Royal Enfield Interceptor INT 650 im Dauertest Jörg Künstle
Royal Enfield Interceptor INT 650.
Royal Enfield Interceptor INT 650.
Royal Enfield Interceptor INT 650.
Royal Enfield Interceptor INT 650. 24 Bilder

Royal Enfield Interceptor INT 650 im Dauertest

Royal Enfield Interceptor INT 650 im Dauertest Zwischenbilanz nach über 30.000 Testkilometer

Die Royal Enfield Interceptor INT 650 möchte die 50.000 Kilometer im Dauertest möglichst schnell und sorgenfrei abspulen. Nach nun über 30.000 Kilometern ziehen wir die Zwischenbilanz.

Die Premiere stieg am 4.3.2019, erstmals fand sich mit der Royal Enfield Interceptor 650 ein Motorrad indischer Herkunft im Dauertest-Fuhrpark ein. Und es war ein viel beachtetes Debüt. Zum einen, weil der adretten Maschine mit ihrem schnörkellos-klassischen Look die Herzen nur so zuflogen. Und sie wurde intensiv beäugt, selbst Redakteure aus der Vierrad-Redaktion schlichen neugierig um den Exoten herum. Zum anderen, weil die Enfield-Verantwortlichen ohne Zögern ein Testexemplar zur Verfügung stellten im unerschütterlichen Vertrauen an die Zuverlässigkeit ihrer luftgekühlten Neuschöpfung – wo renommiertere Hersteller bei einer Neuheit schon mal ein halbes oder ganzes Jahr ins Land gehen lassen, ehe sie ein Motorrad für den Dauertest stellen – als wollten sie erst etwas Erprobung in Kundenhand abwarten, um sicherzugehen.

Daumenhochs von Passanten und Autofahrern

Der Royal Enfield Interceptor 650 jedenfalls war’s egal, sie kam, sah und machte sich sogleich eifrig ans Sammeln von Kilometern. Und das im gleichen Tempo wie die für Reisen ­beliebte Moto Guzzi V85 TT. Und bis jetzt ­jedenfalls scheint sie das Vertrauen zu recht­fertigen. Doch der Reihe nach. "Knuffiges Motorrad", "sehr entschleunigend", "schönes Moped, das einfach unspektakulär funktioniert und gut klingt" waren die ersten Einträge im Fahrtenbuch. Wohlwollende Blicke von Passanten und Daumenhochs von Autofahrern gab’s reichlich dazu. Die Royal Enfield Interceptor 650 sprang stets auf Knopfdruck an, verweigerte nie den Dienst, selbst nach klirrend kalten Frostnächten nicht. Sie brachte ihren Reiter stets unaufgeregt dorthin, wo er hinwollte. Und das ganz unprätentiös und entspannt.

Kein Langstrecken-Sitzkomfort

Kritik gab’s allerdings auch, wenngleich mit einem Augenzwinkern. Erle­se­ner Langstrecken-Sitzkomfort ist ihre ­Stärke nämlich nicht. Service-Mann Klaus Herder witterte bei einem Norddeutschland-Trip einen Skandal und mutmaßte, man habe ihm das Sondermodell "Fakir" untergeschoben. Und dabei war bereits die Touring-Bank aus dem Zubehörka­talog statt der auf Dauer unbequemen Seriensitzbank montiert. Das und der fummelig zu erreichende Seitenständer-Ausleger waren aber auch schon seine einzigen Kritikpunkte an der Royal Enfield Interceptor 650, und nach 2.000 problemlosen Dauerregen-Kilometern hatte er den Twin fest ins Herz geschlossen.

"Fahrerlebnis der rustikalen Art, in der indischen Prärie bestimmt eine Waffe", kommentierte PS-Angaser Tobi Münchinger sein Fahrerlebnis mit der Royal Enfield Interceptor 650. Was dann irgendwie auch eine kleine Verbeugung war, denn genau das brachte die Enfield ihren Fahrern näher: ein entspanntes, ursprüng­liches Fahrerlebnis jenseits von Superlativen und Bestwerten. Und das kam an. Die stark vergrößernden Rückspiegel dagegen weniger. Allerdings zeigen auch die hübschen Zubehörspiegel aus dem ­Enfield-Programm nur wenig mehr vom rückwärtigen Verkehr. Besser kam das sehr adrett gezeichnete, wenngleich spartanisch ausgestattete Cockpit mit seinen schönen Rundinstrumenten an. "Hat schon jemand die Momentanverbrauchsanzeige vermisst?" brachte es der langstrecken­erprobte Tourguide Dani Lengwenus auf den Punkt. Um hinterherzuschieben: "Tolles­, bodenständiges Motorrad, mehr braucht es nicht, um auf Landstraßen Spaß zu haben." Dennoch, eine Uhr und ­eine genauer agierende Tankanzeige ­wären sicher kein übertriebener Luxus.

Royal Enfield Interceptor 650 verbraucht 4,4 l/100 km

Spaß bereitete die Royal Enfield Interceptor 650 dennoch, sowohl den unterschiedlichen Piloten als auch dem Portemonnaie. Rund 4,4 Liter, bei gemütlichen Landpartien auch schon mal unter vier, genügten im Schnitt für 100 Kilometer. Allerdings: Wer das Tankvolumen voll ausnutzen will, braucht Geduld. Wer sich etwa zwei Minuten Zeit nimmt, schafft es, die letzten eineinhalb Liter in den Tank rinnen zu lassen. Öl musste nur ab und zu ein Schlückchen nachgefüllt werden. Und so war die Enfield ständig auf Tour, wobei das ausgezeichnete Licht auch Nachtfahrten den Schrecken nahm. Nebenbei erwies sie sich unter FUEL-Mitarbeiter Tibor Vass auf Autobahnetappen auch als vollgasfest, wobei sie mit leichtem Pendeln ab 160 km/h zu verstehen gibt, dass sie von solcher Behandlung nicht allzu viel hält.

Bei Kilometerstand 13.498 wurde der gerissene Schließer-Gaszug auf Garantie gewechselt, und nach 23.500 Kilometern war das hintere Radlager reif für den ­Austausch. Ansonsten stoppten lediglich die alle 5.000 Kilometer fälligen Wartungstermine ihren Bewegungsdrang. Wobei Ölwechsel nur alle 10.000 Kilometer fällig sind. Entsprechend günstig waren denn auch die 5er-Durchsichten. So kostete der 5.000er-Service nur 104,01 ­Eu­ro, der 15.000er 173,03 Euro. Die 10.000er-Inspektion geriet mit 446 Euro schon teurer, wobei hier neben dem ­Ölwechsel auch Ventilspielkontrolle, Luft­filter und frische Bremsflüssigkeit enthalten waren. Für den 20.000er- und 30.000er-Service wurden je etwa 550 Euro fällig. In ersterem waren allerdings neue Zündkerzen und Kraftstofffilter enthalten, bei letzterem neue vor­dere Bremsbeläge und aufgrund erhöhter Reibung ein neuer Kupplungszug. Ansonsten erhielt die Royal Enfield Interceptor 650 nach 22.500 Kilometern noch einen neuen Kettensatz.

Lenker, Bremsen und Fahrwerk optimieren

Optimierungsbedarf gab’s an der Royal Enfield Interceptor 650 trotzdem. Gerade wegen ihres freund­lichen und umgänglichen Charakters und ihrer Handlichkeit wurde sie auch flott und frech bewegt. Dafür aber ist die aufrecht-entspannte Sitzposition mit relativ weit vor­ne liegenden Rasten zu passiv. Ein flacherer LSL-Lenker sowie die Fußrasten der Continental – es lebe der Baukasten! – sorgen für eine moderat-sportliche Haltung und deutlich mehr Druck auf dem Vorderrad. Flott bewegt kommen aber vor allem die unterdämpfte Gabel und die in der Zugstufe überdämpften beziehungsweise mit zu viel innerer Reibung behafteten Stoßdämpfer an ihre Grenzen. Hier hält der Zubehörmarkt Abhilfe bereit. Für solvente Piloten, die möglichst komfortabel unterwegs sein wollen, lohnt ein Blick in den Öhlins-Ka­talog. Lineare statt progressiv gewickelte Gabelfedern sorgen vorne für feines Ansprechen und etwas mehr Federreserven. Die voll einstellbaren Federbeine mit Ausgleichsbehälter sprechen ebenfalls sehr fein an und arbeiten dazu um Klassen geschmeidiger als die Serienteile. Wer gerne etwas sportlicher oder mit viel Zuladung oder Sozius unterwegs ist, dem sei ein Blick auf die auch preislich interessanten YSS-Komponenten empfohlen. So oder so, ein Tausch vor allem der Federbeine – zumal, wenn wie hier in der Länge verstellbar – bedeutet einen großen Schritt für Fahrwerk und Fahrspaß, der sich durch passende Reifen nochmals ein gutes Stück steigern lässt.

Mehr Performance aus der Einscheiben-Schwimmsattel-Brem­se im Vorderrad zu kitzeln ist indes nicht so leicht. Lucas SV-Beläge (zum Beispiel Louis, 38,94 Euro) lassen die Bremse etwas spontaner zupacken, bei weitgehend gleicher Bremsleistung. Wer sich von Zubehör-Auspuffen mehr Leistung verspricht, wird übrigens enttäuscht. Die Unterschiede liegen nahezu im Bereich der Messtoleranz.

Notizen aus dem Dauertest:

Kilometerstand: 34.800, 2/2021

Grundsätzlich ist die Royal Enfield Interceptor INT 650ein braves Muli, das ohne Murren zuverlässig und mit rund vier Litern Verbrauch genügsam seinen Job macht und auch bei Minusgraden sofort und ohne Zicken anspringt. Und losfährt. Doch ganz ungestreift kommt auch sie nicht durch die Tiefen des Tagesgeschäfts: Der Blinkerschalter verweigert gern das Kommando zum Rechtsabbiegen, und der erst bei der letzten Inspektion erneuerte Kupplungszug ist bereits wieder schwergängig. Und bei lang anhaltender großer Feuchtigkeit ist die Belüftung des Tachos überfordert. Nach ein paar Tagen Trockenheit ist der Durchblick aber wieder da. Last, but not least leidet die Enfield in letzter Zeit an deftigem Shimmy, obwohl weder Lenkkopflager noch Vorderreifen Auffälligkeiten zeigen. Mal schauen, was die Werkstatt dazu sagt. In Planung: Den 35.000er-Service abwarten, dabei Blinkerschalter und Kupplungszug checken, weiterfahren.

Kilometerstand: 34.105, 12/2020

Eine Woche Laternenparken im Winter hat uns die Enfield wohl etwas übel genommen – zumindest ist der Blick auf den Tacho durch das Kondenswasser etwas getrübt.

Royal Enfield Interceptor INT 650 Dauertest
Andreas Bildl
Andreas Bildl, seines Zeichens Test & Technik-Chef bei MOTORRAD rutscht nicht ins neue Jahr, sondern rollt. Eine Woche parkte die Enfield jedoch auf der winterlichen Straße, was sie mit Kondenswasser im Rundinstrument quittiert.

So übel hat sie's uns dann aber auch wieder nicht genommen und ihre Stimmung ist ganz und gar nicht getrübt: Sie sprang auf den ersten Knopfdruck an, lief sofort rund und nahm die Befehle der Gashand sauber an. Wahrscheinlich hat sie sich genauso gefreut wie ihr Fahrer, endlich mal wieder ein paar Kilometer zu rollen. In diesem Sinne rollen wir gut ins neue Jahr statt zu rutschen.

Kilometerstand: 20.500, 5/2020

Die Royal Enfield Interceptor INT 650 mausert sich mit Öhlins-Dämpfern und -Gabelfedern sowie flacherem LSL-Lenker und sportlicher positionierten Rasten der 650er-Continental heimlich still und leise zur kleinen Spaßperle: Einfach, unkompliziert, fährt richtig gut ums Eck. Und wird derzeit in einer wunderschön fotografierten Geschichte zusammen mit der Honda CB 750 Four von Kollege Johannes Müller gewürdigt. Demnächst in MOTORRAD Ausgabe 13, ab 5. Juni im Handel – gedruckt und digital.

Royal Enfield Interceptor INT 650 im Dauertest
Jörg Künstle
Royal Enfield Interceptor INT 650 mit Öhlins-Dämpfern und -Gabelfedern sowie flacherem LSL-Lenker und den sportlicher positionierten Rasten von der 650 Continental.

Kilometerstand: 16.280, 12/2019

Testchef Andreas Bildl pendelt auch im Dezember noch täglich mit dem Motorrad ins Büro – aktuell mit der Royal Enfield Seine Erkenntnis: die ersten Frostnächte mit minus 4 Grad sind da und lassen die Enfield nicht gänzlich unbeeindruckt. Zunächst wollte das Zündschloss etwas bemüht werden, ehe sich der Schlüssel drehen ließ, dann erfolgte der Griff zur Kupplung mit einem vernehmlichen "Krack" und Ruck -vermutlich Kupplungszug angefroren -, also in Summe nichts, was sich nicht mit ein paar Tropfen Öl beheben lässt.

Ansonsten Chapeau, der (luftgekühlte) Twin springt spontan an, nimmt tadellos Gas an, die Bridgestone BT 45 machen auch auf eiskaltem Boden einen guten Job, sympathisch, zuverlässig, also alles im Grünen Bereich.

Kilometerstand: 15.750, 11/2019

MOTORRAD-Testchef Andreas Bildl hat mit der Enfield die 15.000er-Marke geknackt und schildert kurz und knapp seine bisherigen Eindrücke: "Erste Frostnacht, erstes Eis auf der Sitzbank, springt auf Knopfdruck an, läuft sofort rund, eine Wohltat! Die Bridgestone BT 45 machen auch bei dem eher ernüchterndem Wetter und leicht feuchter Straße einen super Job.

Royal Enfield Interceptor INT 650 im Dauertest.
Andreas Bildl.
Trotz frostigen Temperaturen ist die Enfield gut und problemlos angesprungen.

Auch die Öhlins-Federbeine, die derzeit ausprobiert werden, konnten bisher überzeugen. Lediglich die vor allem kalt sehr matte Bremse ist mir ein Dorn im Auge, aber da finden wir sicher auch noch ein paar Beläge, die der Bremse auf die Sprünge helfen."

Kilometerstand: 13.502, 10/2019

Royal Enfield Interceptor INT 650.
Klaus Herder

Service-Redakteuer Klaus Herder entführte die Enfield über knapp 2.500 km ins Norddeutsche: Skandal! Die haben uns das ausschließlich für den indischen Markt bestimmte Sondermodell "Fakir" untergejubelt. Anders ist nicht zu erklären, dass die Enfield die mit Abstand unbequemste Sitzbank hat, die mir in über 40 Jahren motorisierter Zweiradkarriere unter den Allerwertesten gekommen ist. Und ich hatte in meiner Kollektion des Grauens schon viele potenzielle Horror-Sitzbänke…

Die Enfield-Sitzgelegenheit sieht nett aus, ist aber nach spätestens 100 Kilometern gnadenlos durchgesessen. Womit die Phase zwischen 100 und 200 Kilometern echt zäh und schmerzhaft wird. Danach ist wieder alles gut, denn man merkt nichts mehr. Und dabei ist momentan bereits die angeblich bequemere "Touring-Sitzbank" montiert. Gefühlter Unterschied zwischen Serie und Touring: Serienmäßig ist ein gehobeltes Kantholz montiert; in der Touring-Ausführung ist das Kantholz mit Kunstleder bezogen.

Und dann nervt noch der maximal dämlich angebrachte Seitenständer-Ausleger, der immer irgendwie hinter der linken Fahrerfußraste herausgepfriemelt werden muss. Wer das mit Gefühl versucht, öffnet gern mal den Klettverschluss seiner Textilhose. Irgendwann hat man den Bogen raus und tritt das blöde Ding mit etwas Schwung und null Gefühl nach vorn – das klappt.

Einen habe ich noch: Der Sound ist schon etwas traurig, klingt nach Aufsitzrasenmäher. Dabei sehen die Tüten wirklich schick aus.

Fassen wir zusammen: miese Sitzbank (kann man vom Polsterer ändern lassen), nerviger Seitenständer-Ausleger (kann man lernen), langweiliger Sound (wofür gibt’s Zubehöranbieter?!).

Das war schon alles was ich zu meckern habe. Der ganze Rest gefällt mir sehr, sehr gut, und ich habe die supertreue Enfield (2000 klaglose Dauerregen-Kilometer, also Weltuntergangs-Regen!) tief ins Herz geschlossen.

Da ist zum Beispiel dieser herrlich smoothe Motor. Zwischen 2.000 und 5.000/min immer lässig anschiebend, ruckel- und zuckelfrei fahrbar, keine eingeschlafenen Hände, auch ohne viel Schaltarbeit ein für 47 PS erstaunlich munteres und durchzugstarkes Kerlchen. Stichwort Schaltarbeit: superleichte Kupplungsbedienung, genauso leichtes und exaktes Wechseln der Gänge – das können auch die besten Japaner nicht besser.

Dazu kommen narrensichere Bremsen: Die erforderlichen Hand- und Fußhebelkräfte und die Dosierbarkeit stehen immer im gesunden Verhältnis zur Bremsleistung. Das Fahrwerk mit den zwischenzeitlich wohl schon etwas ausgenudelten Federbeinen gefällt mir ebenfalls ganz gut – solider 80er-Jahre-Auftritt mit leichtem Eigenleben in schnellen, langen Kurven mit Verwerfungen (Autobahn-Auf- und Abfahrten o.ä.), alles locker beherrschbar und sogar unterhaltsam. Die momentan montierten Dunlops (?) lieben Längsrillen, aber auch das fällt unter "Hier wird der Fahrer noch gebraucht".

Noch viel besser: keinerlei Elektronik-Gedöns. Das Schätzchen hat ABS und Einspritzung, mehr brauche und will ich nicht. Meine "Fahr-Modi" mache ich mit der rechten Hand selbst. Dafür zeigen die Spiegel auch ohne Zubehör-Verlängerung das rückwärtige Geschehen, das Abblendlicht ist auch ohne LED hervorragend – einfach ein großer Reflektor mit entsprechend üppiger Austrittsfläche. Tacho und Drehzahlmesser sind tagsüber und vor allem auch nachts und bei Schietwetter top abzulesen und blenden trotzdem nicht. Und der kleine Zubehör-Windschild hält erstaunlich viel Druck ab. Außerdem trinkt die Inderin ziemlich wenig: lockeres Über-die-Autobahn-Schnüren mit 130, 140 km/h verlangt maximal 4,5 Liter/100 km. Landstraßen-Cruising ist mit unter 4 Litern zu schaffen. Stichwort Sprit: Der Reserve-Balken blinkt schon bei noch vier Litern Restmenge, und der nur komplett abzunehmende Tankverschluss ist dann doch etwas übertrieben altmodisch – belangloser Kleinkram, an den man sich schnell gewöhnt.

Die Enfield hat mir mal wieder gezeigt, wie unglaublich einfach Motorradfahren sein kann. Wenn die Inder das Ding in absehbarer Zeit mit ca. 850 cm³ und 60, 70 PS bringen, landet sie garantiert in meinem Privat-Fuhrpark. Nur eben nicht als Sondermodell "Fakir".

Royal Enfield Interceptor INT 650.
Klaus Herder

Dass auch Vertreter anderer Marken die Enfield prima finden, zeigte ein kleiner Kaffeepausen-Zwischenstopp bei meinem Harley-Dealer in Hannover. Die Jungs beäugten das Teil durchaus kritisch, aber auch deren Fazit lautete "ziemlich gut gemacht". Als Belohnung verpassten sie der Enfield auf dem rechten Seitendeckel den inoffiziellen "Geprüfte-Gebrauchtmaschinen-Qualität-Aufkleber" (also ihr Firmen-Logo).

Kilometerstand: 9.879, 08/2019

Dauertest Royal Enfield Interceptor 2019 Abholung Inspektion
Fabian Dresler
Auf die Interceptor war MOTORRAD Online-Redakteurin Dina Dervisevic sehr gespannt. Bisher kannte sie von Royal Enfield nur den Einzylinder aus der 500er Bullet.

motorradonline.de-Redakteurin Dina Dervisevic nutzte eine Überführungsfahrt, um das erste Mal die Interceptor zu fahren. Eine kurze Runde in der Stadt muss reichen, um den Vergleich zur 500er Bullet zu ziehen, mit der sie drei Wochen im indischen Himalaya-Gebirge unterwegs war: Der Zweizylinder klingt weniger wie der Traktor-Einzylinder der Bullet – schade eigentlich. Dafür ist das Sitzpolster herrlich weich und ohne die durchstechenden Kanten am Rand bestimmt langstreckentauglicher. Wie es um die Fahrwerkstalente steht, vermag sie nach Stadtverkehr und mit 50 Kilo Eigengewicht nicht abschließend zu beurteilen. Negativ aufgefallen sind auf der Kurzstrecke aber weder Stoßdämpfer noch Gabel.

Mit 1,58 Meter Körpergröße und 76 Zentimeter Innenbeinlänge kommt sie nicht mit beiden Füßen auf den Boden. Hinzu kommt der gefühlt hoch liegende Schwerpunkt der interceptor. Wunderbar ist die mitreißende Entschleunigung des Motorrads: Kein Stress, kein Adrenalin und ob da an der Ecke ein Blitzer steht ist auch vollkommen egal, denn man ist eigentlich nie zu schnell.

Kilometerstand: 9.400, 08/2019

MOTORRAD-Testchef Andreas Bildl hat in seinem Urlaub die Royal Enfield als Begleiterin für einige Kilometer gewählt. Die Interceptor ist ein absolut entspannender Begleiter für Tagesausflüge, die Komfortsitzbank tatsächlich etwas komfortabler als das Original. Die lieblose Abstimmung der Federbeine erweist sich aber als ein dicker Wermutstropfen. Sie sprechen schlecht an und sind in der Zugstufe kräftig überdämpft. In Verbindung mit der eher unterdämpften Gabel schunkelt man mit der Enfield beschwingt durch flotte Kurven. Aber auch der Geradeauslauf auf der Autobahn entlockt dem Piloten keine Begeisterung.

Royal Enfield Interceptor INT 650.
Andeas Bildl

Ansonsten ist die Enfield ein herrlich charmantes Gerät für entspanntes Dahinrollen. Sie springt jederzeit tadellos an, nippt genügsam am Spritvorrat, klingt toll und erntet überall Sympathien. Nervig ist lediglich die Positionierung der Rasten und die des Hauptständer-Auslegers – beim Rangieren kommt man aufsitzend mit beiden in Konflikt. Noch etwas: der nicht klappbare, sondern komplett abzunehmende Tankdeckel mag vielleicht retrochic sein, in der Praxis ist das aber eher lästig.

Kilometerstand: 4.930, 05/2019

Royal Enfield Interceptor INT 650.
Alisa Bielicke

Grafikerin Alisa Bielicke machte sich mit der Royal Enfield auf eine Tour nach Österreich. Ihr Fazit: "Zunächst erntete ich ein paar überraschte Gesichter als ich sagte, ich wolle mit der Ennie am Wochenende nach Österreich fahren. OK, um die Ecke ist anders, aber die gute Enfield lief einfach einwandfrei. Das Stück Autobahn (Stuttgart-Augsburg) war ebenso problemlos und geschmeidig zu fahren wie der Rest der Strecke. Trotzdem wird eine vier Stunden Strecke definitiv zur Geduldsprobe für den Hintern, da sich die Sitzbank als "sah bequemer aus als sie wirklich ist" entpuppte. Der weit entfernte Lenker zwang mich zusätzlich sehr nah am Tank zu sitzen, wo die Bank wirklich schmal ist. Insgesamt aber Daumen hoch für Ennie!"

Kilometerstand: 2.650, 04/2019

Royal Enfield Interceptor INT 650.
Correra
René Correra führte die Royal Enfield zu einem Ausflug nach Heidelberg aus.

Test-Redakteur René Correra hatte die Gelegenheit einige Kilometer mit der Dauertest-Royal abzuspulen. Der Weg führte ihn von Stuttgart nach Heidelberg: "Das Motorrad fährt angenehm und problemos. Gut gefallen haben mir zudem der Sound und die angenehm weiche und souveräne Leistungsentfaltung. Allerdings ist die Sitzbank sehr rutschig und vor allem im vorderen Bereich etwas zu schmal. Auch der Lenker ist etwas weit entfernt, was sich auf Dauer negativ auf die Sitzposition auswirkt. Zudem ist die Tankanzeige sehr launisch. Der Motor braucht in seltenen Fällen relativ lange, bis er startet."

Kilometerstand: 2.000, 03/2019

Royal Enfield Interceptor Int 650 Dauertest
Uwe Seitz

PS-Chef Uwe Seitz über die Royal Enfield: Meine Jungfernfahrt auf der Enflield endete zunächst im heimatlichen Schwarzwald. Darüber habe wohl nur ich mich gefreut, denn die "Ennie" hat sich nachts bestimmt ganz schön die Pleuel verfroren. Trotzdem ist sie problemlos in den nächsten eisigen Morgen gestartet. Lediglich dem Getriebe hat man die kühlen Temperaturen zunächst angemerkt, es war etwas harzig. Und der Motor hat ein bisschen kräftiger geschüttelt. Nach ein paar Kilometern aber schnurrte der 650er-Twin einwandfrei mit ihren 47 PS über die Autobahn. Respekt aus Sportfahrer-Sicht für die Interceptor. Wird sicher niemals ein Kandidat für meine "Haben-will"-Liste, aber ich bin mir sicher, dass wir noch ein paar Kilometer gemeinsam abspulen werden, so lange sie im Dauertestfuhrpark ist – und das ohne echten Gram!

Wassermann
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