Ducati Streetfighter V2 im Top-Test
Leistungsstark, unvernünftig – und geil

Ist die neue Ducati Streetfighter V2 ein würdiger Nachfolger der rüstigen V2-Straßenkämpfer? Der MOTORRAD-Top-Test liefert Antworten.

Ducati Streetfighter V2 Top-Test
Foto: Markus Jahn

Jetzt mal mit Bedacht. Ducatis Streetfighter kann man sich nicht nähern wie jedem anderen Motorrad. Dieses Bike polarisiert. Das liegt schon in seinen Genen. Schließlich ist der rote Straßenkämpfer keine italienische Erfindung der Nach-20er-Jahre dieses Jahrtausends. Schon lange vor der aktuellen V4-Rakete mit breitem Rohrlenker und der V2-Version in diesem Top-Test rockten Streetfighter von Ducati die Straßen. Am eindrucksvollsten riss der 1.098er-Straßenkämpfer von 2009 bis 2013 den Asphalt auf – später dann noch die kleinere 848-Streetfighter.

Pure sportliche Essenz des Motorradfahrens

Fahrhilfen, ABS, Alltagstauglichkeit, ein Rundum-sorglos-Paket? Vergiss es. Hier gab’s damals so etwas wie die pure sportliche Essenz des Motorradfahrens, nur vordergründig mit einem vor den Gabelholmen platzierten Rohrlenker als Naked Bike getarnt. Und ganz ehrlich: Diese Konzeption hatte auch Schwächen. Rappeliger Motor, träges Handling – oder anders gesagt: das berühmte, charakterstarke Motorrad.

Aber: Die aktuelle V4-Streetfighter hat schon gezeigt, wie gut die Neuinterpretation funktioniert, da sollte die Ducati Streetfighter V2 nicht hintenanstehen. Die basiert zu großen Teilen auf dem Sportler Panigale V2. Die wichtigsten Änderungen? Eine kürzere Übersetzung mit zwei Zähnen mehr am hinteren Kettenblatt, eine 16 Millimeter längere Schwinge, der breite, bequem gekröpfte Rohrlenker und ein Design, das ein "Bad Boy"-Image mit jeder Sicke und jeder Schraube selbstbewusst nach außen trägt. Bei Ducati sprechen sie vom Vorbild "Joker", dem fiesen Gegenspieler von Batman, der zumindest bei der knappen, reduzierten und tief nach unten gezogenen Lampenmaske Pate stand. Trotzdem bleibt Platz für schöne Details wie den Seitenständer, dessen Form sich eingeklappt komplett schlüssig an der Ducati Streetfighter V2 anlehnt. Ein "Hach"-Moment für Technik- und Design-Gourmets, auch wenn die übrige Formensprache weit davon entfernt ist, auf "Everbody’s darling" zu machen. Der will die Streetfighter allein schon optisch nicht sein.

Ergonomie für Große und Kleine passend

Dabei bringt die Ducati Streetfighter V2 dafür nach dem ersten Beinüberwurf keine schlechten Zutaten mit. Obwohl der Lenker wie bei der Ur-Streetfighter leicht vor den Gabelholmen montiert ist, finden die Hände wie von selbst zu seinen Enden. Zwar liegt der Sitz 840 Millimeter hoch, doch auch kürzere Menschen erreichen recht locker den Boden. Der im Kniebereich wespentaillengleich geschnittene Tank sowie der im vorderen Segment schmal ausgeformte Sitz lassen einen engen Knieschluss sowie eine kurze Schrittbogenlänge zu. Auch der Kniewinkel passt. Auf den für ein Naked Bike sportlich hinten angeschlagenen Rasten finden die Füße eine sichere, gripstarke Ablage. Und weil die Sitzbank zudem ein großzügiges, straffes, aber nicht hartes Polster aufweist, ist das perfekte Arrangement für klasse Fahrspaß angerichtet.

Allerdings nur in der ersten Reihe. Hohe Soziusrasten, ein briefmarkengleicher hinterer Platz und außer einer wirklich kurzen Haltelasche keine Möglichkeit, sich irgendwo am Bike festzukrallen: Wer bei der Ducati Streetfighter V2 als Passagier aufsteigt, muss leidensfähig sein und viel Vertrauen zum Fahrer mitbringen. Bei einer Zuladung von 215 Kilogramm wären sogar Urlaubsfahrten zu zweit mit Gepäck drin. Da können selbst viele ausgewiesene Tourer einpacken. Nur wohin mit dem Reise-Equipment? Bleiben wir realistisch: Die zweizylindrige Ducati Streetfighter V2 verschreibt sich in erster Linie dem Solistenspaß. Das muss man wollen.

Genau wie die Lebensäußerungen der Ducati Streetfighter V2. 102 dB(A) Standgeräusch stehen auf dem Typenschild. Die Streetfighter klingt kräftig. Wobei der Motor an sich ein spezieller Fall ist. Mit seiner riesigen Bohrung von 100 Millimetern bei nur 60,8 Millimetern Hub frönt er der Drehfreude wie kaum ein anderer Zweizylinder. Die Suche nach höchsten Drehzahlen, nach dem Maximum an Power, der Wille, am besten immer möglichst viele der 152 PS abzurufen, machen ihn zu einem Fest für Gasgriffauswringer. Immer auf der Suche nach dem Limit, Feuer frei, bis die Begrenzerleuchten im toll ablesbaren TFT-Instrument schneller blinken als die Flash-Anlage der örtlichen Disco.

Spitzen-Power: ja; Mitschwimmen: schwierig

Man ahnt es bereits: Diese Abstimmung hat auch Nachteile. Den Bereich ganz unten im Drehzahlband mag die Ducati Streetfighter V2 gar nicht. Unter 3.000 Touren rappelt der Motor nur unwillig, ignoriert jeden Versuch, so etwas wie Rundlauf aufzubauen. Gemacht für Spitzen-Power, nicht fürs spitzenmäßige Mitschwimmen im Verkehr. Auch jenseits der Schüttelphase prescht der dicke V2 nicht so nach vorn, wie man es von immerhin 955 Kubik erwarten könnte. Die Leistungskurve: wellig, mit einigen Einbrüchen. Zudem hängt der Motor nicht immer sauber am Gas – unabhängig vom gewählten Fahrmodus. Von denen gibt’s bei der Ducati Streetfighter V2 drei. An die geknüpft sind entsprechende Abstimmungen für das Kurven-ABS, die Traktions- und Wheeliekontrolle sowie das Motorbremsmoment. Wobei Fahrer oder Fahrerin die freie Wahl haben: mit den vorgegebenen Einstellungen durch die Landschaft huschen oder auch eigene Werte für die einzelnen Fahrhilfen hinterlegen. Alles möglich, einfach umsetzbar und jederzeit wieder auf den Werkszustand zurückzusetzen.

Doch zurück zum Ansprechverhalten des V2. Der stellte bei tiefen Drehzahlen, wie in Kreisverkehren oder in langsamen Kehren bergab, und einem leichten Öffnungswunsch der beiden großen 62er-Drosselklappen das eine oder andere Mal den zündenden Funken ein. Plopp – und aus. Auch sonst geht er zwar nicht richtig harsch, aber eben auch nicht superumgänglich ans Gas, wenn die Drehzahlen sich in der unteren Hälfte befinden. Das Aggregat bleibt bei der Charakterfrage eben ein Fall für heißblütige Spezialisten. Für Freunde des flotten Strichs, die direkt aus der Haustür in ihr persönliches Kurven-Eldorado starten. Ohne Umwege und Stadtverkehr, sondern rein fokussiert auf schnellen Schräglagenspaß de luxe ab dem ersten Fahrmeter.

"Love it or leave it. Keine Kompromisse"

Allerdings bietet der Motor einiges, was auch AlltagsmotorradfahrerInnen freut: Per Schaltautomat samt Blipper reihen sich die einzelnen Gänge lässig, sicher und ohne Griff zur Kupplungshand aneinander. Aber selbst wenn der Griff zur Kupplung gefordert ist, trennt die hydraulische Einheit den Kraftschluss bei mittleren Handkräften sicher, gut dosierbar und feinfühlig. Dennoch: Die Ducati Streetfighter V2 wird von ihrem V2 geprägt und nicht von den Anbauteilen rund um den Zweizylinder. Und bei dem bleibt’s dabei: Love it or leave it. Keine Kompromisse.

Anders sieht’s beim Fahrwerk aus. Wie die Ducati Streetfighter V2 in Radien sticht, verdient schlicht nur eine Wertung: Daumen hoch! Mit unerwarteter Handlichkeit winkelt sie so rasant ab, dass der Straßenkämpfer in den ersten Kurven flugs wieder aufgerichtet werden muss, um noch am Scheitelpunkt vorbeizuziehen. Breiter Lenker, mit 210 vollgetankten Kilos vertretbar schwer, und der Hinterreifen im Format 180/60 in 17-Zoll drücken der Ducati Streetfighter V2 den Stempel eines feurigen Kurvenkünstlers auf. Der kann aber nicht nur schräg, sondern besticht auch mit guter Stabilität. Die im Vergleich zur Panigale V2 verlängerte Schwinge sowie der über der oberen Gabelbrücke montierte Lenkungsdämpfer vermitteln eine vertrauenerweckende Ruhe, die auch in tiefen Schräglagen oder bei hohem Tempo viel Sicherheit ausstrahlt. Jenseits von Tempo 200 braucht’s trotzdem zupackende Fahrer oder Fahrerinnen, weil eine offene Armhaltung und null Windschutz selbst bei Embryohaltung Unruhe in die Ducati Streetfighter V2 bringen. Wobei sich richtig lange Fahrer beim Vollgasritt einen etwas längeren Sitz wünschen, um den Hintern noch weiter gen Heck zu schieben. Der weit oben liegende, stark ansteigende Soziusplatz steht dem im Weg.

Vorn und hinten alles einstellbar

Wer gerne zum Schraubendreher greift, erhält mit dem Fahrwerk der Ducati Streetfighter V2 viel Platz zum Austoben. Vorspannung sowie Druck- und Zugstufe – vorn und hinten alles einstellbar. Die grundsätzliche Abstimmung der Federelemente mit ihrer glasklaren Rückmeldung fällt eher straff aus, filtert Unebenheiten aber so gekonnt weg, dass der MOTORRAD-Tester auch auf schlechtem Belag noch Fahrspaß hat. Raum für individuelle Setups in Richtung härter oder kommoder ist aber genug vorhanden.

Und schon liegt das nächste Eck im Visier. Jetzt schnell Geschwindigkeit abbauen. Ein Leichtes für den Brembo-Anker und das ABS. Mit viel Gefühl tastet sich die rechte Hand am Druckpunkt der radialen Handpumpe entlang, verläuft das Verhältnis von eingesetzter Handkraft und Wirkung schön linear. So steht die Ducati Streetfighter V2 bei Bedarf oder im Notfall richtig flott und ganz ohne Hinterhältigkeit. Zumindest im ABS-Mode drei. Bei diesem arbeiten Kurven-ABS und Abhebeerkennung auf Hochtouren. Der Lohn: stabile, sichere, weil kurze Bremswege. Im Modus zwei stoppt die Ducati Streetfighter V2 noch etwas schneller, allerdings ist dann nur noch das Kurven-ABS vorn und hinten aktiv. Die Kontrolle übers abhebende Hinterrad liegt beim Fahrer/bei der Fahrerin. Wer sich zwischen Curbs austobt, aktiviert bei Bedarf den Modus eins. Dann überwacht das ABS allein das Vorderrad. Kurvenfunktion und Abhebeerkennung fehlen. Ein Abstimmungsangebot, das mit idealer Funktion einschränkungsfrei für jede Gelegenheit taugt – mit klarer Empfehlung des Modus drei für Landstraßengaudi jeder Art.

Wer beim Kurvensurfen auf musikalische Untermalung steht, freut sich bestimmt über das optional erhältliche Ducati Multimedia System (DMS), mit dem sich Smartphone und Cockpit koppeln lassen. Schnell zum nächsten Song geskippt: "Money" von Pink Floyd. Okay, wir müssen noch über Geld reden. Kein ganz einfaches Thema. Schonend fürs Konto: 12.000er-Inspektionsintervalle und recht kurze Wartungszeitvorgaben. Schon beim Verbrauch sieht’s wieder etwas anders aus. 5,5 Liter verbrennt die Ducati Streetfighter V2 auf 100 Kilometern gemäßigter Landstraßenfahrt, kommt damit 309 Kilometer weit. Nicht wenig. Positiv fällt der Benzinkonsum auf der Autobahn aus. Nur ein Zehntel mehr zerstäubt die Einspritzung bei 130 km/h Richtgeschwindigkeit. Fehlt noch der Einstandspreis. Mindestens 17.290 Euro verlangt der Händler. Eine richtige Hausnummer. Da ist die Streetfighter V4 nur noch überschaubare 4.000 Euro weit entfernt, während es die Ducati Monster schon ab 11.890 Euro gibt.

Ducati Streetfighter V2 konfigurieren, probefahren und kaufen

Wer jetzt selbst fahren möchte, für den haben wir hier ein paar weiterführende Links bereitgestellt.

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Fazit

Die alte Zweizylinder-Streetfighter war mit ihrer herausfordernden Art ein Fall für V2-Enthusiasten. Kein Bike für jede Gelegenheit, sondern für krachende fünf Minuten voller Fahrfreude. Zu großen Teilen in die gleiche Kerbe schlägt die aktuelle Ducati Streetfighter V2 mit moderneren Zutaten. Elektronik und Assistenzsysteme sind in Fülle an Bord, ihren Charakter prägt aber der V2. Leistungsstark, unvernünftig – und ein bisschen geil.