Mit der Zero S und 11 Kilowatt 146 Kilometer Tagesstrecke zurücklegen. Patrick Lang von auto-motor-und-sport.de und Jens Kratschmar von motorradonline.de pendeln extrem.
Mit der Zero S und 11 Kilowatt 146 Kilometer Tagesstrecke zurücklegen. Patrick Lang von auto-motor-und-sport.de und Jens Kratschmar von motorradonline.de pendeln extrem.
Jens Kratschmar von motorradonline.de: Ich wusste es. Ich bin überdurchschnittlich. Im Pendeln. 16,91 Kilometer pendelte 2019 im Schnitt jeder Deutsche die einfache Strecke zur Arbeit und nach Hause. Bei mir ist es mehr als die vierfache Strecke: 73 Kilometer sind es von meiner Garagentür bis zum Parkplatz am Verlag. Elektrisch pendeln ohne Schiene auf zwei Rädern ist attraktiv. Nur: Mit was? Der ganze elektrische Roller-Kram mit Radnabenmotor für die Stadt taugt über Land nichts, das hat der Seat Mó im Pendler-Test exemplarisch bewiesen. Nächster Schritt: Die Zero S in der 11 kW-Version. Mit dieser eingetragenen Dauerleistung bewegt auto-motor-und-sport.de-Kollege Patrick Lang den Stromer mit seinem B196-Führerschein legal und gibt erneut den kongenialen Pendel-Partner. Und ich freue mich trotzdem über 59 PS in der Spitze und 109 Nm ab Umdrehung 1.
Ich war mir sicher, an dieser Stelle schreiben zu müssen, dass die Zero außer zum Teuer-sein zu nichts tauge. Doch das muss ich glücklicherweise nicht. Naja, teuer ist die Zero S trotzdem. Ab knapp über 17.000 Euro geht es los. Wer wie wir den Charge-Tank mit Mode-3-Ladekabel für Wallboxen und Schnelllader ordert, zahlt gut 2.700 Euro on top. Ohne großzügige Förderung, wie für die absurden Elektro-SUV, wird das nichts mit der zweirädrigen Elektromobilität. Die andere Seite der Medaille ist, dass die Zero sehr viele Seiten hat: Für ein Elektrofahrzeug funktioniert die S sehr gut. Sie geht sehr sanft und harmonisch ans Gas und arbeitet fast ohne Lastwechsel. Im Eco-Modus stromert man locker über Land. Im Sport-Modus zeigt sie dir, wo der Hammer in Sachen Durchzug hängt. Die S verbraucht real nur um die acht kWh/100 Kilometer und das bei anspruchsvoller Topografie, selbst wenn die 73 Kilometer in einer Stunde geritten werden sollen und käme so getrieben sogar locker 100 Kilometer weit. Wer normal fährt, kommt deutlich weiter. Das Laden per 230 Volt oder an Ladesäulen geht für ein Pendelfahrzeug in Ordnung. Kurz: Toller Pendelspaß.
Als reines Fun-Gerät für die Hausstrecke ist die Zero S in der 11-kW-Version nur bedingt tauglich, denn Motorrad fehlt es für knapp 17.000 Euro etwas an Fahrwerk, Bremsen, Reifen, Ausstattung und Haptik. Das Fahrwerk arbeitet zu poltrig und hat mit nur 80 Millimeter Nachlauf eine etwas hektische Tendenz, die Reifen waren nur zu Vergaserzeiten mal Premium, eine gute Bremse aus dem unteren Preisregal, das digitale Cockpit könnte knapp den 1990er entsprungen sein und die Diskrepanz zwischen Kaffee-Pause und Ladeleistung ist frappierend. Das passt in Summe nicht zum Preis. Und durch den Charge-Tank wird die Tendenz zum Kippeln erhöht, da dieser sehr nahe des Lenkkopfs montiert wird.
Die dritte Seite der Zero S 11 kW ist allerdings ihr Hauptargument: Mit dem 125er-Schein 59 PS fahren. Zäumen wir das Elektro-Pferd so herum auf: Wer den A1-Führerschein oder die B196-Erweiterung zum Autoführerschein macht, und sich dann ein Mopped für 20 Mille rauslassen kann, der könnte mit dieser Zero sehr glücklich werden. Oder einfach gleich den großen Schein machen. Im Sportmodus oder per App maximal eingestelltem Custommodus geht die Zero für eine "125er" unter einem 16-jährigen jedenfalls ab wie die Hölle, sprintet alles kurz und klein und rennt bei Bedarf 140 km/h. Zurück zum Preis: Das Risiko einen Mitt-Pubertierenden auf diesem Geschoss zu erleben, dürfte gering sein.
Bleibt die Zero übrig, die mit nur 185 Kilo Gewicht und maximal 59 PS sehr klar in der Mittelklasse fährt – wenn wir die 109 Nm kurz außer Acht lassen: Für eine 700er ist die Zero S 11 kW ein echt gutes Mopped. Sauber abgestimmter Antrieb, super agiles Chassis, einstellbares Fahrwerk – was dringend eingestellt werden muss, ein Hauch Connectivity per Bluetooth und günstig in Unterhalt und Verbrauch. Leider rund 10.000 Euro in der Basis zu teuer, um mit Yamaha MT-07 und anderen Mittelklasse-Motorrädern mitzuhalten.
Drei Dinge mögen Akkus nicht: Schnell geladen werden, schnell entladen werden und Kälte. Besonders haarig kann es werden, wenn der kalte Akku direkt maximal belastet, also entladen wird. So die Erfahrung beim Seat Mó. Die Zero stört das Fahrprofil "Knallgas im Winter" überhaupt nicht. Zumindest nicht in Sachen Reichweite und Ladezustand. Sie gönnt sich nach Anzeige bei egal welcher Temperatur nahezu die gleiche Kapazität von 8 kWh/100 Kilometer an Strom aus dem Speicher. Ich bin beeindruckt. Der große Masterplan, den Akku mit aller Gewalt auf 70 Kilometer leer zu saugen, geht selbst bei knapp über Null Grad nicht auf.
Nehmen wir die Zero S ohne den Charge-Tank, zahlen wir knapp über 17.000 Euro. Eine mehr oder weniger vergleichbare japanische Mittelklasse kostet gut 10.000 Euro weniger. Diese 10.000 Euro muss die Zero durch geringen Verbrauch und – noch – niedrige Stromkosten reinfahren, um dann erst zu sparen. Nehmen wir den realen Verbrauchsschnitt der Pendelfahrten von 8 kWh/100 Kilometer und legen einen Preis von 0,35 Euro/kWh-Haushaltstrom zugrunde, kommen wir auf 2,80 Euro pro 100 Kilometer nur an "Kraftstoff". Eine 700er-Verbrenner benötigt gut 4 Liter pro 100 Kilometer, oder anders ausgedrückt: derzeit 8 Euro. Unter diesen Umständen müsste die Zero 192.300 Kilometer fahren, um den Mehrpreis beim Strom einzufahren, wobei sie bei den Inspektionskosten deutlich günstiger fährt und früher amortisiert. Trotzdem: Nicht nur bei sinkenden Spritpreisen geht diese Rechnung nicht auf. Was wohl Kollege Patrick Lang von auto-motor-und-sport.de dazu sagt, der mit seinem um die Schlüsselzahl B196 erweiterten Autoführerschein ebenfalls den Pendler-Test mit der Zero wagte?
Patrick Lang: Das Kosten-Kapitel lasse ich mal außer Acht, das hat Kollege Kratschmar ja bereits hinreichend aufgedröselt. Stattdessen kümmere ich mich darum, die 192.000 Kosteneffizienz-Kilometer mit etwas Strecke zu unterfüttern. Das Pendler-Profil ist bei mir ein ähnliches – rund 65 Kilometer liegen zwischen Couch und Bürostuhl. Zwischen mir und der Zero liegt aber vor allem eines: Bammel.
Die Dämmerung ist bereits hereingebrochen, als ich mit meinem Auto in der Wartschlange vor einer Waschstraße stehe, um den kürzlich heruntergeregneten Sahara-Staub zu entfernen. Das Handy summt und auf dem Display erscheint Kratschmars liebliches Antlitz. "Alter, das Ding geht wie die gesenkte Sau. Ich bin ja schon viel gefahren, aber das ist echt ne Überraschung", freut er sich über seine erste Runde auf unserem bestromerten Testgerät. "Toll!", lüge ich und denke bereits daran, mir meine Lebensversicherung auszahlen zu lassen.
Wir treffen uns tags darauf in der Redaktion und ich kann das Elektromotorrad erstmals live begutachten. Schick sieht sie aus, die Zero. Scharfe Kanten, sportliche Linienführung. Fordernd reckt die graue Verkleidung unter dem Lenker zwei spitze Enden in den Wind. Darunter steckt ein, für meine Begriffe, bulliger Korpus. Alles, womit ich bislang im Rahmen meiner B196-Fahrlizenz Kontakt hatte, war zurückhaltender unterwegs. Vor allem, was die Leistung betrifft. Nun ist es nicht so, dass mich 11 kW mit sattem Durchzug aus dem Sattel fegen, aber ich habe nach wie vor einen ordentlichen Respekt vor dem Fahren mit zwei Rädern. Das sind für mich nämlich zwei weniger als gewohnt. Und dass hier umgerechnet 59 Peak-PS schlummern, sorgt für ein mulmiges Gefühl. Schließlich bin ich schon Autos mit weniger Power gefahren. Allerdings hat keines davon nur 185 Kilo auf die Waage gebracht.
"Richtig spüren kannst du die Kraft, wenn du bei 70 bis 80 km/h im Sportmodus noch ein bisschen mehr Gas gibst", resümiert Kratschmar versonnen. Da ging meiner Fahrschul-Duke bereits langsam die Puste aus, erinnere ich mich. Wir brechen für die Fotoproduktion ins sonnige Stuttgarter Umland auf. Ich folge dem Tross zunächst im Auto und lasse das Gehörte und Gesehene sacken. Das gute Wetter und die Begeisterung des Kollegen lassen meine Finger schließlich aber doch kribbeln. Schon mal ein bisschen für den A-Lappen vorfühlen – Warum nicht?
Ich starte zaghaft im Eco-Modus, merke aber gleich: Die Sitzposition taugt mir (1,75 Meter) ganz gut und ich fühle mich schon nach wenigen Metern wie ein echter Motorradfahrer. Entgegenkommende Biker grüßen mich sogar, wie ich zufrieden feststellen darf. Offenbar wird man mit so einer Zero S von der Community ernst genommen. Mit der rechten Hand agiere ich trotzdem noch verhalten, weil schon bei geringer Umdrehung zu spüren ist, dass hier Kraftreserven schlummern, mit denen ich bisher noch nicht in Berührung gekommen bin.
Erst auf dem Heimweg traue ich mich in den Sportmodus und die Furcht weicht allmählich der Begeisterung. Hossa, schiebt der Hobel an! Zwischen all den Bundesstraßen-Pendlern komme ich mir schonmal nicht vor wie ein Verkehrshindernis. Nach dem Abbiegen auf wenig befahrene und kurvige Landstraßen habe ich schließlich komplett Blut geleckt. Das Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Maschine reift mit jedem Meter, die Stabilität der Zero gibt mir dafür die nötige Zuversicht. Ruhiger Lauf, kein Flattern und selbst die Unebenheiten im ländlichen Asphalt bringen das Gefährt nicht aus der Ruhe. Mich übrigens auch nicht.
Zu Hause angekommen präsentiere ich das E-Motorrad meiner Frau (Inhaberin eines A-Führerscheins), die mich seit einem Jahr damit aufzieht, dass ich ja einen Kinder-Motorrad-Führerschein gemacht hätte. "Sieht aus wie ein echtes Motorrad", meint sie gönnerhaft. Sie deutet meinen Gesichtsausdruck und rollt mit den Augen. "Du willst nochmal los, oder?" Ja, ich will. In kindlicher Vorfreude pfeffere ich den Schulranzen, äh meinen Rucksack, in die Ecke und surre von dannen.
Es folgt eine – ja, ich traue es mich, das so zu nennen – Hatz durch die Radien der Kraichgauer Hügellandschaft. Die Zero erstürmt mühelos Höhenmeter um Höhenmeter, wo andere 125er bereits um Gnade winseln. Im Hinterkopf stets die Gewissheit, dass da bei Bedarf noch mehr Kraft unter mir schlummert. Eine gute Stunde gönne ich mir, bis der Akku allmählich nach Ladung verlangt. Einigermaßen euphorisiert schicke ich dem Kollegen Kratschmar eine Nachricht: "Alter, das macht wirklich Laune. Ich habe sogar ein paar langsame Autos überholt!" Seine Antwort adelt mich: "Jetzt bist du ein Motorradfahrer. Willkommen Bruder." Danke, fühlt sich auch so an.
Fazit von Jens Kratschmar: Die Zero S beweist zwei Dinge eindrucksvoll. Erstens: Elektro funktioniert im Premiumsegment enorm gut. Als 125er ist die S ein sehr erwachsenes Kraftrad. Und zweitens, dass es dringend staatlicher Förderungen für die zweirädrige Elektromobilität bedarf. Eine Zero mit 10.000 Euro gefördert zu bekommen, würde mich persönlich zum Kauf bewegen, denn die S ist von ihrem Preis/Leistung-Verhältnis her ein Motorrad für 9.000 Euro. Nur für diesen ungeförderten Betrag bekäme Zero die eindrucksvolle Elektro-Technik nicht bezahlt oder weiterentwickelt. Olaf Scholz, Christian Lindner, Robert Habeck und Volker Wissing, bitteschön, Sie sind jetzt dran.
Fazit von Patrick Lang: Wenn die anfängliche Angst vor den Leistungsdaten mal gewichen ist, dann stellt man sich mit der Zero S nicht nur ein taugliches Pendler-Fahrzeug in die Garage, sondern auch eines, das zur Gaudi-Ausfahrt einlädt. Dank E-Antrieb ohne schlechtes Gewissen. Dank ihres Preises mit einem empfindlichen Loch in der Haushaltskasse. Eine Förderung, wie vom Motorrad-Kollegen gefordert, ergäbe Sinn. Schließlich waren auch Elektroautos in ihren Anfängen vorrangig solventen Idealisten vorbehalten. Der Weg zur Massentauglichkeit läuft in weiten Teilen nun mal über den Preis. Dass die Zero S rein technisch kann, was der Kunde erwartet, wäre aber schonmal bewiesen.[https://www.zeromotorcycles.com/de-de/demo-ride]