Motorradreise Kuba Thorsten Dentges
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Motorradreise Kuba: Mehr als nur Erholungsurlaub

Motorradreise durch Kuba Mehr als nur Erholungsurlaub

MOTORRAD-Reiseredakteur Thorsten Dentges war mit einer Harley-Davidson Road King und einer Gruppe Motorradfahrer auf Rundreise in Kuba. Dass die Insel mit dem Motorrad für weitaus mehr gut ist, als nur für einen Erholungsurlaub, schildert er in seinem Reisebericht.

Der Himmel scheint zu platzen, und irgendwer dort oben dreht offenbar eine Dusche voll auf. Es schüttet jedenfalls literweise auf die zerklüftete, stark zur Seite abfallende und nun auch noch schmierige Straße. Fast 400 Kilo Harley-Davidson rutschen über wenig Vertrauen schaffendes Serienreifengummi, das schwere Eisengerät lässt sich kaum mehr bändigen. Mit 45, dann 30, dann 20 km/h rollt die Road King an einem überdimensionalen Zementwerk vorbei. An der Hafenmole von Puerto Mariel ragen verrostete Kräne am Kai gen dramatisch wolkenverhangenen Himmel. Brachiale Plattenbauten mit durch Schimmel verfärbten Betonwänden komplettieren das triste, überwiegend aus Grautönen bestehende Bild bei der Einfahrt in die gut 40 Kilometer westlich von Havanna gelegene Stadt.

Mariel-Bootskrise von 1980

Willkommen auf Kuba. Ein Tropenparadies? Ein Traumurlaub mit dem Motorrad? Sah im Katalog noch ganz anders aus. Da waren Palmen zu sehen, weiße Strände, blauer Himmel, farbenfrohe Häuser und Autos, hübsche Menschen, chromglänzende Motorräder. Und nun das. Also erst mal Pause, Maschine ab- und sich selbst trocken unterstellen. Die Gruppe sammelt sich unter einem Wellblechdach, an einem Kiosk gibt es Wasser und Zigaretten. Sonst nichts. Doch: Rum. Die Flasche ab einem Dollar fünfzig. Könnte man sich die ernüchternde Szenerie damit vielleicht schöntrinken? Blöd nur, dass es noch mindestens 100 Kilometer bis zum Etappenziel sind.

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Christopher Baker ruft die Gruppe zusammen und setzt wie ein Lehrer auf Klassenfahrt zum Vortrag an. "Puerto Mariel ist ein historisch bedeutsamer Ort", erklärt er, während die Motorradreisenden, die er als Guide durch Kuba führen soll, an ihren Wasserflaschen nuckeln. Baker erläutert, dass von diesem Hafen aus im Jahr 1980 mehr als einhunderttausend Kubaner Richtung USA rübergemacht hatten. Die geraffte Vorgeschichte: Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen unter sozialistischer Wirtschaft, niedergeschlagene Proteste, Flucht von Systemgegnern auf das peruanische Botschaftsgelände in Havanna, ein zorniger Fidel Castro, der daraufhin alle Dissidenten am liebsten von der Insel schmeißen wollte, ein US-Präsident Jimmy Carter, der wiederum daraufhin alle Dissidenten bei sich willkommen hieß, und schließlich Tausende mit Jachten, Kuttern, Segelbooten aus Florida gestartete Exilkubaner, denen zugesagt wurde, ihre ausreisewilligen Verwandten via Puerto Mariel visumsfrei abholen zu dürfen. Das Ganze ging in die Geschichte als sogenannte Mariel-Bootskrise ein.

Castro-Sympathisant und Trump-Wähler

Kuba-Kenner Christopher Baker, "National Geographic"-Autor und Verfasser von Reisebüchern, lächelt etwas versonnen beim Nachsatz: "Und Fidel schickte neben den Flüchtlingen auch Schwerkriminelle und Irre auf die Boote und somit außer Landes, sozusagen als bösartigen, an die USA adressierten Gruß."

Der 64-jährige Baker, geborener Brite, aber seit Jahrzehnten US-Bürger, kann und will seine Sympathien für das linke Castro-Kuba nicht verbergen. Seit 1994 besucht er regelmäßig die Insel. Einige der Reisenden, die er hierher unter das Schutzdach geführt hat, machen wiederum keinen Hehl aus ihrer Sympathie zum Republikaner Donald Trump, ihrem gewählten Präsidenten. Und so entspinnt sich inmitten dieser heruntergekommenen kubanischen Hafenstadt eine spannende Diskussion über Flüchtlinge. Dabei haben die US-Amerikaner ja gerade selbst in gewisser Weise Asyl gesucht – wenngleich lediglich verfolgt von unbarmherzigem Regen. Politisch also unverfänglich.

US-Programm für Gruppenreisen nach Kuba

Als Außenstehender dieser etwas grotesken Szene fragt man sich, was diese Leute in Motorradkluft eigentlich zusammengeführt hat. Schließlich scheint es kaum nachvollziehbar, warum sich hierher Touristen verirren sollen, ausgerechnet mit auffälligen "Klassenfeind"-Motorrädern und kurioserweise gestrandet in diesem geschichtsträchtigen Mariel, von wo aus vor fast 40 Jahren eben beschriebener Massen-Exitus begann. Die Antwort lautet: "People to People". So heißt ein US-Programm für Reisen nach Kuba. Denn Amerikaner können aufgrund eines Embargos den Karibikstaat nicht einfach so besuchen (damit möglichst wenige Devisen von den USA in Richtung Kuba fließen), aber mittels eines speziellen interkulturellen Austauschs sind seit einigen Jahren Gruppenreisen vereinfacht möglich – nordamerikanische Sportteams, Kirchengruppen oder Musikvereine machen davon seither Gebrauch. Auch der österreichische Reiseveranstalter Edelweiss Bike Travel nutzt dieses Programm, um US-Kunden geschmeidig nach Kuba zu bringen. Und Christopher Baker als dozierender und völkerverbindender Tourguide erfüllt wohl die nötigen Kriterien, um so eine Pauschal-Motorradreise auch für die Amis möglich zu machen.

Motorradreise Kuba
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Auf dem Reiseplan steht die Zusammenkunft mit Künstlern, Wissenschaftlern und Sportlern sowie verschiedene Stopps an historischen Stätten wie etwa am Che-Guevara-Mausoleum bei Santa Clara oder an der legendären Schweinebucht, wo 1961 die Vereinigten Staaten mit einer vom Geheimdienst CIA organisierten Invasion krachend gescheitert waren. Die allzu offensichtlichen Bestrebungen der Amerikaner unter John F. Kennedy, Kubas Revolutionsregierung zu stürzen, eskalierten in Folge der Schweinebucht-Invasion beinahe zu einem Atomkrieg – die Älteren erinnern sich noch lebendig an die damals weltpolitisch dramatische Kubakrise. Die Bahía de Cochinos heutzutage: ein betulicher karibischer Sandstrand mit Badegästen und Hobbytauchern. Und die Motorräder dienen auf diesem Kultur- und Bildungstrip offiziell lediglich als Transportmittel, um zu den einzelnen Programmpunkten zu gelangen. Inoffiziell spielt der Kulturaustausch jedoch eine untergeordnete Rolle – denn wer diese Reise bucht, möchte eine schöne Urlaubszeit auf dem Motorrad und auch abseits davon erleben. Deshalb gehören Tabakfarmen, Zigarrenfabriken, Oldtimer-Stadtrundfahrten und All-inclusive-Strandclubs ebenfalls mit zum touristischen Fahrplan.

Menschentraube um BMWs und Harleys

Mittlerweile hat es aufgehört, zu regnen, und alle schielen zu den BMWs und Harleys rüber. Dort hat sich binnen weniger Minuten eine Menschentraube rund um die Maschinen gebildet. Ganze Familien strömen herbei, die Bewohner der umliegenden Häuser nehmen die geparkten Motorräder offenbar als willkommene Abwechslung wahr. Auf die nun etwas verwirrten Ami-Touristen prasseln Fragen ein: "Wie viel PS hat die?" – "Mehr als vier Gänge?" – "Wie schnell könnt ihr damit fahren?" – "Von wo kommt ihr her?" Die kubanischen Männer fachsimpeln über die Technik, die Frauen belächeln ihre Männer, weil diese wie kleine Jungen ums Spielzeug schleichen, und Kinder wollen auf den Maschinen Probe sitzen. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird gescherzt und gelacht, Sprachbarrieren werden durch engagiertes Gestikulieren abgefangen. Tourguide Christopher springt bei Bedarf als Dolmetscher ein. Ein paar der Kubaner sprechen außerdem ein paar Brocken Englisch. Für eine Viertelstunde gelten die fünf amerikanischen und zwei österreichischen Motorradtouristen auf dem kleinen Marktplatz als die Attraktion schlechthin, sie werden regelrecht gefeiert, bevor man sie nach Starten der Motoren freudig winkend aus Puerto Mariel herzlich verabschiedet.

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Nun scheint die Sonne, der Himmel ist blau. Nach Viñales winden sich kurvige Straßen in die üppig bewachsenen Berge, dort, wo der Tabak wächst. Der Vauzwo blubbert zufrieden unter der Biker-Jeans. Den Asphalt teilt man sich mit uralten Amischlitten, die seit den 1950ern zigfach mittels selbst gebastelter und handgeschmiedeter Ersatzteile komplett revidiert wurden. Ruß rotzende Russen-Militärlaster, Fahrradfahrer und Pferdekutschen kommen einem auf den Landstraßen und selbst auf der Autobahn entgegen. Durchmischt wird die Szenerie mit MZ-Gespannen, Polski-Fiat 500, Ladas, VW Golf und Opel Astra aus den Achtzigern und Neunzigern. Völlig verrückt, alles wirkt wie eine Zeitreise durch vergangene Jahrzehnte. Doch auch moderne Autos aus chinesischer Produktion, Elektro-Scooter und sogar aktuelle Mercedes A- und C-Klassen sind im Straßenbild zu entdecken. Was allerdings so gut wie gar nicht zu sehen ist: neue Motorräder. Was einen deshalb als Motorradreisender auch nicht weiter verwundern sollte, aber dennoch etwas befremdet: Überall filmen einen die Menschen mit ihren Smartphones. Beim Überholen, beim Vorbeifahren, beim Tanken, beim Anhalten. Gewöhnungsbedürftig, als Tourist offenbar selbst eine Sehenswürdigkeit zu sein. Willkommen auf Kuba!

Das Spiel wie in Mariel – Motorrad abstellen, Menschen treffen, miteinander sprechen, lachen, flirten – wiederholt sich bei fast jedem Stopp auf dieser Tour. Es ist ein herzerwärmender Austausch, angetrieben von reiner Neugier und ehrlich gemeinter Zuwendung. Trotz des offensichtlichen Wohlstandsgefälles – auf der einen Seite die Urlauber aus den reichen Ländern, auf der anderen Seite die Kubaner, deren staatlich reglementiertes Monatseinkommen im Schnitt bei kaum mehr als 25 Dollar liegt – scheint Neid kein Thema zu sein. Und je mehr man mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommt, desto vielschichtiger wird das Bild. Kuba-Experte und anscheinend wandelndes Lexikon Christopher Baker klärt außerdem über alle geschichtlichen Hintergründe auf und vermittelt Wissen über die Leute und Kultur hier. Ja, in Kuba gebe es mitunter große Unzufriedenheit über die wirtschaftliche und politische Lage, und ja, viele Kubaner würden gerne auch mal woandershin reisen und mehr von der Welt sehen. Den meisten fehlten die finanziellen Mittel oder die behördlichen Genehmigungen dazu. Aber es sei immer wieder erstaunlich, mit welcher Lebensfreude und welchem Stolz auf ihr Land einem die Kubaner begegneten. Baker schätzt ein, dass bei freien Wahlen viele das bestehende System vermutlich wieder wählen würden – trotz aller unverkennbaren Mankos.

Auf Kuba sind gemächliche Motorradtouren angesagt

Die Schlaglöcher in den Straßen, besonders in den Bergen oberhalb von Trinidad, sind ebenfalls kaum zu übersehen. Sie würden ganze Mittelklassemaschinen schlucken und vereiteln jede sportive Fahrt. An manchen Stellen ist der Asphalt komplett ausgesetzt. Rollsplitt, Sand und Schotter garnieren häufig die Fahrbahn, und Hunde, Kühe und liegen gebliebene Fahrzeuge blockieren mitunter die Durchfahrt. Für Gasköppe und Heizer ist die Karibikinsel sicherlich kein Paradies, dazu ist die Motorrad-Infrastruktur zu schlecht, und reizvolle Kurvenstrecken sind eher die Ausnahme.

Motorradreise Kuba
Thorsten Dentges

Kuba-Fahrer sind hier aus anderen Gründen mit dem Motorrad unterwegs: Sie wollen gemächlich entdecken, sich von zahlreichen sinnlichen Reizen bewegen lassen. Wollen das Land ganz nah erleben. Das geht wunderbar mit dem Motorrad, auf diese Weise kommt man gut ran an die dort lebenden Menschen. Das Schöne besteht auch darin, die Maschine mal abzustellen, sich mit einer fetten Zigarre an den Hotel-Pool zu flacken, abends in der Bar einen Mojito zu schlürfen, Son- und Bolero-Livebands zu lauschen, Salsa zu tanzen, am Sandstrand dem Sonnenuntergang über dem Meer zuzuschauen, mit dem Gastgeber einer Casa Particular, also einer Privatunterkunft, ins Gespräch zu kommen. Auch das ist Teil dieser Pauschalreise.

Tour endet in Havanna

Die Tour endet in Havanna. Ein letztes Mal parken die Motorräder vor einem Hotel, und neugierige Menschen kommen herbei. Christopher Baker übersetzt wieder bei Fragen und bringt die Touristen und Einheimischen miteinander ins Gespräch. Erst redet man über die Harleys, dann über die Familien, das Wetter, Baseball, was in den USA und auf Kuba gleichermaßen populär ist. Die Amis haben sich mittlerweile ein paar spanische Wörter zugelegt und hauen sie scherzhaft raus. Die Kubaner lachen ausgelassen über die lustige, weil falsche Aussprache. Zum Abschied werden herzlich die Hände geschüttelt, und man umarmt sich. Touristenführer Baker scheint zufrieden – sein auf Motorradfahrer getrimmtes "People to People"-Programm war offenbar auch diesmal wieder erfolgreich.