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Aprilia RS 660 im Fahrbericht. Aprilia (Alberto Cervetti).
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Aprilia RS 660 im Fahrbericht. 17 Bilder

Aprilia RS 660 im Fahrbericht

Aprilia RS 660 im Fahrbericht Erste Ausfahrt mit dem neuen Supersportler

Kompakt, leicht, quirlig und genug Dampf für sportliche Landstraßen-Turns. Klingt nach den guten alten 600ern aus den 1990ern? Stimmt, aber das geht auch modern. Aprilia hat das mit der RS 660 neu erfunden.

Endlich haben sich die Lkw-Schlangen nordöstlich von Noale aufgelöst. Fast eine Stunde haben wir im dichten Berufsverkehr hier in der Region Venetien herumgestochert, uns durch zig Ortschaften mit roten Ampeln und überfüllten Kreisverkehren vorwärtsgekämpft. Aber auch das ist Motorrad-Alltag und für Tester im Sattel einer neuen Maschine erkenntnisreich. Gerade bei der RS 660. Schließlich sehen die Ingenieure und Produktmanager von Aprilia ihr jüngstes Baby als Mischung aus Alltag, sportlichem Landstraßen-Feger und hin und wieder mal Trackday-Bike. Alltag auf zwei Rädern bedeutet dann eben auch Staus, Schleichmodus, viel kuppeln, schalten, bremsen, Gas auf, Gas zu. Superbikes und Power-Nakeds hassen das. Sie wollen von der Leine gelassen werden und quittieren so ein Pendlerdasein gern mit ruppigem Ansprechverhalten in niedrigen Drehzahlen, rauem Motorlauf, gewaltiger Hitzeabstrahlung vom Antrieb und so weiter – sprich: Es nervt.

Motor verdient große Anerkennung

Die Aprilia 660 dagegen erledigt diese Prüfung mit Bravour. Der völlig neu konstruierte Reihen-Zweizylinder schnurrt dahin, schwimmt selbst im vierten Gang bei knapp über 2.000/min mit der Kolonne und nimmt auffallend sanft das Gas an. Vom nominell maximalen Drehmoment von 67 Nm scheint schon ganz viel in unteren Drehzahlregionen bereitzustehen. Jeder Dreh am Gasgriff bringt unmittelbaren Vortrieb. Der Motor hat Charakter, suggeriert durch den Hubzapfenversatz von 270 Grad etwas von der Aprilia-V4-DNA und klingt erwachsen, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Selbst Motorradhasser mit eingebautem Lärmpegel-Sensor dürften damit klarkommen. Der Motor verdient große Anerkennung, und man sucht vergeblich nach Vergleichsmöglichkeiten.

Aprilia RS 660 im Fahrbericht.
Aprilia (Alberto Cervetti).
Der Preis der Aprilia RS 660 dürfte sich zwischen 11.000 und 12.000 Euro einpendeln.

Alles also entspannt. Wofür auch die etwas nach oben gezogenen Lenkerstummel sorgen. Gepaart mit den Fußrasten und der Sitzbank, ergibt sich eine Fahrerposition, die durchaus als sportlich durchgeht, aber weder die Handgelenke noch die Knie im Gleitmodus knechtet. Das erinnert dann an die Ducati Supersport. Alltagsprüfung also erstaunlich souverän gemeistert, doch jetzt locken die Berge. Urplötzlich wird aus der Bummelfeile die Spaßrakete. Dazu steppt man den Blipper einen Gang runter, hebt die Drehzahl über 6.000/min und genießt. Der Twin liebt Drehzahlen. Tatsächlich, er ist sehr sportlich. Bis gut über 10.500/min legt er immer weiter nach, erst bei 11.500/min setzt der Begrenzer der Sache ein Ende.

100 PS sorgen für jede Menge Fahrspaß

Eindrücklich unterstreicht die RS 660 so, dass 100 PS Spitzenleistung selbst für die scharfe Gangart auf der Landstraße völlig ausreichen. Vor allem wenn sie so vom Antrieb serviert werden und dann auch noch in einem solchen Fahrwerk stecken. Mit der ganzen Erfahrung aus 54 WM-Titeln und mit der Gewissheit, auch bei den großen Sportmodellen in Sachen Chassis ganz vorn mitzuspielen, haben die Aprilia-Entwickler der RS 660 ein wunderbar agiles und gleichzeitig neutrales und stabiles Fahrwerk kredenzt. Die Serpentinen hoch unterstreicht die RS jeden Aspekt: stabil auf der hervorragend dosierbaren Brembo-Bremse vor der Kurve, dann spielerisch einlenken, zielgenau auf der angepeilten Linie und kraftvoll mit stabiler Hinterhand wieder raus – Landstraßen-Sport im besten Sinne. Was ein Feger!

Aprilia RS 660 im Fahrbericht.
Aprilia (Alberto Cervetti).
Die neue RS 660 meistert den Spagat zwischen Alltagsmotorrad und Sportler mit Bravour.

Die Dämpferabstimmung scheint ebenfalls gut gelungen. Der Spagat aus genügend Komfort und sportlicher Härte zeichnet die Kayaba-Komponenten aus. Trotz direkt angelenktem Federbein meisterte die RS holprigen Alpenasphalt ohne Tritte gegen den Fahrer. Auch die Abstimmung der USD-Gabel passte ins Bild. Das Testbike hatte allerdings noch keinen Serienstatus. Einzelne Kunststoffteile waren Einzelanfertigungen, Formen für die jetzt anlaufende Produktionsphase waren noch in der Entstehung. Auch die Elektronik war noch Vorserie. Außer dem Fahrmodus "Dynamic", den wir ausschließlich benutzten und der für die Homologation so bleiben wird. Das ist beruhigend, denn von der Gasannahme bis zur Leistungsbereitstellung durch das Drehzahlband war die Performance schlicht perfekt für jeden Einsatzzweck.

Serienmodell bekommt Updates

Weitere vier Modi sollen zu "Dynamic" bis zur Serienreife dazukommen, darunter einer für Rennstrecken-Ausflüge und auch in einzelnen Parametern frei programmierbare. Dann lässt sich von der Wheeliekontrolle über ein modulierbares ABS bis zur Traktionskontrolle alles einzeln abstimmen. Uns stand dies alles noch nicht zur Verfügung. Doch in Serie wird die RS 660 dann ein Elektronikpaket bekommen, das sogar moderner ist als jenes im aktuellen Aprilia-Superbike. Aber braucht man das bei einem 100-PS-Bike überhaupt, fragten wir die Aprilianer. "Als Verkaufsargument gerade für Aufsteiger von den 125ern hin zu Superbikes zum Beispiel", antwortete Produktmanager Diego Arioli. Auf unseren warnenden Hinweis, dass so eine komplexe Technik dann auch den Gesamtpreis in die Höhe treibt, schüttelten sie in Noale nur den Kopf. Nur maximal zehn Prozent der Gesamtentwicklungskosten der RS 660 entfielen auf die Elektronik, da sie bei Aprilia das Know-how dafür über den Rennsport längst im Haus hätten. So kann man den Preis für die RS 660 entsprechend niedrig halten. Angepeilt sei der zwischen 11.000 und 12.000 Euro.

Fazit

Die RS 660 ist ein sehr gutes Motorrad geworden. Dafür, wie sie den Spagat zwischen Alltagsmotorrad und Sportler hinbekommen haben, verdienen die Leute bei Aprilia ein Dankeschön. Einst gab es für sportbegeisterte Motorradfahrer auf der Landstraße die 600er-Klasse mit den knapp 100 PS starken Vierzylindern aus Japan. Seit diese zu Drehorgeln für die Rennstrecke mutierten, blieb solchen Zeitgenossen nur der Schritt zu den Superbikes mit Mega-Leistung oder Naked Bikes der oberen Mittelklasse. Mit der RS 660 sind die spaßbeseelten Landstraßen-Sportler wieder zurück – gut so!

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