Reifen-Test 2019 - die Story dahinter. Markus Jahn
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Reifen-Test 2019 - die Story dahinter. 15 Bilder

Hinter den Kulissen: MOTORRAD-Reifentest 2019

Was, wenn alles schief geht?

In wenigen Tagen Tausende Kilometer abreißen und eine Saison im Zeitraffer simulieren. Das ist der MOTORRAD-Reifentest. Die Taktung muss perfekt stimmen – aber was, wenn alles mal nicht wie geplant läuft? Improvisations-Theater in Italien.

Diese Geschichte ist keine Ich-Geschichte. Diese Geschichte ist ein Bekenntnis zum Wir. Und sie ist ein Beleg dafür, dass wir nur Hand in Hand zur Bestform auflaufen können. Dieser Sonntag auf Sardinien begann wie jeder Morgen der vergangenen Tage. Das gemeinsame Frühstück im Hotel, umrahmt von Frotzeleien, mit denen liebevoll fahrerische Defizite („Lass du da vorn nicht immer abreißen“) oder menschliche Süchte („Wenn du nicht permanent rauchen müsstest, würden wir endlich mal Kilometer machen“) aufs Korn genommen werden. Die Testfamilie ist unterwegs. Papa macht die Ansagen, Mutti sorgt für gekämmte Haare unterm Helm und die Kinder quengeln schon jetzt nach der ersten Pause.

Eine klare Mission

Seit einer guten Woche sind wir unterwegs, haben Gardasee und Apennin erkundet. Nun Sardinien mit der Mission, unsere sechs GSe durch schweres Gelände zu treiben. Wir alle kennen diese Tage, wo jeder Handgriff danebengeht. Das Hemd falsch zugeknöpft, der Kaffee schwappt auf die Hose, der Bus fährt vor der Nase weg. Dass heute einer dieser vertrackten Tage ist, ahnt noch keiner. Beim Einrollen muss jeder erst die morgendliche Trägheit abschütteln, die nach etlichen Fahrtagen und über 3.000 Kilometern in Beinen, Armen und Allerwertestem stecken. Tourmaster Karsten hat die Truppe wie immer gut im Blick. „Blickführung im Rückspiegel“ nannte Kollege Kaschel mal diese ganz besondere Eigenschaft unseres Top-Testers. Das Team fordern, aber auch immer wieder rechtzeitig einbremsen. Schließlich haben wir eine klare Mission. Hieb- und stichfeste Ergebnisse für unseren MOTORRAD-Reifentest zusammenzufahren.

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Jörg Lohse
Passiert. Ein Sturz im Gelände. Leider bei einer GS ohne Stahlgerüst am Boxerohr.

Dazu sind wir Jahr für Jahr mit mindestens sechs tupfengleichen Bikes unterwegs. Gemeinsam spulen wir in zehn bis zwölf Fahrtagen 24.000 Kilometer und mehr ab. Bei der Logistik muss alles ineinandergreifen. Teststrecken sind terminiert, Fährpassagen gebucht. Wenn die Maschine erst mal läuft, dann läuft sie. Unstoppable? Natürlich nicht. Aber ein Stopp hieße Abbruch. Und bei Abbruch keine Story. Abgebrochen haben wir noch nie, Unfälle gab es in den letzten zehn Jahren keine. Auf über 250.000 Kilometern! Bei der Taktung statistisch eigentlich unfassbar. Zurück nach Sardinien. Karsten hat einen geschotterten Abzweig gefunden, der in die Berge führt. Ein Gatter versperrt den Zugang, das Schild mit Piktogrammen ist aber eindeutig: Durchfahrt erlaubt, Gatter schließen, auf Tiere achten, auf der Fahrspur bleiben. Die Offroadpassage ist perfekt für den Einstieg in den jungen Tag. Ein leichtes Workout, um sich fürs Gelände warm zu machen.

Fahrt wird anspruchsvoller

Je höher wir kraxeln, desto anspruchsvoller wird die Fahrt. Wie ein Singletrail windet sich der mit Dornengestrüpp gespickte Weg in die Berge. Bis wir irgendwann auf einem Hochplateau stehen und trotz des trüben Himmels einen atemberaubend schönen Blick über die Weite und Leere Sardiniens haben. Der Fotograf lässt die Drohne surren, in Formation pflügen wir die steinige Fahrrinne zum Plateau hoch und runter, bis die Einstellung passt. Fotos gechipt, perfekt, weiter geht’s. Aber wo lang? Das Plateau scheint irgendwie das Ende zu sein. Umkehren? Langweilig, fahre niemals den Weg zweimal. Ein Trampelpfad führt ins Gebüsch. Ob da die Boxerohren durchpassen? Vor allem: Was ist dahinter? Gähnende Leere?

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Jörg Lohse
Während die einen schrauben, fahren die anderen wieder. Auch irgendwie Wellness.

Fast. Wir stehen vor einer extrem schiefen Ebene, lockeres Geröll, das Gefälle, nun ja, für einen top trainierten Crosser machbar, aber wir mit den feisten GS-Brocken? Skeptisch schauen wir uns an. Andererseits: 300 Meter weiter unten windet sich ein Weg durchs Gelände. Google-Maps und Michelin-Karte sagen: Das geht da schon irgendwie weiter. Uns ist auch klar: Wenn wir die Karren hier runterbringen, wird es ein Monsterakt, sie wieder nach oben zu bringen, falls das doch eine Sackgasse ist. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt …

Aller guten Dinge sind drei

Ohne Überschlag bugsieren wir die Kisten runter. Die Schotterpiste ist wie frisch aufgepflügt, weich wie Wackelpudding. In den Kurven wird’s besonders schwammig. Den vertrackten Tag hat heute Sebastian gebucht. Zack, liegt er mit der GS auf der Seite, Vorderrad weggerutscht. Kurzer Check – alles dran, alles heile, abklopfen und weiterfahren. Und bums, liegt er wieder auf der Nase. Same procedure, wieder Glück gehabt. Aber aller guten Dinge sind drei. Nur dass er beim dritten Mal durch ein fettes Loch im Ventildeckel auf die brandneue Shiftcam-Steuerung des 1250er-Boxers schaut. Das ist zwar interessant, aber alles andere als gut.

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Markus Jahn
Sturzpilot Sebastian (l.) ist der Mann fürs Grobe, Gabriel überwacht seinen Lehrling.

Wir kontrollieren die Hardware: Deckel runter, alles penibel säubern. Okay, es scheint keinen weiteren Schaden am Ventiltrieb gegeben zu haben. Aber das Bike ist definitiv nicht mehr fahrbereit, bevor das Loch nicht geflickt ist. Leichter Nieselregen setzt ein. Na prima, passt zur bedröppelten Laune. Sebastian sitzt auf, ich schiebe, entscheidet Karsten. Nicht mit Muskelkraft, mit Boxerpower. Also das linke Bein durchgestreckt und mit Druck auf die Soziusraste den Weg rauf. Von wegen ohne Muskelkraft! Von hinten betrachtet, eine bizarre Szenerie. Zwei fette Boxer, die sich ineinander verkeilt den Berg hochkämpfen, vier weitere, die sie wie ein Geleitschutz absichern. Aber aus Metern wird irgendwann ein Kilometer, dann folgt der zweite, und der Scheitelpunkt ist erreicht.

Zugang verboten

Jetzt nur noch abwärtsrollen lassen. Allerdings ist der Schotter weiterhin tückisch, und ohne Motorpower gibt es keinen ABS-Support. Der Regen prasselt inzwischen mit der Intensität eines Monsuns. Endlich taucht durch die Bäume das erste Haus auf: Zivilisation! Nur versperrt uns ein solides Tor hinter dem sehr steilen und rutschigen Schlussabstieg den Weg dahin. Auch seitlich ist kein Vorbeikommen. Misstrauisch beäugt ein Förster aus dem Haus heraus die Szene. Wir radebrechen durchs Fenster: Aufschließen? No! Da wo wir stehen, darf man nicht reinfahren. Wir wollen aber raus. Zugang verboten sagt er und deutet auf das Schild neben der Schranke. Wir stehen aber auf der anderen Seite, lass uns doch einfach raus. Fahrt zurück, wo ihr hergekommen seid und schon ist das Fenster geschlossen.

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Markus Jahn
Merke: Auch in einer schnell improvisierten Outdoor-Werkstatt kann aufs Hundertstel genau geschafft werden.

Zurück? Niemals. keine Chance. Sven hat die Diskussion genutzt und eine kleine Treppe für Wanderer entdeckt: Wird aber eng für die Boxerohren. Egal, unsere einzige Chance, die tatsächlich aufgeht. Zu sechst wuchten wir jedes einzelne Bike zurück auf die Straße. Der Förster lässt sich Gott sei Dank nicht mehr blicken. Die waidwunde GS hier am Waldrand einfach stehen zu lassen scheint uns zu heikel. Also weiterrollen lassen, gerade geht es ja bergab. Bei Bedarf halt wieder schieben. Das Gefälle ist allerdings schnell vorbei, und schon zieht sich der Weg wieder endlos nach oben. Auf dem Asphalt wagen es Timo und Karsten nun gemeinsam. Das Bild von hinten auf dieses Monster-Trike mit sechs Rädern ist einfach nur irre. Die Steigung nimmt kein Ende, und der angepeilte Ort immer noch mehr als zehn Kilometer entfernt, langsam schwinden auch die Kräfte. Wir kommen einfach nicht schnell genug voran, und in zwei Stunden wird es dunkel.

Vom Sturzpiloten zum Lehrling

Neuer Plan. Sebastian bewacht sein Bike, wir fahren voraus in die Ortschaft. Von da aus geht es nur noch bergab ans Meer zum Hotel, den Weg kennen wir. Im Ort schrauben wir einen Ventildeckel von einer GS ab, die dann ohne Motorkraft nur noch abwärts zum Hotel rollen muss. Einer fährt mit dem „Ersatzdeckel“ zurück zu Sebastian, sie tauschen ihn gegen den defekten, um die Sturz-GS mit eigener Kraft aus der Einöde zu bergen. Eine Art Staffellauf, nur anders. Der Plan geht auf, aber eiskalter, nicht enden wollender Regen zerrt an den Reserven. Wann haben wir eigentlich heute eine Pause gemacht, was gegessen?

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Jörg Lohse
Nerven beruhigen. Nach der Monster-Bergeaktion einen schlauen Plan machen. Prost!

Im letzten Tageslicht rollen wir vorm Hotel aus. Feierabend. Bier für die Truppe, der Sturzkönig zahlt, und ein Plan für morgen wird gemacht. Unsere Wirtin Antonia funkt ihren Motorradmechaniker an, der kennt natürlich jemanden, der den Magnesiumdeckel der GS schweißen kann. Schrauberphilosoph Gabriel übernimmt die feinmechanischen Arbeiten, Sebastian darf ihm als Lehrling fürs Grobe assistieren. Sven übernimmt den Telefondienst und versucht, einen Ersatzdeckel über BMW zu organisieren. Früheste Ankunft: mit der Fähre, die uns in drei Tagen wieder aufs Festland zurückbringen wird. Also muss dieser eine Schuss sitzen, wenn wir den Test trotz Handicap noch sauber zum Abschluss bringen wollen. Karsten, Timo und der Autor dieser Zeilen rücken derweil als Fähnlein Fieselschweif aus, um weiter Kilometer auf die Reifen zu spulen. Dann tauschen wir wieder einen Deckel, um im zweiten Törn auch die Sturz-GS gleichmäßig mitzubewegen.

Fazit

36 Stunden nach der vermeintlichen Vollkatastrophe klatschen wir ab. Der Deckel mit Bordmitteln repariert, trotzdem den Test weiterlaufen lassen und mit allen Bikes doch noch ordentlich Kilometer gemacht. Morgen früh werden wir wieder am Frühstückstisch sitzen, frotzeln, den Helm aufsetzen und losfahren. So wie immer beim Reifentest. Sonntag, Montag, on any day…

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