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Motorradreise Afrika Daniel Rintz Somewhere Else Tomorrow Teil 2
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Motorradreise Afrika Daniel Rintz Somewhere Else Tomorrow Teil 2 32 Bilder

Somewhere Else Tomorrow (Teil 2)

Fortsetzung der Weltreise-Doku geplant

Dies ist der dritte und letzte Teil einer außergewöhnlichen Weltreise. Einen Film darüber gibt es schon, ein zweiter ist in Vorbereitung. Doch es hätte auch anders kommen können. Denn Afrika zeigte den beiden Reisenden ihre Grenzen auf.

Die Probleme begannen am dritten Tag nach unserer Einreise nach Angola. Wir waren gerade dem verrückten Verkehr der Hauptstadt Luanda entronnen, als mir Josie über die Intercom mitteilte, dass ihre Ladekontrollleuchte flackert. Ich versicherte ihr, dass das nur von der hohen Luftfeuchtigkeit komme und kein Grund zur Sorge sei. Eine Notlüge, die weder sie beruhigte noch mich entspannte.„Nur nicht anhalten“, ging mir ständig durch den Kopf. Denn uns blieben nur noch zwei Tage, bis wir unsere Transit-Visa bei der Ausreise in den Kongo entwerten lassen müssten.

Man kann nicht sagen, dass Angola touristisch erschlossen sei, trotzdem rechnet die Botschaft so: Zwei Leute, 30 Tage – macht 500 Euro fürs Visum. Darauf hatten wir dankend verzichtet und uns für die einzige Alternative entschieden: Fünf-Tage-Transit-Visa für je 60 Euro. Enttäuscht, dass wir Angola damit nicht wirklich erkunden konnten, machten wir uns entlang der afrikanischen Westküste auf den Weg durchs Land. Fünf Tage Zeit, macht 500 Fahrkilometer pro Tag, das müsste zu schaffen sein, rechneten wir uns aus. Wenn nicht, würde uns jeder überzogene Tag 100 Dollar aus unserer knappen Reisekasse kosten. Eine streikende Licht- maschine war in dieser Rechnung nicht vorgesehen.

50 Stunden blieben uns für 1.500 Kilometer

Es war unerträglich schwül, als der Scheinwerfer von Josies alter GS schließlich erlosch und der Zweiventil-Boxer mit einer Fehlzündung ausging. Ich reagierte auf den fehlenden Fahrtwind wie ein Junkie auf Entzug. Zum Glück behielt Josie einen kühlen Kopf und beruhigte mich. Noch blieben uns 50 Stunden bis zur kongolesischen Grenze – und 1.500 Kilometer. Ich entschied mich, es mit einem Provisorium zu versuchen: Nach vier schweißtreibenden Stunden hatte ich eine mickrige chinesische Moped-Batterie und zwei starke Kupferkabel mit Ösen an beiden Enden aufgetrieben. Die kleine Batterie installierte ich in Josies BMW. Ihre leere lud ich mir in den Tankrucksack und klemmte sie mithilfe der Kabel an meine Batterie. Ich hoffte, so den Akku während der Fahrt immer wieder ausreichend laden zu können, bevor das chinesische Fünf-Euro-Produkt aufgab. Ohne Licht, dafür voll konzentriert fuhr Josie hinter mir, bis wir die verlorene Zeit aufgeholt hatten. Mit einigen Batteriewechseln schafften wir es rechtzeitig zur Grenze.

Dahinter: Korruption, Bürgerkrieg, Kindersoldaten. Über das südliche der beiden Kongos, das ehemalige Zaire, hatten wir nicht viel Gutes gehört. Die meisten Kongolesen kämpfen ums nackte Überleben. Durchqueren mussten wir das Land so oder so, die Frage war nur, wie. Nach unserer Recherche gab es zwei Möglichkeiten. Die eine: entlang der Hauptstraße. Da würde uns eine nervenaufreibende Grenzüberquerung zwischen Kinshasa und Brazzaville bevorstehen. Die andere war die Route durch den Dschungel. Da wäre zwar der Grenzübertritt entspannter, dafür das Terrain schwieriger. Mit der maladen GS – inzwischen hatte ich immerhin die Diodenplatte als Ursache identifiziert, die Ladehemmung selbst aber noch nicht beseitigen können – entschieden wir uns für die Hauptstraße. Dass uns der alte Boxer durch den Schaden somit vielleicht das Leben gerettet hat, konnten wir beim Passieren der Grenze von Angola zur Demokratischen Republik Kongo noch nicht ahnen.

Im Kreisverkehr haben diejenigen Vorfahrt, die reinfahren ...

Der Verkehr in Kinshasa überraschte mich auch nach vielen Jahren Weltreise noch. Im Kreisverkehr haben diejenigen Vorfahrt, die reinfahren. Klar, in kürzester Zeit steht alles. Wir auch, im vielleicht einzigen Kreisverkehr des Kongo, der aber dafür sechsspurig ist und fünf Ausfahrten hat. Normalerweise konnten wir uns mit den Motorrädern an solchen Chaospunkten immer vorbeischlängeln. Hier nicht. Jeder kämpfte um jeden Zentimeter. Regelmäßig hörte man metallisches Kratzen, Motoren aufheulen, Geschrei. Und alles bei über 40 Grad im Schatten. Nur ohne Schatten. Glücklicherweise hatte ein Verkehrspolizist ein Herz für uns Ausländer. Er half uns in Rekordzeit – nur 20 Minuten – über die Kreuzung, indem er vor uns herlaufend mit seinem Schlagstock wild auf Motorhauben einschlug.

Der Grenzfluss, der die Demokratische Republik Kongo im Süden von der Republik Kongo im Norden trennt, ist zwischen Kinshasa und Brazzaville drei Kilometer breit. Das ist die kürzeste Distanz zwischen zwei Hauptstädten weltweit. Und da mussten wir rüber. Obwohl es seit Jahren keine offizielle Möglichkeit zum Grenzübertritt mehr gibt. Zwei Dutzend arbeitslose Ex-Grenzer begrüßten uns vor einem großen geschlossenen Stahltor. Jeder wollte unser bester Freund sein. Offenbar in der Hoffnung, als inoffizieller Schleuser ein paar Dollar dazuverdienen zu können. Wir kannten diesen Ablauf schon von anderen Grenzen und übten uns in Smalltalk. Die Strategie: Erst nachdem wir die meisten zum Lachen gebracht hatten, wandten wir uns an denjenigen, der uns am wenigsten aufdringlich schien. Am späten Nachmittag wurde das Stahltor dann für uns geöffnet. Bis dahin hatte ich schon zahlreiche Stempel eingeholt, unsere Pässe durch viele Hände gehen lassen, mehrere Schmiergeldforderungen ausgesessen und dabei dem einen oder anderen Beamten beim Computerspielen zugeschaut. Das für uns organisierte Boot sollte 300 Euro kosten. Verhandlungsspielraum? Null. Aber unser Schleuser schwor beim Grab seiner Mutter, dass es keine weiteren Kosten mehr gäbe.

Fähre lag 10 Meter tiefer

Minuten später standen wir mit unseren Motorrädern am Kai und schauten auf ein etwa acht Meter langes Boot mit einem Fährmann, der ein weißes, frisch gebügeltes Hemd und eine Kapitänsmütze trug. Der einzige Haken: Das Boot dümpelte knapp zehn Meter unter uns. Wie sollten wir die Motorräder da aufs Deck kriegen? Einfach runterwerfen? Kurz: Das Verladen kostete eine Menge Fantasie, noch mal 50 Euro für die sechs Hafenarbeiter, die uns am wenigsten betrunken erschienen, und noch mal zwei Stunden Zeit. Während der 15-minütigen Überfahrt sprach keiner von uns ein einziges Wort.

Brazzaville in der Republik Kongo machte einen vergleichsweise aufgeräumten und entspannten Eindruck. Das „Hippocampe“ ist ein bekannter Traveller-Treff. Das Restaurant und Hotel wird von einem Franzosen geführt. Seit über einem Jahrzehnt dürfen Abenteuerreisende dort auf dem Parkplatz kostenlos zelten. Für drei Wochen wurde das „Hippocampe“ nach all der Anspannung zu unserer Insel des Friedens, ungeachtet der Moskitos und des Gestanks von verbrennendem Müll. Hier warteten wir auf das Ersatzteil für Josies Motorrad. Dabei erfuhren wir, dass die zuvor von uns für die Angola-Passage in Erwägung gezogene Dschungelroute durch ein damals hart umkämpftes Rebellengebiet führte. Da ahnungslos mitten reinzufahren, hätten wir höchstwahrscheinlich nicht überlebt, meinte einer der Angestellten. Nach einer Schweigesekunde bedankten wir uns bei Josies altem Klepper: Liebe R 80 GS, danke fürs Kaputtgehen …

Was hatten wir hier eigentlich verloren?

Heute, wo ich nach all den Jahren wieder endgültig zurück in meiner Heimatstadt Dresden bin, weiß ich, dass dies ein Wendepunkt auf unserer so nie geplanten Reise um die Welt war. Wir waren aufgebrochen, um spannende Dinge zu sehen, Neues zu lernen. Auf Risiken und Strapazen hatten wir keine Lust. Doch je tiefer wir nach Zentralafrika vordrangen, desto seltener wurden die schönen, manchmal magischen Momente des Reisens. Das Verhältnis zwischen Anstrengung und Belohnung hatte sich verschoben. Und es passierte, was bis dahin noch nie passiert war: Wir begannen, unsere Entscheidung für diese Reise zu hinterfragen: Warum waren wir hier? Was hatten wir hier eigentlich verloren? Es war Josie, die dem Grübeln ein Ende setzte, indem sie meinte:„Ich fahre hier nicht weg, bevor ich Gorillas gesehen habe.“

In Gabun gab uns ein Einheimischer einen Tipp. Mit einer gekritzelten Skizze fuhren wir von der Hauptroute runter und rein in den Dschungel. Tief drinnen im Reservat sollten noch einige Familien dieser mächtigen, aber höchst seltenen Affenart leben. Die Wege wurden immer schmaler und schlammiger. Regelmäßig blieben wir mit unseren Koffern an herausragenden Ästen hängen. Dann lichtete sich der Regenwald, und wir fuhren durch tiefen Sand. Um Geschwindigkeit aufzunehmen, war der Pfad zu kurvig. Um langsam durchzukommen, waren wir zu schwer. Die Kupplung fing an zu stinken. Abwechselnd schmissen wir die Motorräder unfreiwillig links oder rechts ins hüfthohe Gras. Die Nachmittagssonne brannte uns schier das Hirn aus dem Leib, und das Wasser in unseren Tankrucksäcken war schnell aufgebraucht. Wir hätten längst umkehren sollen. Schließlich erreichten wir eine Hütte mit etwas Schatten. Ein Reservat-Wächter erklärte uns freundlich, dass es hier seit sechs Monaten keine Gorillas mehr gäbe. Wir waren kurz vorm Kollabieren. Und, um ehrlich zu sein, waren mir Gorillas in dem Augenblick wirklich scheißegal.

Ein paar Tage später lernten wir einen Arzt in Franceville kennen. Er lud uns zum Essen ein und gab uns eine weitere Wegbeschreibung. Dieser Weg durch den Dschungel war etwas einfacher. Und am Ende durften wir dann doch noch wilde Gorillas beobachten. Nur Josie, ich und ein freundlicher Reservat-Angestellter konnten eine Gorilla-Familie von einem kleinen Boot aus fotografieren. Majestätisch, stolz und auch ein klein wenig neugierig präsentierten sie sich am Flussufer. Bloß das mächtige Familienoberhaupt blieb immer im Hintergrund, ließ aber unserem Boot gegenüber keinen Zweifel aufkommen, wer hier der Boss war. Das Ganze dauerte nur wenige Minuten. Aber ich werde sie mein Leben lang nicht vergessen.

Gern würde ich noch viel mehr erzählen. Zum Beispiel von Namibia, wo plötzlich eine Elefantenherde vor unserem Zelt stand. Oder von Botswana, wo uns Paviane den Käse vom Brot klauten. Oder wie das Bier in Afrikas höchstgelegenem Pub auf 2.874 Metern schmeckt. Aber das würde der MOTORRAD-Redakteur dann alles kürzen, weil’s zu lang ist. Mehr Zeit für diese und andere Geschichten werden wir aber in unserem nächsten Film haben. Josie und ich arbeiten gerade dran. Wer Interesse hat, darf gerne mal vorbeischauen: www.open-explorers.com

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