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MotoGP 2018 - Tom Lüthi im Interview

Startschwierigkeiten

Punktlose Rennen, Ausfälle und eine handfeste Krise im Team - der MotoGP-Einstand von Tom Lüthi gestaltet sich bisher mehr als schwierig. Wir fragten nach den Gründen.

Nach acht Jahren in der mittleren Klasse wechselte Tom Lüthi zur Saison 2018 in die MotoGP. Bisher tut sich der zweimalige Moto2-Vize-Weltmeister aber schwer und kommt auf der Honda vom Team Estrella Galicia 0,0 Marc vdS noch nicht so richtig in Fahrt. Wo die Gründe liegen, erzählte uns der 125er-Weltmeister des Jahres 2005 im Interview.

MOTORRAD: Hallo Tom! Sachsenring Grand Prix und damit Saison-Halbzeit. Wie lief für Dich rückblickend die erste Hälfte Deiner Rookie-Saison in der MotoGP?

Tom Lüthi: Nicht zufriedenstellend natürlich, das ist klar. Ich habe mir mehr erhofft und gehofft, dass ich schneller in Fahrt komme und besser werde. Es reicht einfach noch nicht, ganz klar.

Es ist so, dass man am Anfang erst einmal einsteigen und die ersten Lernschritte machen muss. Ich habe auch gemerkt, dass es Schritt für Schritt vorwärts geht, aber die Schritte waren und sind zu klein. Ich hätte gerne größere Lernfortschritte und dass es schneller vorwärts geht, das habe ich bisher aber leider noch nicht geschafft.

Viel Leistung, unbekannte Elektronik

MOTORRAD: Was f#ällt Dir bei der Umstellung von der Moto2-Kalex auf die Marc VdS Honda am schwersten?

Die größte Hürde ist der Leistungsunterschied zwischen Moto2 und MotoGP und mit der Leistung kommt natürlich die Elektronik dazu. Traktionskontrolle, Wheelie Control, Engine Brake und so weiter. Das Motorrad so zu fahren, dass man mit der Elektronik klarkommt und dabei das Optimum rauszuholen, das braucht wirklich viel Erfahrung. Da muss man lernen, lernen, lernen.

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Zur Saison 2018 wechselte Lüthi zum Team von Marc van der Straten in der MotoGP. Leistung und Elektronik bereiten ihm aber noch Probleme.

MOTORRAD: Hast Du Dich über den Winter speziell vorbereitet und dein Training umgestellt, um mit der Leistung des Motorrads besser klarzukommen?

Ich habe im Winter mehr Krafttraining gemacht und dabei versucht, mehr spezifisches Krafttraining zu machen. Und ich habe versucht, so viel wie möglich Motorrad zu fahren, wie zum Beispiel Motocross - was auch gut war. Schlussendlich ist es die Kraftausdauer, die man braucht. Man muss wirklich lange Festhalten können. Die Beschleunigungskräfte sind enorm. Man muss das Gewicht möglichst vorne halten und das Motorrad will halt die ganze Zeit vorne weg und vorne steigen. Also man muss eigentlich lange - ich sag mal - ziehen auf dem MotoGP-Motorrad. Auf dem Moto2 Motorrad ist das ein bisschen anders. Da muss man natürlich auch mit Kraft arbeiten. Aber dann gibt es einen Moment, wo die Aerodynamik wichtiger wird. Bei der MotoGP ist das viel, viel später. Da ist es dann richtig Festhalten, wofür ich auch ein bisschen trainieren konnte. Aber das mit der Elektronik, das kann man nicht simulieren. Da muss man fahren.

MOTORRAD: Du wirst im September 32, Dein Team-Kollege Franco Morbidelli oder auch Maverick Vinales sind gerade mal 23 Jahre und damit fast zehn Jahre jünger. Musst Du schon mehr tun, um beim Thema Fitness mit den jüngeren Piloten mitzuhalten? 

Es gibt schon Situationen, wo ich auch weiß, dass ich mehr machen, mehr arbeiten muss. Wie jetzt beim Kraftraining. Da muss ich ein bisschen mehr investieren. Aber in Sachen Ausdauer wird man in dem Alter, in dem ich jetzt bin, und auch noch später, eigentlich sogar besser.

Es ist nicht so, dass ich jetzt denke, dass ich eigentlich zu alt bin und mit den jungen Fahrern nicht mehr mithalten kann. Es gibt schon Bereiche, wo ich einfach ein bisschen mehr arbeiten muss. Ich hatte vielleicht auch ein oder zwei Verletzungen mehr und muss dementsprechend ein bisschen mehr investieren, aber ich mache mir da keine Sorgen, dass ich das körperlich nicht hinbekomme. Das meiste ist Kopfsache. Zu siebzig Prozent liegt es am Kopf.

MOTORRAD: Du zählst ja zweifelsohne zu den erfolgreichsten Moto2-Piloten der letzten Jahre. Du warst zweimal Vize-Weltmeister und hast in den letzten sieben Jahren die Meisterschaft fünfmal in den Top 5 beendet. Wie kam es, dass Dein Sprung in die Königsklasse so lange hat auf sich warten lassen?

Es war keine Chance da, die Sinn gemacht hat. Wenn mal eine Chance da war, war es einfach vom Finanziellen her nicht möglich. Ich wäre natürlich gerne früher aufgestiegen, das ist klar, aber es war einfach schlicht nicht möglich. Und jetzt kam halt die Chance mit Marc vdS und da habe ich dann gesagt "Ja, hey, ich will das machen! Ich bin nicht zu alt dafür. Auf keinen Fall. Ich habe Erfahrung und ich will diesen Schritt auch machen!"

Problematisches Gesamtpaket

MOTORRAD: Für Punkte hat es bisher noch nicht gereicht. Wo siehst Du persönlich das größte Entwicklungspotential?

Tom Lüthi: Das sehe ich überall. Es ist das Gesamtpaket. Es ist nicht nur das Ziel einen Top-15 Platz zu schaffen, oder so was. Es ist vielmehr das Etablieren und Fußfassen in der Klasse. Ich will, dass ich mich wirklich wohler fühle auf dem Motorrad und dass der Grundspeed besser wird. Das ist das Wichtigste. Und das habe ich bis jetzt nicht geschafft. Aber um das hinzubekommen, ist es eigentlich das Gesamtpaket: ich muss weiter an mir arbeiten. Ich muss vor allem den Fahrstil umstellen. ich bin immer noch dabei, meinen Fahrstil von der Moto2 auf die MotoGP umzustellen. Das Gleiche gilt für die Abstimmung vom Motorrad, um es für mich leichter fahrbar zu machen und dann wiederum meinen Fahrstil anzupassen. Es schaukelt sich so ein bisschen hoch. So muss es ablaufen. Das ist der einzige Weg, den ich sehe.

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Das erste Saisonrennen in Katar beendete Lüthi auf dem 16. Platz, leider konnte er sich seither nicht weiter steigern.

MOTORRAD: Vergleicht man dein aktuelles Arbeitsgerät mit den Werks-Motorrädern von Honda Repsol, wo steht Ihr da technisch?

Tom Lüthi: Es sind ja drei Werksmotorräder. Crutchlow hat ja auch ein Werksmotorrad. Das sind die drei. Und dann sind da Nakagami, Morbidelli und ich. Wobei ich bei Nakagami nicht genau weiß, was er hat. Aber Franco und ich haben das gleiche Material.

MOTORRAD: Und das ist Ausbaustufe Ende 2017?

Tom Lüthi: Richtig, ganz genau. Aber nicht ganz mit der Elektronik, die das Repsol Team Ende letzten Jahres hatte. Ich kann es nicht ganz genau erklären, aber da sind wir auch ein bisschen „eingeschränkter", würde ich sagen.

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Nachdenklich: Im Mai musste Team Chef Michael Bartholemy seinen Hut nehmen, was die Arbeit noch immer erschwert.

MOTORRAD: Im Mai musste Michael Bartholemy seinen Hut nehmen, die Zukunft des Teams ist seither mehr als ungewiss. Wie gehst Du an den Rennwochenende mit solchen Umständen um? Kannst Du das komplett ausblenden?

Tom Lüthi: Puuh – wie soll ich das beschreiben – das war wirklich schwierig. Sehr, sehr schwer. Denn es ist wirklich drunter und drüber gegangen im gesamten Team. Das war natürlich schade, weil das VDS Team immer mein erster Gegner in der Moto2 war. Ich habe immer gegen das Team gekämpft und es war eine starke Struktur von außen und es hat wirklich top ausgesehen. Dann habe ich es geschafft, bin endlich in die Struktur reingekommen, was sehr cool war und habe mich auch darauf gefreut. Und dann ist es wirklich drunter und drüber gegangen, nicht nur ein bisschen. Dadurch wurde es halt sehr schwierig. Wir wussten nichts mehr. Ein Test wurde zum Beispiel überraschend abgesagt und so weiter. Es war wirklich die Hölle los und das war ein sehr, sehr schwieriger Moment.

Jetzt hat sich das Ganze ein bisschen beruhigt - aber es muss natürlich trotzdem noch viel passieren, mit der Führung im Team und so weiter. Die Führung fehlt einfach - es fehlt der Chef im Haus. Es ist aktuell ein bisschen wild das Ganze, jeder muss für sich schauen und für sich arbeiten. Das ist ein bisschen das Problem. Aber jetzt funktioniert es schon viel, viel besser und dann können wir uns auch wieder auf den Job konzentrieren und der Job ist, Motorradrennen zu fahren.

Notlösung Moto2

MOTORRAD: Hast du denn schon eine Ahnung, wie es weitergeht?

Tom Lüthi: Es ist alles noch offen. Mein Ziel ist es natürlich in der MotoGP zu bleiben und eine weitere Chance zu bekommen, Fuß zu fassen, mehr zu lernen und mich mehr zu entwickeln in der Klasse. Die andere Option ist Moto2, aber wie, wo und was ist noch offen.

MOTORRAD: Falls es Moto2 wird, würde sich das dann im Rahmen von Marc VDS abspielen?

Tom Lüthi: Auch das ist offen. Aber da gibt es natürlich schon Interesse in der Moto2. Das ist das Positive. In der Moto2 habe ich mir wohl schon einen Namen gemacht habe, mit den Erfolgen, die ich hatte. Aber das erste Ziel wäre natürlich schon, in der MotoGP zu bleiben und da besser zu werden und Fuß fassen zu können. Die Zeit rennt, das ist mir klar und bewusst. Aber ich versuche jetzt einfach weiter zu arbeiten, schneller zu werden. Aber es ist natürlich so, dass die meisten Entscheidungen schon getroffen sind und dass natürlich dann die Türen zugehen.

MOTORRAD: Gesetzt dem Fall, du müsstest zurück in die Moto2 – gewinnt eine Rückkehr durch die stärkeren Triumph-Motoren, die Magneti Marelli Einheitselektronik und die damit verbundene Annäherung an die MotoGP für dich an Attraktivität?

Tom Lüthi: Ich habe mich ein bisschen damit befasst, mir die Tests angeschaut und so weiter, aber auch noch nicht wirklich intensiv. Es wäre natürlich interessant, denn die Erfahrungen, die ich jetzt in der MotoGP hole, mit der Elektronik und so weiter, wäre das dann für die neue Moto2-Klasse nächstes Jahr schon interessant. Auch das Motorrad muss anders gefahren werden als jetzt die Sechshunderter. Es gibt dann viel mehr Drehmoment - einen anderen Fahrstil vielleicht nicht – aber eine andere Linienwahl auf jeden Fall. Und vor allem bei der Abstimmung wird alles ganz anders.

MOTORRAD: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die zweiten Saisonhälfte.

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