Motorrad Lärm leiser fahren Anzeige Verkehrsministerium Baden-Württemberg

Baden-Württembergs Initiative gegen Motorradlärm

Verkehrsminister Winfried Hermann im Interview

Über 80 Städte, Gemeinden und Landkreise in Baden-Württemberg fordern in einer gemeinsamen Kampagne, dass Motorradlärm reduziert werden muss. Der Verkehrsminister des Landes, Winfried Hermann, unterstützt das.

Baden-Württembergs grüner Verkehrsminister Winfried Hermann fordert leisere Motorräder und droht mit Streckensperrungen. Er möchte die Industrie, den Gesetzgeber, aber auch jeden einzelnen Motorradfahrer in die Pflicht nehmen. Im Interview wollte MOTORRAD wissen, wie seine Pläne genau aussehen.

Herr Minister, fahren Sie selbst Motorrad?

Hermann: Als ich den Führerschein machte, war es klar, man macht den Einser mit. Ich bin damit Vespa gefahren. Vor großen Motorrädern hatte ich zu viel Respekt. Leider habe ich wegen eines Motorradunfalls auch einen guten Freund verloren.

Ein Motorradhasser sind Sie also nicht. Trotzdem bauen Sie mit der "Leiser"-Kampagne in Baden-Württemberg mächtig Druck gegen Motorradfahren auf und nehmen uns damit gleich alle in Sippenhaft …

Hermann: Von Sippenhaft kann keine Rede sein. Wir wissen, dass es viele Motorradfahrer gibt, die verantwortungsbewusst fahren. Die zehn Forderungen der Initiative, die übrigens eine enorm positive Resonanz findet, richten sich nicht pauschal gegen Motorradfahrer. Wir sind der Meinung, dass Motorräder generell leiser und manipulationssicher gemacht werden müssen, dass vor allem die Hersteller und der Gesetzgeber gefragt sind.

Trotzdem plädiert die Initiative auch für Streckensperrungen.

Hermann: Das ist richtig, das bezieht sich jedoch auf Extremfälle. Es gibt beliebte Strecken, die werden regelmäßig von großen Gruppen mit Motorrädern befahren, wobei die Gruppe insgesamt meist langsam und damit leiser ist. Aber auf den Strecken fahren auch viele Einzelfahrer, die richtig Gas geben. Und wenn du an so einer Strecke wohnst, dann kannst du nachmittags einfach nicht mehr im Garten sitzen und dich unterhalten, so laut ist das. Übrigens gibt es auch für Lkw Beschränkungen und Strecken, auf denen Lkw nicht fahren dürfen. Wir wollen keine allgemeinen Fahrverbote für Motorräder aussprechen. Wenn die Manipulationen aufhören und Motorradfahrer einfach leiser durch Orte fahren würden, dann wäre schon viel gewonnen. Unser Ziel ist es, ein Bewusstsein zu schaffen und eine rücksichtsvollere Motorradkultur.

Letzteres könnten wir sofort unterschreiben. Aber Streckensperrungen, die Sie, auch wenn Sie sagen, dass Sie sie nicht wollen, letztlich doch fordern, gehen aus unserer Sicht nicht.

Hermann: Ich sage, solange das Lärmproblem besteht und angesichts der steigenden Zulassungszahlen weiter zunimmt, wird der Druck, Verkehrsverbote auszusprechen, von Jahr zu Jahr wachsen. Es gibt Alternativen. Stichwort Elektromotorrad. Dieses steht zwar noch am Anfang, aber je mehr es davon gibt, desto wahrscheinlicher wird, dass wir sagen, dann lassen wir nur noch Elektros durch.

Dazu darf es aus unserer Sicht nicht kommen. Wir sind keineswegs Elektro-Gegner, im Gegenteil. Elektromotorräder sind brachial stark und machen Spaß. Aber Verbrenner werden sehr lange noch die große Mehrheit sein. Wobei auch MOTORRAD auf die Industrie einwirkt und sagt, macht die Dinger leiser.

Hermann: Ja, man kann Motorräder durchaus leiser bauen und leiser fahren. Das würde den Druck rausnehmen. Aber Klappenauspuffsysteme haben im Grunde nur den Zweck, die Maschine lauter zu machen, und das darf eigentlich nicht sein. Auch gibt es Auspuffmanipulationen, die sind nicht auf Anhieb zu erkennen. Hier gibt es bei der Polizei bereits Spezialisten, die sich damit auskennen. Aber es braucht mehr davon.

Das Problem sind doch die wenigen schwarzen Schafe unter den Motorradfahrern. Wie wollen Sie es anstellen, gezielt gegen diese vorzugehen, ohne alle anderen mit zu beschränken?

Hermann: Ohne verstärkte Kontrollen wird es nicht gehen. Übrigens auch in ganz anderen Bereichen benötigen wir mehr Kontrollen. Bei den Autofahrern zum Beispiel. Viele halten sich an Regeln. Einige aber nicht, vor allem nicht an Tempolimits. Oder an das Verbot der Handynutzung. Es braucht einen gewissen Kontrolldruck, gerade auch bei manipulierten Auspuffanlagen. Wenn damit rumgefahren wird, dann muss klar sein, dass das teuer wird. Wie viele Leute Regeln nicht beachten, hängt auch davon ab, wie viele sich daran halten und für diese Regeln eintreten. Ich gebe Ihnen da mal folgendes Beispiel: Wenn ein zu lauter und hochtourig fahrender Biker deswegen auch mal von anderen Motorradfahrern "angemacht" wird, dann wirkt das mehr, als wenn Senioren oder Radfahrer das tun. Grundsätzlich glaube ich, dass die große Mehrheit der Motorradfahrer vernünftig fährt. Ich werbe für eine faire Mobilitätskultur auf unseren Straßen, geprägt von Rücksicht und Umsicht!

MOTORRAD dankt für das Gespräch.

Zur "Initiative Motorradlärm" in Baden-Württemberg:

Der Startschuss für eine gemeinsame Initiative von Land und Kommunen gegen Motorradlärm fiel bereits im Juli 2019 bei einem Treffen des Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung und kommunaler Vertreter. Ziel der "Initiative Motorradlärm" ist es, das jeder in seiner Verantwortung und Zuständigkeit dazu beiträgt, dass Motorräder leiser werden, dass sie leiser gefahren werden und rücksichtsloses Fahren deutliche Folgen hat. Dazu gehört auch, dass das Land und die Kommunen mehr rechtliche Möglichkeiten bekommen, den Motorradlärm einzudämmen.

Gesetzgeber gefordert

Dazu wurde unter anderem ein Forderungskatalog vorgelegt, um den Motorradlärm einzudämmen. Gefordert werden darin unter anderem eine Novellierung der Genehmigungs- und Zulassungsregelungen, die Hersteller dazu bringen soll, leisere Motorräder zu bauen, drastischere Strafen für Manipulationen an Auspuffanlagen, Umstieg auf nachhaltige und lärmarme Mobilität, insbesondere Motorräder mit Elektroantrieb, eine allgemeine Halterhaftung, eine stärkere polizeiliche Verkehrsüberwachung sowie eine erleichterte Verhängung von Geschwindigkeitsbeschränkungen und Verkehrsverbote an Wochenenden und Feiertagen aus Gründen des Lärmschutzes in besonderen Konfliktfällen. Die Initiative will aber auch Motorradfahrer dazu animieren ihre Fahrweise so anzupassen, dass weniger Lärm entsteht.

Grundsätzlich sehen die Mitglieder der Initiative schon, dass Motorräder generell leise und rücksichtsvoll bewegt werden können. Sogenannte schwarze Schafe stechen jedoch mit rücksichtslosem Verhalten wie rasantem Beschleunigen und Fahren mit hoher Drehzahl hervor, was zu hohen Lärmbelastungen der Anwohnerinnen und Anwohner führt. Sie schädigen den Ruf aller Verkehrsteilnehmer auf motorisierten Zweirädern.

Diese Kreise und Gemeinden sind dabei

Zu den 81 Mitgliedern der Initiative gehören 74 Städte und Gemeinden sowie sieben Landkreise. Dabei sind Abtsgmünd, Aichtal, Albershausen, Amtzell, Bad Rippoldsau-Schapbach, Bad Saulgau, Bad Schönborn, Bad Urach, Baden-Baden, Badenweiler, Bärenthal, Berglen, Bernau im Schwarzwald, Beuren, Beuron, Biederbach, Bietigheim-Bissingen, Blumberg, Bodman-Ludwigshafen, Dachsberg (Südschwarzwald), Eschenbach, Essingen, Feldberg (Schwarzwald), Freiamt, Freudenstadt, Fridingen an der Donau, Gaggenau, Gammelshausen, Geislingen an der Steige, Gerlingen, Gernsbach, Göppingen, Großerlach, Gütenbach, Heidelberg, Herbolzheim, Jagsthausen, Kappel-Grafenhausen, Karlsbad, Kernen im Remstal, Kißlegg, Lenningen, Leutenbach, Lichtenwald, Mainhardt, Mühlheim an der Donau, Münsingen, Nusplingen, Nußloch, Oberwolfach, Oppenau, Ottenbach, Ottenhöfen im Schwarzwald, Owen, Römerstein, Rudersberg, Sasbachwalden, Schelklingen, Schwäbisch Gmünd, Seebach, St. Blasien, St. Märgen, Stuttgart, Todtmoos, Todtnau, Trochtelfingen, Untergruppenbach, Vaihingen an der Enz, Waiblingen, Wangen im Allgäu, Weinstadt, Wiesensteig, Wildberg, Zwiefalten sowie die Landkreise Alb-Donau-Kreis, Hohenlohekreis, Landkreis Lörrach, Rems-Murr-Kreis, Landkreis Schwäbisch Hall, Landkreis Waldshut, Zollernalbkreis.

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