Reisebericht Balkan Johannes Müller
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Reisebericht Balkan 32 Bilder

Balkan-Tour mit dem Motorrad

Balkan-Tour mit dem Motorrad Griechenland, Albanien, Montenegro, Bosnien

Wir hatten zwei Motorräder, 22 Tage Zeit und viel vor: mit der Fähre nach Griechenland, dann Korfu und dann über den Landweg zurück nach Stuttgart. Ein Balkan-Schweinsgalopp in Auszügen.

Nordwest-Griechenland. Seit Stunden keine Menschenseele. Keine Autos, keine Tankstellen, keine Läden oder Cafés. Nichts. Nur ein paar hier und dort ins Gebirge gerieselte Dörfchen. Bewohnt, dem Anschein nach, nur von wem? Zwischen diesen losen Ansammlungen von Steinhütten, jede einzelne erzählt eine Familiengeschichte, wuchert fremde Pflanzenwelt auf dem Asphalt. Oder das, was von ihm übrig ist. Immer wieder kleine Herden von Ziegen, Kühen, ab und an wilde Hunde. Vor Letzteren muss man sich unbedingt in Acht nehmen. Ein unbekanntes, gespenstisches Gefühl ist das. Dabei großartig, denn wir haben Motorräder. Und eine bessere Möglichkeit, hier zu reisen, sehen wir beim besten Willen nicht.

Pindos-Gebirge im Nordwesten Griechenlands

Wir durchbohren das Pindos-Gebirge im Nordwesten Griechenlands, bis zur abendlichen Einkehr ist es noch weit. Die Straßen sind klein und extrem kurvig, selten geht es länger als 50 Meter geradeaus. Es ist, als sei das alles nur für uns ganz allein geschaffen worden. Wenn wir Pause machen, dann tun wir das auf offener Straße. Es gibt keinen, dem man Platz machen müsste. Ob man vor Bären und Wildkatzen auf der Hut sein sollte? Durchaus, wie wir später nachlesen werden. Wenn wir fahren, dann sorglos, kein Reisebus, kein Wohnmobil. Wo zum Geier (auch die gibt es hier zahlreich) sind die Touristen? Wo sind all die Adventure-Leute mit ihren Adventure-Bikes? Unglaublich, dass es einen Ort in Europa gibt, der im Sommer völlig unberührt bleibt. Am späten Abend werden wir in Konitsa ankommen, bis dorthin verbringen wir für 300 Kilometer der leersten, anspruchsvollsten, schönsten Straßen zehn stramme Stunden im Sattel. Im Tank der Aprilia nur noch Benzindampf. Wir werden stehend k. o. in eine Herberge fallen, die ihre eigene Geschichte verdient hätte. Sind wohl die erste Kundschaft in diesem Jahrzehnt, vielleicht auch die letzte. Das Abenteuer Balkan hat begonnen.

Erst Offroad, dann militärisch gesicherte Grenze

Offroad. Entweder hat sich das Navi geirrt oder ich. Im Zweifel ist das Navi schuld. Man wollte kleine und kleinste Wege, nie Schnellstraßen fahren (die es hier ohnehin kaum gibt) – aber Leben heißt auch Lernen. Zuerst denkt man, "hinter dieser Kurve fängt sicher wieder der Teer an". Das geht eine ganze Weile so. Über die Gegensprechanlage höre ich meine Freundin Raja, die ihre Aprilia Shiver pilotiert, Kaugummi kauen. Das macht sie bei Stress, es wird immer lauter. Denn der Schotterweg war die ersten fünf Kilometer noch okay, wird nun aber haarig. "Hinter dieser Kurve kommt bestimmt Teer …" dauert jetzt schon 15 Kilometer. Ich rieche Bremsbelag. Den Kniff mit der Hinterradbremse zur Stabilisierung singe ich ihr schon lange ein. Gut, dass es jetzt klappt, anders ginge es nicht.

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Umdrehen ist zu diesem Zeitpunkt keine Option mehr. Der Weg gabelt sich, das Navi schickt uns nach links, steil bergauf. In den Schotter mischt sich Geröll. Hier hätte man umdrehen müssen. Doch davor steht mein Ego und: "Teer, da oben, bestimmt." Drei Minuten später muss ich im Hang aufgeben, zeitgleich höre ich einen kurzen Schrei, Stein trifft Kunststoff. Ich renne zurück, da liegt eine Shiver 750, daneben steht zum Glück meine Freundin. Sie sieht mich mit diesem Blick an, den ich weder beschreiben kann noch muss. Weitere zweieinhalb Stunden, 15 Kilometer und eine verglaste Aprilia-Hinterradbremse später stehen wir, eingestaubt wie Dakar-Piloten, vor dem Beamten. Er sieht uns an, als kämen wir vom Mond. Kennt aber keinen Humor. Die Grenze ist streng militärisch gesichert, Schengen ist weit weg, hier weht der Geist bei uns längst vergangener Zeiten. "Vous quittez l’UE – You are leaving the EU – Sie verlassen die EU."

Nahtoderfahrungen im albanischen Verkehr

Albanien. Korfu ist noch in Sichtweite, da öffnet sich die Landschaft in spektakulärer Art und Weise. Rechts ein Gebirgszug zum Horizont, links ein Gebirgszug zum Horizont und in der Mitte ein weites, offenes Tal. Durch das pfeift ein strammer Wind – und wir. Albania, Land der Adler, das passt jedenfalls. Wir befinden uns wieder auf richtigen Straßen, mit Menschen in Autos. Genauer gesagt Mercedes. 190 D und Konsorten leben hier weiter, das Klischee stimmt zu 100 Prozent. Benze, Benze, Benze, und es muss offenbar so sein, dass jeder einzelne Betriebsmittel verliert. Nur so lässt sich der dunkle, ölige Film erklären, der die ohnehin schon blank polierten Straßen bedeckt. Also fährt man wie auf rohen Eiern. Höchste Vorsicht gebieten auch die örtlichen Sitten des Verkehrs. "Albaner sind die schlechtesten Autofahrer auf dem Kontinent", warnt das Internet irgendwo. Vielleicht etwas übertrieben, aber nicht viel. Man schneidet Kurven vogelwild, es gilt das Recht des Stärkeren, nie also das des Motorrads. Schnell lernen wir, uns stumpf am rechten Fahrbahnrand zu halten. Was uns auf der SH 8 zwischen Sarande (schön ist die Farbe des Meeres, sonst wenig) und Vlora (lohnenswert) nicht reicht.

Den Mercedes W211 lenkt eine sichtbar überforderte Dame, sie fürchtet die Kurve, bügelt voll in den Gegenverkehr. Also in uns: Es bleibt nur der Graben. Raja kommt zu Fall, bleibt aber unversehrt. Der Berserkerin sehe ich den Schock an, sie dreht sich nicht mal um. Doch das und ein, zwei weitere Nahtoderfahrungen werden nicht unser Bild von Albanien bestimmen.

Unfassbar gastfreundlichen Menschen

Stattdessen folgendes: Sofort nach dem Unfall hält das halbe Land an, fragt, ob es uns gut gehe, wie man uns weiterhelfen könne, was wir brauchen? Außerdem: die spektakuläre SH 8, eine Traumstraße. Tirana, das wir ursprünglich nicht im Plan hatten, wo uns ein MacGyver von einem Hinterhofschrauber die Aprilia wieder gerade gebogen hat. Der Hotelier in Shkodra, der gestrahlt hat, wie noch kein Hotelier strahlte. Sein Festmahl für uns, das frischer, lokaler und organischer nicht hätte sein können. Und sein selbst gebrannter Geist – er bestand darauf, mit uns zu trinken. Bis wir strahlten, wie ich uns noch nie habe strahlen sehen. Burrell und seine wilden Gassen. Albanien bleibt uns abenteuerlich, rau und mit unfassbar gastfreundlichen Menschen in Erinnerung. Für Szenen auf und abseits der Straße, wie man sie nirgends sonst sehen kann. Und Bunker. Überall Bunker, diese Erdloch gewordenen Beweise der Paranoia Enver Hoxhas. Ist auch nicht ewig her. Mir auch für die Baustellenrampe, über die Raja beim Überholen eines Lkw mit gut ordentlich Karacho gebrettert ist. Solche Airtime kriegen manche nicht beim Motocross. Albanien erfindet sich gerade nach einem harten Jahrhundert in Höchstgeschwindigkeit neu. Wer das Abenteuer sucht, der fahre ohne Umweg nach Albanien.

Wilde Serpentinen in Montenegro

Montenegro. Kotor ist so eine Art Klein-Dubrovnik, nur noch viel schöner. Es liegt in einer Bucht, Berge rundherum. Mittendrin der Geruch von Salzwasser, großer Geschichte und altem Geld. Den historischen Stadtkern bevölkern schöne Menschen und Katzen – die berühmten Katzen von Kotor. Für Motorradfahrer vielleicht interessanter sind die Serpentinen von Kotor, noch so eine Straße, die sich kaum beschreiben lassen will. Ein Versuch: 16 Haarnadelkurven auf acht Kilometern, über fünf Prozent Steigung, die Fahrbahn löchrig wie meine persönliche Kenntnis der Geschichte Jugoslawiens. Zur Meerseite hin fadenscheinige Betonblöcke, eher Mahnmal denn Lebensversicherung. Fahrfehler sollte man sich sparen, gerade deshalb ist es ein besonderes Erlebnis.

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Wir rollen Richtung Durmitor, das alte Griechenland-Gefühl ist wieder da. Über Stunden nichts und niemand, nur karge Felslandschaft, Spuren vom Bauxitabbau. Monte Negro, schwarze Berge. Auch das stimmt. Einzig ein Holländer mit seiner Familienkutsche macht die gleiche unwirkliche Erfahrung, man wechselt sich ab mit Halten und Staunen, wirft sich ein ums andere mal ungläubige, wissende Blicke zu. Plötzlich steht er da, der Provinzgendarm, mitten im Nirgendwo. Wir rollen direkt in seine Arme. Die Frage, wie die Geschäfte laufen, verkneife ich mir mit Mühe. Wo unser Verbandszeug sei? Ha, haben wir dabei! Damit hat er nicht gerechnet. Er, abgebrüht, zündet die nächste Eskalationsstufe. D-Aufkleber und Warndreiecke! Wo Erstere anzubringen seien, kann er nicht sagen – aber, dass es 200 Euro mache. Das gibt unsere Bakschisch-Kasse nicht her. Während ich bei einer Zigarette meine Nerven beruhige, mir die Nacht in einer U-Haft-Zelle ausmale und mich nach anständigen Ordnungshütern sehne, regelt Raja die Sache. Wie sie es geschafft hat, habe ich nicht mitbekommen, nur dass er eingeschüchtert schaut, als er uns zum Abschied eine gute Reise wünscht. Verdammt viel erlebt bis hierher – und wir sind noch nicht mal in Bosnien.

In schneller Fahrt Richtung Heimat

Bruchstücke von den restlichen 2.000 Kilometern. Was sonst war: Im Durmitor kann man endlich richtig Motorrad fahren, mit Grip und Kurvengeschwindigkeit und so. Ich verliebe mich erneut in die Dauertest-Street Triple RS. Die Republik Srpska. Rafting auf der Drina. Eine Fahrt über ein bosnisches Hochplateau im Weltuntergangs-Gewitter, tiefrot in der Tankreserve. Ich dachte, wir sterben. Die Brücke von Mostar und wie man nach einem Krieg weitermacht. Kunafah. Sarajevo, unbedingt Sarajevo, Schmelztiegel von Ost und West. Jajce, wenn man in der Nähe ist. Una-Park und Kulen Vakuf, der schönste Ort von allen. Ein Grillteller, den man besser ausgelassen hätte, Schwester Elvira und das Lazarett. Vorbei an den Plitvicer Seen und wie plötzlich alles wieder voll mit Urlaubern ist. Slowenien als die Schweiz Ex-Jugoslawiens. Eine Fledermaus in Bled. Ein Kupplungsdefekt im Triglav, statt Stilfserjoch und Reschen, mit 110 auf Bahn zurück.

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Fazit

Was für ein Trip! Es ist mir völlig schleierhaft, warum sonst keiner dort unten war.

Aprilia SMV 750 Dorsoduro
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