Motorradtour Toskana und Emilia-Romagna

Motorradtour in Toskana und Emilia-Romagna Urlaubs-Endurismus

Erholen und genießen, Motorradfahren und Offroad-Grenzen ausloten – mit einer Aprilia Tuareg 660 als Erprobungsfahrzeug entdeckten wir in Italien eine ganz neue Form des Tourismus: den "Urlaubs-Endurismus".

Motorradtour Toskana Thorsten Dentges
Motorradtour Toskana
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Motorradtour Toskana 17 Bilder

Wohin soll’s gehen? Etwa zum zwischen Algerien, Libyen, Niger und Mali umherziehenden Sahara-Nomadenvolk der Tuareg, Namensspender von Aprilias neuem Modell? Ein Blick in die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes zu diesen Ländern und ein weiterer in den Terminkalender (maximal eine Woche Zeit) treiben derartige Abenteuerpläne allerdings schnell aus. Vielleicht doch besser … Toskana? Denn die Frage ist ohnehin eher: Was geht? Nicht im Sinne der Begrüßungsformel, sondern durchaus ernst gemeint als Frage, an welchen von Landschaft und Natur gestellten Aufgaben das einspurige Geländefahrzeug kapitulieren muss.

Steil, schmal, mit Grobgeröll und Felsen

Und das sollte sich auch in der hügelig-bergigen Landschaft der Apenninen gut überprüfen lassen. Glaubt man zumindest Alessandro Riva, Tourveranstalter und Trainer von ACE Premium Enduro in Palazzuolo Sul Senio, einem Bergdörfchen in der nordöstlichen Toskana. Er verspricht: megasteile Anstiege auf schmalen Waldpfaden, mit Grobgeröll und Felsen durchgestufte Abfahrten, glitschige Bachdurchquerungen, fies klebrige Lehmspuren und feucht-rutschige Wiesen. Genau dort hindurch jagt der ehemalige Profi-Rennfahrer, der Hardenduro-Events wie Romaniacs und Erzbergrodeo absolviert hat, seine Schützlinge. Diese reisen aber meist nicht auf, sondern eher mit einer Sportenduro an und wollen an besagten, besonders herausfordernden Stellen bestehen. Oder eben auf die Klappe fliegen. Gehört dazu.

Aprilia Tuareg 660 Fahrbericht
Enduro

Aber dieses Programm für eine Reiseenduro wie die Aprilia Tuareg 660? Skepsis ist angesagt, schließlich möchte der hoch zu (Motor-)Rosse sitzende Reiter nicht alle paar Kilometer mehr als vier Zentner umgestürztes Metall, Gummi und Plastik hochhieven, geschweige denn zerborstene Verkleidungsteile aus der Botanik wieder herausfischen. Und am Ende der Urlaubswoche möglichst auch auf Achse wieder via Autostrada den Heimweg antreten können. Alessandro beruhigt: Nein, auf seinen Touren und Trainings sollten Mensch und Maschine zwar gefordert, jedoch nicht überfordert werden. Das gelte auch für Reiseenduros.

Neuer Ansatz: Urlaubs-Endurismus

An dieser Stelle lohnt es, ein wenig über den Begriff "Reiseenduro" zu sinnieren. Eine Enduro zum Reisen … oder eher: eine Reisemaschine zum Endurofahren? Klare Definitionsmerkmale fehlen, der Begriff ist dementsprechend sehr dehnbar, und dass genaue Handlungsanweisungen für jeden Fahrertyp und jede Geländesituation im Betriebshandbuch stünden – auch das nur eine Illusion. Überhaupt, was gilt als "Reise"? Der Trip zu den Tuareg, oder ist eine geführte Tour durch die Toskana bereits eine solche? Welche allerdings auch Abenteuerliches verspricht, bei der nebst enduristischen jedoch zudem kulinarische sowie kulturelle Leckerbissen auf der Agenda stehen. Wäre dann nicht sogar der Begriff "Urlaubs-Endurismus" der zutreffendere? Vielleicht mal ein ganz neuer Ansatz …

Nun denn, die Toskana ruft und die Aprilia läuft sich gerade warm. Der Zweizylinder aus Italien tuckert auf gehobenem Drehzahlniveau in frischer Morgenröte auf deutscher Autobahn munter seiner ursprünglichen Heimat entgegen. Mehr als Tempo 140 mag die mit leichtem Gepäck bekofferte Aprilia allerdings nicht so gern, was aber wohl den frischen Straßen-Enduroreifen geschuldet ist, die sich bei stumpfem Bahngebolze als zu rührig und sensibel gebärden. So viel sei vorweggenommen: Die bei Rückfahrt ein Stück weit runterradierten Conti TKC 70/Rocks liefen dann, dementsprechend anders konturiert, selbst bei 170 Sachen ruhig und stabil, und als 70/30-Enduropneus hinterließen sie bis dahin einen sehr respektablen Eindruck im Gelände. Kurzum, die Reifen sind eine gute Wahl für so einen Adventure-Trip, zumal sie nach der Woche und mehr als 2.500 Kilometern noch so aussahen, als sei eine Weiterfahrt zum Nordkap kein Problem.

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Präzision und Spurstabilität

Doch zurück auf die Straße. Auf dem Fernpass in den österreichischen Alpen schlängelt sich die schlanke Maschine gewieft mit hoher Präzision und Spurstabilität an dicken Lastern und breiten Wohnmobilen vorbei, bremst sich sicher in die Lücken zwischen zögerlichen Familienkutschen. Tanken am Brenner, Pausieren an der erstmöglichen italienischen Raststätte: Panini, Espresso, scusi, Caffè! Aah, so schmeckt und riecht der Süden. Angekommen im Urlaubsmodus, schon nach wenigen Stunden. Magnifico! Herrlich auch die wie in Öl gemalten Bergkegel auf Höhe Gardasee. Anhalten, Hotel suchen? Oder weitergleiten durch diese Traumwelt, zumal die "Urlaubsenduro" mit gutem Windschutz und Sitzkomfort nicht stresst, das Fahren eher entspannt und einen immer weiter entfernt vom trüben Alltag. Ergo Gas auf, durchziehen bis in die Toskana. Schauen, was geht.

Offroad, Landstraßen und Mugello-Racetrack

Nach erholsamer Nacht in erfrischend heilsamer Bergluft in rustikaler Umgebung wird es ernst: Enduroprüfungen in freier Wildbahn stehen an; Alessandro hat bereits wilde Pläne ausgeheckt. Der Waldboden ist feucht, aber griffig, die Schotterwege zeigen sich von ihrer gutmütigen Seite. Bisher jedenfalls ist alles Offroadige vertrauenserweckender als die flickgeschusterten, schlaglöchrigen Asphaltsträßchen mit schmierseifigen Verlusten aus landwirtschaftlichen Fahrzeugen, die hier im hintersten Hinterland der Toskana an der Grenze zur Region Emilia-Romagna unterwegs sind. Was aber nicht bedeutet, Straßenspaß wäre nicht möglich. Auf dem Passo della Raticosa etwa, wo sich wunderbar auf der äußersten Reifenlauffläche balancieren lässt und wo im Gasthaus an der Passhöhe an Wochenenden ein illustres Gewusel von italienischen Bikern entsteht, welche ebenso hungrig auf Schräglagen wie auf hausgemachte Pasta sind. Dito feinste Fahrfreude am grandiosen Passo del Giogo, der fast bis zum Autodromo Internazionale del Mugello führt. Gekonnte und weniger erfolgreiche Knieschleifversuche sieht man bei Passfahrt und ebenfalls als Zaungast auf der Formel-Eins- und MotoGP-Rennstrecke.

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Auch mit der Tuareg wären straßensportliche Turnübungen auf dem prima Asphalt des Giogo oder des folgenden Passo del Muraglione zwar gut möglich – Durchzappen durchs Fahrmodi-Menü wirkt dabei unterstützend. Aber mal ehrlich: Will man im Kontext von entgegenkommenden, wild überholenden Fiat Pandas, lang gezogenen Reigen an 911er-/Roadster-/Ferrari-/Oldtimer-Touristengruppen sowie die Fahrbahn blockierenden Traktoren tatsächlich wissen, was geht? Nein, dann lieber weniger heißblütig den Kopf zurück in den Urlaubs- und die Maschine in den Offroad-Modus schalten.

Parco Regionale della Vena del Gesso Romagnola

Alessandro führt, fördert und fordert. An besonders steilen, mit tiefen Spuren durchzogenen Forstwegen zum Beispiel. Die Traktionskontrolle hatte sich dort jedoch durch hilf- und planloses Knöpfedrücken verstellt und nun, mitten bei einer Kletterpartie mit weit über 30 Prozent Steigung, verhungert und verharrt das Motorrad stotternd im Hang. Wie man und frau sich aus so einem Malheur befreit, zeigt und erklärt der Trainer. Der direkt im Anschluss an die Theorie auch die Praxis folgen lässt, in den sandigen Hügeln des Parco Regionale della Vena del Gesso Romagnola, in den man sich als motorisierter Zweiradler normalerweise nicht verirren würde und wo sich eher Mountainbiker und Wanderer die handtuchbreiten Pfade teilen. Als Einheimischer weiß Alessandro auch, welche mit Verboten beschilderten Viehgatter er öffnen darf, um Eintritt zu privaten Landwirtschaften zu erhalten, auf deren Gründen man sich gern geduldet mit der Enduro etwas austoben darf.

Die Gegend ist freundlich gegenüber Geländefahrern. Unterwegs nicht ungewöhnlich: leicht ergraute, aber fitte Enduro-Wandervögel auf noch mehr ergrauten, aber ebenfalls noch munteren Einzylinder-Schätzen aus den 1980ern. Auch der ehemalige Dakar-Rallyepilot Giovanni Sala wohnt in der Region und treibt, niemals altersmüde, in den dichten Wäldern mitunter zweitaktend sein Unwesen.

Zum Essen flugs an die Adria düsen

Die Durchquerung eines Bachlaufs per algenüberwachsenem Stauwehr mit fast drei Metern Fallhöhe meistert die homogen im Standgas tuckernde Aprilia meisterlicher als der verkrampft mit Angstschweiß auf der Stirn agierende Fahrer. Puh, noch mal gut gegangen. "Was geht?", fragt Tourguide Alessandro, meint aber eher die anstehende Mittagspause. Dazu könne man flugs an die Adria düsen, nach Cervia bei Rimini, frischer Fisch und Meeresfrüchte, erlesener Weißwein, am besten im "Ristorante Saretina 152" direkt am Strand, zwar etwas edelpopedel, aber erstklassig und anschließend ein bodenständiges Gelato und Ausruhen im Café am Kanal. Quasi als touristisches Kontrastprogramm zu den rustikalen und muskelzehrenden Waldaktionen. Klar, gebongt, und die Stunde Fahrt, locker auf Asphalt, fühlt sich auf der "Urlaubsenduro" dann tatsächlich an wie eine Wellness-Massage. Fantastico!

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Toskanische Hügel im Breitbandpanorama

Nach dem kurzen Strandtourismus und mit nun etwas Sonnenbrand auf der Nase führt der Rückweg durchs fotogene Brisighella mit mittelalterlichem Ortskern und imposanter Festung aus dem 13. Jahrhundert – noch was fürs Urlaubsalbum. Nun aber genug "gefreizeitet", jetzt bitte wieder ran an die Arbeit, also ab ins Gelände! Mal sehen, was noch so geht. Alessandros Miene verdüstert sich ähnlich schnell wie der zuvor strahlend blaue und dann plötzlich gewittrige, dunkelviolette Himmel, der an dieser Stelle offenbar zuvor seine Schleusen geöffnet hatte. Der Sandboden ist zu einer zementartigen Masse aufgeweicht. "Nichts geht. Hier jedenfalls nicht mehr, und schon mal gar nicht mit unseren Reiseenduros und der Allroundbereifung", erklärt der erfahrene Endurotrainer. Pfadfinderisch sucht er nach anderen, geschotterten, besser fahrbaren Ausweichrouten und findet sie auch. Noch einmal hoppelt, furcht, fräst und springt die Zweizylindermaschine durchs Geläuf, klettert agil auf einen Berggrat, von wo aus sich die toskanischen Hügel zu einem Breitbandpanorama in höchster Brillanz ausformen.

Zeit zum Innehalten und Resümieren. Was ging? Nur eine Woche Urlaub, aber gefühlt ein Lichtjahr weit weg von zu Hause. Viel (An-)Reise, aber auch viel Enduro. Neue Entdeckungen, schöne Erfahrungen: ob nun Schleichwege, geheime Straßen, versteckte Hinterland-Bars mit perfekt feinporigem Cappuccino und herzlich serviertem Hausgebäck oder heitere Menschen, gesellige Abende mit Sangiovese sowie knuspriger Focaccia aus dem Steinofen. Erlebnisse und Erinnerungen, die, weil man sie sich teilweise erst hart erarbeiten musste, nicht gleich schon mit dem ersten Fahrtwind auf der Autobahn heimwärts wieder verfliegen. Auch die treu ergebene "Urlaubsenduro" scheint durch ihre Lampenmaske hindurch verschmitzt zu lächeln und auf die still gestellte Frage nach Wiederholung dieses kleinen Abenteuers zu antworten: "Das geht."

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