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Wunderlich beim Pikes Peak Bergrennen 2017

Mit dem BMW-Boxer zu den Wolken

Einmal im Leben am Pikes Peak Bergrennen teilnehmen. Das war der Traum. Erich Wunderlich und sein Team haben ihn sich erfüllt und MOTORRAD war dabei.

Die Schlange ist scheinbar endlos. Und sie zerfrisst die Nacht. Auto an Auto, Rücklicht hinter Rücklicht. Wie eine Spur roter Leuchtgranaten legt sie eine Schneise durch die Bäume, ringelt sich bergauf. Es ist der 25. Juni 2017, zwei Uhr morgens. Und man steht im Stau. Mitten in der Wildnis, wohlgemerkt. Die Straße führt zum Gipfel des Pikes Peak, einem 4301 Meter hohen Berg in Colorado, der seit nunmehr 101 Jahren als Mythos der amerikanischen Bergrennen gilt. Und heute ist das Rennen. Der Ansturm von Besuchern und Teams ist groß, das Rennen international bekannt. Fragt man zehn Vollblutracer nach ihren Träumen, nennen mindestens sechs von ihnen Pikes Peak.

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Thilo Günther ist so einer. 37 Jahre alt, Ex-Motocrosser, Ex-Supermoto-Fahrer und derzeit im Roadracing aktiv. Vor drei Wochen hat er das Fischereihafenrennen auf einer Wunderlich-BMW S 1000 RR gewonnen. Heute sitzt er im Sattel einer BMW R 1200 R, ebenfalls eine Wunderlich-BMW. Thilo stammt aus einem kleinen Kaff nahe Bielefeld. Er ist trotzdem eine Frohnatur, das Glas ist für ihn niemals halb leer. Und Probleme – falls es überhaupt welche gibt – sind zum Lösen da. Ab 7.30 Uhr wird die Straße für das Rennen gesperrt. Wer einen guten Platz an der 19,99 Kilometer langen Strecke haben möchte, muss also früh aufstehen. Thilo ist entspannt, er weiß, dass er gegen die US-Topchampions und mehrfachen Gewinner mit großer Streckenkenntnis keine große Chance hat. Jetzt, mitten in der Nacht, liegt er im Fahrerlager im Laderaum eines weißen Sprinters in einem blauen Schlafsack neben der düster aussehenden BMW im Karbon-Look. Und die Ereignisse der letzten Monate flimmern noch mal vor seinem geistigen Auge vorbei.

Pikes Peak International Hill Climb 2017

Wie so viele gute Ideen im Leben entsteht der Plan, Pikes Peak zu fahren, an der Biertheke. „Wir haben zuerst rumgeflachst, aber irgendwie war uns klar, dass wir da mal hin müssen“, erinnert sich Frank Hoffmann, Geschäftsführer bei Wunderlich. Mit dem Wunsch sei man dann bei Firmenboss Erich Wunderlich vorstellig geworden, dem die Idee, mit einem eigenen Motorrad und Team in den USA anzutreten, schon lange im Kopf herumgespukt war. Big Erich gibt das Go! Doch ganz einfach ist die Nennung nicht: Man muss sich bewerben. Es wird nicht jeder akzeptiert. Teams, die schon mal gestartet sind, oder solche, die das Event nachweislich in den Medien oder sozialen Netzwerken mit Nachdruck gekonnt verbreiten, werden bevorzugt. Also drehen die Jungs ein Video und schicken es in die USA. Als Rennmotorrad soll jenes Bike zum Einsatz kommen, mit dem die Truppe auch beim 2016er-Fischereihafenrennen in Bremerhaven angetreten ist: eine BMW R 1200 R, 2015er-Modell, 147 PS, 200 Kilogramm fahrbereit. Aber zwischen Pikes Peak und Bielefeld liegen mehr als 8.500 Kilometer Luftlinie. Trainieren kann man höchstens interaktiv. Gleich nach der Zusage für die Rennteilnahme kauft Thilo sich also ein Playstation-Spiel aus der Serie „Dirt Rally“ mit der Strecke zum Pikes Peak. „Ich hatte mir vorgenommen, das Spiel jeden Abend mindestens eine Stunde lang zu spielen“, sagt Thilo. „Aber ich hab schließlich noch meinen Job als Industriemechaniker, eine schwangere Freundin und eine vierjährige Tochter...“

Autos dominieren das Starterfeld

Wie immer vergeht die Zeit schneller, wenn man es nicht will. Mitte Juni ist plötzlich über Nacht und die R 1200 R trifft bei der Wunderlich-Dependance in Kalifornien ein. Von dort aus bricht eine Truppe aus sechs Freunden und Wunderlich-Mitarbeitern gen Pikes Peak auf – der 2.000 Kilometer lange, viertägige Roadtrip wird zum Abenteuer vor dem Abenteuer. In der Rennwoche hat sich die Gruppe rund um Teamchef Frank Hoffmann und Thilo Günther auf insgesamt 14 vergrößert. Selbst Firmenboss Erich Wunderlich lässt sich das Spektakel nicht nehmen, er gesellt sich zu den Jungs. Pikes Peak ruft. Und alle sind dem Ruf gefolgt.

Das Bergrennen, in den USA auch „Race to the Clouds“ genannt, ist legendär und auch weit außerhalb der Vereinigten Staaten längst ein Mythos. 1916 zum ersten Mal gestartet, wurde es kriegsbedingt nur fünf Mal nicht ausgetragen. Und es wurde nie abgesagt, höchstens mal bei schlechtem Wetter verkürzt. Der Kurs führt auf den 4.301 Meter hohen Gipfel, ein One-Way. Gestartet wird auf 2.862 Metern über dem Meer, die Höhendifferenz von 1.439 Metern absolvieren die Piloten auf 19,99 Kilometern, die mit 156 Kurven und Kehren garniert sind. Durchschnittliche Steigung: sieben Prozent. Seit 2012 ist die Strecke komplett geteert. Wie auch bei der TT auf der Isle of Man tragen viele trickreiche Passagen Namen. Die Gesamtdistanz ist in drei Sektionen unterteilt, die alle separat gezeitet, letztlich aber addiert werden. Nur das Endergebnis zählt. Der ungebrochene Rekordhalter ist Rallyesport-Ikone Sébastien Loeb, der die Strecke in seinem Peugeot im Jahr 2013 in unglaublichen 8:13,87 min bezwungen hat. Die Bestzeit für Bikes liegt derzeit bei 9:52,81, gefahren 2012 von Carlin Dunne auf einer 1200er Ducati Multistrada. Aber: Jeder, der es hier unter elf Minuten schafft, ist schon sauschnell. Es ist ein Bergrennen, das von Automobilen dominiert wird, Bikes sind in der Minderheit. 2017 haben Teams mit 52 Autos und 31 Motorräder genannt. Damit alle ausreichend Zeit zum Trainieren haben, starten Rennwagen und Motorräder getrennt in unterschiedlichen Sektionen.

Strecke am Computer nicht erlernbar

Doch nüchterne Fakten und das, was die PS4 in zweidimensionaler Optik rüberbringt, haben mit der Realität kaum was gemein. Warum? Das Wetter! Der Pikes Peak liegt im Einflussbereich der Rocky Mountains und der Wetterkapriolen im Mittleren Westen. Hier kann es selbst im Sommer plötzlich schneien, gigantische Gewitter kommen aus dem Nichts, die Tornadowahrscheinlichkeit ist hoch. „Du kannst die Strecke zehntausendmal auf der Playstation fahren, das Wichtigste lernst du dabei nicht“, sagt Thilo. „Denn du prägst dir vielleicht den Streckenverlauf ein. Die Ideallinie hingegen bleibt dir verborgen. Ebenso wie die Bremspunkte. Oder fiese Bodenwellen, Unebenheiten. Der unterschiedliche Grip auf der Strecke. Auch zeigt dir die Playstation nicht, ob und wie steil es bergauf geht.“

Was vielen aus dem Team vorm Start ebenfalls weniger klar war: Mit Urlaub in den Staaten hat dieser Trip so viel gemein wie eine Radtour am Rhein mit der Downhill-Weltmeisterschaft. Denn der Weg zum Pikes Peak ist eine Privatstraße, die der Veranstalter mietet. Um die Ausgaben so gering wie möglich zu halten, begibt sich der Tross aus Fahrern und Mechanikern zum Training in der Rennwoche jede Nacht gegen zwei Uhr auf den Berg, ab Sonnenaufgang wird gestartet, Punkt 9 Uhr ist der Spuk vorbei, dann ist die Straße wieder für Touristen geöffnet. Bedeutet: keine Nacht durchschlafen. „Dienstag- auf Mittwochnacht lag die Temperatur gerade mal bei drei Grad. Was das für den Grip bedeutet, kann sich jeder ausmalen“, sagt Frank Hoffmann, der auch für die Vorbereitung des Motorrads verantwortlich ist.

Mit dem Tourenmotorrad auf den Berg

Frank hat sich schon immer dem Rennsport verschrieben und bringt jede Menge Erfahrung mit. Um die Reifen auf Temperatur zu bekommen und Grip aufzubauen, fährt Thilo hinten mit 1,7 und vorn mit 2,2 bar Reifendruck. „Reifenpoker ist ein schmaler Grat“, sagt Frank. „Bei zu viel Druck verringert der Reifen seine Auflagefläche und diese wird stärker beansprucht. Die Gefahr, dass der Reifen aufgerieben wird, steigt.“ Das Team setzt auf Metzeler-Rennreifen, die sich auch auf der Isle of Man bewährt haben. Doch dort war es längst nicht so kalt. Reifenwärmer reichen hier kaum. Die ganze BMW wird bis kurz vor dem Training im Sprinter von der Standheizung umschmeichelt. Über den Reifenwärmern liegen zusätzlich dicke Decken. Das Fahrerlager wird nur rudimentär beleuchtet. Jedes Team hat sein eigenes Notstromaggregat, unter riesigen Scheinwerfern wird emsig geschraubt. Das Gros der Starter kommt aus den USA, viele von ihnen sind Wiederholungstäter. Und Freaks.

Freaks wie der 59-jährige Keith Speir, der mit seiner 69er Triumph Flat Tracker in der Vintage-Klasse startet. Die Triumph, 48 Jahre alt, glänzt ladenneu, was man von Keith nicht behaupten kann. Oder Yasuo Arai, der mit seiner Kawa Z 1000 MK II für das Rennen extra aus Tokio angereist ist. Aber auch Stars wie Chris Fillmore, US-Supermoto-Hero und AMA Roadracing-Champion, der hier am Berg mit KTM-Werksunterstützung an den Start geht. „Gegen die Power der 1290er Super Duke hab ich kaum eine Chance“, sagt Thilo. „Bergauf zählt nur eins: Leistung.“ Doch Leistung muss auch in Vortrieb umgesetzt werden. Linienwahl und absolut präzise Bremspunkte sind entscheidend. Aus diesem Grund verzichtet der Bielefelder auf ABS und Traktionskontrolle. „Die R 1200 R ist ein Tourenmotorrad, deren elektronische Helferlein nicht darauf abgestimmt sind, auf wirklich letzter Rille zu regeln. Das kann ich besser“, erklärt der Roadracer.

Wer Fehler macht fliegt ab

Muss er auch. Die drei Streckenabschnitte sind unterschiedlich beschaffen. Während es in Sektion eins mit ihren weit geschwungenen Kurven vergleichsweise zaghaft bergauf geht, lauern in der wesentlich steileren Sektion zwei fiese Kehren. Überhaupt bietet der obere Abschnitt kaum Orientierungsmöglichkeiten. Der Fahrer sieht am Kurvenausgang nur eine Straße, die scheinbar in den blauen Himmel führt. Oder in die Wolken. Daher auch der Beiname „Race to the Clouds“. Keine Bäume, kaum Leitplanken, keine Sträucher. Wann und wo bremsen? Auf der einen Seite schroffe Felsen. Auf der anderen der Abgrund. 500 Meter steil. Fahrfehler gleich Freiflug. „Du bekommst maximal 170 km/h drauf“, sagt Thilo und lobt den Boxer. Dessen Drehmoment sei ideal beim Herausbeschleunigen aus Kehren. Doch noch etwas ist tückisch: Sowohl die doppelte gelbe Mittellinie als auch die weiße Seitenlinie bieten verdammt wenig Grip. Hatte irgendjemand behauptet, das Leben sei einfach?

Um viertel nach fünf wechselt der schwarze Horizont die Farbe. Thilo schält sich aus dem Schlafsack, streckt sich und lächelt. Morgendämmerung. Kurzer Blick zum Berg. 13 Mann sind nur wegen ihm hier. Ein Fahrfehler kann nicht nur Plätze, sondern mitunter auch das Leben kosten. Der Bielefelder wirkt entspannt, erst abends, beim Abschluss-Essen, wird er zugeben, „etwas schlechter als sonst geschlafen zu haben“. Und auch Erich Wunderlich, am Tatort ein Fels in der Brandung und die Ruhe selbst, wird hinzufügen, dass er das letzte Mal so aufgeregt war, als seine Kinder geboren wurden. Davon ist nichts zu spüren. Frank Hoffmann hat ein Team um sich geschart, das nicht nur beim Biertrinken homogen agiert. Jeder tut hier unaufgefordert das Richtige. Niemand steht im Weg, jeder kennt den nächsten Griff – ein verzahntes Arbeiten von Freunden. Pitstop bei der Formel 1 ist nicht viel effektiver. Thilo Günther, der gerade kurz davorsteht, zum zweiten Mal Vater zu werden, nickt anerkennend, schlürft die warme Brühe, die sie hier Kaffee nennen und meint zwischen zwei Schlucken: „Egal, was passiert: Ich will unter elf Minuten bleiben.“

Eine echte Ansage. Vor allem deshalb, weil das Training für den ersten Sektor nach nur einem Durchgang wegen starken Nebels abgebrochen wurde. Kritische Blicke zum Pikes Peak. „Isolated Showers“ sind vorhergesagt. Die Winde sind tückisch, das Wetter launisch wie Frauen, die ihre Tage haben. Was, wenn es ab Streckenmitte regnet? „Passt schon“, sagt der stets zu Scherzen aufgelegte Thilo und deutet auf den strahlend blauen Himmel. Mittlerweile geht es im Fahrerlager drunter und drüber. Viel Prominenz schlendert an Zelten, Wohnwagen, Werkstattbussen und Vorzelten entlang. Zum ersten Mal sind Motorräder und Autos vereint, in der Vorbereitungs- und Trainingswoche starteten sie stets getrennt in verschiedenen Sektionen. Fernsehteams aus diversen Bundesstaaten fangen O-Töne ein, die T-Shirts der meisten Besucher erzählen davon, wie benzinverstrahlt und motorenverliebt deren Träger sind.

Bikes starten zuerst

7.30 Uhr. Fahrerbesprechung. Anschließendes Singen der Nationalhymne. Gemeinsames Gebet. Mützen ab. Hände ruhen. Nur fünf tote Motorradfahrer in 101 Rennjahren hier am Berg. Beten wir, dass es so bleibt. God bless America. And his drivers. Amen. Gefühlte 200 Polizeiwagen sollen für Sicherheit sorgen, unzählige Dixi-Toiletten stehen bereit, an den knapp 20 Kilometern bis zum Gipfel sind über Nacht Campingplätze entstanden. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Bikes first. Cars second. In Minutenabständen wird einzeln gestartet. Der Trainings-Langsamste zuerst. Frank Hoffmann verbirgt seine Anspannung hinter einer roten Sonnenbrille, doch sein Händekneten verrät, dass es ihn auch nicht kaltlässt, wenn jetzt die alles entscheidende Karte ausgespielt wird. Motoren brüllen, Menschen rennen, schreien, gestikulieren. Abgase und Ölnebel wabern in der kalten Morgenluft. Die Wunderlich-Schrauber gehen gedanklich ihre Liste durch. Alle Schrauben gesichert? Luftdruck exakt? Reifentemperatur okay? Präventiver Toilettengang? Anspannung pur. Sie fällt nicht ab, als nach dem vierten Starter die rote Flagge geschwenkt wird. Ein Ausrutscher am Berg. Nichts Wildes. Plastikschaden, blaue Flecken. Rennabbruch. Der nachfolgende Fahrer muss zurück zum Start, hat einen zweiten Lauf. Diese Art Verzögerungen werden den Rennverlauf strecken.

Platz 10 bei den Motorrädern

Um 8.49 Uhr kuppelt Thilo endlich ein, gibt dem Boxer die Sporen. Und lässt seine fiebernde Mannschaft zurück. Die klebt wie gebannt vor dem Monitor, auf dem die Zeiten der Bergbezwinger flimmern. Riesengroße Erleichterung, als Thilos Zeit erscheint. Er ist heil angekommen. Und unter elf geblieben: 10.49,18 Minuten. Am Ende des Tages wird das für den fünften in seiner Klasse (Heavyweight) und für den zehnten Platz im Gesamtklassement bei den Bikes reichen. Mit 9.49,63 setzt Sieger Chris Fillmore zur Freude des KTM-Werksteams eine neue Motorrad-Bestzeit am Pikes Peak. Doch bevor die Piloten in den Genuss des Feierns kommen, müssen sie auf dem Gipfel in 4.301 Metern Höhe warten, bis wirklich alle angekommen sind, Motorräder wie Rennwagen. Bergab gehts dann ab 16 Uhr gemeinsam. Gottlob gibt es oben auf dem Gipfel einen Fast-Food-Imbiss. Hier kann man sich gemütlich über Ideallinien, Reifen und Oktanzahlen austauschen. Für den Fall, dass man im nächsten Jahr wieder startet …

„So ein Abenteuer ist gut fürs Betriebsklima“

Erich Wunderlich, auch schon Ü50, Firmengründer und gebürtiger Brasilianer mit deutschen Wurzeln, nennt als Grundstein seines Unternehmens die von ihm erfundene Nockenwellen-Frischölschmierung für die Yamaha XT 500. Das war 1985. Seit 1991 widmet er sich vornehmlich den BMW-Boxermodellen. Mittlerweile sind Wunderlich-Zubehörteile bei fast 450 Händlern weltweit erhältlich. MOTORRAD wollte wissen, was den bekennenden Touren- und Vielfahrer bewog, mit seinem Team am Pikes-Peak-Rennen teilzunehmen.

Erich, hättest du gedacht, dass ihr als Newcomer beim Pikes Peak so weit vorne landet?

Gedacht weniger, aber gehofft. Ich hatte die Einstellung: Na ja, wenn wir ankommen, ist alles gut. Manchmal scheitern Dinge einfach an Lappalien. Das ist Rennsport, da kann alles passieren. Deshalb bin ich auch mit nicht allzu großen Erwartungen oder riesigen Emotionen an dieses Projekt herangegangen. Ich hatte keine großen Ambitionen zu gewinnen.

Wer deinen Namen googelt, stößt auf Sätze wie „Erichs unkonventionelle Herangehensweise ist eins seiner Erfolgsrezepte“. Trifft das auch auf Pikes Peak zu?

Natürlich. Es wäre logischer gewesen, beim Bergrennen mit einer Vierzylinder-BMW zu starten, die hat schließlich viel mehr Druck und ist konkurrenzfähiger. Aber es ging uns diesmal darum, den Boxer in Szene zu setzen. Dessen Motorkonzept ist viel emotionaler.

Es heißt weiterhin, dass du dich „diebisch über gelungene Experimente freust“. War Pikes Peak so eins?

Ja. Dass alles so reibungslos funktioniert, hätte ich nicht erwartet. Es war von Beginn an ein Risiko, allein schon ein Motorrad plus Team in die USA zu schicken. Die Logistik und der Aufwand, der dahintersteckt, sind beträchtlich.

Gutes Stichwort. Der Aufwand war wirklich groß. Meinst du, dass sich dieser Einsatz in irgendeiner Form amortisiert?

Finanziell? Bestimmt nicht. Das war auch nicht die Intention. Wir wollten das einfach für uns machen, weil wir Spaß daran hatten. Natürlich ist das gut für die Publicity, wenn alles klappt. Aber wenn es mir nur um Publicity gehen würde, hätten wir andere Dinge realisiert. Dinge, die von Anfang an mehr Erfolg versprechen. Damit ist nicht gemeint, dass ich an Thilos Können zweifle. Aber es gibt Dinge, die sind von Beginn an erfolgversprechender.

Und trotzdem habt ihr das Projekt gestemmt. Plant die Marke Wunderlich einen Imagewechsel? Werdet ihr euch ab sofort vermehrt im Sport engagieren?

Eigentlich nicht. Ich bin ja eher der Tourenfahrer, und das hat natürlich Einfluss auf die Firmen-politik. Aber ich finde solche Einsätze ideal für die Teambildung. Die Jungs um Frank Hoffmann hatten so einen Spaß bei der Vorbereitung und Durchführung, das schweißt zusammen und ist gut fürs Betriebsklima. Aber an viel mehr Einsätze als die, die wir ohnehin schon machen, ist nicht gedacht.

Die da wären?

Wir sind dieses Jahr beim Fischereihafenrennen gestartet, bei dem wir dank Thilo beide Läufe gewonnen haben, waren beim Pikes Peak, werden auch die RLC-Langstreckenmeisterschaft am Nürburgring in diesem Jahr fahren und letztlich auch am Boxercup teilnehmen. Allerdings geht das alles nicht ohne das enorme Engagement meiner Jungs. Das Langstrecken-Motorrad bereiten die Burschen aus der Werkstatt nach Feierabend vor. Hier könnten wir uns auch vorstellen, irgendwann mal mit einer Wildcard einen WM-Lauf in der EWC-Meisterschaft mitzufahren. Auch haben einige unserer Renn-Einsätze bereits Traditionscharakter. In Bremerhaven sind wir ja schließlich schon seit Jahren am Start.

Natürlich partizipiert auch eure Entwicklungsabteilung von solchen Einsätzen, oder?

Selbstverständlich. Fahrwerksabstimmung, Reifen, Parts. Es macht schon etwas aus, wenn wir neue Teile unter harten Einsatzbedingungen wie dem Rennsport auf Herz und Nieren prüfen können. Das lässt sich nicht nur gut vermarkten, sondern gibt uns und den Kunden ein gutes Gefühl.

Das hört sich so an, als wärst du mit Leib und Seele bei der Sache. Gab es für dich eigentlich Alternativen bei der  Berufswahl? Es heißt, du hättest BWL studiert und stammst aus einer Arztfamilie ...

Nein, es gab für mich keine Alternativen. Ich habe mich schon früh mit Fahrzeugverbesserung beschäftigt, und mir fällt bis heute nichts Besseres ein. (lacht)

Wenn du deine Firma so intensiv lebst, kannst du aus dem Stegreif ein paar Zahlen nennen?

Wir produzieren rund 10000 Einzelteile, aus denen rund 3500 Produkte werden, wir beschäftigen zurzeit 62 Mitarbeiter, und die Kataloge kommen zusammen auf rund 1900 Seiten. (Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen.)

Ist es immer noch so, dass 95 Prozent aller Teile in Deutschland gefertigt werden?

Ja, kann man so sagen. Nur die Verkleidungsscheiben lassen wir in Italien fertigen. Die Italiener haben dafür extra ein Patent ent-wickelt, das die optische Reinheit und eine hohe Stabilität garantiert.

Letzte Frage: War Pikes Peak 2017 ein einmaliges Ding? Oder könnte es auch zu einer eurer Traditionen werden?

Nö. Einmalig nicht. Thilo möchte ja gern noch mal fahren. Und ich bin dabei. Die Maschine steht allerdings noch nicht fest. Vielleicht treten wir beim nächsten Mal tatsächlich mal mit einem Vierzylinder an, obwohl ich den Boxer wirklich liebe. Dass es allerdings zu einer unserer Traditionen wird, sehe ich nicht.

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