Jahn
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Motorradfahren im Winter

Was ist eigentlich kalt?

Das Motorrad wartet startbereit in der Garage, aber Motorradwetter ist nicht in Sicht - herzlich willkommen in der kalten jahreszeit. Da hilft nur eins: einfach losfahren. Winter hin, Winter her.

Mist, war das ein Fehler? Allein das Anziehen wäre ein Fall für einen neuen Comic von Holger Aue. Ist die schwarze, schwere Rukka-Kombi tatsächlich so steif geworden – oder bin ich das? Wie auch immer, nie schien mir der Einstieg beschwerlicher, nie saß sie strammer, nie hatte sie mehr Reißverschlüsse, die es zuzumachen gilt, und nie waren die so schwer erreichbar. Allein der lange Weg hinab zu den Klettverschlüssen der Stiefel ist eine protektorenbewehrte Qual. War das mit der Ausfahrt wirklich eine gute Idee?

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Motorradfahren im Winter Was ist eigentlich kalt?
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Eins ist jetzt schon klar: Selten habe ich schwerer geflucht wie in dem Moment, als ich feststellte, dass ich das Thermofutter vergessen hatte...

Das Wetter, das Alter, der Fortschritt

Fünf Grad zeigt das Thermometer hier unten, im Stuttgarter Kessel. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich das ändern wird, spätestens oben auf den Fildern. Zwei Grad weniger sind da immer drin. Zum Glück ist mir das mit dem Futter noch eingefallen, sonst hätte ich mir einen abgefroren. Also, jetzt los. Raus aus der Klamotte, Futter rein, wieder rein in die Klamotte. Natürlich mit fetter Thermounterwäsche in zwei Lagen. Jetzt schwitze ich, mir läuft die Suppe in die Stiefel und die Wollsocken. Zu warm angezogen? Nein, das geht vorbei. Die BMW wartet schon in der Tiefgarage.

Es ist erstaunlich, wie sich persönliche Vorlieben doch immer wieder anpassen und ändern. Hätte mir vor Jahren jemand prophezeit, ich würde die BMW R 1200 R einer Yamaha R1 vorziehen, ich hätte ihn ausgelacht. Aber die damalige „R“ hatte auch nichts zu tun mit dem, was die Bayern heute anbieten. Dieser Motor kann von Bummeln bis Sport mittlerweile alles, das ESA-Fahrwerk hat eine Spannweite von kuschelweich bis sportlich-straff, die Elektronik funktioniert vom ABS bis zur Traktionskontrolle perfekt. All das geht mir unterschwellig durch den Kopf. Und all das zählt bei diesem Wetter. Außerdem wird der Metzeler Roadtec Z8 auf die zu erwartenden Asphalttemperaturen nicht ganz so störrisch reagieren wie die Sportpellen auf der R1. Auch das nimmt mich für die BMW ein. Aber vor allem sind es natürlich – die Heizgriffe!

Gleich Stufe zwei an, das bullert richtig. Noch auf der fetten Ausfallstraße regle ich schon zurück, Stufe eins reicht völlig in den dicken Winterhandschuhen. Die Reifen müssen erst warm werden, sperren sich noch, wollen nicht in die Kurve. Ein paar beherzte Bremsmanöver – ABS sei Dank ganz ohne Risiko, wenn man vorher in den Rückspiegel schaut – machen Spaß und helfen weiter. Ich spüre förmlich, wie die Pelle weich geknetet wird, sich mit dem kalten Straßenbelag arrangiert, Witterung nach der Ideallinie aufnimmt. Stuttgart liegt hinter der BMW und mir, Tübingen voraus. Temperatur? Jetzt sogar 6,5 Grad, zwei Gänge runter, und es geht los.

Mit Dynamik, aber nicht halsbrecherisch

Endlich ist er da, der Moment, für den alleine es sich gelohnt hat: Auf der Autobahn schmettert der Boxer los, drückt dich einfach ins Paralleluniversum der linken Spur. Rechts fliegen Autos vorbei, vergessen sind Mühsal und Kälte. Kalte Winterluft presst sich in meine Lungen, vitalisiert, euphorisiert. Locker drückt der Boxer über die 200er-Marke, da ist sie schon, die nächste Abfahrt. Und die erste echte Kurve.

Wie wird das gehen? Ich frage mich und bremse sachte aufs Abbiegetempo runter. Doch dieser kleine Zwischenspurt, er hat geholfen. Die BMW und ich – wir sind jetzt viel mehr eins, wollen mehr. Also rein ins Eck, nicht halsbrecherisch, aber immerhin mit einer Portion Dynamik, die ich noch vor zehn Minuten für unmöglich hielt. Und tatsächlich, es geht. Es geht sogar recht gut. Gefühlte 45 Grad Schräglage, tatsächlich sind es wohl 20 Winkelgrade weniger.

Berufsverkehr hat Pause

Macht aber nichts, macht gar nichts. Ich spüre keinen Druck. Entspannt rolle ich durchs Neckartal, meist allein, selbst der Berufsverkehr hat um diese Zeit Pause. Stellenweise sind die Straßen noch feucht, aber auch das spielt hier und heute überhaupt keine Rolle. Ich kenne die Kurven, ich kenne die Strecke, ich weiß, wie das hier im Sommer ist. Jetzt ist es anders.

Natürlich auch durch die Kälte. Aber auch die ist anders als erwartet. Sie schüttelt mich nicht, kommt nicht überraschend, sondern nimmt mich langsam mit auf unserem Wintertrip. Ich richte mich ein in dieser eisigen, aber klaren Luft, akzeptiere sie als ständigen Begleiter, so wie man sich auf einer Urlaubstour mit 50 Kilo zusätzlichem Gepäck arrangiert. Sie schränken Handling und Bewegungsfreiheit ein – und man hat trotzdem Spaß, würde deswegen nie auf den Trip verzichten. Ich wechsle vom Neckartal auf die Ebene, lasse mich durch Wald und Wiesen treiben, kehre auf einen Kaffee und ein Stück Kirschkuchen ein, erhasche sogar ein paar Sonnenstrahlen.

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