustig. Wir wären gern noch eine Nacht geblieben, aber heute steht Berat, die angeblich schönste Stadt Albaniens auf der Agenda. Beim Winken zum Abschied ahnen wir noch nicht, dass es wieder richtig "albanteuerlich" wird. Heute spielen wir Navigationsroulette und verlieren haushoch. Nicht die Orientierung, aber festen Boden unter den Rädern. Egal, welche Optionen wir bei der Planung eingeben, irgendwas ist immer. Wir sind auf Schotter, so weit kein Problem, die Piste wird aber immer weicher, und es könnte dann doch irgendwann ein Problem werden. Schließlich entschließen wir uns, umzudrehen und nur noch asphaltierte Straßen zu wählen. Und ja, Berat ist wirklich eine wunderschöne Stadt.
Tag 12: Osumi-Schlucht und herzhafte Begegnungen
Von Berat fahren wir in die fast schon beklemmende Osumi-Schlucht. Am Aussichtspunkt kosten Salat, zwei Köfte und zwei Kaffee plus Wasserflasche schmale acht Euro – wir geben zehn, und uns schlägt eine Woge der Dankbarkeit entgegen. Wir wurden vorher schon ständig angesprochen. "Hello, can I help you?" oder "Where do you come from?" Und jetzt eben: "Albania Temperatura gutt!" Die beiden albernen Kiffer: "Deutschland gutt, legalize it. You want smoke?" – "No, thanks." –"Ah come on, you Mafia, hahahaha." Nur ein einziger Albaner wollte uns was verkaufen: einen Stein. Den Obstverkäufer mussten wir zwingen, Geld für die Äpfel zu nehmen. So herzlich, so freundlich!
Tag 13: Bunker-Kultur und Instagram-Einblicke
Heute treten wir die Rückreise an. Der albanische Asphalt hat mit großem Appetit am Hinterreifen der Duc geknabbert. Auf dem Weg zurück nach Durrës entdecken wir einen riesigen Bunker. Diktator Enver Hoxhas einstige paranoide Politik hinterließ über 173.000 davon. Manche wurden zu Museen, Tattoo-Studios oder Restaurants umfunktioniert – freundliche Emoji-Bemalungen stehen ihnen besonders gut. Hannes erklimmt nun einen großen Bunker, als eine Familie mit Traktor fröhlich winkend vorbeikommt. Da ist sie wieder, diese bedingungslose, herzliche Freundlichkeit. Kommunikationsprobleme hingegen bleiben bestehen, aber eines funktioniert immer: "You Instagram?" Ein 14-Jähriger möchte meinen Instagram-Namen. Er hält mir sein Handy hin, aktiviert die Suchfunktion, in die ich meinen Account eingeben soll. Dabei erfahre ich einiges über seine sexuellen Präferenzen, im Verlauf sehe ich viele kurvige Instagirls in knappen Bikinis. Nicht zum ersten Mal lief es so. Der Typ gestern an der Tanke etwa bevorzugte langbeinige Damen in Leggins, und der freundliche Verkehrspolizist interessierte sich nicht nur für Motorräder, sondern auch für Reizwäsche. Mein Fetisch am Abend in Durrës: Linguine di Mare. Volle Befriedigung.
Tag 14: Abschied in Tirana
Reifenwechsel bei Ducati Tirana. Für extra Kaffee und Kettespannen kein Geld verlangt. Wir runden großzügig auf. Die Fahrt durch den Vorort Kamza ist laut, heiß, eng. Ich mag es lieber ruhig und über Land, aber der Österreicher Hannes bleibt gelassen: "Mir is des gleich, wo i Motorradl foahr – Hauptsache, i foahr." Ich lächle. Und weiß: Wir kommen wieder, du schönes Land. Tung, Shqipëri – tschüss, Albanien! Du warst wild, herzlich, überraschend. Bis bald – versprochen.