Alles zum Thema Motorradlärm

Streckensperrungen und Fahrverbote

Motorräder geraten immer stärker als Krawallmacher in Verruf, mehr und mehr Strecken werden deshalb gesperrt. Doch haben die Kritiker wirklich recht? Der neueste Vorschlag: An einer bekannten Applauskurve in Baden-Württemberg sollen versuchsweise die Sitzbänke für die Zuschauer entfernt werden.

Zunehmend fühlen sich Anwohner an beliebten Motorradstrecken durch Lärm belästigt, schließen sich zu Bürgerinitiativen zusammen und beschweren sich bei Behörden, Polizei und Medien. Auch MOTORRAD erreichen Briefe, in denen die Schreiber fordern, über ihre Gegend keinen Tourentipp zu veröffentlichen, weil bereits jetzt wegen der vielen Motorräder „Kinder nicht mehr draußen spielen und Nachbarn sich nicht mehr unterhalten“ könnten. Sogar eine eigene Website zum Thema gibt es: Unter www.motorradlaerm.de haben sich Initiativen und Arbeitskreise zusammengeschlossen, um gemeinsam vor ­allem gegen jene Motorradfahrer vorzu­gehen, die mit brüllend lautem und damit illegalem Sound unterwegs sind.

Anzeige

Politiker fordern neue Lärm-Messverfahren

Die Lautstärke auch neuer Motorräder wird zunehmend als Problem empfunden. MOTORRAD hat festgestellt, dass die aktuelle Euro 4-Norm an Verbesserung „nicht viel gebracht“ hat. Jetzt werden politische Forderungen laut: „Die EU sollte die Geräuschprüfung bei der Typzulassung von Motorrädern und Personenkraftwagen verschärfen“, sagte etwa die Präsidentin des Umweltbundesamts, Maria Krautzberger, zur Tageszeitung „taz“. Krautzberger weiter: „Wir brauchen Lärmgrenzwerte auch für Geschwindigkeiten über 80 Kilometer pro Stunde sowie für alle Motordrehzahlen.“

Auf Anfrage von MOTORRAD bestätigte der Oldenburger EU-Parlamentarier Bernd Lange, selbst Motorrad-Fan, dass es dazu „weitere gesetzliche Entwicklungen in der EU geben“ werde. Auch wäre ein dynamisches und realitätsgerechteres Testverfahren zur Lärmmessung wünschenswert, so Lange. Allerdings werde das seine Zeit dauern. Den Kern des Lärmproblems sieht der Europapolitiker aber darin, dass manche Nachrüst-Schalldämpfer trotz ECE-Zulassung zu laut seien und dies nicht überwacht werde.

Geplante Maßnahmen

Rems-Murr-Kreis: Der Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistags Rems-Murr-Kreis hat im Februar 2018 ein Konzept gegen "unnötigen Verkehrslärm" beschlossen, wie die Waiblinger Kreiszeitung schreibt. Das Konzept umfasst verstärkte Messkontrollen seitens der Polizei, Aufstellen von Lärm-Displays sowie die Kampagne "Lärm macht krank". Außerdem sieht der Vorschlag vor, an der Applauskurve am Rastplatz der B14 zwischen Sulzbach und Großerlach die Sitzbänke zu entfernen.

Hahntennjoch: Im Rahmen eines Maßnahmenkatalogs soll eine zeitlich beschränkte Sperrung von bestimmten Strecken in Tirol für Motorräder geptüft werden, so das Vorhaben der Tiroler Landesregierung. Unter anderem könnte davon das beliebte Hahntennjoch betroffen sein. Hotelier Kai Uwe Bürskens aus Schönau im Lechtal startete 2017 aus Protest eine Online-Petition, die in diesem Jahr der Landesregierung von Tirol vorgelegt werden soll. Die Petition spricht sich gegen die "Ungleichbehandlung von Motorrad- und Mopedfahrern“ aus.

Rücksichtslose Raser und illegale Motorradrennen?

Dass manipulierte oder gar leer geräumte Auspufftüten nicht auf die Straße gehören, daran besteht kein Zweifel. Wie sehr Krawallos nerven, weiß jeder, der sie schon mal in einem engen Gebirgstal erlebt hat – das Dröhnen ist kilometerweit zu hören. Doch auch der Sound normgerechter Motorräder stört, wenn diese in Massen auftreten. Etwa am Würgauer Berg in der Fränkischen Schweiz, am Engter Berg bei Osnabrück, auf der L 755 zwischen Langeland und Altenbeken bei Paderborn, am Hahntennjoch in Tirol oder am Sellajoch in den Dolomiten – Beispiele für Strecken, bei denen es um Sperrungen geht. In den Bürgerinitiativen und der Lokalpresse ist dann schnell die Rede von rücksichtslosen Rasern oder illegalen Motorradrennen – ob es nun stimmt oder nicht.

Sperrungen wegen hoher Unfallzahlen?

So sendete etwa das Bayerische Fernsehen im März 2017 einen Bericht über die Lärmbelästigung am Würgauer Berg in der Fränkischen Schweiz und unterlegte den Bericht über die „Raser“ mit Bildern ­eines Motorradfahrers, der die Straße in sehr ­gemütlichem Tempo hinaufzuckelte. Inzwischen ist die Strecke an Wochen­enden und Feiertagen gesperrt – angeblich wegen hoher Unfallzahlen. Doch diese  Begründung dürfte vorgeschoben sein. Die örtliche Polizei zeigte sich nämlich noch Ende 2016 in einer Pressemitteilung höchst zufrieden mit den stark rückläufigen Motorradunfällen. In Wahrheit geht es also offenbar um den Lärm. Wie auch am Engter Berg nördlich von Osnabrück, wo 2015 ebenfalls Unfallzahlen zur Begründung einer Motorradsperrung herhalten mussten. Da die Belege dafür aber fehlten, wurde die Sperre vom Verwaltungsgericht Osnabrück kürzlich für unzulässig erklärt.

Beliebte Alpenpässe teilweise gesperrt

Am Hahntennjoch und im Lechtal in Tirol hingegen sagen die örtlichen Bürgerini­tiativen unverblümt, dass es ihnen nicht um Unfälle geht, sondern um den „Lärmterror“ der Motorräder, vor dem sie die Anwohner und Touristen schützen wollen. Mögliche Fahrverbote für die nächste Saison werden geprüft. Auch am Sellajoch in den Dolomiten soll mehr Ruhe einkehren. Dort richtete sich die Vollsperre an jedem Mittwoch im Sommer 2017 gegen Verbrennungsmotoren generell. Aller Voraussicht nach wird die Maßnahme 2018 beibehalten, mög­licherweise sogar auf mehrere Tage und/oder andere Pässe ausgeweitet. Ihre Ruhe wollten auch die Anwohner der L 755 bei Paderborn: Die sieben Kilometer lange Strecke sollte aus Lärmschutzgründen für Motorräder gesperrt werden. Messungen an einem sonnigen Feiertag im Juni 2017, an dem viele Motorradfahrer unterwegs waren, ergaben jedoch einen Pegel, der weit unter den amtlichen Lärmschutzrichtlinien lag. Der Kreis Paderborn zog die Anordnung der Sperre daraufhin wieder zurück.

Liste ließe sich fortsetzen

Der ­Bundesverband der Motorradfahrer BVDM zählt allein in Deutschland fast 50 Vollsperrungen für Motorräder, dazu rund 30 Wochenend-Fahrverbote – Tendenz steigend. Dabei waren noch vor wenigen ­Jahren Motorradfahrer umworbene Gäste in vielen Gegenden. Inzwischen jedoch stört ihre Präsenz. Doch warum geraten Mo­torräder immer mehr ins Sperrfeuer der Kritik? Stimmt es wirklich, wie die Website „motorradlärm.de“ behautet, dass der Motorenlärm immer weiter zunimmt?

Foto: www.r-photography.info, Antenne Bayern
In einigen Regionen sollen Lärmdisplays das Fahrverhalten von Bikern beeinflussen.
In einigen Regionen sollen Lärmdisplays das Fahrverhalten von Bikern beeinflussen.

Wohl kaum, denn die Normen für Geräuschemissionen werden immer weiter verschärft. Grundsätzlich sind Motorräder im Straßenverkehr gar nicht lauter als Autos, sondern eher leiser, jedenfalls in Sachen Pegel. Eine Studie zum Thema Motorradlärm im Auftrag der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg kam im Jahr 2010 zu dem Schluss, dass bei gleicher Geschwindigkeit der Emissionspegel von Motorrädern und Pkws etwa gleich hoch liegt. Die Autoren hatten die Messdaten von rund 17.000 Vorbeifahrten, darunter etwa 1.800 Motorräder, ausgewertet. Viele Motorräder waren sogar deutlich leiser als die Autos. Allerdings gab es vereinzelt besonders laute Motorräder, und die, so die Autoren, würden von den betroffenen Anwohnern vermutlich stärker wahrgenommen.

Motorradgeräusche lästiger als Pkw-Geräusche

Denn es ist nicht der Schallpegel an sich, der stört, sondern die subjektiv empfundene Lautheit, die sich in psychoakus­tischen Messungen feststellen lässt. Motorradgeräusche werden der zitierten ­­Studie zufolge als deutlich lauter und damit lästiger empfunden als Pkw-Geräusche – bei 100 km/h sogar als doppelt so laut, obwohl der Schallpegel der gleiche ist. Musikwissenschaftler der Uni Wien ­kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Motorradgeräusche, so stellten sie in einer psychoakustischen Untersuchung fest, werden als besonders lästig wahrgenommen, weil sie „eine hohe Lautheit mit starkem Energiegehalt bei zwei bis vier Kilohertz, eine klangfarbliche Schärfe und ausgeprägte Rauigkeit“ aufweisen. Und: Versuchspersonen, die Motorrädern gegen­über negativ eingestellt waren, reagierten besonders empfindlich auf die Klänge.

Foto: Uli Baumann
Auch die beliebte Strecke am Hahntennjoch könnte für Motorradfahrer demnächst zeitweilig gesperrt werden.
Auch die beliebte Strecke am Hahntennjoch könnte für Motorradfahrer demnächst zeitweilig gesperrt werden.

Es geht also vor allem um die Frequenz und die Klangfarbe des Motorradsounds. Daran können Motorradfahrer nichts ändern, weshalb sich darüber nun trefflich lamentieren ließe. Ebenso darüber, dass viele Menschen empfindlicher auf Lärm reagieren als noch vor einigen Jahren, oder dass Tourismusämter vielversprechendere Zielgruppen entdeckt haben als Motorradfahrer und dass genervte Anwohner die Motorengeräusche deshalb als lauter empfinden, als sie sind, weil sie Motorradfahrer zum Feindbild erkoren haben.

Harmonischer Fahrstil soll Sperrungen verhindern

Doch mit Lamentieren lassen sich Sper­ren nicht verhindern. Ein probates Mittel dagegen ist eine angepasste Fahrweise. Als besonders störend empfanden die Teilnehmer der Wiener Untersuchung die Motorradgeräusche nämlich nur dann, wenn der Lärmpegel sehr schnell anstieg, also der Fahrer das Gas plötzlich aufriss. Das immerhin haben wir Motorradfahrer selber in der Hand. Gefragt ist also ein harmonischer Fahrstil ­ohne ­ständiges hartes Bremsen und volles Beschleunigen, speziell in und rund um Ort­schaften. Dabei bleibt Fahrspaß auf der Strecke? Geschenkt! ­Besser mit leicht gebremstem Schaum fahren als gar nicht mehr. Weitere Lösung: Beliebte Motorradstrecken an Wochenenden und Feiertagen meiden. Mal in den Bayerischen statt den Schwarzwald fahren oder zur Wochentour mit den Kumpels in den einsamen italie­nischen Apennin statt in die überfüllten Dolomiten. Nur wenn wir selber aktiv werden, könnte der Lärm um den Lärm ein wenig leiser werden.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige