Weltreise

Mein Traum vom Leben

Foto: Cichon

„Jeder Tag, an dem ich ein Abenteuer erlebe, ist mehr Wert als 1000 gewöhnliche Tage!“ Knapp zwei Jahre lang war die US-Amerikanerin Mariola Cichon zwischen Alaska und Feuerland, in Europa und Afrika unterwegs – bis ein schwerer Unfall in Gambia die Fort- setzung ihrer Weltreise beendete. Vorerst zumindest.

Vor mir erstreckt sich ein weiter, völlig unberührter Strand. Ich stelle den Motor der Kawasaki ab, schaue mich um. Gewaltige, flaschenförmige Baobabs spenden Schatten, braune, fußballgroße Früchte hängen an ihren Ästen. Wie aus dem Nichts landet urplötzlich ein riesiger Vogel in der Krone des alten Baumes direkt neben mir, schlägt wild mit seinen Flügeln, stößt grelle Schreie aus. Vermutlich bin ich in sein Revier eingedrungen. Dann vernehme ich eine weitere Stimme. „Sir, wollen Sie einen Affen kaufen?“

Ein Junge, etwa acht Jahre alt, steht hinter meinem Motorrad, in seiner rechten Hand hält er einen Strick, mit dem er eine traurig dreinschauende Ziege führt. Ich nehme den Helm ab. Der kleine Junge starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, ist für einen langen Moment sprachlos – eine motorradfahrende Frau! „Ist es nicht verboten, mit Affen zu handeln?“ „Keine Ahnung, Sir..., sorry... Madam. Er ist noch ganz jung und wohnt bei mir zu Hause.“

Foto: Cichon
Weltreise, MOTORRAD 25/2003

Die Reaktion des Jungen ist für mich keine Besonderheit mehr. Ganz im Gegenteil – ich habe mir den Umstand, dass eine allein auf einem Motorrad reisende Frau überall auf der Welt noch immer etwas Besonderes zu sein scheint, in den vergangenen 19 Monaten meiner Reise zwischen Alaska und Feuerland, in Europa und im Norden Afrikas schnell zunutze gemacht – der Überraschungseffekt hat mir bei einigen brenzligen Situationen sehr geholfen. In Kolumbien etwa ließ man mich, sobald ich den Helm abgesetzt hatte, recht schnell und unbehelligt die unzähligen Straßensperren und Blockaden passieren, die von der Polizei oder Armee und manchmal sogar von Guerillas errichtet waren. Auch in den meisten anderen Ländern, die ich während meiner bisher knapp 85000 Kilometer weiten Reise kennen lernte, half der „Frauen-Bonus“ sehr.
Die Stimme des Jungen holt mich aus meinen Gedanken zurück an den Strand im afrikanischen Gambia. „Ich kann dir einen Papagei verkaufen.“ „Nein, tut mir leid, ich habe wirklich kein Interesse an einem Haustier.“ Mit traurigen Augen verschwindet meine Strandbekanntschaft
zwischen den Bäumen. Unweigerlich muss ich an eine Begegnung denken, die sich vor etwa einem Jahr in Honduras zugetragen hatte.

Weltreise (2)

Foto: Cichon
Weltreise, MOTORRAD 25/2003

Ich war auf dem Weg an das an der karibischen Küste gelegene Trujillo. Die Straße führte lange durch dichtes, tropisches Grün. Auf einmal stand dieser Junge mit erhobenen Armen am Straßenrand. Er hielt irgendetwas Grünes in seinen Händen.

Ich hielt an – und entdeckte, dass es sich dabei um drei große und äußerst lebendige Leguane handelte, die zu einem zappelnden Haufen zusammengeschnürt waren. Gleich darauf erschien die Mutter des Jungen und bot mir die Tiere für umgerechnet fünf US-Dollar zum Kauf an. Als ich verneinte, pries sie das äußerst schmackhafte Fleisch der Tiere an, die ihr Sohn erst an diesem Morgen gefangen hätte. Um die wunderschönen Kreaturen vor dem Kochtopf zu retten, handelte ich die Frau schließlich auf etwa vier Dollar herunter. Leider ist aus dem Kauf dann doch nichts geworden – ein weiterer Passant stoppte und erstand die Leguane für sechs Dollar. Als Reiseproviant.

Foto: Cichon
Weltreise, MOTORRAD 25/2003

Der Vogel in der Baumkrone scheint mich inzwischen in seinem Revier akzeptiert zu haben. Sein Geschrei hat nachgelassen. Auch der Kühlerventilator der Kawasaki hat seine Arbeit endlich eingestellt. Das einzig vernehmbare Geräusch ist das Rauschen der Wellen. Der Wind hat inzwischen ein wenig zugenommen und treibt feinen Sand in mein Gesicht. Ein Gefühl, wie ich es aus der Wüste kenne. Meine Gedanken schweifen sofort ab, entführen mich in die mauretanische Sahara.

Bis Chinguetti, einer ehemals bedeutenden Karawanenstadt auf der Route nach Mekka, waren es noch knapp 20 Kilometer. Die Straße ging schließlich in eine sandige, fahrerisch sehr anspruchsvolle Piste über. Ich stürzte oft, hatte zunehmend Mühe, das Motorrad auf dem losen Grund wieder aufzurichten. Aber irgendwie gelangte ich immer tiefer in diese Welt aus unentwegt höher aufragenden Dünenfeldern, vom Wind modellierte, grandiose Schönheiten. Gegen Abend ließ die untergehende Sonne die Sandberge in einem unwirklich erscheinenden Licht fast schon feuerrot leuchten. Die hypnotisierende Wirkung der Sahara ist einzigartig; und dennoch ähnelt die Stimmung in diesem Moment einem Augenblick, wie ich ihn in der südamerikanischen Schwester der Sahara erleben durfte – in der chilenischen Atacama-Wüste. Als ich dort gegen Abend auf einer hohen Düne gesessen hatte und sich vor mir das rot glühende, von Vulkanen umgebene Land erstreckte, begriff ich, dass es richtig gewesen war, trotz aller Schwierigkeiten meine Heimatstadt Chicago für einige Zeit zu verlassen, um einmal rund um die Welt zu reisen.

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