Warum gibt es in den USA noch Vergaser?

MOTORRAD beantwortet nie gestellte Fragen Honda XR 650 L: Warum gibt es die in den USA noch?

Geht es um Abgaswerte, heißt es oft: Die Amis sind die Saubersten. Trotzdem: In den USA werden bald 30 Jahre alte Vergaser-Enduros neu verkauft. Wie kann das sein?

Honda XR 650 L: Warum gibt es die in den USA noch?
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Die Frage lautet: Wie kann es sein, dass in den USA heute noch Einzylinder mit Vergaser neu verkauft werden? Hintergrund: Im kollektiven Gedächtnis sind die US-amerikanischen, insbesondere die kalifornischen Abgasvorschriften die schärfsten überhaupt. Die Älteren erinnern sich an spezielle Abstimmungen für Kalifornien von Vergasermaschinen mit anderen Bedüsung, spezieller Entlüftung, Vergaserheizung oder einfach weniger Leistung.

Wie passt Hondas aktueller Modelljahrgang 2023 mit einer XR 650 L, VT 1300 CX (Fury) oder alten 750er-Shadows in das Bild? Die Antwort überrascht: Seit 2010 hat sich in den USA bezüglich Emissionen nichts mehr getan, und die aktuellen Vorschriften sind auf Niveau der Euro 1 von 1999.

Alte Norm für neue Motorräder

Seit 2010 gilt in den USA für Motorräder über 279 Kubik das Tier 2 Exhaust Program. Es gilt für neue Modelle ab diesem Baujahr und regelt die Emission der Schadstoffe Kohlenmonoxid (CO) und in Kombination die Kohlenwasserstoffe und Stickoxide (HC+NOx). Die Grenzwerte liegen derzeit bei 12 g/km CO und 0,8 g/km HC+NOx. Mehr ist nicht geregelt. Zum Vergleich liegen die Werte der Euro 5 seit 2021 bei 1,0 g/km CO, 0,10 g/km HC und 0,06 g/km NOx. Also dürfen Euro-5-Motorräder nur ein Zwölftel CO ausstoßen. Und selbst dann, wenn wir die Grenzwerte HC und NOx maximal addieren, dürfen Motoren hierzulande nur ein Fünftel der Kohlenwasserstoffe und Stickoxide einer amerikanischen Homologation ausstoßen.

Euro 5 für Motorräder 2020
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Abgaswerte der Euro 1 von 1999

Erlaubt sind in den USA die zwölffache Menge Kohlenmonoxid und kombiniert das Fünffache an Kohlenwasserstoffen und Stickoxiden. Das erklärt, wieso Honda, Kawasaki und Suzuki sogar teilweise noch ihre alten Vergaser-Enduros aus den 1980er Jahren oder 600er- und 750er-Supersportler oder größere Vierzylinder seit Jahren nahezu unverändert verkaufen dürfen. Im Vergleich mit den Euro-Normen seit 1999 entspricht der erlaubte CO-Wert der USA (12,0 g/km) dem der Euro 1 (13,0 g/km) von 1999, und der Kombinationswert HC+NOx (0,8 g/km) liegt zwischen der Euro 2 (1,3 g/km) von 2003 und der Euro 3 (0,55 g/km) von 2006.

Doch ewig wird das nicht mehr gelten, und dann werden diese für uns klassischen Modelle, auf denen manche von uns das Motorradfahren lernten, auch in den USA aus den Showrooms verschwinden. Für 2024 kündigt das California Air Research Board eine Novelle der Grenzwerte an, die sich an den Euro-Normen orientieren sollen und ins Bundesgesetz übernommen werden. Und damit wären wir in Kalifornien, denn tatsächlich gab es eine Zeit, da stellten die Vorschriften eines US-Bundesstaates die Motorradindustrie vor einige Hürden.

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1978 war Kalifornien Pionier

Für 1978 trat im US-Bundesstaat Kalifornien ein Emissionsgesetz in Kraft, das die Schadstoffbelastung für Motorräder regelte und seit 1976 zusätzlich die Regeln vorgab, wie viel Benzin aus dem Kraftstoffsystem verdunsten darf. Ein Grenzwert, der bei uns erst seit der Euro 4 von 2016 gilt. Die Grenzwerte erlaubten für das Modelljahr 1978 und 1979 für Motoren über 750 Kubik 14 g/km Kohlenwasserstoff und 17 g/km Kohlenmonoxid.

In Deutschland gab es eine vergleichbare nationale Norm erst ab 1994, als 4-Takt-Krafträder zwischen 21 und 42 g/km CO und 6,0 bis 8,4 g/km HC emittieren durften. Davor durften Motorräder in Europa je nach Gewicht mit bis zu 50 g/km Co und 10 g/km HC deutlich mehr Schadstoffe emittieren. Den Pionierstatus für saubere Abgase beim Motorrad verlor Kalifornien spätestens zur Euro 2 ab 2003, bei der die Grenzwerte für CO auf 5,5 g/km gesenkt wurden, während in den USA 20 Jahre später immer noch 12 g/km erlaubt sind. Die Normen des California Air Research Board (CARB) gelten als Grundlage für die US-Gesetze.

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Diese alten Motorräder gibt es in den USA noch neu

In den US-Modellpaletten von Honda, Yamaha, Kawasaki und Suzuki finden sich noch einige alte und sehr alte Modelle, die es in Europa primär wegen Abgasvorschriften schon lange nicht mehr gibt. Extremes Beispiel: Die Honda XR 650 L, die bei uns vor 30 Jahren auf dem Markt war. In den USA immer noch mit Vergaser, nahezu offenen 40 PS und guten 65 Nm Drehmoment. Und da Honda diesen Antrieb in Europa bis 2002 in der NX 650 Dominator und von 2005 bis 2007 in der Supermoto FMX 650 einsetzte, war er zuletzt mit 38 PS nach der Norm Euro 2 homologiert.

Weitere interessante Modelle, die es bei uns – teilweise leider – nicht mehr gibt, zeigt MOTORRAD in der Fotoshow.

Fazit

Lange schon hält sich das Gerücht, die Abgasnormen in den USA, speziell in Kalifornien, seien für Motorräder besonders streng. Von 1978 bis 2003 war das sogar begründet, denn in Kalifornien wurden zuerst Emissionsgrenzwerte für Motorräder festgelegt, in Deutschland erst 1994. Doch mit den Euro-Normen ab 1999 näherten sich die Grenzwerte immer näher der Grenze aus den USA, und ab 2003 wurden Euro-Kräder deutlich sauberer als sie in den USA sein durften. Seit 1988 gab es in den USA keine wesentlichen Änderungen mehr, die von Herstellern deutlich sauberere Motorräder verlangten. Doch: 2024 sollen die aktuellen Euro-Normen – wie in vielen Teilen der Welt – maßgeblich für eine neue US-Norm sein.

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