Heute ist der Begriff Weißwandreifen korrekt. In den 1900er-Jahren hätten derartige Reifen eigentlich Schwarzprofilreifen heißen müssen. Verwirrt? Zurecht. MOTORRAD erklärt.
Früher weiß, heute schwarz
Als Luftgummireifen das Rollen lernten, waren sie nicht schwarz, sondern tatsächlich komplett weiß oder hellgrau. Dafür gab es 2 Gründe. Zum einen ist der Naturkautschuk, aus dem Reifen früher allein bestanden, eine helle, teils leicht transparente Masse. Zum anderen wurde dem Kautschuk zum Vulkanisieren Schwefel und Zinkoxid beigemischt. Beide Stoffe waren und sind heute noch notwendig, damit die gewünschte Reaktion des Gummis auf Wärme abläuft.
Als Nebeneffekt färbte das Zinkoxid das Gummi weiß. Leider hielten diese Reifen nicht lange, und die damals noch viel schlechteren Straßen verschlissen das Gummi schnell. Zu Beginn der 1900er-Jahre gab Ruß die Antwort auf die Frage nach längerer Laufleistung. Rein chemisch dient der Ruß als Füllstoff zwischen dem Gummi und dem Schwefel und gibt der molekularen Verbindung im Gummi Stabilität. Das erhöhte die Laufleistung der Reifen deutlich.
Nur wichtige Teile schwarz
Da zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Herstellen von hochwertigem Industrieruß kostspielig war, setzten die Reifenhersteller dieser Zeit den teuren Stoff nur in den Laufflächen der Reifen ein. Die Flanken blieben weiß. Durch die steigende Menge an verfügbarem Ruß schwanden die weißen Flanken bald von den Reifen und erlebten erst in den 1930er-Jahren ein Revival. Dann allerdings als "Luxus"-Option bei Ford.
Wer Weißwandreifen haben wollte, musste extra bezahlen. Allerdings wurden die im Grunde künstlich erzeugten weißen Streifen zwischen der nun schwarzen Wulst und der schwarzen Reifenschulter immer schmaler. Da die weißen Bereiche das mittlerweile hochautomatisierte Herstellen von Reifen verkomplizierten und die Nachteile des weißen Gummis die Vorteile überwogen.
Probleme mit den weißen Streifen an den Reifen
Neben dem erwähnten komplizierteren Herstellen der Weißwandreifen ab den 1930er-Jahren zeigten sich mit steigender Motorleistung und Scheibenbremsen einige Nachteile der Weißwandreifen. Einer war und ist das Verfärben der weißen Flächen durch Dreck, Bremsstaub und das Reagieren mit natürlichem Ozon: Mit der Zeit vergilbt das Weiß. Weiterhin fehlte dem weißen Gummi die Widerstandskraft des schwarzen Gummis, gerade in Bezug auf die viel höheren Verformungskräfte, die durch viel Leistung und hohes Fahrzeuggewicht auf Reifen wirken.
Unterm Strich: So schön der Weißwandreifen neu ist, so schnell kann er unansehnlich sein. Daher verschwand der Weißwandreifen wieder. Heute bieten die Hersteller diese Bauart vor allem für Oldtimer und Klassiker oder eben klassisch wirkende Motorräder an. Selbst gänzlich weiße Reifen für die ersten Autos um Baujahr 1900 sind noch zu haben.





