Klaus H. Daams
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Motorradreise Extremadura

Faszination im Südwesten Spaniens

Eine Klasse für sich ist diese dünn besiedelte spanische Region namens Extremadura an der Grenze zu Portugal mit wilden Sierras und einsamen Stauseen, uralten Stadtzentren und kurvigen Motorradsträßchen in schier unendlicher Weite. All das wurde mit einem nicht alltäglichen Reise-Motorrad erlebt.

Objects in the mirror are closer than they appear„, lese ich als Warnhinweis in den Rückspiegeln des Motorrads. “Aha, Harley„, vermutet der Kenner! “Nö, Himalayan!„ “Hä?„ Okay, sie ist noch recht neu auf dem Markt, die 2016 vorgestellte Royal Enfield Himalayan, quasi der bescheidene Gegenentwurf zu monströsen Ädväntscher-Enduros. Die Eckdaten des indischen Einzylinders: 411 cm³, 25 PS, 4.599 Euro. Kein ready to race oder to protz. Startbereit aber für kleine wie auch ganz große Reisen. Das passende Ziel für eine erste Tour? Na logisch, wenn schon nicht gleich zum Himalaja, dann wenigstens in die Extremadura, eine faszinierende Provinz im Südwesten Spaniens mit einer Landschaft, so einsam und extrem andersartig wie – noch? – die Himalayan.

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Motorradreise Extremadura Faszination im Südwesten Spaniens
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Eine Fahrt durch den roten Mohn

“Land in Sicht!„ Wie die Konquistadoren Hernán Cortéz und Francesco Pizarro erspähen wir nach langer Anreise durch den weiten und flachen Norden Andalusiens erste Hügelketten. Nur dass diese sich jetzt bei Hinojosa am Horizont abzeichnen und nicht vor Südamerika, wohin es die aus der Extremadura stammenden Eroberer und Menschenschlächter einst zog. Wie ein zur Begrüßung ausgerollter Teppich bedeckt exotisch violetter Blütenflaum die Felsen, bei Zarza Capilla wird die EX 323 gesäumt von rotem Mohn. Woanders würde daraus vielleicht Opium gemacht, wir jedoch haben unser “Rauschmittel„ bereits dabei. Ja, sie macht süchtig, die Himalayan. Und selbst wenn Entschleunigung fast zum Modewort verkommen ist, hier trifft es zu. Oder auch: Weniger ist mehr, extrem viel weniger ist extrem viel mehr.

Klaus H. Daams
Extremadura befindet sich im Südwesten Spaniens.

Weniger Gewicht und Plastikgedöns für mehr Unbekümmertheit im Gelände. Weniger Euro für gleichwohl unbändigen Fahrspaß. Den es trotz überschaubarer – für manche wegen beherrschbarer – PS reichlich gibt, wenn der langhubige Einzylinder auf verwinkeltem Geläuf aus den Ecken drückt. Zum Beispiel bei einer Runde um den Embalse de la Serena, einen der vielen Stauseen der Region. Auf den die Burg von Puebla de Alcocer einen geradezu überirdisch schönen Panoramablick ermöglicht: rund um die blauen Kleckse das satte Grün der welligen Landschaft, fast wie eine blubbernde Brokkolisuppe. Apropos: Kochgeschirr und Campingausrüstung haben wir nicht dabei, sodass jetzt ein Quartier hermuss. Es wird schließlich das rustikale “Hotel Las Dehesas„ an der N-430 bei Navalvillar de Pela. Wo morgens für die Fremden ein Körbchen nur mit süßen Teilchen auf den Tisch kommt, während sich am Tresen die lokale Prominenz zum Frühschoppen versammelt; die einen Männer scheinen gerade frisch aus dem Stall gekommen, tragen dreckige Stiefel, während die anderen, schickeren, die Saturday Night wohl durchgemacht haben.

Motorradwandern

Ein Druck aufs Knöpfchen, und der indische Naturbursche ist wieder hellwach. Trotz des simplen, fast archaischen Konzepts: Kicken war gestern, heute sind E-Starter und ABS selbstverständlich, sogar ein putziger Kompass ist mit an Bord. Der dreht sich nun quasi einmal im Kreis bei einem weiten Schlag um den Embalse de Garcia Sola und den Embalse de Cijara. Zen und die Kunst, mit dem Motorrad zu wandern. Auf der Karte im Maßstab 1:400.000 nur alle 20 Zentimeter ein größeres Örtchen, dazwischen nichts als Flora und Fauna, ein Mensch und seine Maschine.

Klaus H. Daams
Die Royal Enfield Himalayan wusste auf der Extremadura-Reise zu gefallen.

Unterbrechung des meditativen Flows vor Helechosa auf der BA 158, als die Speichenräder kilometerlang im Slalom um die Potholes in der kariösen Straßendecke trailen. Wobei diese abgelegene Strecke aber eher die Ausnahme ist, gibt’s doch selbst in der dünn besiedelten Extremadura an den allermeisten Straßen nichts zu meckern. Geplapper und Geklapper dann in Talarrubias. Wir sitzen an der Plaza España vor der gut besuchten Bar “Rivera„, vis-à-vis der Kirche Santa Catalina, auf deren Türmchen und Dächern sich eine ganze Storchenkolonie häuslich niedergelassen hat. Und auch wenn es nur ein schönes Märchen ist, die lebenslange Treue von Meister Adebar zu seiner Holden: Irgendwie beflügelt es die Gedanken des motorischen Polygamisten, wirft die Frage auf, ob denn für die schnuckelige weiße 400er nicht noch ein Plätzchen frei ist in der heimischen Garage neben der fetten 1200er. Liebe Royal Enfield, du führst mich in Versuchung.

Schönheit ist hier allgegenwärtig

Als eine der vielen neuen Lieblingsstrecken, die hier so abwechslungsreich sind wie die allgegenwärtigen, delikaten Tapas-Häppchen, entpuppt sich die EX 349 nach Campanario. Wie das Nagelbrett eines Fakirs stehen spitze Felsbrocken neben dem Sträßchen, sie erinnern an die Menhire von Carnac und Stonehenge, die Landschaft drum herum an die Highlands in Schottland. Einfach extrem schön – und dazu noch unfassbar still!

Klaus H. Daams
Kurvige Sträßchen soweit das Auge reicht.

Alte spanische Römerstadt mit sechs Buchstaben? Die Kreuzworträtsel-Fans unter uns könnten es vielleicht wissen: Mérida! Kaiser Augustus war es, der im einstigen Lusitanien ein zweites Rom erbauen ließ, mit Amphitheater, Tempel der Diana und Aquädukt. So beeindruckend das archäologische Ensemble ist, so zeitintensiv sollte die angemessene Würdigung ausfallen. Um nicht als Banausen weiterzusausen, entschließen wir uns daher aus echter Überzeugung, der Hotelübernachtung im barocken Parador immerhin eine Stippvisite zum Teatro Romano folgen zu lassen. Von Mérida weiter nach Montánchez, dem sogenannten Balkon der Extremadura. Dort ist der Weg durchs Labyrinth der weiß getünchten Häuser zwar etwas diffizil, doch dank des unaufdringlichen Gepötters der Himalayan hörst du sogar unterm Helm noch, wenn dir jemand den richtigen Abzweig hoch zum Burgberg nachruft. Von wo aus man wieder mal eine grandiose Aussicht in die Ebene genießt; zurück an der Plaza España dann tiefe Einblicke ins dörfliche Leben Montánchez’. Eigentlich hatten wir zur Siesta in der Bar-Mesón “Pitogardo„ einen großen Salat bestellt. Und bekommen eine rollerradgroße Platte, dicht belegt mit Schinken und Salami, akkurat geschichtet wie die Stufen im Amphitheater. Tja, Salat nur für den Export?

Begegnung mit Pizarro

Was für den Besichtigungssport ist zweifellos Cáceres, hinter dessen moderner Peripherie sich die Wehrmauern und Festungstürme einer mittelalterlichen Ritterstadt verbergen. Doch diesmal treiben wir unsere Rösser gleich weiter, stoppen erst in Trujillo auf der von den Renaissancepalästen der Eroberer Südamerikas gesäumten Plaza Major – unter dem heroischen Reiterstandbild des gar nicht heldenhaften Herrn Pizarro. Aus allen Rohren geschossen wird nördlich von Trujillo im einzigartigen Nationalpark Monfragüe, von Birdwatchern mit langen Teleobjektiven auf Gänsegeier und rund 300 weitere Vogelarten. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Und jedem, der nicht sein ganzes Geld verballert hat, zum Beispiel für ein repräsentatives Bike der 20.000-Euro-Liga, sei eine Übernachtung in den prächtigen Paradores von Jarandilla und Plasencia empfohlen. Das erste der beiden Hotels verzaubert mit einem palmenbestandenen Innenhof, das andere mit einem reich verzierten Speisesaal, fast so groß und hoch wie ein Kirchenschiff.

Klaus H. Daams
Diese Statue von Francesco Pizarro steht in Trujillo.

Aber wir sind natürlich nicht zum Hotelieren und Dinieren hier. Die Sahnestrecken in den Ausläufern der bis zu 2.500 Meter hohen Sierra de Gredos und in der Sierra de Guadalupe sind es, nach denen du dir im fernen Sauerland und Schwarzwald die Finger leckst. Exemplarisch dafür die EX 118 von Navalmoral de la Mata nach Guadalupe. Erst chillig durch ein breites Tal, dann thrillige Achterbahn. Die Himalayan gibt alles. Für den Kolben bei 6.500 Touren Lust oder Qual? Egal. Du willst gar nicht so genau wissen, was sich da im Maschinenraum abspielt. Was du aber nach 80 genialen Kilometern weißt: Guadalupe hat den schönsten zentralen Platz von allen bisher besuchten Städtchen. Am Kopfende der von Straßencafés eingefassten Plaza thront die Klosteranlage El Real Monasterio de Santa Maria de Guadalupe, nach Santiago de Compostela wichtigste Pilgerstätte Spaniens. Zum Niederknien auch die 36 kurvigen Kilometer weiter nach Puerto de San Vicente. Weil’s so schön schräg war und hier bereits Kastilien-La Mancha beginnt, auf der EX 102 gleich wieder retour.

Ein letzter Pass

Schlussspurt nordöstlich von Plasencia zum Puerto de Honduras, einem knackigen 1.430 Meter hohen Pass, Kategorie eins der Vuelta. Wo Rennradfahrer kurz vorm Kollabieren sind, konstatieren wir beim Rückblick auf eine entspannte Zeit mit der erlebnisstarken Enfield: Es muss nicht immer der Stärkere gewinnen. Mit ihrem Pulsschlag aus Stahl kann die Himalayan jedenfalls fast spielerisch so manches Herz erobern.

Weitere Informationen

Anreise: Von Freiburg beispielsweise sind es via Mulhouse, Bordeaux, Biarritz und Burgos rund 1.850 Kilometer bis Mérida, westlichster Ort dieser Tour. Wer so weit fährt, dazu noch saftige Autobahnmaut in Frankreich und Spanien berappt, will wohl nicht so schnell wieder zurück. Für die dann hoffentlich möglichen Zusatztage bietet sich Interessierten südlich der Extremadura die Sierra Nevada an, nördlich dann das Gebiet rund um Madrid mit ebenfalls kurvengespickten Sierras.

Klaus H. Daams
In fünf Tagen wurden knapp 1.200 Kilometer zurückgelegt.

Übernachten: Paradores, luxuriöse Herbergen in historischen Gemäuern, bieten ein zwar nicht günstiges, dafür aber beeindruckendes Übernachtungserlebnis. Wir empfehlen folgende Häuser:

“Parador de Mérida„, Calle Almendralejo 56, 06800 Mérida, Badajoz;
“Parador de Jarandilla de la Vera„, Avenida García Prieto 1, 10450 Jarandilla de la Vera, Cáceres;
“Parador de Plasencia„, Plaza de San Vicente Ferrer, 10600 Plasencia, Cáceres

Daneben finden sich auch günstigere, aber immer noch gute Quartiere. In Trujillo empfehlenswert: “Mesón La Cadena„, Plaza Mayor 5, 10200 Trujillo, Cáceres. In Guadalupe: “Hospederia del Real Monasterio„, Plaza Juan Carlos I, 10140 Guadalupe;

Für Naturliebhaber: “Hotel Rural Puerta de Monfragüe„, Bazagona a Salto del Torrejon, km 10, 10570 Toril. Freiluft-Fans finden Plätze unter www.campingsonline.com/Spanien/Extremadura.

Reisezeit: Wie so oft im Süden Europas sind Frühling und Herbst ideal, die Sommermonate dagegen nur etwas für Hitze-Fans. Anders als in Alpen oder Pyrenäen fehlen in der Extremadura die ganz hohen Gipfel – und damit auch große Temperaturunterschiede zwischen Bergen und Tälern.

Literatur/Karten: Top ist das informative Reise-Taschenbuch “Extremadura„ von Jürgen Strohmaier aus dem DuMont Buchverlag für 17,99 Euro. Als Straßenkarte erste Wahl ist Michelins Blatt 576 “Estremadura, Kastilien-La Mancha, Madrid„, 1:400.000, 8,99 Euro.

Web-Adressen: www.spain.info; www.turismoextremadura.com; www.stadtlandextremadura.de

Himalayan: Die Royal Enfield hat die weite Reise nach Spanien nicht per Hänger, sondern auf eigener Achse absolviert und so in zwei Wochen gut 6.000 Kilometer abgespult. Völlig ohne Probleme. Allerdings: Für Überholvorgänge auf deutschen Landstraßen sind etwas Gewöhnung und Umsicht nötig. Doch statt des Gefühls der Untermotorisierung schlich sich die Erkenntnis ein, dass Askese auch Gewinn sein kann. Klar, die Fahrleistungen sind objektiv bescheiden, es fühlt sich aber subjektiv nicht so an. Stattdessen leichtes Handling in Kurven, beim Rangieren und Wenden, und selbst bei Abstechern ins Gelände nie das Gefühl, überfordert zu sein. Trotz nur 25 PS und 400 Kubik ist die Enfield ein “erwachsenes„ Reise-Motorrad. Die Sitzhöhe ist auch für kleinere Piloten geeignet, die Serienausstattung mit Seiten- und Hauptständer, Gepäckträger, Ganganzeige sowie klasse Windschild gut. Die Kosten-Fahrspaß-Relation stimmt, auch wenn es ein paar Petitessen gibt: Die Bremse agiert eher defensiv, das Federbein ist eher rustikaler Natur, es gibt keine Steckdose fürs Navi, die Außentemperatur-Anzeige eilt vor. Verbrauch statt drei eher vier Liter, auf der Bahn ist der 15-Liter-Tank mitunter nach 300 Kilometern leer. Das größte Manko aber: der Abschied von diesem Spaßmobil für Leute, die kein Statussymbol brauchen.

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