Neumeister schließt eine Verlagerung der Motorradproduktion nach Indien aus und spricht von einem klaren Bekenntnis zu Österreich. Als Argument nennt er "über 440 Ingenieure", die in Mattighofen Produkte entwickeln. Hierzu ist ebenfalls wichtig zu wissen, dass die Bajaj Mobility AG – die frühere Pierer Mobility AG – ihren Sitz in Mattighofen hat.
Europa steht in der Kritik
Zur Einordnung gehört, warum das Thema überhaupt hochkochte: Bajaj-Chef Rajiv Bajaj sagte in einem TV-Interview im August 2025, "die europäische Produktion ist tot". Medien berichteten damals über die Unruhe und zitierte KTMs Linie, derzeit gebe es keine Pläne, die Produktion aus Europa zu verlagern. Rajiv Bajaj verband seine Aussage mit dem Hinweis auf hohe Kosten in Europa und Beispielen wie Triumph, das die Fertigung vor Jahren nach Thailand verlagerte.
Das "Bleibt alles wie es ist"-Signal ist damit weniger ein Freifahrtschein als eine strategische Abgrenzung: KTM will Österreich als Entwicklungs- und Premium-Anker halten, muss aber parallel Kosten und Auslastung stabilisieren. Neumeister verweist zudem darauf, dass der Offroad-Bereich in Mattighofen gefertigt werde, weil in Indien Lieferkette und Know-how dafür fehlten. Für die Marke ist genau dieser Teil des Portfolios identitätsstiftend – und damit schwerer zu verlagern als Volumenmodelle.
Indien als Rendite- und Skalierungsplattform
Indien ist bei KTM längst kein Zukunftsszenario, sondern Realität: KTM lässt seit 2011 kleinvolumige Baureihen wie 125, 200 und 390 bei und von Bajaj im Werk Chakan nahe Pune bauen. Von dort gehen die Motorräder demnach in über 70 Länder. Als Meilenstein steht hier die einmillionste KTM aus Chakan im Januar 2023, eine 390 Adventure.
Der ökonomische Kern der Bajaj-Logik steckt in einer Zahl, die Rajiv Bajaj öffentlich genannt hat: Die in Indien gebauten und exportierten KTM-Modelle brächten "mehr als 30 Prozent" Ergebnis, gemessen am EBITDA. Übersetzt heißt das: Indien ist für Bajaj nicht nur ein Montageort, sondern ein Profit- und Volumenhebel.
Für den deutschen Markt passt dieses Muster zu dem, was Käufer ohnehin beobachten: Einsteiger- und A2-relevante Hubraumklassen sind besonders preissensibel, gleichzeitig sind sie für Stückzahlen entscheidend. Wenn KTM in diesem Bereich über Indien skaliert, kann das Preise und Verfügbarkeit stützen – während Österreich stärker die technisch anspruchsvolleren und margenstärker positionierten Segmente absichert.
Restrukturierung und Eigentümerlogik
Die heutige Struktur ist Ergebnis der Sanierung und der Finanzierungsrolle von Bajaj, das KTM mit 800 Millionen Euro aus der Krise geholfen und dafür die Kontrolle übernommen hat. In der Beteiligungskette bedeutet das unter anderem: Bajaj Auto übernahm die alleinige Kontrolle über die frühere Pierer Bajaj AG; diese hält 74,94 Prozent an der Bajaj Mobility AG und damit mittelbar die KTM AG.
Neumeister verweist zugleich auf Fortschritte im Turnaround: Im zweiten Quartal 2026 habe es das erste positive operative Ergebnis seit dem Ende der Sanierung gegeben. Das ist wichtig, weil es die Messlatte beschreibt, an der Bajaj messen wird – nicht an Symbolpolitik. Je schneller KTM wieder belastbar verdient, desto plausibler wird die These, dass Mattighofen als Kompetenzzentrum und Fertigungsstandort politisch wie wirtschaftlich zu halten ist.
Warum Bajaj KTM nicht "nur" fertigt
Ein zentraler Punkt in Neumeisters Darstellung ist, dass Bajaj nicht automatisch KTMs Motorsport-DNA teilt. Er sagt, anfangs habe es "wenig Verständnis" für Motorsport gegeben; Bajaj komme aus einer Welt, in der Pendlerfahrzeuge stark über Preis funktionieren. Erst mehrere Reisen nach Indien hätten geholfen, Bajaj von der Bedeutung des Rennsports zu überzeugen.
Konkreter Prüfstein war die MotoGP: Neumeister betont, ein Bekenntnis für die nächsten fünf Jahre wäre ohne Rückendeckung des Eigentümers nicht möglich gewesen. Dieses Bekenntnis ist inzwischen vertraglich unterfüttert: Am 19. Juni 2026 bestätigten MotoGP Group und die fünf Hersteller KTM, Aprilia, Ducati, Honda und Yamaha eine gemeinsame Vereinbarung für 2027 bis 2031. Zusätzlich besuchte Bajaj-Finanzchef Dinesh Thapar Ende September erstmals eine MotoGP-Veranstaltung in Spielberg.
Damit wird sichtbar, was Bajaj "wirklich will": nicht nur günstige Stückkosten, sondern eine Premium-Marke, die global Strahlkraft und Preissetzungsmacht hat. Rajiv Bajaj nannte KTM in dem Kontext einen Premium- und Lifestyle-Anbieter "von unschätzbarem Wert" und verband das mit der Forderung, die Marke wiederherzustellen und Kosten zu senken. Genau daraus ergibt sich die neue KTM-Logik: Entwicklung, Image und Offroad-Kernkompetenz in Österreich – skalierte Produktion und Ergebnisbeitrag in Indien.





