WAW – die längste Küstenstraße der Welt: Motorrad-Reise Irland - Wild Atlantic Way

Motorrad-Reise Irland - Wild Atlantic Way
WAW – die längste Küstenstraße der Welt

ArtikeldatumVeröffentlicht am 04.01.2026
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Hoch aufragende Klippen, die von Wellen und Wind gepeitscht werden, malerische Leuchttürme und Fischerdörfer sowie weitläufige, menschenleere Strände – Irlands Küste bietet viel für alle Sinne und zieht Touristen aus aller Welt in ihren Bann. So auch uns.

Eine der schönsten Küstenstraßen weltweit

Im Moment regnet es Katzen und Hunde. Macht nichts. Die Formel für diese Tour ist dieselbe wie bei vielen meiner Reisen, ich nenne sie "Fly & Ride": Man fliegt in die jeweilige Hauptstadt, mietet dort ein Motorrad und startet ohne große Vorbereitungen frank und frei durch.

By the way, der WAW gilt nicht nur als längste, sondern auch als eine der schönsten Küstenstraßen weltweit und sollte deshalb unbedingt auf der Bucket List eines jeden Motorradreisenden stehen. Ein Name, der alles sagt: wild wie die stürmische Küstenlinie und atlantisch wie das Klima, welches die greifbare Nähe zum Ozean betont.

Unberechenbares Wetter

Diese Tour kann nur ein Erfolg werden, da waren wir uns sicher, und von Mai bis September sollen theoretisch die besten Chancen für gutes Wetter bestehen, den besten Zeitpunkt jedoch zu bestimmen, um diese Strecke trocken zu befahren, ist im Vorhinein eine verlorene Wette.

Aber wer sich für das Reiseziel Irland entscheidet, sollte wissen, dass jederzeit mit Wetterunbilden zu rechnen ist. Und liebt es vielleicht genau deshalb – den Wind zu spüren, der Seele und Haare zerzaust, man erträgt geduldig die dunklen Wolken, in der Hoffnung auf den optimalen Moment für ein perfektes Bild, und wenn der gekommen ist, freut man sich: Was für ein Foto! Irland versteht es, auf viele Arten zu flirten – mal ernst, mal farbenfroh und nie halbherzig.

Die Reise beginnt in Dublin

Wir starten eingepackt in Regenkleidung. Auf der Fahrt von Dublin nach Connemara sitzt das schlechte Wetter mit uns im Sattel, offenbar ohne Absicht, jemals wieder zu verschwinden. Auf der Karte verläuft der Wild Atlantic Way etwa 2.500 Kilometer entlang der Westküste, vom nördlichsten Punkt Malin Head im County Donegal – dem irischen "Nordkap" – bis zur Stadt Kinsale im County Cork. Uns fehlt nach der ersten Tour vor Jahren nun noch der nordwestliche Abschnitt, ab Kilkee aufwärts.

Am Morgen scheint es ausnahmsweise nicht zu regnen, und bevor wir Kilkee verlassen, besuchen wir das "Diamond Rocks Café" mit Blick auf die Kilkee Cliffs. Am Abend zuvor hatte man uns erzählt, dass dort ein Spazierweg zu den Pollock Holes führt, zwischen Klippen liegende natürliche Felsenpools, in denen sich die mutigsten Einheimischen (das Wasser ist eisig!) ein Bad mit Meerblick gönnen.

Um als Nächstes zum Loop Head Lighthouse zu gelangen, einem Leuchtturm mit 23 Meter Höhe und 300 ehrenvollen Jahren maritimer Geschichte, fahren wir endlich auf dem Wild Atlantic Way (R 487). In der Nähe des für Besucher geöffneten Turms findet man dort auf der Halbinsel auch eine große "E-I-R-E"-Markierung auf den Klippen. Sie stammt aus dem Zweiten Weltkrieg und diente dazu, Piloten auf den neutralen Luftraum hinzuweisen.

Und auch der letzte Jedi war schon hier – einige Szenen der Kinoreihe "Star Wars" wurden in dieser besonderen Landschaft gedreht.

Wale und Delfine im Schutzgebiet

Der Himmel zeigt sich gnädig, ein Sonnenstrahl zaubert einen spektakulären Regenbogen über uns. Von den Bridges of Ross, ursprünglich drei Felsbögen, die wie Brücken tiefe Ufereinschnitte überspannen, steht nur noch einer, aber dieser ist den kurzen Spaziergang dorthin wert. Und wer aufmerksam das Meer absucht, kann mit etwas Glück Wale und Delfine entdecken: Über 150 Große Tümmler sind in diesem Schutzgebiet beheimatet.

Die R 487 führt uns weiter zu den Cliffs of Moher: Die 214 Meter hohen Klippen erstrecken sich über acht Kilometer wie ein Balkon über dem Atlantik. Es ist eine der spektakulärsten und geheimnisvollsten Landschaften dieser Küste, voller Legenden und fantastischer Geschichten.

Wie die von der versunkenen Stadt Kilstiffen, die mit dem Verlust eines goldenen Schlüssels im Kampf unterging. Die Stadt soll erst dann wieder auftauchen, wenn der Schlüssel gefunden wird. Alle sieben Jahre – fast wie ein Fluch – kann man sie angeblich über den Wellen sehen. Aber Achtung: Wer sie sieht, stirbt, bevor sie erneut erscheint. Also besser wegschauen!

Filmdreh Harry Potter und der Halbblutprinz

Reisende sollten den Blick lieber auf den O’Brien’s Tower richten, den runden Steinturm auf einem Felsvorsprung, oder auf den Breanan Mór, einen kleinen, isolierten Vorsprung, der aus den Klippen ragt. Zwischen März und Juli kann man hier die niedlichen Papageitaucher beobachten, die auf Goat Island nisten. Das Besucherzentrum ist kurioserweise in den Felsen eingebettet und zumindest eine Stippvisite wert.

Und auch an dieser landschaftlich herausragenden Stelle waren schon Filmteams, ähnlich wie an den Kilkee Cliffs, aktiv – zum Beispiel für "Harry Potter und der Halbblutprinz".

Motorradreise Irland
Leonardo Lucarelli

Wir finden die Klippen ebenfalls sehr fotogen, knipsen, was das Zeug hält, und fahren weiter entlang der R 477, erspähen die Aran-Inseln, passieren den kleinen Leuchtturm Black Head bei Ballyvaughan, und weiter auf der N 67 halten wir schließlich am Ufer der Galway Bay für ein Selfie mit dem Muckinish West Tower House – von dem nur noch die Fassade steht.

Wir stehen mittlerweile wieder in strömendem Regen, doch die bunten Häuser in der Hafenstadt Galway hellen unsere Stimmung auf.

Guinness im Pub, Muscheln beim Imbiss

Genug gefahren, genug Wasser von oben ertragen: Im "O’Connor’s Famous Pub", einem der typischen Irish Pubs, gönnen wir uns ein Guinness. Wir genießen die quirlige Atmosphäre, das lebendige Durcheinander der Kneipengespräche, und gönnen uns anschließend in einem Imbiss noch ein paar fantastische Muscheln. Ein angenehmer urbaner Zwischenstopp, bevor es zurück in Irlands wilde Schönheit geht.

Wir ziehen ein Zwischenfazit: Es ist nicht nur die Landschaft, die einem im Gedächtnis hängen bleibt, es sind auch die Menschen. Unterwegs beobachteten wir zum Beispiel einen Fischer, wie er seine Angel auswarf – fast wie eine Touristenattraktion. Und irgendwie war er das auch. Zu sehen, wie er dort ruhig im Fluss stand, mit seinen Wathosen, wie ein romantisches Gemälde.

Unvermittelt holte er die Angel ein, der Himmel war zwar wolkig, aber nicht bedrohlich – wenige Minuten später regnete es. Der Fischer hatte den abrupten Wetterumschwung wohl schon weit vor uns gefühlt, und wir tauschten am Straßenrand mit ihm ein paar Worte aus. Er amüsiert, wir dankbar für den anregenden Small Talk.

Beim Reisen sollte man sich nicht zu sehr auf Sehenswürdigkeiten versteifen, denn überall kann man auf mit dem Land verwurzelte Menschen treffen, die viel zu erzählen haben.

Wir sind ständig versucht, anzuhalten

Während der Wild Atlantic Way unter unseren Rädern dahinfließt, sind wir ständig versucht, anzuhalten. Manchmal reicht ein Sonnenstrahl, um aus einer tristen Kurve eine magische zu machen. Und dennoch schauen wir des Öfteren weiterhin nach touristischen Highlights entlang des WAW.

So gibt es zwischen vielen kleinen Dörfern einen weniger bekannten, aber bezaubernden Ort namens Carna. Hier zerfällt alles in viele Inselchen, verbunden durch kleine Straßen und Brücken, ideal, um sich zu verirren – und wiederzufinden.

Weiter nördlich beeindruckt die Natur mit den Twelve Bens (oder Twelve Pins, auf Irisch: Na Beanna Beola), ein Gebirge mit zwölf maximal 730 Meter hohen Gipfeln in der Region Connemara. Für Wanderfans eine Herausforderung, sie an einem Tag zu erklimmen. Wir hingegen zählen sie nur gemütlich vom Pines Island Viewpoint an der N 59 aus.

Jawohl, alle noch da – Foto, weiter geht’s! Tully Cross ist ein weiteres kleines Dorf, das direkt vom Wild Atlantic Way durchquert wird und mit hübschen, strohdachgedeckten Cottages bezirzt. Für uns ein weiterer kleiner Stopp – und die Chance, etwas zu trocknen. Gleich danach: Lettergesh Beach und Glassilaun Beach – zwei fast schon karibikähnliche Strände, zumindest bei Sonnenschein …

"Von ganz Irland ist Connemara die wildeste Ecke"

Unsere beiden Miet-Triumphs Tiger 1200 tragen uns entlang der Küste nach Letterfrack, von hier aus geht es ins Herz des Connemara Nationalparks. Wir verlieben uns sofort in die raue Schönheit: Moore, kahle Berge und uralte Mauern, meisterhaft aus ungleichen Steinen geschichtet, malerische Dörfchen im Landesinneren und farbenfrohe Häfen – alles wie ein Aquarell!

"Von ganz Irland ist Connemara die wildeste Ecke", schrieb Paul Bourget im Jahr 1881 – und nach unserer Motorradtour können wir dem nur zustimmen.

Motorradreise Irland
Leonardo Lucarelli

Etwas abgelenkt durch den Blick auf die Strände links entlang der R 335 hätten wir auf der rechten Seite fast den 764 Meter hohen Croagh Patrick verpasst – ein heiliger Berg, auch "The Reek" genannt (Gälisch für "Haufen"). Seit Jahrhunderten pilgern Gläubige zu Ehren von St. Patrick hinauf, der im fünften Jahrhundert 40 Tage lang auf dem Gipfel verweilte und dort eine Kapelle errichtete, die bis heute dort steht.

Der Legende nach warf er eine Glocke hinab, um alle Schlangen von der irischen Insel zu vertreiben. Am letzten Sonntag im Juli steigen als Zeichen der Buße viele Pilger, manche sogar barfuß, diesen Berg hinauf. Der Aufstieg beginnt im Dorf Murrisk. Oben dann, wie erwähnt, die Kapelle. Und Toiletten. Irgendwie skurril.

Unser eigener "Pilgerweg" endet in Mallaranny (auch Mulranny) im County Mayo. Hier soll unser letzter Stopp auf dem WAW sein. Danach nur noch: Ruhige, unspektakuläre Rückfahrt Richtung Osten, und bevor wir Irland verlassen, gönnen wir uns, endlich mal in komplett trockenen Klamotten, ein letztes Guinness im traditionellen "Temple Bar Pub", mitten im touristischen Stadtzentrum Dublins. Zu Ehren des Wild Atlantic Way – Mission erfüllt!

Fazit