Livia Cevollini Energica CEO Massimo Sestini

Energica-CEO Livia Cevollini im Interview

Energica-CEO Livia Cevollini im Interview „Kein echter Wettbewerb“

Die Maschinenbauingenieurin Livia Cevolini ist seit 2009 Chefin des in Modena, Italien, ansässigen Elektromotorradherstellers Energica. Sie sprach mit uns über den Ausstieg bei der MotoE und über vieles mehr.

MOTORRAD: Wie kam’s zum überraschenden Wechsel von Energica zu Ducati als Alleinausstatter der MotoE?

Livia Cevolini: Nun, zunächst mal muss ich sagen, dass wir als Energica uns grundsätzlich als Erneuerer verstehen. Da passte 2019 die neue, von uns quasi mitgegründete MotoE-Klasse gut ins Bild, die wir seitdem mit unseren Ego Corsa-Modellen ausstatten. Die Verträge darüber liefen ursprünglich nur bis 2021. Jetzt haben wir diese bis 2022 auf Bitten der Dorna verlängert, und ab 2023 übernimmt Ducati. Hintergrund ist, dass wir in der MotoE keine Wachstumsmöglichkeiten mehr sehen, aber wir sind ein Startup-Unternehmen und müssen wachsen. Dass Ducati nun einsteigt ist auch gut für uns. Ducati ist eine starke Marke, die dem Elektromotorrad-Markt neuen Schub geben wird.

Wenn Sie nur noch ein Jahr lang die MotoE ausstatten, heißt das, dass Sie keine neuen Motorräder für die MotoE bringen, sondern die Bikes von dieser Saison auch im kommenden Jahr verwenden werden?

Wir denken darüber nach. 2 Jahre lang wollten wir ein Update bei den Motorrädern vornehmen, aber wir durften das aus vielen Gründen nicht. Ein Grund waren die Kosten, für die Teams. Und auch, dass Teams und Fahrer jedes Mal mit den Updates auf und neben der Strecke umgehen müssen. Wir werden mit der Dorna gemeinsam überlegen, was möglich ist und was nicht.

Gab es denn nie die Idee, dass verschiedene Marken in der MotoE gegeneinander fahren könnten, so wie in den Verbrenner-Klassen auch?

Das war unser Ziel von Anfang an. Echte Innovation wird ja aus dem Wettbewerb transportiert. Aber tatsächlich gab es keine echten Wettbewerber, als die Klasse startete. So sagen Zuschauer jetzt, klar gewinnt Energica, kein Kunststück, wenn nur Energica fährt. Das ist ein Effekt, den wir so nicht mehr wollen. Sobald die Dorna aber mit der MotoE eine echte Elektro-WM mit mehreren Marken ausschreibt, sind wir sofort wieder dabei.

Die Modellpalette von Energica ist ja sehr sportlich geprägt. Wird das so bleiben?

Man darf uns nicht nur als reinen E-Motorradhersteller sehen. Wir arbeiten mit vielen anderen Herstellern zusammen, die auf unsere Antriebe zurückgreifen, wie beispielsweise mit Siemens, Dell´Orto und Reinova. Wir liefern Know-How und Motoren von zwei Kilowatt bis 100 Kilowatt für unterschiedlichste Fahrzeugkategorien, wie Boote und Schiffe, Industriefahrzeuge, Nutzfahrzeuge sowie Landwirtschaftsfahrzeuge.

Was für Änderungen erwarten Sie durch den neuen Investor Ideonomics aus New York? Was haben Sie da vor?

Der Investor hält 70 Prozent der Anteile, wir 30 Prozent. Das ist okay, weil das Management und die gesamte Verwaltung bei uns verbleiben. Aber jetzt stehen wir auf stärkeren Schultern. Und das ist gut für uns. Wir können beispielsweise viel mehr in Innovation investieren, wir haben mehr Personal, können mehr produzieren, Neues ausprobieren und auch auf unterschiedliche Märkte zugehen. Bisher mussten wir jeden Schritt immer sehr gut überlegen, weil wir sehr klein waren, und wir konnten uns keine Fehler erlauben. Der neue Investor bittet uns um etwas anderes: Er will, dass wir Dinge einfach versuchen, um zu sehen, ob wir Verschiedenes leisten können. Und das ist perfekt, weil wir uns viel schneller entwickeln können. Der Investor ist also ein sehr guter Partner für uns, nicht nur aus finanzieller Perspektive. Er hilft uns dabei, neue Marktbereiche anzugehen, weil es natürlich viel leichter ist, die Unternehmen anzusprechen, wenn sie demselben Investor gehören. Es ist eine interessante Synergie mit Firmen, die beispielsweise auch mit kabellosem Laden arbeiten. Aber das ist nur eines von vielen Projekten, das uns vorgeschlagen wurde.

Bei den ganzen Entwicklungen wird es scheinbar nicht immer um Motoren gehen, verstehe ich das richtig?

Bei manchen Projekten geht es um den Antrieb, die Wechselrichter und manchmal um die Batterien, je nachdem bei welcher Firma. Manchmal geht es auch um technische Aspekte, dann unterstützen wir die Ingenieure bei allem, was die Elektrik betrifft. Denn unser großes Knowhow ist sehr hilfreich für viele Firmen.

Und das läuft alles unter dem Namen Energica, das heißt Energica ist der Name für alles, was mit Elektrik zu tun hat. Egal in welche Richtung es mit dem neuen Geld und der Innovation führt?

Der große Schirm ist Ideonomics. Und Ideonomics investiert in verschiedene Firmen, eine davon ist Energica. Wir sind der technische Partner für alle – abgesehen von unseren anderen Kunden, natürlich. Aber wir arbeiten mit und unterstützen alle anderen. Und erhalten Unterstützung von ihnen, was natürlich auch den Vertrieb und somit das Wachstum der Firma betrifft.

Für MOTORRAD ist es natürlich besonders interessant, was Energica an elektrischen Zweirädern entwickelt.

Natürlich. Wir werden alles herstellen – von kleinen 2 kW-Rollern, elektrischen Fahrrädern oder Mopeds bis hin zu mittelgroßen und bis zu 100 kW starken Bikes. Unser Hintergrund findet sich besonders stark am oberen Ende der Leistungsskala, das heißt, wir arbeiten weiter am oberen Ende, da es leichter ist, sich hinunterzuarbeiten als umgekehrt.

Und wann bekommen wir eine Dauertest-Energica für MOTORRAD?

Die habe wir längst zugesagt, klar. Aber wir sind seit Frühjahr komplett ausverkauft und haben derzeit ein massives Produktionsproblem auf Grund des weltweiten Halbleitermangels. Das ist tatsächlich ein Albtraum und der wird schlimmer und schlimmer.

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