Toni Börner

Road-Racing-Aus für Guy Martin

"Hätte eher aufhören sollen"

Publikumsliebling Guy Martin fährt keine Straßenrennen mehr. In einem Interview mit dem Belfast-Telegraph sprach der Lastkraftwagen-Mechaniker aus Lincolnshire nun über seine Karriere, die Beweggründe fürs Aufhören und den Tod.

In Großbritannien kennen Guy Martin viele als TV-Star, der auch Motorradrennen fährt. Weltweit ist er aber eher als Straßenrennfahrer bekannt. Als einer, der dem Tod oft ins Auge blickte. Als einer, der bei der gefährlichsten Motorsport-Art der Welt zu oft auf der Nase gelegen hat. Als einer der erfolgreichsten Road-Racer aller Zeiten – der aber nie die Isle of Man TT gewinnen konnte. Aus 61 gefahrenen TT-Rennen, holte Martin 17 Podeste. Immer wieder schrammte er am Sieg vorbei. Seine schnellste Runde fuhr er mit einem Schnitt von 132,398 Meilen pro Stunde (213,02 km/h).

Endgültig zu Weltruhm war Martin 2010 gelangt – durch den TT-3D-Film „Closer to the Edge“. Dort wird auch gezeigt, wie er in der Ballagarey-Kurve einen heftigen Abflug hatte, bei weit über 200 km/h die Straße in Brand setzte. Martin überlebte. Das Internet ist voll mit seinen Horror-Geschichten. Allein die Video-Suche „Guy Martin Crash“ liefert 780.000 Ergebnisse.

Doch irgendwann ist der nächste Sturz einer zu viel. 2015 flog Martin beim Ulster Grand Prix auf dem Dundrod-Circuit schwer ab, zog sich mehrere Verletzungen zu. Nachdem er mit Bruce Anstey hier im Superbike-Rennen um den Sieg kämpfte, landete er schließlich im Krankenhaus – sprang dem Tod aber einmal mehr von der Schippe. Trotzdem: Nun setzten bei ihm die Überlegungen ein, wie er heute sagt.

Dundrod war der Schlimmste Crash

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Mit dieser 2015er Tyco-BMW S 1000 RR stürzte Guy Martin beim Ulster-Grand-Prix. Hier brettert er im fünften Gang durch die Senke von Bottom of Barregarrow auf der Isle of Man.

„Ich habe ja vorher schon im Krankenhaus gelegen, aber das war anders“, verriet er dem Belfast-Telegraph. „Der Isle-of-Man-Crash war sicher spektakulärer, als das Motorrad explodiert ist und es überall gebrannt hat. Ich hatte Quetschungen an beiden Lungen und habe mir einen Rückenwirbel gebrochen.“

"Aber Dundrod war der Schlimmste“, fährt er fort. „Ich kann mich an rein gar nichts vom Sturz erinnern, außer, dass ich mit 130 Meilen [rund 210 km/h, anm. d. Red.] mit dem Kopf aufgeschlagen bin. Dann bin ich in ein Feld und gegen einige Dinge geflogen.“ „Ich bin zwar schon an der Strecke wieder zu mir gekommen, denn die Streckenposten haben erzählt, dass ich den gleichen Kauderwelsch wie immer von mir gegeben habe. Richtig zu mir gekommen bin ich aber erst im Krankenhaus. Dann kamen die üblichen Fragen: Wo tut es weh und tut das hier weh?“

„Ich war im Royal Victoria von Belfast und noch nie zuvor hat mich ein Krankenhaus so schwer beeindruckt, wie das da, die ganze Belegschaft war unglaublich. Ich hatte mir fünf Rückenwirbel gebrochen. Sie mussten mir die Wirbelsäule stützen, denn ich hatte mir auch das Brustbein gebrochen. Ich hatte fünf gebrochene Rippen und zwei Mittelhandknochen mussten mit Platten versehen werden.“

„Ich weiß noch, wie ich mich gefragt habe: `Was ist passiert… wo sind die letzten zwölf Jahre hin?´ Ich hatte alles dem Rennsport untergestellt und all die anderen Dinge, die ich noch tun wollte, hinten an.“

Zurück in die Lkw-Werkstatt

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Guy Martin mit Hector Neill im Hintergrund am Start zur Isle of Man TT 2015.

Es dauerte nur wenige Wochen, ehe Martin wieder an seinen Lkws schraubte – wenngleich noch auf Krücken. „Es gibt keine bessere Physiotherapie als an Trucks zu arbeiten“, sagte er.

Irgendwann aber kommen die Gedanken nach dem Warum. „Ich hätte früher aufhören sollen, wenigstens zwei oder drei Jahre eher. Aber ich hatte ein großartiges Team aus Nordirland, wunderbare Menschen um mich herum und ich bin gute Motorräder gefahren.“

Martin bezeichnet als „Karriere-Knick“ – vor allem menschlich und persönlich – auch die Trennung vom Tyco-Team von Hector und Philip Neill. „Ich habe ein Angebot von einem anderen Team angenommen, als Hector noch dachte, ich würde für ihn fahren. Er hat dann nicht mehr mit mir geredet, mich nicht einmal mehr angeschaut. Er hat mir das richtig krumm genommen. Ich habe Hector gemocht. Er ist ein wunderbarer Mann und ich habe immer noch den allerhöchsten Respekt für ihn. Mit dem Team hatte ich meine besten Zeiten und diese Mannschaft war auch der Grund, warum ich länger weiter gemacht habe, als ich hätte sollen.“

William Dunlop stirbt

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Guy Martin bei der Isle of Man TT 2011 am Ortsausgang von Kirk Michael vor Michael Dunlop

Martin hat zuletzt auch eine Biografie geschrieben. Als er im Juli dieses Jahres an das letzte Kapitel davon ging, starb William Dunlop bei einem Sturz in Skerries. Ein ehemaliger Teamkollege. „Ein unglaublicher Kunde“, sagt Martin. „Er hat es geliebt, Motorrad zu fahren und wenn am richtigen Tag alles zusammen lief, war er einfach brillant.“

„Ich habe immer geglaubt, dass er sehr unter Druck stand, weiter Rennen zu fahren, einfach, weil er ein Dunlop war. Ich glaube, dass seine Einstellung der von mir immer sehr ähnlich war. Er hat sich nicht so sehr um die Ergebnisse geschert, er hat einfach das Fahren geliebt. Ich war ein Jahr lang sein Teamkollege und er konnte auch richtig faul und so sein. Aber bei ihm war das mehr, als nur Motorräder.

Motorsport

„Es ist unglaublich traurig, denn er war noch nicht allzu lange Vater gewesen und das nächste Kind, welches nun geboren worden ist, war unterwegs. Vielleicht ist er einfach Opfer seines Nachnamens geworden. Er war ein Dunlop und Dunlops fahren immer weiter Rennen.“

Martin betonte dabei auch die unter Straßenrennfahrern fest verbreitete Einstellung, dass der Tod zwar permanentes Thema sei, aber keiner daran glaubt, dass es einen selbst treffen könnte. Dass man immer alles unter Kontrolle habe. „Als ich noch fuhr, habe ich immer gedacht: Okay, der nächste ist dahin – und habe einfach weiter gemacht. Nach einer Weile wirst du da immun. Ich war so versunken in mein Racing, sowas ist alles an mir abgeprallt. Heute denke ich da viel mehr und intensiver drüber nach.“

Vater werden ist nicht schwer …

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Guy Martin auf der Supersport-Triumph zur TT

Auch Guy Martin genießt mittlerweile Vaterfreuden. Seine Freundin Sharon schenkte ihm vor ziemlich genau einem Jahr seine Tochter Dot. „Damit ändern sich deine Prioritäten, ja. Ich habe nicht mit dem Rennfahren aufgehört, weil andere gestorben sind oder ich mich verletzt habe. Ich hatte es einfach satt und wollte andere Dinge tun, die ich immer aufgeschoben habe. Ich habe mich dem Road-Racing gegenüber nie respektlos verhalten. Der Sport war gut für mich. Ich habe einfach das Gefühl, dass es für mich anders weiter geht.“

Dass Road-Racing verboten werden wird, glaubt Martin derweil nicht. Es sei aber möglich, dass aufgrund höherer geforderter Versicherungssummen für die Veranstalter es weniger Rennen geben könnte. Martin verfolgt das Geschehen weiter und hat sich so auch die diesjährige Übertragungen zur Isle of Man TT angeschaut, besonders Michael Dunlop.

„Ich mag Michael Dunlop“, so Martin weiter. „Er hat im Vergleich zu William eine energischere Persönlichkeit, wir sind in unserer Anfangszeit bei den Rennen oft aneinander gerumpelt. Manche haben ihn als rücksichtslos bezeichnet. Aber als ich ihn dieses Jahr bei der TT fahren sehen habe, hat er eine Reife gezeigt, die diese Leute ihm immer absprechen wollten. Er ist ein engagierter Fahrer und ich habe absolut größten Respekt vor ihm.“

„Als William starb, habe ich ihm eine Nachricht geschrieben, dass er, wann immer er einen Tee trinken und quatschen möchte, ich für ihn da bin. Und das meine ich so!“

Mit dem Fahrrad zur Arbeit

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Guy Martin bei der TT 2010 - wenige Kilometer vor seinem "berühmten" Feuer-Crash bei Ballagarey.

Ansonsten lebt Guy Martin – abseits der ganzen TV-Shows und -Kameras – sein normales leben. „Ich komme sechs oder sieben Abends von der Arbeit heim“, schildert er. „Wenn ich viel zu tun habe, stelle ich mir den Wecker auf drei Uhr und stehe dann um 3:45 Uhr auf. Ich trinke eine Tasse Tee, lese ein Magazin und gehe mit den Hunden raus. Ich lese meine Nachrichten am Handy und beantworte alles, was zu beantworten ist. Dann ziehe ich meine Fahrradsachen an und radle zur Arbeit.“

„Wenn ich in der LKW-Werkstatt um fünf Uhr anfange, muss ich 23 Minuten nach vier auf meinem Fahrrad sitzen. Damit habe ich noch Zeit, meine Kleidung zu wechseln und vor Arbeitsbeginn noch eine Tasse Tee zu trinken. Mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, ist für das Hirn der beste Antrieb. Da denke ich darüber nach, was anliegt, was ich wo, wann wie machen muss und alles, was daraus dann wieder folgt.“

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