Energica Michelin Enviro MotoE Energica/Michelin
Energica Michelin Enviro MotoE
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Michelin Enviro
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Michelin baut Rennreifen aus Altreifen

Grüner Rennreifen von Michelin In der MotoE auf Recycling-Gummis

Grüne Mobilität? Check. Grüner Rennsport? Hürdenreich. Ein Schritt zum nachhaltigen Rennsport sind E-Motorräder, ein weiterer Rennreifen aus recyceltem Material.

Würde ein Reifen auf der Straße nur einen Tag halten, wäre der Teufel los. Im Rennsport sind derartige Laufleistungen normal, in Sachen Grip mitunter gewünscht. Nachhaltigen Rennsport aufgrund Antriebes bieten die Elektro-Pioniere von Energica als Exklusiv-Hersteller der Motorräder in der MotoE mit Vorbildfunktion an. Reifenausstatter Michelin zieht nach – ein bisschen zumindest – und präsentiert einen neuen Reifen für die MotoE, hergestellt aus 33 bis 40 Prozent nachhaligen Materials.

Recycling vs. Verwertung

Recycling definiert sich über das Verfahren aus einem entsorgten Material einen Sekundärrohstoff zu gewinnen, der für die Herstellung neuer – meist andersartiger – Produkte genutzt werden kann. Dem gegenüber steht die Verwertung oder Endverwertung als Brennstoff zur Energieerzeugung. Dazwischen wächst seit einigen Jahren die Kreislaufwirtschaft. Innerhalb des Kreislaufs sollen mit neuen Verfahren Stoffe in einer so hohen Qualität recycelt werden, dass sie direkt wieder in die Herstellung des gleichen Produkts fließen können. Besonders interessant ist das für Hersteller von Verschleiß-Produkten mit vielen unterschiedlichen Komponenten, hohem Energie- und Rohstoffaufwand. Unter anderem: Reifen

Michelin MotoE

Schwarz und rund. Zwei Eigenschaften die auf den Großteil aller Reifen zutreffen. Die Form kommt von der Physik, die Farbe vom Ruß, der das Gummi abriebfester und beständiger gegen Umwelteinflüsse macht. Genau hier setzt Michelin beim neuen Rennreifen MotoE an und verwendet aus Altreifen gewonnenen Ruß. Dieser wird in einem speziellen Pyrolyse-Verfahren des schwedischen Start-Ups Enviro gewonnen und ist von so hoher Güte, dass er im Gegensatz zu manch anderen Verfahren wieder im Reifen eingesetzt werden kann. Und in diesem Falle in einem Rennreifen in der Weltmeisterschaft mit höchsten Ansprüchen an Grip, Haltbarkeit und Verlässlichkeit. Was das der Umwelt bringt? Weltweit benötigt die Industrie pro Jahr ungefähr 10 Millionen Tonnen des Rußes für alle Arten von Gummi. Jedes Kilo neu erzeugten Rußes verbraucht dabei zwei bis drei Liter Erdöl. Das Sparpotenzial für recycelten Ruß ist also enorm.

Michelin Enviro
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71 Mal Marquez

Michelin möchte bis 2030 für alle Reifen 40 Prozent der Materialien nachhaltig gewinnen. Sprich Recycling und Kreislaufwirtschaft. Der neue Hinterradreifen der MotoE erfüllt das Ziel heute schon, besteht er in der Saison 2021 bereits aus 40% nachhaltiger Materialien. Der Vorderreifen ist mit 33 Prozent Anteil auf einem guten Weg. Insgesamt geht Michelin davon aus mit dem Einsatz des grünen Reifens in der MotoE pro Saison gut 4,6 Tonnen an nachhaltigen Materialien einzusetzen –71 Mal das Gewicht von Marc Marquez oder 13.143 Pizza Margherita. Gut 20 Tonnen Altreifen wurden bereits für die Entwicklung der neuen Rennreifen recycelt. Die Bilanz scheint positiv.

Pro Rennwochende stehen den Fahrer der MotoE 16 Reifen zur Verfügung, neun Slicks, sieben Regenreifen: vier Slicks vorn, fünf hinten, drei Regenreifen vorn und vier hinten. Unterschiedliche Mischungen gibt es nicht, die MotoE fährt auf Einheitsreifen. An Doppelrennen erhöht sich die Gesamtzahl der Reifen auf elf und neun.

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Orangenschalen, Baumharz und Altmetall

Um auf die 33 und 40 Prozent nachhaltiger Materialien in den Michelin-Reifen zu kommen, braucht es mehr als nur den Ruß. Weitere natürliche Inhaltsstoffe sind neben Kautschuk für das Gummi auch Sonnenblumenöl, Kiefernharz sowie Schalen von Orangen und Zitronen. Klingt etwas nach Sommer-Salat ist aber tatsächlich im Reifen. Sonnenblumenöle werden schon länger im Reifenbau verwendet, um den Kautschuk besser verarbeiten können und den Gummi geschmeidiger zu machen. In dieser Form ersetzt das Sonnenblumenöl vereinfacht gesagt Erdöle. In die gleiche Richtung geht die Verwendung von Kieferharz als Basis der im Gummi verwendeten Isoprene, die in verschiedenen Kombinationen den Nassgrip und die Laufleistung erhöhen. Interessant wird es bei den Orangen- und Zitronenschalen: Sie sind in einem sehr neuen Verfahren die Basis für synthetischen Kautschuk. Aus den Schalen wird Bioethanol gewonnen und in einem weiteren Schritt Butadien als Grundstoff für synthetischen Kautschuk. Die Biomasse ersetzt in dem Fall Erdöl. Das Altmetall entsteht ebenfalls in dem speziellen Pyrolyse-Verfahren von Michelin und Enviro und kommt in den Gürtellagen und Wulstkernen der neuen Reifen zum Einsatz.

Michelin Enviro
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Was ist Pyrolyse?

Pyrolyse ist ein gängiges Verfahren, um Materialien unter Ausschluss von Sauerstoff zu erhitzen. Das Material verbrennt dabei nicht, sondern verschwelt. Vergleichbar ist das mit der Herstellung von Holzkohle. Moderne Pyrolyse-Verfahren arbeiten mit Stickstoff, der auf mindestens 400 Grad Celsius erhitzt wird. Genaue Temperaturen sind Betriebsgeheimnis. Werden Altreifen per Pyrolyse erhitzt, sind wertvolle Rohstoffe wie der sogenannte Industrie-Ruß, Gas, Öl und Stahl aus dem Reifen recyclebar. Besonders der Ruß ist hochinteressant, da er in nahezu allen industriellen Gummiprodukten zum Einsatz kommt. Im Reifen sorgt er für die schwarze Farbe, erhöht seine Laufleistung und macht ihn resistenter gegen Umwelteinflüsse.

Michelin Enviro
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Was macht Michelin jetzt anders?

Das schwedische Unternehmen Enviro, an dem Michelin einen 20-Prozent-Anteil hält, hat ein eigenes Pyrolyse-Verfahren entwickelt und kann durch eine spezielle Temperaturregulierung die Qualität des zurückgewonnenen Rußes deutlich steigern. Gängige Verfahren arbeiten nach dem Prinzip von Wäschetrocknern: Die Hitze wird von außen auf eine Trommel übertragen, die den Stickstoff innen erhitzt. Dadurch ist die Temperatur innerhalb der Trommel und der zu verarbeitenden Reifenreste aber nie gleich, was durch die Drehung der Trommel zusätzlich erschwert wird. Außerdem bedarf das herkömmliche Verfahren vorab der Trennung des Gummis vom Stahl der Karkasse und des Reifenwulstes.

Enviro füllt hingegen einen Reaktor mit ungetrennten Reifenresten und gibt das bereits heiße Gas hinzu. So erhitzt sich das gesamte Material wie in einem Umluftbackofen schneller und gleichmäßiger. Das spart viel Energie, außerdem fällt die aufwändige Trennung des Gummis vom Stahl vorab weg. Allerdings bedarf das Verfahren einer genauen Überwachung und Steuerung der Temperaturen. mittels der Methode erhöht Enviro die Qualität des Rußes, so dass der dann auch für Herstellung von qualitativ hochwertigen Reifen genutzt werden kann. Außerdem entstehen sogenannte Pyrolyse-Gase und Öle, die beim Betrieb des Werks nützlich sind. Der ebenfalls übrigbleibende Stahl kommt zur Wiederverwendung in Schmelzwerke. Ein Verfahren, dass Michelin und Enviro in der Gründung eines eigenen Werks industrialisiert haben.

Umfrage

42 Mal abgestimmt
Kann Rennsport überhaupt nachhaltig im Sinne der Umwelt sein?
Ja, es kommt wie bei aller Nachhaltigkeit auf das Verhalten des Einzelnen an.
Nein, das Ziel der schnellste zu sein kann die Umwelt nicht schonen.

Fazit

Grüner Rennsport und Labor zu gleich: Die MotoE mit den Hauptakteuren Energica und Michelin gehen voran. Energica entwickelt seine Technik weiter und Michelin kann neue Materialien und Methoden Härtetests unterziehen. Das könnte auf eine nachhaltigere Mobilität von morgen einzahlen.

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