MV Agusta Turismo Veloce 800 im 50.000-km-Dauertest

Das Ergebnis ernüchtert

Im Dauertest-Gesamtklassement belegt die MV Agusta Turismo Veloce 800 damit derzeit den 37. Rang.
Rasende Reisende: Das Konzept der Turismo Veloce ist prinzipiell ein äußerst attraktives.Wer seine MV liebt... Zur Herbstausfahrt der Dauertestmaschinen legte der Elektronik-Fips die TV lahm ...... Viel rumgekommen ist sie trotzdem.MV Agusta Turismo Veloce 800.
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Die MV Agusta Turismo Veloce 800 hat die Dauertest-Distanz hinter sich gebracht hat. Nun ist sie hier zur Schau gestellt. Zerlegt und vermessen. Viel Zuwendung hat sie auf ihrem 50.064 Kilometer langen Weg jedoch gebraucht.

Im Juni 2015 startete die MV Agusta Turismo Veloce 800 ihren MOTORRAD-Dauertest über 50.000 Kilometer. Zweieinhalb Jahre war sie Teil des Fuhrparks. Es war eine emotionale und erlebnisreiche Zeit mit ihr. Selten zuvor hat eine Dauertest-Maschine das fahrende Personal zu derart vielen Einträgen ins Fahrtenbuch animiert wie die Turismo Veloce. Pure Begeisterung („schön gleichmäßiger Druck, welch geiler Sound“) und gequälte Aufschreie („Leute über 1,80 sitzen so eingezwängt wie eine Sardine in der Dose“) wechselten sich ab.

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Foto: Gerry Wagner
Zündschlüssel abgebrochen. Ein kleiner Defekt mit großen Auswirkungen.
Zündschlüssel abgebrochen. Ein kleiner Defekt mit großen Auswirkungen.

MV Agusta Turismo Veloce 800 mit Elektronik-Problemen

Die MV Agusta Turismo Veloce 800 ließ niemanden kalt. Allerdings hatte dies nicht immer nur emotionale Gründe. Bereits die erste Hälfte der Testdistanz lieferte genug Stoff, um die Zwischenbilanz in MOTORRAD 22/2016 prall zu füllen. Der abgebrochene Halter des Handrads zur Federvorspannung am Monoshock, defekte hintere Blinker, ja sogar eine abgebrochene Blende eines der Auspuff-Endrohre – mit etwas Nachsicht kann man mit solchen Unzulänglichkeiten leben. Selbst mit der rupfenden Anti-Hopping-Kupplung ließ es sich eine Zeit lang aushalten. Die wurde nach fünf Monaten mitsamt den Belägen ausgewechselt und der Kupplungssensor gleich dazu.

Die Reihe der Skeptiker war lang. Doch die MV Agusta Turismo Veloce 800 hat die Dauertest-Distanz hinter sich gebracht. Nun ist sie hier zur Schau gestellt.
Zündschlüssel abgebrochen. Ein kleiner Defekt mit großen Auswirkungen.

Schließlich hatte der Elektrofips immer wieder für ein Erlebnis der besonderen Art gesorgt. Wurde der Kupplungshebel im Stand gezogen, sprang der Drilling unvermittelt an. Nach den ersten kalten Nächten hätte man sich darüber trotzdem gefreut. Denn bei unwirtlichen Temperaturen orgelte die MV Agusta Turismo Veloce 800 nur zögerlich oder gar nicht mehr. Damit ist die Italienerin freilich nicht allein. Die Strom fressende Elektronik zwang in jüngerer Vergangenheit so manches Dauertest-Motorrad in die Knie. Überhaupt die Elektronik. Kühlwasser-Sensor: Nach mehreren Fehlalarmen ersetzt. Serienmäßiger Schaltassistent: Streikte in unregelmäßigen Abständen. Der filigrane Zündschlüssel: Im Zündschloss abgebrochen und mitsamt der mit ihm gekoppelten Steuerelektronik im Dashboard ersetzt.

Foto: r-photography.info
Inspektionen an der MV sind teuer.
Inspektionen an der MV sind teuer.

Inspektionskosten verursachten Schnappatmung

Das alles wissen aufmerksame Leser bereits aus besagter Zwischenbilanz, erfuhren zwischendurch bei den MOTORRAD-Tests vom tollen Handling, aber auch unruhigem Geradeauslauf der MV Agusta Turismo Veloce 800. Lasen von deren komfortabler Federungsabstimmung, den guten Bremsen oder dem überladenen Display.

Doch wie ging’s weiter, auf den letzten 20.000 Kilometern der Testdistanz? Zunächst mit einem Abstecher zur Bank: Wurden die vielen kleineren und größeren Wehwehchen allesamt auf Garantie geheilt, schlugen die Inspektionen doch recht heftig zu Buche. Nach immerhin 755 Euro für die 15.000er-Inspektion, sorgte die 30.000er-Durchsicht mit stattlichen 1.381 Euro (Ventilspielkontrolle, Zündkerzen, Bremsbeläge, Kennzeichenbeleuchtung, Benzin- und Luftfilter) zeitweilig für Schnappatmung bei Fuhrparkleiter Tobi Wassermann. Dass der 45.000er-Service für 409 Euro ihn wieder besänftigen würde, interessierte zu jener Zeit noch nicht.

Denn die Zeiten blieben turbulent. ­Ohne Vorwarnung starb die MV Agusta Turismo Veloce 800 unter Redakteur Thorsten Dentges mehrfach in Schräglage ab. Zwar kurierte das AEG-Prinzip (Ausschalten – Einschalten – Geht) den Fauxpas vorübergehend, doch tauchte das Phänomen wenig später wieder auf. Weil zudem noch der seit Langem zickende Quickshifter zunehmend den Dienst quittierte, wurde die Elektronik bei Kilometerstand 32.300 nochmals saniert. ABS- und Schräglagensensor, rechter Lenkerschalter, Öldruckschalter und Quickshifter wurden ausgetauscht. Der an der Radaufnahme ­schleifende Kettenradträger, unter gewöhnlichen Dauertest-Umständen sicher ein etwas intensiver beachteter Defekt, wurde beim Werkstatt-Aufenthalt mit einer neuen Distanzbuchse quasi nebenbei instand gesetzt.

Und dann? Durften alle MV-Fans, die Tester, der Fuhrparkleiter, der Werkstattchef und der Vertragshändler endlich aufatmen. Die Turismo Veloce war offenbar exorziert. Die Elektronik blieb artig, und auch die Mechanik – sieht man von den bei Kilometer 35.600 in Heimarbeit getauschten vorderen Radlagern einmal ab – hielt die restlichen knapp 18.000 Kilometer bis zum Testende anstandslos durch. Ihren dritten Sommer durchlebte die schicke Turismo Veloce gewissermaßen im zweiten Frühling. So als wollte sie sich für alles Gewesene entschuldigen. Ihren letzten Gang auf den Seziertisch durfte sie jedenfalls erhobenen Hauptes antreten.

Äußerlich konnten die beiden durchgefahrenen Winter der MV Agusta Turismo Veloce 800 wenig anhaben. Kunststoffteile, Räder und die Lackierung des knappen Gitterrohrrahmens zeigten sich von Streusalz, Straßendreck und Nässe unbeeindruckt. ­Lediglich die vorderen Bremsscheiben ­hatten sich bis zur Verschleißgrenze verdünnisiert. Optisch ist den Scheiben der Verfall dennoch kaum anzusehen. Man könnte annehmen, dass die MV-Techniker bei der Festlegung der Verschleißmaße etwas zu vorsichtig agierten.

Foto: bilski-fotografie.de
Zur Abschlussbilanz wurde die MV zerlegt.
Zur Abschlussbilanz wurde die MV zerlegt.

Probleme teilweise in Serienproduktion schon gelöst

Weniger umsichtig ging das Personal offensichtlich bei der Montage des Motorgehäuses zu Werke. Trotz vorschriftsmäßigen Ölwechseln befand sich noch eine ­erhebliche Menge überschüssiger Dichtungsmasse im Gehäuse, vor dem Ölsieb hatten sich die Gummiwürmchen regelrecht aufgestaut. Ob dies einen Einfluss auf die Ölversorgung hatte? Wer weiß. Auf alle Fälle wiesen die Kurbelwellen- sowie Pleuellager ein ungleichmäßiges Tragbild auf. Die oberste Schicht der Pleuellagerschalen ist an den am meisten belasteten Stellen abgetragen. Trotzdem liegen die angezählten Teile noch in der von MV Agusta vorgegebenen Einbautoleranz.

Immerhin: Kolben samt Bolzen sind in Ordnung und ebenfalls maßhaltig. Getriebe und Kupplung kamen ­dagegen nicht ungeschoren davon. Vor ­allem die abgerundeten Schaltklauen der Schieberäder zeugen vom gelegentlich ­etwas grobmotorischen Verhalten des Schalt­assistenten. Auch im Zylinderkopf hat die Testdistanz ihre Spuren hinterlassen. Aufgeweitete Führungen der Auslassventile sowie verbreiterte Ventilsitze verlangen nach einer Revision vor dem ­Zusammenbau. Oder einer Denkpause? Denn während die Elektronik auch bei anderen MOTORRAD-Dauertestmaschinen gelegentlich zickt und die vielen Elektro­sperenzchen der MV Agusta Turismo Veloce 800 zumindest teilweise entschuldigen, präsentieren sich die Motoren und Getriebe nach dem Langstreckenlauf heutzutage fast durchweg in bestechend gutem Zustand. Dass der Dreizylinder letztlich auch dort einige Federn lassen musste, ernüchtert.

Doch Hoffnung besteht. Ein Teil der an der Dauertest-MV aufgetretenen Defekte, wie etwa die verschleißfreudigen Ventilführungen, scheinen bereits in der aktuellen Serienproduktion gelöst (siehe auch „MV Agusta nimmt Stellung“). Wird die erst im November gesetzte Finanzspritze des russischen Investors ComSar Invest zudem noch sachkundig angelegt, könnte das etwas verblasste Image von MV Agusta wieder Farbe annehmen. Die Marke und ihre Fans hätten’s verdient.

Bilanz nach 50.000 Kilometern

  • Zylinderkopf: Alle Auslassventilführungen sind stark konisch aufgeweitet. Die zugehörigen Ventilsitze sind verbreitert und zeigen Brandspuren. Die Einlassventilführungen sind in Ordnung. Die Nockenwellen haben geringe Pittingspuren. An drei Tassenstößeln ist die nitrierte Oberfläche angegriffen.
  • Zylinder/Kolben: Die Zylinder sind form- und maßhaltig mit nur geringen Laufspuren, die Kolben haben nur geringe Ablagerungen, auch das Laufbild ist unauffällig.
  • Kurbeltrieb: Die Kurbelwellen- sowie Pleuellager weisen ein ungleichmäßiges Tragbild sowie starke Laufspuren auf. Die erste Schicht der Lagerschalen ist teilweise abgetragen. Kolbenbolzen und Pleuelaugen sind in Ordnung.
  • Kraftübertragung: Die Kupplungsstahlscheiben sind verfärbt und teilweise verzogen. An den Getrieberädern sind einige Mitnehmerklauen an den Kanten stark abgerundet. Die Schaltgabeln zeigen nur leichte Anlaufspuren. Kupplungskorb und -nabe haben nur geringe Rattermarken.
  • Rahmen/Fahrwerk: Lackierung, Rahmen und Anbauteile zeigen sich in sehr gutem Zustand. Lenkkopf- und Schwingenlager sind spielfrei. Die Dicke der vorderen Bremsscheiben liegt an der Verschleißgrenze.
Foto: Yvonne Hertler
Abschluss-Besprechung mit MV Agusta-Chefingenieur Brian Gillen (2. v. r.) und MV Deutschland-Mitarbeiter Marc Wittmann (r.).
Abschluss-Besprechung mit MV Agusta-Chefingenieur Brian Gillen (2. v. r.) und MV Deutschland-Mitarbeiter Marc Wittmann (r.).

MV Agusta nimmt Stellung

… zu der abgebrochenen Abdeckung des Endschalldämpfers.

Die Abdeckung wird mit einer Schraube ­fixiert, die sich gelöst hat. Mittlerweile verwendet MV ein Schraubensicherungsmittel mit höherer Temperaturfestigkeit. Die betroffenen Fahrzeuge wurden bereits nachgerüstet.

… zu der ausgetauschten Kupplung.

Nach dem Austausch der Kupplung samt Scheiben auf Kulanz funktionierte die Kupplung problemlos. Das Verschleißbild nach der rest­lichen Testdistanz ist unauffällig. Der Austausch des fehlerhaften Kupplungskorbs durch eine ­Variante mit höherer Qualität wurde bei allen betroffenen Turismo Veloce dieses Produktionszeitraums kostenfrei durchgeführt.

… zu dem defekten Motortemperatursensor.

Ein defekter Sensor war nicht der Grund für die Warnmeldung eines überhitzten Motors. Vielmehr verursachte ein defekter Kühlerdeckel ­einen gewissen Verlust des Kühlwassers, was zu einer Luftblase im Zylinderkopfbereich führte. An dieser Stelle ist der Temperatursensor montiert, sodass die Messwerte durch den unzureichenden Kühlwasserstand fehlerhaft ausfielen.

… zu dem abgebrochenen Zündschlüssel und der anschließenden Reparatur, die ein neues Dashboard erforderlich machte.

Meldungen über abgebrochene Zündschlüssel bei Kundenmaschinen liegen uns keine vor. Dass das neue Zündschloss an der Dauertestmaschine nicht immer Verbindung zum Dashboard aufnehmen konnte, lag an einem zu kurz bemessenen Zeitfenster. Dadurch wurde dieses Signal vom Dashboard nur unvollständig empfangen. Mittlerweile hat unser Zulieferer reagiert und dieses Zeitfenster verlängert.

… zu dem defekten Quickshifter.

Eine Charge von Sensoren für den Quickshifter wies eine zu hohe Temperaturempfindlichkeit auf. Die betroffenen Sensoren wurden bei Problemen an Kundenmaschinen durch Versionen mit höherer Temperaturresistenz ausgetauscht.

… zu den Resten von Dichtungsmasse im Motorgehäuse.

Der Auftrag von Dichtungsmasse erfolgt manuell. Insofern sind Schwankungen der verwendeten Menge möglich. Derzeit prüfen wir, ob ein maschineller und damit präziserer Auftrag des Dichtungsmaterials möglich ist.

… zu den verbreiterten Ventilsitzen.

Dieses Verschleißbild ist nach der Laufleistung von 50 000 Kilometern normal und ohne negative Auswirkung.

… zu den verschlissenen Ventilführungen.

Seit längerer Zeit werden in allen Motoren von MV Agusta Ventilführungen aus geändertem Material verbaut. Dadurch hat sich die Lebensdauer der Ventilführungen um 200 Prozent verlängert.

Lesererfahrungen

Patricia Young-Seeger: Ich fahre seit einem Jahr meine MV Agusta Turismo Veloce Lusso und bin absolut begeistert von der schicken Italienerin. 8.000 km Fahrspaß pur. Das Fahrwerk ist top, die Bremsen sowieso, und die 110 PS sind absolut ausreichend. Die Sitzposition ist für mich ideal. Durch ihr geringes Gewicht lässt sie sich gut rangieren. Das in den Testberichten oft bemängelte Mäusekino stört mich weiter nicht, ­außer bei Dunkelheit, da blendet es ­etwas. Zur Aktivierung der Heizgriffe werden zwar ein paar Klicks benötigt, dies wird aber mit warmen Händen belohnt. Bei so viel Begeisterung bleibt doch ein kleiner Wermutstropfen: Beim Einschalten der Zündung verlangt die Maschine hin und wieder den Servicecode, was beim erneuten Einschalten zwar wieder verschwindet, mir aber, auf Touren fern der Heimat, doch etwas Unbehagen bereitet. Seitdem geht der Code immer mit auf Tour. Dann gibt es noch den wärmegeplagten hinteren rechten Blinker. Dieser wurde zwar beim Service ausgetauscht, ich hoffe aber, MV hat für die nächsten Jahre noch ein paar auf Lager. Ansonsten freue ich mich noch auf viele weitere schöne Touren mit meiner Veloce.

Rico Weinert: Die MV Agusta TV habe ich im März 2016 erworben. Sie hat jetzt rund 11.000 km auf dem Tacho. Ausfälle gab es nicht zu verzeichnen. Jedoch waren einige Garantieleistungen vonnöten. Hierzu zählen die undichten hinteren Blinklichtschalen, der Austausch der Halterung des Federbeins, des Schräglagensensors und der rechten Lenkerarmatur. Die beiden Letzteren wurden wegen selbst­tätigem Starten des Motors bei der Kupplungsbetätigung gewechselt. Zweimal ging der Motor in Schräglage aus, was auch auf den Schräglagensensor zurückzuführen ist. Auch der elektronische Schaltautomat wurde wegen hakeliger Funktion getauscht. Aktuell tritt beim leichten Anbremsen ein Tackern in der Gabel oder Bremse auf. Leider konnte die Werkstatt das Problem nicht lokalisieren. Die Fahrleistungen der Maschine begeis­tern mich täglich aufs Neue. In jeder Lage ist genug Leistung vorhanden. Das sportliche Fahrwerk ermöglicht ein agiles Fahren durch kurvige Gebirgsstraßen.

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