Yamaha Niken im Fahrbericht

Leaning Multi-Wheeler

Yamaha Niken.
Nach den ersten Fahreindrücken im Mai 2018 hatten wir im Juni noch einmal die Gelegenheit, die neue Yamaha Niken auszuprobieren.Straffes Programm: In drei Tage in den Dolomiten sollen 20.000 Kurven gemeistert werden.Bereits nach den ersten Kurven wird klar: die Niken spendet richtig viel Vertrauen.Nur eine Handvoll Journalisten dürfen an der dreitägigen Ausfahrt teilnehmen.
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Lange war es still um das motorisierte Dreirad namens Yamaha Niken. Jetzt gibt es einen Preis, eine Vorbestellmöglichkeit sowie ausgiebige Fahreindrucke des sogenannten "Leaning Multi-Wheeler".

Der Yamaha Niken war einer der größten Aufreger auf der EICMA 2017. Die Meinungen zum neuen Yamaha-Dreirad waren gespalten. Einige Motorrad-Enthusiasten fanden das Konzept durchaus spannend und vielversprechend. Andere hatten deutlich weniger für die Niken übrig. Nachdem sich Yamaha mit Informationen damals noch eher zurückhielt, ist nun deutlich mehr über den Niken bekannt. Zudem hat Yamaha nun bekannt gegeben, dass der Niken seit dem 16. Mai 2018 um 19 Uhr online unter https://niken.yamaha-motor.eu/ vorbestellt werden kann. Die Japaner gehen von regem Interesse aus, weshalb man sich zu dieser Maßnahme entschied. Yamaha will alle Bewerber innerhalb von 3 Werktagen informieren, ob ihnen ein Fahrzeug zugeteilt wurde. Wenn die Registrierung akzeptiert wurde, erhalten die Kunden Angaben zum Händler sowie Informationen über die nächsten Schritte hinsichtlich Kauf und Auslieferung der neuen Niken. Ausgeliefert werden soll die Niken ab September. Als Grundpreis wurden jetzt 14.995 Euro plus Nebenkosten genannt.

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Zweite Testfahrt mit der Niken (Juni 2018)

Der Anruf der Yamaha-Zentrale kam damals wie aus dem nichts: Haste Zeit und Bock, die Niken zu fahren? Klar, warum nicht? Wo denn? In den Dolomiten. Drei Tage lang, gute 20.000 Kurven. Ups, zuckt es kurz durchs Hirn, das ist aber eine ganze Menge, bedeutet jeden Tag mehr als 300 Kilometer hin- und her, rauf- und runter. Doch die Neugier siegt. 

Tag 1: die Dolomiten rufen

Ausgedacht hat sich Yamaha dieses Szenario aber nicht selbst. Der Event „20.000 Pieghe“ findet 2018 bereits zum zehnten Mal statt. Ausgerichtet vom „Motolampeggio Moto Club“ in Italien. Aufgebaut ist die Veranstaltung wie eine Rally. Heißt: Jeder der 150 Teilnehmer bekommt abends zuvor ein schriftliches Roadboak mit Kilometer-Angaben, muss zwischendurch Sonderprüfungen bestehen und an vorher festgelegten Orten Selfies von sich schießen, um zu bestätigen, dass der vorgegebene Ort auch angesteuert wurde. An sich eine tolle Idee. Problem eins: Alles ist auf Italienisch gehalten. Da hapert´s dann doch am Verständnis. Und Problem Nummer zwei: Yamaha hat der Journalisten-Gruppe Videografen und Knipser mit auf den Weg gegeben, die dokumentieren sollen, was wir so den ganzen Tag getrieben haben. Aber jede Foto- und Videofahrt wirkt sich auf den Kilometerzähler aus und kostet richtig Zeit. Daher stand schon früh am Tag des Events fest: Die Vorgaben der Rally packen wir nie. 

Foto: Yamaha
Bereits nach den ersten Kurven wird klar: die Niken spendet richtig viel Vertrauen.
Bereits nach den ersten Kurven wird klar: die Niken spendet richtig viel Vertrauen.

Der Vorteil: Wir konnten uns dadurch recht frei in den Dolomiten bewegen, wobei die vorgegebenen Straßen alle auf oder im Umkreis der berühmten Sella-Runden lagen. Eine knackige Spielwiese, um der Yamaha Niken mal richtigen auf den Zahn zu fühlen. Klar, sie sieht ungewöhnlich aus. Ob man das mag oder nicht, obliegt dem eigenen Geschmack. Wichtiger ist doch vielmehr: Bringt das Ganze was? Hat es Vorteile gegenüber einem Motorrad mit zwei Rädern? Auf den ersten Blick nicht zwingend. Mehr als 260 Kilogramm treffen auf einen etwas temperament-gezähmten MT09-Motor. Der darf zwar weiterhin 115 PS leisten, bekam aber mehr Gewicht auf die Kurbelwelle gepackt. Alle weiteren Details zur Technik stehen etwas weiter unten in diesem Artikel. Hier soll`s jetzt mal nur ums ungezwungene Fahren gehen. Und da kann die Niken eine ganze Menge. Das Mehr an Bauteilen, Gewicht und Rädern an der Front ist nahezu nicht zu spüren. Beeindruckend neutral wischt die Niken durch die Spitzkehren. Erst in wirklich flott unter die drei Räder genommenen Wechselkurven ist mehr Zug am breiten Lenker nötig. Den meistert man aber lässig. Weil die Front unwahrscheinlich viel Vertrauen spendet, immer satt auf der Straße liegt. Die Abstimmung der beiden Gabeln gelang klasse, und eines der beiden Räder hat im Zweifel immer Grip. Wie das in der Realität aussieht? Etwa so: Die Straßen glänzen noch feucht, ihre Oberfläche zeugt davon, dass der letzte Winter hier ganze Arbeit geleistet hat. Trotzdem bleibt der Anker feist bis zum Kurvenscheitel gezogen, müssen die Rasten trotz üppiger 45 Grad Schräglagenfreiheit Material funkend abbauen. 

Etwas mehr Punch wünschenswert

Die Niken spendet einfach richtig viel Vertrauen von der Front. Das macht sie gefühlt fast unstürzbar. Das ist sie aber nicht. Weil durch die beiden Räder die Grenzen der Physik nicht ausgetrickst werden können. Ein Vorteil der beiden Räder bleibt aber: Rutscht es kurzfristig mal vorne, weil der Grip beim Bremsen oder in Schräglage endlich ist, fangen sich die Rädern schnell wieder, bauen Haftung auf. Das mit nur einem Rad vorne zu meistern, wäre deutlich Schweißperlen-fördernder für den Fahrer. 

Foto: Yamaha
Am ersten Tag wurden mehr als 200 Kilometer in den Dolomiten zurückgelegt.
Am ersten Tag wurden mehr als 200 Kilometer in den Dolomiten zurückgelegt.

Jetzt wissen wir, was die Yamaha Niken richtig gut kann. Nachteile gibt´s aber auch. Der an sich sehr souveräne Motor der MT09 kommt in der Niken besonders berghoch schon mal an seine Grenzen. Da würde man sich ab und zu ein kleines wenig mehr Power wünschen. Und die TC regelt auch nicht ganz verlässlich. In der restriktiveren Stufe zwei wird der 190er hinten übervorsichtig am Ausbrechen gehindert, in Stufe eins marschiert er bei wenig Straßengrip schon mal zuckend zur Seite, ohne dass eine Regelung stattfindet. Das ginge sicher besser. Denn wie gesagt: Unstürzbar ist die Niken nicht. Sie zeigt nur in beeindruckender Art und Weise auf, was mit ihrer ungewöhnlichen Radführung vorne möglich ist. Wo andere Motorräder längst die Contenance verlieren, folgt die Niken noch lässig der Spur, und das mit Vertrauen weckendem Feedback. Klingt ziemlich unglaublich. Daher unbedingt ausprobieren. Das Resümee nach mehr als 200 Kilometern in den Dolomiten: Es bringt eben doch etwas.

Erste Ausfahrt mit der Yamaha Niken (Mai 2018)

Preisfrage: Ist es die Niken, der Niken oder das Niken? Und was heißt das überhaupt. Ist das wirklich ein Motorrad? Die Antworten: Es heißt die Niken (gesprochen Neiken), das bedeutet „zwei Schwerter“ – und es fährt wie ein Motorrad. In Kurven sogar noch besser.

Keine Frage, es gibt noch viel mehr zu klären an diesem Pfingstwochenende rund um Kitzbühel in den österreichischen Alpen. Aber das ist jetzt einmal die Basis, auf der man kommunizieren kann. Die Niken also – aber was haben sich die Yamaha-Japaner bloß dabei gedacht? Ganz einfach, erklärt James McCombe, im europäischen Headquarter in Amsterdam zuständig für die Produktplanung. Man habe ganz einfach mehr Grip am Vorderrad gesucht. Und den mit einem zweiten Vorderrad gefunden.

Foto: Stefan Kaschel
Die Niken begeistert mit ihrem umglaublichen Vorderrad-Grip.
Die Niken begeistert mit ihrem umglaublichen Vorderrad-Grip.

Aha, so einfach ist das also? Mehr Gripp am Vorderrad – das wünscht sich doch jeder. Und keine Unsicherheit mehr beim Einlenken. Kein Zaudern und Zagen, einfach Schwupp und hinein in die Ecke. Praktisch wie beim Auto, aber natürlich mit allem, was Motorradfahren so faszinierend macht. Vor allem natürlich die Schräglage. 45 Grad seien möglich mit der neuen Technik. 45 Grad, bis die Fußrasten schleifen. Soweit kann man abtauchen in die neue Niken-Welt. Und die ist wirklich faszinierend.

Bis dorthin war es allerdings ein langer Weg. Die Yamaha-Entwickler haben Jahre gebraucht, bis sie Abstand, Größe, Vorderradführung und Lenkmechanik soweit hatten, dass es perfekt funktioniert. Unzählige Versuche mit Radgrößen, Lenkgeometrie und Lenkmechanik. Doch nun ist es soweit.

Die Niken begeistert mit ihrem umglaublichen Vorderrad-Grip.

Schon die ersten Meter, die ersten Kurven auf der Niken zeigen: Hey Leute, das ist keine Spinnerei, keine weitere Frage, die niemand gestellt hat, sondern das ist – ja, man muss es so sagen – absolut einmalig. Schon zwei, drei Kurven reichen, um Vertrauen aufzubauen in die neue Technik, den Fahrer spüren zu lassen, dass hier vieles anders ist. Und einiges noch ganz wie früher. Der Impuls zum Beispiel, den die Niken braucht, um sich in die Kurve zu legen, der geht wie schon seit Ewigkeiten vom Fahrer aus. Ein leichter Druck am kurveninneren Lenkerende, Gewichtsverlagerung nach innen, Druck auf der äußeren Fußraste – das kennen wir von jedem anderen Motorrad, da muss sich niemand umgewöhnen. Doch dann, wenn die Niken abtaucht in die ersten schnellen Kehren rund um den Nationalpark Hohe Tauern, dann ist nichts mehr wie es war. Dann liefern die beiden 15-Zöller in der steil angestellten (70 Grad Lenkkopfwinkel) Vorderradführung eine Rückmeldung, die ihresgleichen sucht. „Das hält“ – so die eindeutige Nachricht, ganz unmissverständlich, ganz ohne jeden Zweifel.

Noch besser: die Qualität des Untergrunds spielt dabei praktisch keine Rolle. Ganz egal, ob auf gut ausgebauten Schnellstraßen oder auf aufgebrochenen Feldwegen, ob auf Kanaldeckeln und Bitumenstreifen oder in überraschenden Schmelzwasser-Rinnsalen wie hier in Sichtweite des Großglockners. Warum? Weil angesichts von 410 Millimetern Abstand der beiden Räder in der Regel ein Rad auf griffigem Untergrund rollt – und meistens sogar zwei. Das lässt die Niken ihren Fahrer spüren, und zwar umso deutlicher, je schlechter die Wegstrecke ist. Was ein handtellergroßes Stück zusätzlicher Auflagefläche ausmachen kann – man mag es kaum glauben. Aber man fühlt es. Fühlt, wie am 190er Hinterrad auf den glattgerubbelten Asphalt die Traktionskontrolle ihre segensreiche Wirkung entfaltet, während vorne beide Vorderräder zuverlässig den Kurs vorgeben. Praktisch immer. Feinfühlig federn und dämpfen die hinteren der beiden Gabelholme (43 Millimeter) alle Unebenheiten glatt, während die vorderen (41 Millimeter) zielgenau die Richtung bestimmen. Und wird es doch einmal zu rutschig, schiebt die Niken gelassen und gut kontrollierbar über beide Räder. Doch das kommt selten vor.

Niken muss man probiert haben

Was jedoch garantiert vorkommt: Das der Niken-Pilot es bunter und bunter treibt. Mit jeder Kurve wächst das unbedingte Vertrauen in diese neue Technologie, wird das neue Gripp-Level zur Selbstverständlichkeit, werden BMW-GS-Fahrer zu Opfern. Spät auf der Bremse, eine mächtige Frontpartie, die kaum abtaucht, aber nach wie vor feinfühlig federt. Früh am Gas, die Niken bleibt zuverlässig auf Kurs.

Foto: Yamaha
Das Vertrauen in die Front ist hoch.
Das Vertrauen in die Front ist hoch.

Und bequem am breiten Lenker, denn die Ergonomie lässt auch auf langen Strecken kaum Wünsche offen. Was man vermisst? Ein modernes TFT-Display zum Beispiel, das würde einem 15.000-Euro-Bike gut stehen. Und speziell bergab, vor den Kehren, eine etwas bissigere Bremse mit klarer definiertem Druckpunkt, der mit dem Niken-Tempo Schritt halten kann, denn dann haben die Vierkolbenzangen mit gut 260 Kilogramm durchaus ihre liebe Mühe. Doch das ist Klagen auf hohem Niveau. Kleinkarierte Mäkelei sozusagen angesichts dieser neuen, faszinierenden Kurven-Dynamik. Und so bleibt unter dem Strich nur der eine, schwer zu schluckende Niken-Nachteil. Von hinten betrachtet sieht Yamahas neues Kurven-Wunder nämlich auch nach einem faszinierenden Tag in den Alpen sehr gewöhnungsbedürftig aus. Doch diesen Anblick müssen in der Regel die anderen ertragen, während die neue Niken mit Schwung an ihnen vorbeizieht.

Neugierig geworden? Ausgeliefert wird die Niken ab September. Bis dahin will Yamaha auf einer großen Kennenlern-Tour möglichst vielen Interessenten die Möglichkeit geben, das neue Konzept zu erfahren. Unser Tipp: unbedingt mal ausprobieren. Es lohnt sich in jedem Fall. Versprochen.

Vollgetankt 263 Kilogramm schwer

In der offiziellen Pressemitteilung auf der EICMA wurde das Fahrzeug Yamaha Niken als Leaning Multi-Wheeler bezeichnet. Das Stabilitätsgefühl beim Kurvenfahren soll laut Yamaha revolutionär sein. Das motorisierte Dreirad wird vom Cross-Plane-3-Motor angetrieben, der auch bei der Yamaha MT-09 zum Einsatz kommt. Für den Niken wurde der Motor allerdings an einigen Stellen überarbeitet. Desweiteren spendiert Yamaha dem Niken eine Anti-Hopping-Kupplung inklusive Quick-Shifter. Die zweistufige Traktionskontrolle ist komplett abschaltbar. Der Fahrer kann zudem zwischen drei Fahrmodi wählen. Auch ein Tempomat, LCD-Instrumente und doppelte LED-Scheinwerfer sind an Bord.

Foto: Yamaha
Ab Mai 2018 kann der Niken vorbestellt werden.
Ab Mai 2018 kann der Niken vorbestellt werden.

Die beiden 15-Zoll-Vorderräder werden von einer doppelten Upside-down-Gabel im Zusammenspiel mit einer LMW-Ackermann-Lenkgeometrie im Parallelogrammhebel-Design geführt. Vorne entschied man sich bei Yamaha für eine hydraulische 298-mm-Doppelscheibenbremse. Vollgetankt wird der Yamaha Niken 263 Kilogramm wiegen. Der Tank fasst 18 Liter. Die Kombination soll für ein dynamisches Fahrgefühl auf unterschiedlichen Fahrbahnoberflächen sorgen. Yamaha verspricht nicht weniger als "die Revolution des Fahrens". Zum Preis hat Yamaha noch keine Angaben gemacht. Auch über das Lieferdatum ist bisher noch nichts bekannt. Das im Vorspann angesprochene neue Video zum Niken gibt es übrigens auf dem offiziellen YouTube-Channel von Yamaha. Im nachfolgenden Video wird zudem die Funktionsweise des Dreirads erklärt.

Ab Mai 2018 kann der Niken vorbestellt werden.

Technische Daten zur Yamaha Niken

  • Mehrradtechnik mit Neigesystem
  • Großer Schräglagenwinkel von bis zu 45 Grad
  • Ackermann-Lenkung mit doppelter Upside-Down-Telegabel
  • Hybridrahmen aus Stahl und Aluminium, mit Aluminiumschwinge
  • Gewichtsverteilung vorn/hinten von etwa 50:50 bei aufgesessenem Fahrer
  • Flüssigkeitsgekühlter 3-Zylinder-DOHC CP3-Motor mit 847 ccm Hubraum mit 115 PS und 87,5 Nm
  • Zwei 15-Zoll-Vorderräder (120/70 R 15) mit einer Spurbreite von 410 mm, 17-Zoll-Hinterrad mit 190/55 R 17 Reifen
  • Tempomat - bei Geschwindigkeiten über 50 km/h
  • Traktionskontrolle mit 2 Modi und Abschaltmodus
  • Anti-Hopping-Kupplung für höhere Stabilität beim Herunterschalten
  • QSS - Schnellschaltsystem für Hochschalten ohne Kupplungsbetätigung
  • Kompaktes Cockpit mit LCD-Display
  • 18-Liter-Kraftstofftank aus Aluminium
  • Voll einstellbare Federung hinten
  • Doppelscheibenbremse 265.6 mm vorn, Scheibenbremse 298 mm hinten
  • 12-V-Steckdose
  • Gesamtlänge 2.150 mm
  • Sitzhöhe 820 mm
  • Radstand 1.510 mm
  • Breite 885 mm

 

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