Ducati Multistrada V4 S Dauertest März 2022 Jens Kratschmar
Ducati Multistrada V4 S Dauertest
Ducati Multistrada V4 S Dauertest
Ducati Multistrada V4 S Dauertest März 2022
Ducati Multistrada V4 S Dauertest März 2022 15 Bilder

Ducati Multistrada V4 im 50.000 km-Dauertest

Ducati Multistrada V4 im 100.000 km-Dauertest Große Reiseenduro im Langstrecken-Test

Die Ducati Multistrada V4 nimmt im MOTORRAD-Dauertest insgesamt 100.000 Kilometer unter die Räder. Hier erfahrt ihr, wie es der Multi V4 über die Distanz ergeht.

Seit Januar 2021 ist die Multistrada V4 im Handel. Bis einschließlich November 2021 wurden 1.135 Exemplare in Deutschland "in den Verkehr gebracht", wie es auf amtsdeutsch heißt. Eines davon weilt seit Kurzem in der Redaktion, um nicht weniger als 100.000 Kilometer abzureißen. "Jetzt sind wir endgültig im Automobilbau angekommen!", entfährt es Werkstattchef Gerry Wagner, als die Ducati den Zustand des Fotos unten erreicht hat. Was hat der Mann vor? Er hat die in diesem Fall ebenso arbeitsintensive wie undankbare Aufgabe, die Dauertest-Eingangsmessungen der High-End-Reiseenduro durchzuführen. Dazu gehören neben dem Verplomben wichtiger Schraubverbindungen auch eine Kompressions- und Druckverlustmessung. Und dafür müssen die Zündkerzen raus. Und wie das heutzutage eben ist, ist die Ducati zum einen sehr kompakt und verschachtelt aufgebaut und zum anderen die Verkleidung weitgehend ohne sichtbare Verschraubungen montiert. Und so gilt es bei jedem der rund zwei Dutzend zu entfernenden Bauteile erst einmal herauszufinden, wo und wie es verschraubt, verclipst, verzapft oder versonstwast ist.

Ducati Multistrada V4 S Dauertest
Gerry Wagner
Auf dem Foto stehen die Kerzen der hinteren Zylinderbank kurz vor ihrer Entdeckung. Um der vorderen Exemplare ansichtig zu werden, mussten neben diversen Kleinteilen auch Öl- und Wasserkühler weichen.

Auf dem Foto (oben) stehen die Kerzen der hinteren Zylinderbank kurz vor ihrer Entdeckung. Um der vorderen Exemplare ansichtig zu werden, mussten neben diversen Kleinteilen auch Öl- und Wasserkühler weichen. Doch irgendwann konnten die Messungen durchgeführt und die Duc wieder komplettiert werden. Neben der Komplexität der Technik ist auch die Ausstattung auf Pkw-Niveau. So gibt es neben vielen anderen elektronischen Helferlein auch einen adaptiven Tempomat und einen Totwinkel-Warner im Rückspiegel. Connectivitiy und semiaktives Fahrwerk sind da kaum der Erwähnung wert. Fast wie beim Auto sind auch die Service-Intervalle: alle 15.000 Kilometer einen Ölwechsel, Ventilspielcheck alle 60.000 Kilometer. Wie sich das alles über die 100.000er-Distanz schlägt, erfahrt ihr hier.

Kilometerstand 1.462, 3/2022 (Jens Kratschmar)

Wenn die sanfte Gewalt des V4 ab gut 7.000 Touren einen cholerischen Anfall bekommt, muss man entweder die Arschbacken zusammenkneifen oder sich das Grinsen verkneifen. Die Multi V4 S lässt einen dieses Muskelspiel in hoher Frequenz wiederholen. Ein Fest. Meist ein sinnloses, aber nicht folgenloses, denn du bist ohne jeden Sinn eigentlich immer zu schnell. Das beherrscht Ducatis Enduro in Perfektion. Man wähnt sich auf einem Power-Naked-Bike, so einfach geht das mit dem (zu) Schnell auf der Multi. Dazu ein im Grunde bewegliches Chassis – das semi-aktive Skyhook mit dem Autoleveling ist eine Wucht und die Ausstattung den knapp 22.000 Euro Klimpergeld durchaus würdig. Allein die ersten paar Hundert Kilometer den Abstandstempomaten testen und kennenlernen: kindliche Spielfreude. Randnotiz: Polizeimotorräder mit ihrem breiten Heck erkennt das Radar sogar bei versetzter Fahrt, die Verzögerung nach einem Spurwechsel ist allerdings einen Hauch zu lang. Es klopft von Innen an die Hirnrinde: Das perfekte Motorrad.

Wo viel Qualm, da viel Sprit

Immer langsam. Es gibt einiges wo die Multi und ich an gegenseitige Grenzen stoßen. Zunächst: Der V4 säuft. Zumindest bei mir. Landstraße im mehr oder weniger legalen Bereich bekomme ich unter 7,0 Litern nicht hin. Bei Konstant 120 km/h auf der flachen Autobahn stürzen 5,6 Liter in die Brennräume. Ducati gibt realistische 6,5 Liter als Normverbrauch an. 22 Liter Tankvolumen reichen so für theoretische 338 Kilometer. Das ist weder Reise noch Enduro noch 2022. Aber nachvollziehbar: Der V4 dreht im 6. Gang mit 4.000 Touren die 100 km/h auf die Straße, volle Brause stehen aber gut 11.000 Touren an. Bei Normalfahrt kann der Hochleistungsmotor gar nicht effizienter laufen, mit so minimal geöffneten Drosselklappen.

Bremse überraschend mau

In die 320er-Scheiben vorn muss ich ordentlich reinlangen, damit der Geschwindigkeitsüberschuss sauber abgebaut wird. Leider wirkt der große Doppel-Kolben-Sattel an einem 265er-Teller hinten etwas zahnlos. Lieber mit der vehementen Motorbremse des hochverdichtenden V4 arbeiten, auch wenn der Quickshifter unter 4.000 Touren besser nicht genutzt werden sollte, da er unter runter unter Last nicht arbeitet. Das Getriebe dürfte es auf Dauer danken. Abhilfe: Reibpaarung ändern.

Serienreifen etwas träge

Ab Werk rollt die Mega-Multi mit dem Scorpion Trail II von Pirelli. Der macht vor allem vorn seinen Job deutlich unter 10 Grad Celsius in Sachen Haftung und Grip sehr gut. Einzig fühlt er sich beim zackigen Einlenken etwas träge an, besonders wenn die Schräglage höher oder erhöht wird und das Autoleveling-System des Fahrwerks aktiviert ist. Das arbeitet für meinen Geschmack grundsätzlich etwas hektisch und erinnert immer mal wieder an eine unterdämpfte Zugstufe, vor allem im Heck. Trotzdem: das semiaktive Fahrwerk ist großartig abgestimmt, selbst forsch genommene Bahnübergänge mit Senke juckt das Skyhook-System nicht einen Moment. Als Solofahrer mit 110 Kilogramm wirkt die statische Vorspannung harmonischer im Fahrwerk. Abhilfe: Reifen wechseln.

Bedienung kann herausfordern

Den größten Kratzer zieht die Ducati beim Thema Bedienung der zahlreichen, guten Features. Beispiel: Zum Einschalten und Einstellen der Griffheizung braucht es einen Fingerdruck des rechten Zeigefingers, mindestens einen Klick mit dem linken Daumen am Joystick, ein Quittierdruck auf und mit diesem und schließlich einen längeren Exit-Druck mit dem Joystick nach links. Unter Umständen alles während der Fahrt.

Ducati Multistrada V4 S Dauertest März 2022
Jens Kratschmar
Für die Bedienung braucht's mehr Geduld als Übung, da die Möglichkeiten des Bordcomputers äußerst umfangreich sind.

Für die Sitzheizung muss man hingegen nur mit dem linken Daumen mindestens drei Bewegungen ausführen. Immerhin: Beide Heizungen machen ihrem Namen selbst bei Temperaturen um die null Grad alle Ehre und den Hupenknopf findet der Daumen auf Anhieb blind. Der Rest braucht eher Geduld als Übung, da die Möglichkeiten des Bordcomputers äußerst umfangreich sind. Abhilfe: Merken und sich damit abfinden.

Aber dieser Motor!

Es klang zu Beginn schon an: Der V4 Gran Turismo der Ducati ist ein Gedicht. Untenrum schon saftig, hängt ab 2.500 Touren schön am Kabel, großer Fahrbereich zwischen 4.000 und 7.000 Touren. Darüber: Hölle in den roten Bereich. Dabei weder mechanisch noch akustisch – immerhin eine Duc – anstrengend oder in Sachen Power hinterlistig. Selbst im Touring-Modus – da steht das Mapping auf Mittel – tänzelt die Multi vorn bis in den vierten Gang leicht über die Straße. Wenn nur das mit dem Durste nicht wäre. Im Allgemeinen deckt der Touring-Modus einen sehr breiten Einsatzbereich ab, auch wenn der Chronist die Dämpfung der Gabel erhöht, was die Front noch etwas zackiger macht. Abhilfe: Vielleicht mal über eine längere Sekundär-Untersetzung nachdenken, wenn technisch sicher.

Ergonomie für 1,88 Meter Körpergröße

Großes Mopped für große Menschen. Das passt als Untertitel für die Multi. Mit 1,88 Metern ist üppig Platz da, die Sitzbank ist enorm groß, der Hintern kann in alle Richtungen locker verschoben werden, ohne dabei haltlos zu wirken. Der Lenker steht etwas flach vor einem. Da könnte man mal dran drehen. Leider am Ende ist die Serienscheibe, die sich zwar mechanisch einfach verstellen lässt, aber für besagte Körperlänge zu kurz ist, und zwar genau so minimal, dass der Wind den Helm sehr rüde passiert. Da dürfte der Zubehörmarkt helfen, da könnte man vielleicht auch etwas stabilere Seitenscheiben finden, da die Serienteile ab 130 recht hilflos im Wind flattern und womöglich Grund der vermeintlich hohen Windgeräusche sind. Abhilfe: Zubehör-Tourenscheibe testen (demnächst nachzulesen in MOTORRAD).

Zur Startseite
Motorräder Enduro KTM 450 Rally Replica 2023 KTM 450 Rally Replica Neue KTM 450 Rally Replica für 2023

Alle Jahre wieder verzückt KTM die Rally-Enthusiasten mit einer 450 Rally...

Ducati Multistrada V4
Artikel 0 Tests 0 Videos 0 Markt 0
Alles über Ducati Multistrada V4