RGNT No. 1 Classic Fahrbericht Rossen Gargolov
RGNT No. 1 Classic Fahrbericht
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RGNT No. 1 Classic Fahrbericht 19 Bilder

Elektromotorrad RGNT No. 1 Classic im Fahrbericht

RGNT No. 1 Classic im Fahrbericht Ein wunderschöner Widerspruch

Klingt nach einem Widerspruch in sich: "Elektro" und "Classic". Schließlich sollen Elektromotorräder ja die Zukunft verkörpern, sind gern mal futuristisch gestylt. Nicht so die RGNT No. 1 Classic, deren Form zitiert eher die 1960er-, 70er-Jahre.

Wolfgang Streicher verkauft in Weil der Stadt ausschließlich E-Bikes und Elektromotorräder mit Nummernschild und Helmpflicht: "Wir sind komplett elektrifiziert, haben unser Hobby zum Beruf gemacht." Schon drückt er mir als einer von derzeit vier Händlern in Deutschland – 2022 soll es rund ein Dutzend geben – den Transponder zur RGNT (gesprochen: Regent) No. 1 Classic in die Hand.

RGNT No. 1 Classic mit 15 PS

RGNT ist ein Schwedisches Start-up-Unternehmen, gegründet von Lina Kanstrup und Jonathan Åström. Wir berichteten bereits auf motorradonline.de davon. 2019 ließen sie in der beschaulichen Stadt Kungsbacka ihre Vision Wirklichkeit werden. Heute fertigen in ihrer Manufaktur schon 40 Beschäftigte in Handarbeit die von den 60er, 70-Jahren inspirierten Elektro-Motorräder. 2022 sollen 1.000 Maschinen entstehen, in klassischer, zeitlos schöner Formensprache. Ich aber sitze nun auf einem Vorserien-Exemplar der RGNT No. 1 Classic. Es setzt sich praktisch komplett lautlos in Bewegung.

RGNT No. 1 Classic Fahrbericht
Rossen Gargolov
Idealist: Wolfgang Streicher von„E-Classik“ aus Weil der Stadt.

Das Geheimnis ist der Direkt-Antrieb per Radnaben-Motor im Hinterrad. "Transmissionsgeräusche" für Kette oder Zahnriemen gibt es keine, auch keine Anfahrgeräusche à la Straßenbahn. Einfach nur Strom geben und pure, destillierte Stille genießen. Die Beschleunigung dabei ist ziemlich verhalten. Klar können verheißene 15 PS Spitzenleistung (tatsächlich kommen knapp 17 PS am Hinterrad an) bei gewogenen 167 Kilogramm keine Bäume rausreißen. Die RGNT No. 1 Classic hat ähnliche Abmessungen wie eine Yamaha SR 500, ist dabei leichter und schwächer. Trotzdem wirkt sie künstlich gedrosselt beim Ampelsprint. Harmonisch-lineare, nicht explosive Dynamik lautet das Motto.

Für Führerscheinen A1 und B196 geeignet

Die RGNT No. 1 Classic kann mit ihren 8,5 kW Dauerleistung auch mit dem A1-Führerscheinen und der Führerscheinerweiterung B196 gefahren werden. Zierlich für ein Motorrad, mächtig für eine 125er. Auf der Landstraße riegelt der E-Motor bei Tachoanzeige 120 ab, das sind echte 115 km/h. Nun, an der Stelle, wo sonst ein Motor sitzt, prangt ein monumentaler schwarzer Akku-Block. Er speichert 7,7 Kilowattstunden und wiegt dabei allein satte 60 Kilogramm. Eingerahmt wird der wuchtige, nicht herausnehmbare Batterie-Pack, gefertigt in Österreich, von einer klassischen stählernen Doppelschleife.

Der Saft, aufzuladen per Haushaltsstrom, reicht hier und heute für eine beschauliche 100-Kilometer-Runde über Land, sofern man freiwillig hinter dösigen Autofahrern und vollbeladenen Lkw bleibt. 120 Kilometer Aktionsradius verspricht die RGNT No. 1 Classic. Allerdings zeigt der 7-Zoll-Touchscreen von Cockpit komischerweise die Restreichweite nicht an. Dabei ist das doch die zentrale Frage bei einem Elektromotorrad. Und auf die Anzeige der Batterie-Kapazität ist wenig Verlass. Dafür könnte man das Cockpit mit einem GPS und sogar irgendeiner Cloud koppeln. Moderne Zeiten im Klassiker. Dazu zählen auch "kristallin" wirkende LED-Blinker von Motgadget. Der Stilmix aus verschiedenen Epochen wirkt wie bei einem sündhaft teuren Custom-Bike.

Tank-Attrappe aus Alu ist Handschuhfach

Metall-Kotflügel, vorn mit Haltestreben, ein verchromter Scheinwerfer und Speichenräder zitieren die Vergangenheit. Eine chice Retrospektive. Gleiches gilt für den herrlichen braunen Ledersattel (gefertigt in Schweden) und den wie bei der seligen Simson Schwalbe schräg gestellten Gepäckträger; beides ist optional. Die Krönung der RGNT No. 1 Classic ist fraglos die handlinierte in British Racing Green lackierte Tank-Attrappe aus Aluminium. Herrlich! Und praktisch. Denn hier verbirgt sich ein Handschuhfach.

RGNT No. 1 Classic Fahrbericht
Rossen Gargolov
Krönung: handlinierte in British Racing Green lackierte Alu-Tank-Attrappe mit Handschuhfach.

Dem Fahrwerk der RGNT No. 1 Classic merkt man den Vorserien-Status an. Unnachgiebig geben sich die Stereo-Federbeine an der kurzen Schwinge. Sie arbeiten überraschend straff bis unkomfortabel. Dagegen ist die Zugstufe der Telegabel mit hübsch polierten Tauchrohren völlig unterdämpft: Sie schnellt nach dem Einfedern wieder raus, als wäre kein Öl drin. Und die Kombibremse verquickt hohe Handkraft der beiden Hebel mit mäßiger Wirkung. Die Beläge wirken stumpf, die Verzögerung ist mau. Ein mechanisches ABS, weil ein hydraulisches fehlt? Nun, Federelemente und Bremsen sollen im heute aktuellen Serienstand "1.5" deutlich verbessert sein. Zudem wurde hinten auf 17-Zoll-Bereifung umgestellt. Unser Test-Exemplar rollt noch auf klassischen 18-Zöllern. Die "Roadrider Mk II"-Reifen vom Avon-Berater haften bei Trockenheit manierlich.

Durch die 90 und 110 Millimeter schmalen Reifen braucht das Elektromotorrad bei gleichem Tempo und Kurvenradius weniger Schräglage als dicker besohlte Motorräder. Spät setzen die starren, mittschiffs platzierten Fußrasten der RGNT No. 1 Classic auf. Manierlich rollt der Schweden-Stahl durch die Kurven, trotz langen Nachlaufs und flachen Lenkkopfs durchaus handlich und präzise.

"Bremsen? Ist Energie-Verschwendung"

Angesichts der überschaubaren Reichweite und der zahmen Stopper ändern sich Fahrweise und Bewusstsein: Man fährt unwillkürlich flüssiger, vorrauschauender. Bremsen? Ist Energie-Verschwendung. Runter vom Gas, und die RGNT No. 1 Classic rollt völlig reibungslos aus. Wozu wertvolle Bewegungs- in nutzlose Wärme-Energie umwandeln? À propos Wärme: Selbst bei kühlen sechs, sieben Grad Umgebungstemperatur heizt sich der E-Motor bis auf 80, 90°C auf.

RGNT No. 1 Classic Fahrbericht
Rossen Gargolov
Wo sonst ein Motor sitzt, prangt ein monumentaler schwarzer Akku-Block.

"Klassisch-sportiv" geriet die bequeme Sitzposition, der verchromte Rohr-Lenker liegt gut zur Hand. Angesichts der bescheidenen Zuladung von 158 Kilogramm müssen Piloten und Beifahrer zart gebaut sein. Plump wirken die einfachst gestanzten Trägerplatten der Soziusrasten. Unkonventionell, doch logisch: Für den Fahrer gibt weder Schalthebel, noch Bremspedal. Weder schalten noch kuppeln zu können, aber es auch nicht zu müssen, macht den Kopf völlig frei.

Schwester RGNT No.1 Scrambler

Es gibt übrigens noch eine Schwester, die RGNT No.1 Scrambler. Ihre Kennzeichen sind schwarze Felgen, ein breiterer Lenker, und breitere, leicht grobstölligere Reifen in den Formaten 110/80 R18 und 130/80 R 17. Dazu fällt der Frontfender beim Scrambler knackig-kürzer aus. Chic ja, wirklich geländegängig nein. Womit wir beim Thema Preis angelangt sind: Der Scrambler kostet 13. 495 Euro. Unsere beschriebene RGNT No.1 Classic gibt es für einen Tausender weniger, also 12.495 Euro. Sie rollt mittlerweile auf den Reifenformaten 90/90-18 und 120/80-17. Der von uns gefahrene und fotografierte Vorführer kostet bei e-Classik in Weil der Stadt 11.900 Euro. An ihm ist viel Zubehör verbaut: Ledersitz, Gepäckträger, Custom-Tank und braune Griffe. Neupreis damit wären 13.900 Euro.

Fazit

So oder so funktioniert das "Königliche" Schwedische E-Motorrad als entspannendes, hübsches "Ich-erkunde-meine-nähere-Umgebung-Motorrad."

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