Fantic Caballero 250/500 im Fahrbericht (2018)

Scrambler und Flattracker

Auf kleinen verwinkelten Sträßchen ist die leichtfüßige Scrambler in ihrem Element.
Mit einer Neuauflage der Caballero feiert Fantic sein Straßen-Comeback.Auf kleinen verwinkelten Sträßchen ist die leichtfüßige Scrambler in ihrem Element.Das schmeichelt dem Auge: gefräste Gabelbrücke, eloxierter Alu-Lenker, außermittig angebrachtes Cockpit.Auch die Motor- und Fußrastenhalteplatten sind gefräst, der Schalthebel sitzt direkt auf der Schaltwelle.
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Mit einer Neuauflage der Caballero feiert Fantic sein Straßen-Comeback. Insgesamt vier Varianten, jeweils zwei Scrambler und zwei Flattracker mit 250 cm³ und 500 cm³, sollen noch dieses Jahr erscheinen. Wir durften die Neulinge bereits ausprobieren.

Mit einer Scrambler- und Flat-Track-Variante mit jeweils 250- und 500-Kubik-Motoren feiert Fantic seine Rückkehr. Den Anfang hat im Juli bereits das 250er-Duo gemacht, die 500er folgen im September. Für das nächste Jahr wurde zudem eine weitere Rally-Variante angekündigt. Entworfen wurden die wassergekühlten Vierventil-sohc-Motoren bei Piaggio, gefertigt werden sie beim chinesischen Joint-Venture-Partner Zongshen. Die Modelle unterscheiden sich hauptsächlich im Styling, bei Rahmen und Antrieb gleichen sich die Modelle bis hin zum Arrow-Doppelauspuff. Schon der drehfreudige 250er-Einzylinder leistet 28 PS bei 9.000 Umdrehungen, mit einem Drehmoment von 22,5 Nm bei 7.000 Touren.

Motorräder keine Schnäppchen

Die kurzhubige 500er-Caballero holt aus 449 Kubik ordentliche 43 PS bei 8.500 Touren und stemmt ein Drehmoment von 40 Nm bei 7.500 Umdrehungen. Die italienischen Listenpreise der 250er-Modelle liegen bei 5.790 Euro, inklusive Steuer, das 500er-Duo ist im Heimatmarkt ab 6.590 Euro zu haben. Damit sind die Motorräder keine Schnäppchen, vor allem im Vergleich zu einer in Indien hergestellten KTM 390 Duke. Die Preise dürften aber auch die Tatsache widerspiegeln, dass die Caballeros in Treviso vom Band rollen und nicht in Fernost. Lediglich der Motor mit Sechsganggetriebe und Mehrscheiben-Nasskupplung wird in China hergestellt und nach Italien geliefert.

Foto: Kel Edge
Optisch und technisch sind die neuen Fantic-Modelle gut gelungen.
Optisch und technisch sind die neuen Fantic-Modelle gut gelungen.

Schaut man sich die Modelle von Nahem an, entdeckt man durchaus wertig gemachte Teile. Denn Fantic hat bei der Konstruktion einigen Aufwand betrieben, nicht nur, was das stark an die Caballero der 70er-Jahre erinnernde Design betrifft. Gefräste Gabelbrücken und Fußrasten-Platten, der Rückgratrahmen aus Chrom-Molybdän-Rohren wird vorne von einer 41-mm-Fantic-FRS-Upside-down-Gabel mit großzügigen 150 mm Federweg ergänzt. Das Federbein ist in der Zugstufe einstellbar und verfügt ebenfalls über 150 mm Federweg. Die schicke 320-mm-Wave-Bremsscheibe von Braking sorgt vorne zusammen mit einer Radialzange des asiatischen Brembo-Ablegers Bybre für Verzögerung, ergänzt um eine 230-mm-Wave-Scheibe hinten. Alles überwacht von einem abschaltbaren Zweikanal-Conti-ABS. Ebenfalls vorne und hinten: LED-Licht. Der digitale Tacho ist allerdings nicht so leicht ables- und intuitiv bedienbar wie die Instrumente einer Duke.

Die 250er giert nach Drehzahlen

Weitere Komponenten prodotto in Italia: der Tommaselli-Lenker mit Domino-Griffen und die schwarzen Speichenräder, 19 Zoll vorne und 17 Zoll hinten. Sie tragen Pirelli Scorpion Rally STR-Alleskönner, die im Gegensatz zu ähnlich groben Reifen anderer Hersteller bei höherem Tempo auf Asphalt erstaunlich geräuscharm abrollen. Apropos Tempo, die 250er giert nach Drehzahlen, verteilt ihre Kraft gleichmäßig und bietet auch Druck von unten heraus. Auch in den oberen zwei Gängen geht der Fantic die Puste nicht aus.

Foto: Kel Edge
So sieht die 250er-Variante im Flattrack-Gewand aus.
So sieht die 250er-Variante im Flattrack-Gewand aus.

Dank Ausgleichswelle läuft sie außerdem recht geschmeidig, auch wenn die Vibrationen in den Fußrasten mit den Drehzahlen zunehmen. Das Getriebe schaltet sauber in beide Richtungen, und die gutmütige und für Viertelliter-Verhältnisse trotzdem spontane Gasannahme machen die Fantic zu einem großartigen Stadtmotorrad, wo man dank 845 mm Sitzhöhe freie Sicht über die meisten Autodächer genießt. Der relativ lange Radstand von 1.425 mm bürgt für hohe Stabilität, und dank des recht hohen Tommaselli-Lenkers schwingt man leichtfüßig über kurvige Landstraßen. Dort macht die 250er-Caballero auch am meisten Spaß, abgesehen vom bereits erwähnten Asphaltdschungel.

Motor wirklich der Hammer

Trocken wiegt die 250er 138 kg, ihre große Schwester 145 kg – interessant wie schwer ein größerer Kolben ist, denn das soll laut Fantic der einzige Unterschied zwischen beiden Bikes sein. Die 500er: Same but different. Sie hat vor allem mehr Schmackes im unteren Bereich. Daraus resultieren eine bessere Beschleunigung und das ständige Verlangen, das Vorderrad zu lupfen, sehr zum Vergnügen der Passanten, weniger zum Vergnügen der Herren mit den schicken Alfa Romeos mit den schönen blauen Lichtern auf dem Dach ... Obwohl ich auf einem Vorserien-Modell saß, dessen Motor noch nicht final abgestimmt war, finde ich, macht die Caballero 500 bereits jetzt mächtig Spaß. Sie hat massig Drehmoment untenrum und trotzdem die gleiche leichtgängige Kupplung der 250er. Vor allem aber die Mehrleistung, die es auch im dahinrollenden Strom der Blechlawine erlaubt, schnell von Lücke zu Lücke zu hüpfen.

Foto: Kel Edge
Blick in die Vergangenheit: die Caballero aus den 70er-Jahren.
Blick in die Vergangenheit: die Caballero aus den 70er-Jahren.

Auch der Auspuff war noch nicht serienreif, wie – autsch – leichte Verbrennungen am Bein zeigen. Aber dieser wundervolle Motor ist wirklich der Hammer. Wenn heutzutage so etwas aus China kommt, liegt das nicht zuletzt an der starken Konkurrenz in Indien, die sich ebenfalls weltweit neue Märkte erschließt. Mit den Verbindungen nach Westen über Piaggio und Norton (für die Zongshen bald 650er-Parallel-Twins fertigen soll – es ist absehbar, dass dieser Motor in kommende Mehrzylinder-Flat-Tracker verbaut wird) ist es keine Überraschung, dass Zongshen die Herausforderung annimmt, höhere Qualität über niedrige Preise zu stellen. Dieser tolle 450er-Vierventiler könnte bald viele Modelle anderer Hersteller antreiben.

Fazit: hervorragende Qualität und hohe Performance

Das gut ausgestattete, toll entwickelte und wertig gemachte Einzylinder-Duo steht für hervorragende Qualität und hohe Performance. Es zeigt ganz klar, Fantic ist zurück – mit starken Maschinen, die ihrer Tradition gerecht werden. Genauso wie damals.

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