Joachim Deleker

Motorradreise - Norwegen im Sommer

Wetterfest

Norwegen im Sommer, Zeit des Lichts, Zeit für eine aussichtsreiche Runde durch den schönsten Teil des Landes, das Fjordland, Zeit für einen Reisebericht.

Norwegen, warum nur fahren wir immer wieder nach Norwegen? Weil es dort diese grandiosen Landschaften gibt. Weil es keine 35 Grad heiß wird. Weil es selten überlaufen, oft aber sehr einsam ist. Weil es diese tiefentspannten Menschen gibt. Und ja, weil es auch mal regnet. Wie ausgerechnet heute, als wir aus dem Bauch der rot-weißen Fähre auf das mausgraue Pflaster im Hafen von Bergen rollen. Widerwillig, aber trotzdem voller Vorfreude aufs Fjordland, hoffend, dass der Regen nicht lange durchhalten wird. Wenn’s gut läuft, eine Stunde, wenn’s dumm läuft, ein paar Tage, wenn’s ganz dicke kommt, auch mal 14 Tage. Alles schon erlebt auf unseren inzwischen 15 Norwegenreisen, von vier Wochen Sonne bis zu zwei Wochen Regen. Erheiternd ist das nicht, aber Regentage im Fjordland haben trotzdem etwas Besonderes, eine melancholische Stimmung, bestens passend zur klassischen Musik von Edvard Grieg.

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Bergen sieht uns nur kurz, keine Lust auf die Stadt bei diesem Wetter. Visier zu, Kragen hochziehen, vorbei an der orientierungslosen Kolonne von Wohnmobilen und nichts wie raus aus der Stadt, rein in die Welt der Fjorde. Der Hardangerfjord, am Anfang sanft und malerisch, Erdbeerfelder und Apfelbäume am Ufer, gemütliche Holzhäuser, friedlich und still. Aber landeinwärts knacken schon die ersten Berge die 1000-Meter-Marke, die Ufer werden steiler und schroffer, erste Gletscherzungen leuchten weit oben unter den Regenwolken, Wasserfälle gischten an senkrechten Felsen zu Tal. Wie der 182 Meter hohe Vøringsfoss oder der breite Wasservorhang des Låtefoss, der bis auf die Straße stiebt und uns nass machen würde, wenn wir es nicht ohnehin schon wären.

Plötzlich blendet die Sonne, obwohl es regnet, zaubert einen Regenbogen ganz nah vor uns. Gas geben, den Regenbogen einholen, was der sich nicht gefallen lässt und den Abstand konstant hält, bis er sich auflöst, der Regen vorbei ist und die Straße kaum 500 Meter weiter völlig trocken ist. Fjordlandwetter eben. Die Reichsstraße 7 überquert den breiten Eidfjord auf einer neuen Hängebrücke, die längste Norwegens, mit über 200 Meter hohen Pylonen, die am steilen Nordufer direkt im Vallavik-Tunnel verschwindet, garniert mit einem blau illuminierten Kreisverkehr. Straßenbaukunst nach norwegischer Art. Brücken schlagen und Tunnel buddeln, das können sie ebenso gut wie die Schweizer.

Und das nicht erst seit gestern, wie uns einer der spektakulärsten Wege Nordeuropas beweist, der 170 Jahre alte Stalheimskleiva. Eine haarsträubende Bergstraße, 13 sehr enge Kehren mit 20 Prozent Gefälle, seit einigen Jahren nur noch bergab zu befahren. Gut so, denn im Sommer haben sich hier echte Dramen abgespielt. 24 Tonnen-Reisebus berghoch, Neunmeter-Wohnmobil bergab, Treffpunkt in einer der Kehren. Nichts geht mehr. Der WoMo-Pilot müsste zurücksetzen, kann es aber nicht. Kupplungen qualmen, Gemüter überhitzen. Ein gordischer Knoten, kaum lösbar, für Zuschauer ein aufregendes Drama. Unvorstellbar, dass sich bis 1980 der komplette Verkehr über diese Strecke gequält hat, bevor ein neuer Tunnel die E16 verschluckte.

Auf das nächste Spektakel müssen wir nicht lange warten, Fjord-Norwegen ist so reichlich damit gesegnet, hat auf 100 Kilometern mehr zu bieten als andere Länder auf 10000. Ungerechte Verteilung? Aber sicher. Nehmen wir den Næroyfjord, kaum zehn Minuten von der Stalheimskleiva entfernt, einer der schönsten Fjorde weltweit, 17 Kilometer lang, eingeengt von 1700 Meter hohen Bergen. Und doch sieht der Reisende den Fjord kaum, weil die E16 für 18 Kilometer in zwei Tunnels verschwindet. Tunnel untergraben die Realität, blenden die Welt da draußen einfach aus. Zum Glück gibt es eine kleine Fähre, die uns mitnimmt zur Kreuzfahrt durch den Næroyfjord bis nach Flåm. Was soll ich sagen, dieser Fjord raubt uns den Atem.

Vom Aurlandsfjord zum Lærdalsfjord, wieder haben wir zwei Möglichkeiten, Tunnel oder Bergstraße, modern, schnell und emotionslos oder kurvig, langsam und aussichtsreich. Keine Frage, was wir wählen, natürlich die alte Passstraße über das Aurlandsfjell. Inzwischen ist der Snøveien zwar geteert und einfach zu fahren, aber die Faszination der subarktischen Landschaft auf 1300 Meter Höhe ist geblieben. Es wird grau, karg und steinig, ganz oben ist die Schneedecke noch fast geschlossen, die Seen sind halb gefroren. Anfang Juli. Schwere, dunkle Wolken haben es eilig, beinahe in Kopfhöhe übers Fjell zu ziehen. Noch halten sie dicht. Eine Landschaft ohne Farben, abweisend und kalt, und doch so spannend und fremd.

Kaum zehn Kilometer weiter rollen wir zurück in die Fjordidylle, warm und grün, die uralten Holzhäuser von Lærdalsøyri spiegeln sich im kleinen Hafenbecken, der Eisverkäufer hat heute Mango-Kiwi im Angebot. Bis der Regen kommt. Also für den Rückweg doch den Tunnel nehmen? Na gut, aber nicht weitersagen. Der Lærdals-tunnel ist allerdings nicht irgendein Tunnel, er ist der längste Straßentunnel der Welt. Fast 25 Kilometer misst die Röhre, aufgelockert durch drei gewölbeartige Rastplätze mit abgefahrener, fast außerirdischer Atmosphäre. Blaues Licht, mit gelben oder roten Spots illuminiert die Höhle, es ist völlig still, dann wieder laut, wenn Lkw oder Busse durch die Röhre lärmen.

Der nächste Höhepunkt ist im Fjordland nie weit entfernt. Wie wär’s mit der höchsten Passstraße Nordeuropas durchs Heim der Riesen, dem Jotunheimen? 1446 Meter hoch und landschaftlich ein absoluter Kracher. Gletscher, Seen mit driftenden Eisschollen, Tundra, Berge bis 2470 Meter Höhe, eine unfassbare Weite, eine Umgebung wie nicht von dieser Welt.

Nach den mächtigen Eindrücken des Jotunheimen kann etwas Entspannung nicht schaden. Im idyllischen Tal von Lom lockt die 750 Jahre alte Stabkirche nicht nur uns, der Parkplatz ist rappelvoll, die Cafés ebenso, die Sonne brät bei 20 Grad auf rote Nasen. Sommer. Westlich von Lom wird es einsam. Die Rv 15 folgt der glasklaren Otta, die mal durch Schluchten und über Klippen rauscht, sich dann wieder lange Ruhepausen im weiten Tal gönnt. Fünfter Gang, 80 Sachen, meditatives Fahren mit gut 3000 Umdrehungen im Maschinenraum der Einzylinder. Bevor die Rv 15 in einem langen Tunnel verschwindet, biegen wir rechts ab auf die Rv 63, kommen vorbei am spiegelglatten Djupvatn, der in einem seltsam transparenten Dunkelblau leuchtet. Hier beginnt die wohl geilste Straße Norwegens, 1100 Höhenmeter, ein tolles Kurvenensemble und unglaubliche Blicke auf den Geirangerfjord. Unmöglich, gleichzeitig die Kurven zu schraddeln und die Aussichten zu bewundern. Mehrfaches Abfahren ist die Lösung diese Dilemmas. Und inständig darauf zu hoffen, dass nicht allzu viele nervige Wohnmobile die Straße blockieren.

Geiranger, wohl der berühmteste aller Fjorde. Unesco-Welterbe, logisch. Aber an manchen Tagen überschwemmen 7000 Touris aus mehreren Kreuzfahrtschiffen die Idylle. Dann hilft nur die Flucht. Wir mieten uns zwei Seekajaks, paddeln hinaus auf den Fjord und erleben ihn, sobald der Trubel Geirangers nicht mehr sicht- und hörbar ist, in seiner ganzen Größe und Schönheit. 300 Meter hohe Wasserfälle stürzen in den Fjord, 1600 Meter hohe Felswände ragen senkrecht auf, die Dimensionen sind erdrückend, doch berauschend. Wir staunen zu lange, sind viel zu spät zurück beim Vermieter, der das zum Glück gelassen sieht. Norweger eben.

Genug der Liebeserklärung ans Fjordland, Zeit für das andere Norwegen. Sanfte Hügel, glasklare Seen, spannende Schotterwege durch endlose Wälder, kaum Touristen. Das gibt’s im Fjordland nicht, im Osten des Landes dafür aber reichlich. Also schwingen wir den berühmten Adlerweg hoch, ein wehmütiger Blick zurück nach Geiranger, wedeln die elf Kehren der Trollstigen wieder runter, besuchen die Rondane-Berge über die spannende Mautpiste „Peer Gynt Setervei“ und landen zwei Tage später in Røros, kurz vor der schwedischen Grenze. Røros ist ein historisches Juwel, vielleicht die schönste Stadt des Landes. Das Zentrum der alten Bergwerksstadt besteht noch immer komplett aus Holzhäusern in Rot, Weiß, Gelb oder Schwarz, eine Zeitreise zurück ins 19. Jahrhundert. Und doch kein musealer Ort, sondern höchst lebendig.

Von hier gehen wir auf Südkurs, kreuzen ein paar Tage durch die lichten Wälder, hoffen auf Elche, bekommen aber nur Eichhörnchen, verlieren uns im dichten Netz von Waldwegen, kommen vorbei an verschlafenen Orten, zelten an einsamen Seen und genießen dieses andere Norwegen, das vom Spektakel des Fjordlands Lichtjahre entfernt ist. Die Zeit spielt hier kaum noch eine Rolle, sie dümpelt scheinbar langsamer voran. Das färbt auch auf uns Motorradreisende ab, denn wir sind noch gemütlicher unterwegs als vorher, sortieren die Eindrücke der Reise und wehren uns, solange es geht, an die Fähre heimwärts zu denken. Norwegen entspannt, zwei Wochen Reisen fühlen sich an wie zwei Monate. Ein gutes Zeichen, ein wirklich gutes.

Infos

Viele Norwegenfahrer können einem Ziel nicht widerstehen – dem Nordkap. Die spektakulärsten Regionen des langen Landes sind indes viel einfacher zu erreichen: Das Fjordland begeistert nicht nur mit seiner dramatischen Landschaft, sondern auch mit traumhaften Motorradstrecken.

Jo Deleker
Reisedauer: 14 Tage. Gefahrene Strecke: 2000 Kilometer.

Anreise: Wer direkt in die Fjorde möchte, kann mit den neuen Schiffen der Fjord-Line von Hirtshals in Norddänemark bis Bergen fahren. Tickets für zwei Personen und zwei Motorräder gibt es ab 144 Euro (www.fjordline.de). Über Nacht schippert die Color-Line von Kiel nach Oslo. Tickets für zwei Personen und zwei Motorräder: 529 Euro (www.colorline.de). Die Stena-Line fährt täglich Kiel–Göteborg. Hier kostet die vergleichbare Passage ab 300 Euro (www.stenaline.de). Weitere Linien: www.aferry.de

Reisezeit: Beste Bedingungen sind zwischen Ende Mai und Ende August zu erwarten. Anfang Juni sind fast alle Bergstraßen vom Schnee befreit. Im Juni und Juli wird es nur für wenige Stunden dunkel. Wechselhaftes Wetter ist typisch für die Fjorde. Die Tagestemperaturen im Juli im Fjordland: 15 bis 25 Grad.

Übernachten: Norwegen hat ein dichtes Netz von Campingplätzen, oft in wunderschöner Lage. Pro Zelt und Person kostet eine Übernachtung etwa 15 Euro. Typisch für Norwegen sind die „hytter“, kleine rustikale Holzhütten für zwei bis sechs Personen, die es sowohl auf Campingplätzen als auch bei Privatleuten gibt. Bei regnerischem Wetter ist eine hytter der ideale Unterschlupf. Kosten je nach Größe und Ausstattung zwischen 40 und 80 Euro.

Geld: Landeswährung ist die Norwegische Krone (NOK). Für einen Euro gibt es derzeit 10 NOK. Am einfachsten funktioniert der Geldnachschub über Kredit- oder EC-Karte an Geldautomaten, die überall im Land zu finden sind. Norwegen ist nicht so teuer wie sein Ruf. Wer Hotels  und Restaurants frequentiert, wird zwar schnell pleite sein, wer aber Hütten oder das eigene Zelt vorzieht, selber kocht und auf Alkohol verzichtet, lebt in Norwegen güns-tiger als im Italienurlaub.

Literatur: Gute Reiseführer für Individualreisende? Wir empfehlen die folgenden: Michael Müller Verlag für 26,80 Euro; Reise Know-How „Norwegen Süd“ für 22,50 Euro; Lonely Planet 23 Euro; Stefan Loose 25 Euro; Velbinger-Verlag „Norwegen Süd und Mitte“ für 24,80 Euro. Die besten Landkarten im Maßstab 1:325000 gibt der Cappelen-Verlag heraus (Lizenzausgabe von Kümmerly & Frey). Für das Fjordland: Blätter 1 und 2. Kosten jeweils 11,95 Euro. Gut auch die 1:250000-Karten von Freytag & Berndt für 10,90 Euro. Fürs Fjordland gibt es die Karten Süd und Mitte.

Internet (Auswahl): www.visitnorway.de, www.norwegenservice.net, www.fjordnorway.com,www.camping.info/norwegen, www.canoeguide.net/norway

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