Das Öhlins EURO MOTO-Event auf dem Nürburgring, sechste von sieben Saisonrunden, bot den Fans ein packendes Rennwochenende in allen drei Klassen. In der Superbike stellte Twan Smits die Konkurrenz in den Schatten, der Titelkampf bleibt aber offen. In der Supersport schaufelte sich "Dirkules" Geiger den Weg frei, und in der Sportbike setzte Ruben Bijman den Gesamtführenden Zuda mächtig unter Druck.
Superbike: Smits siegt, Schrötter bleibt im Spiel
Qualifying: Smits setzt Ausrufezeichen
Schon im Qualifying machte Twan Smits auf der einzigen Yamaha im Superbike-Feld klar, dass er auch am Nürburgring der Mann der Stunde ist. Mit einer sensationellen 1:22,9 – gleich zweimal in Folge gefahren – sicherte sich der 22-jährige Niederländer die Pole Position und unterstrich seine aktuelle Topform. Dahinter sortierten sich die beiden ehemaligen Moto-2-WM-Fahrer ein: Meisterschaftsführender Lukas Tulovic (1:23,1) auf Platz 2 und Marcel Schrötter auf Platz 3 – Letzterer schlug erst in seiner dritten schnellen Runde in Folge zu und erzielte dabei jedes Mal eine neue persönliche Bestzeit.
Jan-Ole Jähnig (Gert 56 BMW) qualifizierte sich als Vierter, Leon Orgés nahm als BMW-Privatier den Umweg über die Superpole 1, entschied diese klar für sich und landete auf Startplatz 5. Für Florian Alt lief es beim Heimrennen auf der Holzhauer Honda weniger rund – nur Rang 8 in der Startaufstellung. Markus Reiterberger kehrte nach langer Pause an den Ring zurück und ordnete sich auf Position 6 ein.
Vergleichstest Tuner GP Ducati Panigale V4 R Lange versus Hertrampf
Startaufstellung Superbike:
- Twan Smits – 1:22,9
- Lukas Tulovic – 1:23,1
- Marcel Schrötter
- Jan-Ole Jähnig
- Leon Orgés
- Markus Reiterberger
- Kevin Orgis
- Florian Alt
- Tony Finsterbusch
- Hannes Soomer
Stimmen nach dem Qualifying
Marcel Schrötter: "Wir machen wirklich einen guten Job. Der Testtag am Donnerstag hat uns gutgetan. Wir haben komplett neue Wege eingeschlagen und das scheint bis dato gut zu funktionieren. Erste Startreihe ist wichtig und die Zeiten sind wahnsinnig schnell."
Lukas Tulovic: "Qualifying lief dann doch ganz gut. Wir haben uns jeden Tag gesteigert, haben schwer ins Wochenende gefunden. Am Anfang war das Motorrad vom Setup her gar nicht gut, das haben wir jetzt ganz gut hinbekommen. Deutlich schneller als letztes Jahr, aber Twan hat da noch mal einen draufgelegt – Chapeau. Ziel ist ganz klar, den Titel zu gewinnen, und dafür müssen wir nicht Twan schlagen, sondern Marcel."
Twan Smits: "Das ganze Wochenende war wirklich stark. Das Bike war von Anfang an gut, schon vom ersten Moment am Donnerstag. Wir haben immer mehr Pace aufgebaut. Es ist immer noch Potenzial da, auch für die Renndistanz fühlen wir uns stark und zuversichtlich."
Rennen 1: Smits siegt, Schrötter bleibt im Titelkampf
Im ersten Sonntagsrennen bestätigte Twan Smits seine überragende Wochenendform und fuhr die Konkurrenz in Grund und Boden. Der Niederländer, der vor gut drei Wochen noch nicht einmal eine Pole Position auf dem Konto hatte, ließ am Nürburgring nichts anbrennen und holte sich den Sieg. Marcel Schrötter blieb mit seiner Leistung im Titelkampf – eine wichtige Botschaft Richtung Finale in Hockenheim.
Rennen 2: Smits dominiert, Schrötter schlägt Tulovic
Noch dramatischer verlief der zweite Lauf: Smits war erneut in einer eigenen Klasse unterwegs, während sich dahinter das entscheidende Duell im Titelkampf abspielte. Marcel Schrötter schlug Lukas Tulovic und holte damit wichtige Punkte auf den Meisterschaftsführenden auf. Der Titel bleibt damit bis zum Finale in Hockenheim offen.
Florian Alt auf der Holzhauer Honda kämpfte mit dem Setup und dem traditionell schwierigen Verhältnis zwischen Honda und Nürburgring. Alt selbst gab offen zu: "Wir haben es ausgewertet, aber wir wissen nicht, woran es liegt." Für den Sonntag setzte er auf seine bekannte Kampfstärke: "Wenn wir ein gutes Rennen fahren, könnte Top 5 drin sein. Ich muss in Richtung Kurve 1 irgendwie wie in Assen außenrum fahren."
Meisterschaftsausblick
Die Superbike-Meisterschaft ist weiterhin offen. Smits hat sich mit seinen dominanten Auftritten endgültig als Siegfahrer etabliert, während der Titelkampf zwischen Tulovic und Schrötter beim Finale in Hockenheim (25.–27. September) seine Entscheidung finden wird.
Supersport: "Dirkules" Geiger schaufelt sich den Weg frei
Qualifying: Doppelführung für Apriko Yamaha
Dirk Geiger sicherte sich auf der neuen Apriko Yamaha R9 die Pole Position vor Teamkollege Lennox Lehmann – die vierte Pole und das fünfte Mal in Folge aus der ersten Startreihe für den Meisterschaftsführenden. Lehmann brachte laut Datenanalyse eine nahezu perfekte Runde zusammen und war nur 0,16 Sekunden langsamer als Geiger. Daniel Blin (AF Ducati) komplettierte die erste Reihe als Dritter.
Dahinter sortierten sich Marvin Siebdraht (Honda, Startplatz 4) und Luca Göttlicher (MV Augusta, Platz 6) ein. Besonderer Blickfang war die Rückkehr von Max Kofler – der Bruder des 2025er-Titelträgers Andreas Kofler war nach zweieinhalb Jahren Supersport-Pause zurück und fuhr als Gastfahrer auf Anhieb auf Startplatz 7, obwohl er in der gesamten Saison praktisch kein Motorrad bewegt hatte.
Vergleichstest Mittelklasse-Sportler Ducati Panigale V2 S, KTM 990 RC R, Yamaha YZF-R9
Startaufstellung Supersport:
- Dirk Geige
- Lennox Lehmann
- Daniel Blin
- Marvin Siebdraht
- Luca de Flesrauer
- Luca Göttlicher
- Max Kofler
- Max Staufer
- Philip Feigel
- Jorke Erwich
- Freddy Heinrich
- Julius Cesar Röhrich
Rennen 1 (Samstag): Geigers Masterplan
16 Runden standen auf dem Programm, und die erste Hälfte versprach einen echten Dreikampf: Geiger, Lehmann und Blin fuhren dicht beieinander. Lehmann wirkte so stark wie nie zuvor in dieser Saison gegen seinen Teamkollegen und fuhr sogar aus dem Windschatten heraus.
Doch zur Rennmitte zündete Geiger den Turbo: Persönliche Bestzeiten im ersten und letzten Sektor, eine 1:26,5 als schnellste Rennrunde – und plötzlich war die Lücke da. Lehmann brach gleichzeitig ein, sein Vorderreifen war zu aggressiv beansprucht worden. Blin nutzte die Gunst der Stunde und ging an Lehmann vorbei auf Platz 2, kam aber zu spät, um Geiger noch ernsthaft zu gefährden. Obwohl der Pole mit Bestzeiten im ersten Sektor aufholte und die Lücke von 1,5 auf 0,9 Sekunden drückte, reagierte Geiger sofort und fuhr den Vorsprung wieder aus.
Florian Alt, der das Rennen als Experte mitkommentierte, erklärte die Reifencharakteristik am Nürburgring: "Du hast die ersten zwei bis drei Runden einen Drop vom Reifendruck, der sich nach drei bis vier Runden wieder aufbaut. Dann hast du guten Grip bis Runde sechs oder sieben, danach lässt er relativ konstant nach."
Luca Göttlicher zeigte einmal mehr seine Stärke in der Schlussphase: Der MV-Augusta-Pilot überholte sowohl Siebdraht als auch de Flesrauer und fuhr auf einen starken vierten Platz. Max Kofler hielt in dieser Gruppe mit – seine Rundenzeiten von 1:27,4 waren auf Augenhöhe mit den Etablierten. Luca de Flesrauer stürzte in den Schlussrunden über das Vorderrad und verlor seine Position.
Ergebnis Supersport Rennen 1:
- Dirk Geiger
- Daniel Blin
- Lennox Lehmann
- Luca Göttlicher
- Marvin Siebdraht
- Max Kofler
- Freddy Heinrich
Rennen 2 (Sonntag): Geiger macht den Doppelpack
Auch das zweite Rennen wurde zum Triumphzug von "Dirkules" Geiger. Daniel Blin musste erneut einstecken und konnte nicht verhindern, dass der Apriko-Yamaha-Pilot die Lücke in der Meisterschaft weiter ausbaute. Geiger fuhr damit seinen fünften und sechsten Saisonsieg ein.
Stimmen nach dem Rennen
Lennox Lehmann: "Die erste Rennhälfte war gut, ich habe mich super gefühlt. Aber ich habe mir die Front zu aggressiv zerfahren – eigener Fehler. Trotzdem riesiger Dank ans Team, die haben einen Top-Job gemacht."
Daniel Blin: "Ich hatte keinen guten Ausgang aus den Kurven, was das Aufholen schwer gemacht hat. Zum Ende hatte ich einen großen Drop in den Reifen."
Dirk Geiger: "Am Anfang war ich ein bisschen lost, wusste nicht, was abgeht. Mitte des Rennens bin ich aufgewacht und konnte schneller fahren. Riesen Dank ans Team – das Bike stand perfekt da. Und riesen Glückwunsch an Daniel, der hat eine starke Pace gemacht und mir echt noch Feuer unterm Hintern gemacht."
Meisterschaftsstand
Der Vorsprung von Geiger auf Blin ist nach dem Nürburgring-Doppelsieg komfortabel, aber bei 50 noch zu vergebenden Punkten in Hockenheim nicht uneinholbar. Die Supersport-Meisterschaft bleibt offen, Geiger hat aber alle Trümpfe in der Hand.
Technischer Hintergrund: Die Yamaha-Teams stellten in dieser Saison auf die neue R9 mit Dreizylindermotor um, die den Vierzylinder der R6 ablöst. Die R9 verfügt über ein RAM-Air-System, das den Staudruck der Fahrtluft nutzt, um mehr Luft in den Motor zu pressen – ein Feature, das dem Serienmodell fehlt. Die Ducati ist gemäß World-Supersport-Reglement leistungsbeschränkt, was den Wettbewerb zwischen den Herstellern ausgleichen soll.
Sportbike: Bijman macht Doppelsieg perfekt, Zuda unter Druck
Qualifying: Alle Anwärter in Reihe 1
Die Euromoto Sportbike, in ihrer zweiten Saison, lieferte am Nürburgring eine echte Achterbahnfahrt im Titelkampf. Gesamtführender Stepan Zuda (Freudenberg Triumph) ging mit 46 Punkten Vorsprung auf Tobias Kitzbichler (Aprilia) und den punktgleichen Ruben Bijman (Freudenberg Triumph) ins Wochenende. Alle drei qualifizierten sich in der ersten Reihe – Bijman auf Pole, Zuda auf Platz 2, Kitzbichler auf Platz 3.
Die Qualifying-Bedingungen waren herausfordernd: Eine Session am Freitagabend bei wechselhaftem Wetter und eine am Samstagmorgen auf noch nasser Strecke nach nächtlichen Regenfällen.
Als Gastkommentator fungierte Luis Rammerstorfer, der nach einem heftigen Freitagssturz mit einer schweren Armprellung nicht selbst fahren konnte. Er unterstützte das Freudenberg-Team stattdessen als Riding Coach an der Strecke. Weitere bemerkenswerte Starterin: Lucy Michel, bekannt aus der IDM Supersport 300 und mittlerweile in der Frauen-WM unterwegs, war als Gastfahrerin auf einer Yamaha R7 am Start.
Vergleichstest Mittelklasse-Sportler: Honda CBR 650 R vs. Triumph Daytona 660
Startaufstellung Sportbike:
- Ruben Bijman
- Stepan Zuda
- Tobias Kitzbichler
- Tom Kaul
- Mika Siebdraht
- Jakob Rosentaler
Rennen 1 (Samstag): Bijman verteidigt gegen Kitzbichler
Das erste Rennen über 13 Runden begann mit einem Bilderbuchstart von Zuda, der sich durch eine brillante erste Kurve sogar in Führung drückte. Tom Kaul ging in Kurve 1 weit und verlor viele Plätze. In Runde 2 kam der Schock: Jakob Rosentaler stürzte in einem heftigen Highsider. Der zweifache Saisonsieger stand zwar sofort wieder auf, war aber raus aus dem Rennen und damit de facto auch aus dem Titelkampf. Auch Magnus Christoffersen fiel aus.
An der Spitze entwickelte sich ein packender Kampf: Bijman, Kitzbichler und Zuda fuhren in einer engen Dreiergruppe, Mika Siebdraht hielt überraschend stark auf Platz 4 mit. Die AMG Arena erwies sich als Schlüsselstelle – dort konnten verschiedenste Linien gefahren werden.
Rammerstorfer analysierte: "Ruben ist richtig stark auf der Bremse in der ersten Kurve. Das war letztes Jahr eine meiner Stärken und da hatte ich keine Chance gegen ihn." Ein zusätzlicher Faktor war der Gummiabrieb der GT3-Autos, die am Wochenende zuvor bei der GT World Challenge hier unterwegs gewesen waren – unter anderem mit Valentino Rossi. "Wenn du von der Ideallinie auf der Bremse auf den Autogummi kommst, ist das wie Eis", so Rammerstorfer.
In der letzten Runde attackierte Kitzbichler permanent, aber Bijman war dermaßen spät auf der Bremse, dass jeder Angriff abgewehrt wurde. Zuda hielt sich klug zurück. Bijman gewann um eine Motorradlänge vor Kitzbichler, Zuda wurde Dritter. Tom Kaul fuhr nach seinem Fehler eine beeindruckende Aufholjagd und wurde noch Fünfter.
Ergebnis Sportbike Rennen 1:
- Ruben Bijman
- Tobias Kitzbichler
- Stepan Zuda
- Mika Siebdraht
- Tom Kaul
- Alexander Weizel
- Julian van Kalkeren
- Jay-Hay den Hoed
- Tai Henriksen
- Keano Weer (trotz Long-Lap-Strafe)
Rennen 2 (Sonntag): Bijman macht den Doppelsieg perfekt
Am Sonntag legte Bijman nach und machte den Doppelsieg perfekt. Der Niederländer vom Team Freudenberg RORA PALIGO Racing bewies damit eindrucksvoll, dass er nach seinem ersten Sportbike-Sieg in Assen keine Eintagsfliege ist. Zuda geriet weiter unter Druck.
Stimmen nach dem Rennen
Ruben Bijman: "Ich habe mich von Anfang an stark gefühlt. Das Paket mit dem Triumph-Bike fühlte sich direkt gut an, wir wurden in jeder Session stärker."
Tobias Kitzbichler: "Ich bin super zufrieden. Hatte mit dem Vorderrad zu kämpfen, aber was wir am Donnerstag im Training probiert haben, ist im Rennen aufgegangen. Das war ein riesengroßer Schritt."
Stepan Zuda: "Es war nicht am Limit, aber wenn ich noch einen Schritt weiter gegangen wäre, wäre ich am Limit gewesen. Das war es für vier Punkte nicht wert."
Meisterschaftsstand: Plötzlich wieder offen
Was als mögliche Vorentscheidung begonnen hatte, ging ins Gegenteil: Bijmans Doppelsieg verkürzte den Rückstand auf Zuda deutlich. Mit dem Finale in Hockenheim, wo noch 50 Punkte zu vergeben sind, bleibt mathematisch alles möglich. Der Titelkampf ist zum Dreikampf zwischen Zuda, Bijman und Kitzbichler geschrumpft.
Ausblick: Showdown in Hockenheim
In drei Wochen steht das große Saisonfinale in Hockenheim (25.–27. September) an. Die Titelkämpfe sind in allen drei Hauptklassen offen:
- Superbike: Tulovic führt, aber Schrötter bleibt nach seinem Sieg in Rennen 2 im Spiel. Smits mischt im Titelkampf nicht direkt mit.
- Supersport: Geiger hat nach dem Doppelsieg komfortablen Vorsprung, doch Blin kann noch zuschlagen.
- Sportbike: Zuda, Bijman und Kitzbichler trennen weniger als 40 Punkte – ein offener Dreikampf steht bevor.
Der Nürburgring hat bei der sechsten Saisonrunde einmal mehr bewiesen, warum die Eifel als Kathedrale des Motorsports gilt: packende Rennen, überraschende Wendungen und Emotionen pur – von der Superbike bis zur Bagger-Premiere.





