Extremtest: Pendler-Test mit dem E-Roller Seat Mó

Pendler-Test mit dem E-Roller Seat Mó 125 Das Ende der Elektrowelt

Pendeln mit Spannung: Der Seat Mó im Härtetest. Ein Biker und ein Autofahrer pendeln mit dem E-125er über Land.

Seat Mó Elektro Roller Pendler Test 2021 Malte Buls / Patrick Lang
Seat Mó Elektro Roller Pendler Test 2021
Seat Mó Elektro Roller Pendler Test 2021
Seat Mó Elektro Roller Pendler Test 2021
Seat Mó Elektro Roller Pendler Test 2021 26 Bilder

Das schrille Kichern unter dem Klapphelm toniert in vier Stufen zwischen infantil und grenzdebil. Das infantile Kichern während der Erstfahrt auf dem Seat Mó entfährt bei diversen Ampelstarts aus dem Stuttgarter Kessel hinaus. Im Sportmodus macht der E-Roller Alarm und lässt nach einer halben Gedenksekunde im Anzug alles stehen, was da so verbrennend neben einem steht. Der Plan: 70,7 Kilometer laut Google Maps von der Redaktion ins Heimische zu stromern. Die Theorie: Im City-Modus und 80 km/h Spitze zeigt der Mó 102 Kilometer Reichweite an. Das Wissen: Das wird eine knappe Nummer und ist ein Experiment das Konzept für das Urbane riskant nah an seine Grenzen zu bringen. Das infantile Kichern ändert sich bei der Auffahrt auf die B10 in Richtung Vaihingen a. D Enz, es wandelt sich zum Kichern des Realismus: Der lange Linksbogen hat eine staatliche Steigung, was erst auffällt als der Mó an Speed verliert. Zeitgleich fällt der Blick auf die Restreichweite. 65 Kilometer zeigt der Mó an, das innere GPS schätzt noch 60 Kilometer bis nach Hause. Das wird eine verdammt knappe Nummer. Die Lernkurve ist steil: 10 Kilometer launiger Sport-Spaß den Stuttgarter Kessel hangaufwärts saugen den Akku ratzfatz leer. Der City-Mode soll’s richten.

Sitzheizung durch die Hintertür

Kollege Lang freute sich nach seiner Erstfahrt auf dem Seat Mó über die serienmäßige Sitzheizung. Ich zweifle an diesem Feature, finde ich weder eine Anzeige auf dem kargen doch übersichtlichen Display noch einen Schalter an den kargen doch übersichtlichen Schaltereinheiten als Beweis. Die Lösung erscheint auf dem Illinger-Buckel, 33 Kilometer nach Start der spannenden Heimfahrt: Eine Kontrollleuchte warnt vor einer hohen Temperatur. Es sind 13 Grad Außentemperatur. Was soll da heiß laufen? Der Daumen drückt suchend auf zwei von zwei möglichen Knöpfen, bis die Temperatur-Anzeige des Akkus 47 Grad anzeigt. Das macht mir durch Unwissen wenig Sorgen. Deutlich schwerer wiegt die dadurch abgeschaltete Rekuperation des Mó, mit der ich hoffte den ein oder anderen Meter Reserve zu schinden. Merke: Nicht die Sitzheizung wärmt den Hintern. Es ist der Akku, der seit gut 35 Kilometern maximal belastet wird
Zwischen B10 und Illingen kichere ich sarkastisch orchestriert und gebe dem neuen Wissen: "Das wird nicht nur knapp, das wird saueng", einen klingenden Rahmen. Der Klang ändert sich kurz auf der gut drei Kilometer langen – überraschenden – Umleitung zwischen Illingen und Lienzingen in ein fatalistisches, hirnabschaltendes Kichern: Der Mó zeigt sich bereit noch 25 Kilometer mit mir zu fahren, woher die verbleibenden acht Kilometer ins warme Zuhause kommen sollen, weiß ich nicht. Die Uhr zeigt 18.20 Uhr, der Akku glüht bei 52 Grad, ich friere in neun Grad frischer Luft. Im Eco-Modus schleichen Mó und ich den nächsten Buckel hinauf, es ist stockfinster. Eine Kombination, die den Mó als urbanes Konzept überfordert. Der E-Roller ist nicht mit einem Scheinwerfer versehen, sondern mit einer Positionsleuchte: Der Lichtkranz des Abblendlichts erhellt einen Bereich von 50 Zentimetern Radius um den Vorderreifen herum und einen schmalen, tiefsitzenden Streifen einige Meter vor dem Roller. Das Fernlicht hingegen erhellt die umliegenden Baumkronen eindrucksvoll, passend zur vorweihnachtlichen Stimmung in den Supermärkten Ende Oktober. Übrigens: Es ist der zweite Abend nach dem ersten Herbststurm. Wälder und Bankette sind rüde zerrupft, was die morbide Stimmung des Moments kalorienreich nährt.

Die Stunde null

Der große Plan im Plan war mit der Rekuperation vielleicht ein Prozent Kapazität zu laden. Gut acht Kilometer vor dem Ziel springt die angezeigte Restladung auf null Prozent und null Kilometer Reichweite. Rekuperiert hat der Mó seit 20 Kilometern nichts mehr. Ich erwarte den rigorosen Black-Out im dunklen Wald und habe mich mit meinem Schicksal abgefunden. Im dunklen Nichts des Kraichgaus sortiere ich meine Sorgen absteigend: Fährt mich mit 35 km/h und nur von Grablichtern erhellt, gleich einer über den Haufen? Habe ich hier Netz, um einen Besenwagen anzurufen? Was wohl eine Rotte querender Wildschweine mit dem Mó macht? Wann bleibe ich denn endlich liegen? "Bitte bleib endlich liegen.", schreie ich den Mó an. Die Folter muss ein Ende haben.

Zur Einfahrt in Odenheim verlässt mich der Mut. Perfekt wäre hier ein Bild mit dem Display, Null bei allem, Hitzewarnung und dem Ortsschild. Ich bin zur maximalen Dichte durchgekühlt und scheue den Gedanken mein Handy mit kalten Fingern in den Acker zu tollpatschen. Außerdem bin ich froh, dass der Mó noch rollt. Es sind zwar noch sechs Grad, allerdings lässt der komplett fehlende Windschutz des Seat eben jenen kurz über dem Bauchnabel auftreffen, was das Auskühlen beschleunigt. Ein weiteres Indiz für: Der Seat Mó gehört in die Stadt. Übrigens: Der leere Akku zeigt 55 Grad an. Kollege Stegmaier referiert am nächsten Morgen darüber. Konklusion: Das ist verdammt hoch.

Reportage Verbrenner-Motorräder EU-Klimapläne
Technologie & Zukunft

Landflucht befohlen

Über die nächste Pendelfahrt nach Stuttgart bei dichtem Nebel, Teelichtern als Beleuchtung, drei Grad Celsius und der Gewissheit selbst ohne Spiel im Sport-Modus wieder mit Null Restreichweite irgendwo in Stuttgart anzukommen, schweige ich. Nur so viel: In der Stadt ist der Mó eine Wucht. Im täglichen Stuttgarter Straßenkampf mit zu wenig Platz und zu großen SUV schwäbischer Bauart spielt der Roller seine Stärken aus. Es muss an der Ampel nicht immer der Sportmodus sein, in City zieht der Mó immer noch kräftig los. Einzig in Eco ist die Pole-Position an der Ampel schwierig zu halten.

Passend dazu eine langstreckentaugliche Sitzbank und Ergonomie. Die Konstruktion mit dem schweren Radnabenmotor mit neun Kilowatt und dem 45-Kilo-Akku mit 5,6 kWh direkt unter dem Fahrer ergeben ein diffuses Handling. Die Front klappt flockig ein, dann kommen das Gewicht des Fahrers und des Akkus auf einer Linie. Ab hier wird es träge beim Einlenken und bringt in forcierten Kurven die weite Linie. Das Fahrwerk ist straff gefedert und gedämpft, was ein sattes Fahrgefühl ergibt, dafür kurze Stöße unsanft durchlässt. Großes Lob für die integrale Bremse: Heftig im Biss. Ein ABS stünde dem Mó jedoch gut – schon wegen des Preises.

Elektrogott oder Plutoniumhändler?

Als ich mit meinem Hipster-Trolley den gläsernen Aufzug betrete, sind die Jubelschreie der Menge auf dem Vorplatz zu einer Arie gestimmt. "Jens Kratschmar, Elektro-Gott", skandieren sie. Die Wahrheit: Chef Jochen schaut erst verdutzt, dann verweist er auf einen möglichen Plutoniumverkauf, den er mit dem rollende Akku-Quader für möglich hält. 45 Kilo stehen auf massiven Alu-Beinen und Vollgummi-Rollen. Am etwas kurzen Teleskop-Griff dirigiere ich den Trumm durch die Flure. Das Betreten und Verlassen des Aufzugs verlangt Können: Drücken sich die beiden Rollen durch das hohe Gewicht in den Spalt zwischen Tür und Aufzugskorb, da braucht es viel Gefühl. Kraft hilft wenig, da der Griff labil wirkt. Am Mó angekommen, einfach den Akku am Schacht ansetze und mit leichtem Ruck einsetzen. Narrensicher. Nachteil: Der Akku verfügt nur über ein kleines Ladegerät für gute acht Stunden Ladedauer. Vorteil: Per Kaltgeräte-Kabel an der 230-Volt-Steckdose ist der Akku locker im Büro ladbar und man ist nicht auf zufällige Steckdosen in der Tiefgarage oder auf dem Parkplatz angewiesen. Übrigens: Wer am eiskalten Morgen danach mit dem Hipster-Trolley durchgefroren den Chef begrüßt, wird von dessen lautem Lachen und aufmunternden Worten: "Immerhin hast du es geschafft", sagen wir: Gewärmt.

  • Ab hier erfahren Sie, wie Autoprofi Patrick Lang das Pendeln mit dem Seat Mó erlebt hat 🠗

Ich bin ein Feigling. Kurz nach der Mittagspause telefoniere ich noch mit dem Motorrad-Kollegen Kratschmar, melde die Ankunft unseres Testfahrzeugs in der Redaktion und verhandle großspurig darüber, mir einen Helm aus seinem Büro zu borgen. Klar will ich das Ding direkt die 60 Kilometer bis in meine ländliche Heimat reiten. Keine zwei Stunden später bimmelt mir das Smartphone eine Unwetter- und Sturm-Warnung entgegen, weitere drei Stunden später sitze ich mit einem dampfenden Kaffee im Cupholder am Steuer meines Ford. Ja, ich bin ein Feigling. Noch.
An und für sich haben der Mó und ich nämlich große Pläne: Wir wollen die Verkehrswende herbeiführen. Auf Wunsch der Bundesregierung soll das nämlich unter anderem mit der im letzten Jahr beschlossenen Führerschein-Erweiterung B196 klappen. Also einer kurzen Zusatzausbildung für Autofahrer, die damit dann 125er-Zweiräder führen dürfen – und ja, genau diese Lizenz habe ich erworben. Die Idee dahinter ist, dass Pendler auf emissionsärmere und kompaktere Zweiräder umsteigen, und so in den Ballungszentren für weniger Stau und bessere Luft sorgen. Wie könnte man das wohl besser, als mit einem rein elektrisch betriebenen 125er-Roller? Na, sehen sie. Bleibt die Frage, ob es der Zweirad-Stromer schafft, mich von meinem gemütlichen Pendlerauto mit Sitzheizung und Klimaanlage loszueisen.

Raus aus dem Kessel

Schließlich ist der große Tag da. Leise hauche ich meinem Ford ein "Bis bald!" zu und stülpe mir den Helm über. Die Ladestandsanzeige attestiert 99 Prozent Akku-Füllung, knapp über 100 Kilometer Reichweite verspricht der Seat Mó selbstbewusst. Der Roller befindet sich im City-Modus, was die maximale Geschwindigkeit auf 80 km/h beschränkt, gleichzeitig aber eine flotte Beschleunigung erlaubt. Mit der vollen Ladung im Sinn sehe ich vom etwas behäbigen Eco-Modus ab und surre aus der Redaktionsgarage. In spätherbstlicher Dämmerung geht es vom innersten des Stuttgarter Kessels nun hoch über den Rand und weiter bis ins Heimatdorf.
Schon die ersten Meter zeigen deutlich: Stadtverkehr liegt dem Seat Mó im Blut. Der Roller schnellt fast ansatzlos nach vorne, sein tiefer Schwerpunkt erfordert etwas Eingewöhnung, lässt sich dann aber leicht kontrollieren – selbst für einen Zweirad-Laien wie mich. Lässig fädle ich mich als frischgebackener Öko-Pendler durch den dichten Feierabendverkehr und bin in Gedanken längst nicht mehr beim eigenen Auto. Die übersichtliche LED-Anzeige gibt gut ablesbar Auskunft über alle relevanten Daten und entzückt stelle ich nach einiger Zeit fest, dass unter mir offenbar eine Sitzheizung arbeitet. Ein Irrtum, wie mich später Kollege und Mit-Tester Jens Kratschmar aus der Motorrad-Redaktion aufklären wird.
Kaum verschwindet das Ortsschild hinter mir, schalte ich auf "Sport". Ehrensache, denn ich bin auf einer Bundesstraße unterwegs und will mir nicht als etwaiges Verkehrshindernis den Unmut der anderen Pendler zuziehen. Als die Anzeige im Display umspringt, erschrecke ich kurz. Plötzlich leuchtet mir das Display nur noch 55 Kilometer ins Gesicht. Sollte die Reichweite weiter in diesem Tempo schmelzen, könnte das am Ende doch noch eng werden. Ich schiebe den unangenehmen Gedanken beiseite und beschleunige auf Maximalgeschwindigkeit. Laut Tacho bin ich mit 105 km/h unterwegs und schwimme locker im fließenden Verkehr mit.

Ein finsteres Kapitel

Ungemütlich wird es erst, als ich die Bundesstraße verlasse und auf eine Landstraße abbiege, dich mich durch ein dichtes Waldstück führt. Nasses Laub bedeckt stellenweise den Asphalt, leichter Regen setzt ein. Der Reibungskoeffizient schwindet analog zur Reichweite, die nach der Highspeed-Etappe noch etwa 35 Kilometer beträgt. Das wäre allerdings alles kein Problem, wenn ich etwas sehen könnte – mittlerweile ist die Dämmerung einer ausgewachsenen Dunkelheit gewichen. Der Mó offenbart eine Schwäche, mit der ich in der Stadt und im dichten Verkehr nicht konfrontiert war: Sowohl Abblend- als auch Fernlicht leuchten nur einen sehr geringen Teil der vor mir liegenden Straße aus. Besonders das Fernlicht ist derart punktuell eingestellt, dass lediglich ein kleines Licht-Viereck wenige Meter vor mir die einzige Chance darstellt, jene laubbedeckten Stellen rechtzeitig zu identifizieren

So verlangt der letzte Abschnitt meiner Heimreise höchste Konzentration, was dazu führt, dass ich alles andere als entspannt in die heimische Einfahrt rolle. Der Körper steht noch immer unter Spannung, was man glücklicherweise auch vom Seat Mó sagen kann. 19 Kilometer Restreichweite stünden mir nach realen 62,2 Kilometern Fahrt noch zur Verfügung, doch für den Moment bin ich bedient. Schon jetzt steht fest: Morgen breche ich erst bei Tageslicht in die Redaktion auf. Trotzdem beschäftigt sich mein Ego mit der Frage, ob ich einfach nur ein empfindlicher Waschlappen bin oder meine ängstliche Anspannung am Ende gerechtfertigt war. Jedenfalls bin ich sehr auf das Urteil des erfahrenen Motorrad-Kollegen gespannt, das Sie nun im Folgenden zu lesen bekommen.

Umfrage

Welches Elektro-Konzept auf zwei Rädern kommt für euch in Frage?
40098 Mal abgestimmt
Wenn, dann nur ein leistungsstarkes Elektromotorrad.
Ein Elektroroller für's Pendeln und den Stadtverkehr kann ich mir vorstellen.
Ein kleines, wendiges Elektromopped macht bestimmt Spaß.
Gar keins.

Fazit

Das sagt Patrick Lang von auto motor und sport: Ich bin durchaus von der Idee angetan, mit einem 125er-Zweirad zu pendeln. Das ist günstiger und macht auch noch Spaß. Der Komfort-Vorteil bliebt – besonders in der nasskalten Jahreszeit – natürlich aus, was eine saisonale Nutzung nahelegt. Zumindest, wenn die Strecke zwischen Arbeitsplatz und Wohnort mehr als 50 Kilometer misst und nicht nur Stadtverkehr beinhaltet. Der Mó gerät hier an die Grenzen dessen, was er auf Dauer zu leisten imstande ist. Warum man den Roller trotzdem als 125er aufgelegt hat, verstehe ich daher nicht so ganz. In der Stadt reicht schließlich etwas weniger Power. Würden die Spanier also die Ausbaustufe an den optimalen Nutzungs-Kontext anpassen, könnte man sicher auch noch am Preis von immerhin fast 6.800 Euro drehen. Damit wäre der Stromer dann eine runde Sache.

Das sagt Jens Kratschmar von Motorrad: Wer den Mó von Seat aus seiner Biosphäre Stadt entführt, muss stark sein. Höhenmeter mag die Technik gar nicht, dann sinkt die Reichweite ruckzuck. Passend unpassend dazu: die sehr schwache Lichtinstallation vorn. Der Scheinwerfer ist mehr Positionsleuchte für die Stadt. Arbeitsplatz plus 50 Kilometer sind vielleicht noch machbar, alles darüber wird zum Ritt auf dem heißen Akku, der so dauerhaft leidet. In der Stadt ist er Platzhirsch an der Ampel, sprintet alles in Grund und Boden, was fossil betrieben wird, offenbart durch den genau unter dem Fahrer platzierten Akku fehlendes Handling. Auf der anderen Seite ist der herausnehmbare Akku inklusive Ladegeräts der Clou des Mó. 6.775 Euro kostet der Schlitten in Knackig-Rot, 400 Euro kostet die Vernetzung mit dem Smartphone, das dann als Schlüssel fungiert.

Zur Startseite
Mehr zum Thema Elektroroller
Ray 7.7 125er-Elektro-Roller Fahrbericht
Elektro
VinFast E-Roller
Roller
Gogoro Delight Frauen-Elektroroller
Roller
Ray 7.7 Elektroroller 125er-Klasse
Elektro
Mehr anzeigen