INTERMOT-Countdown Teil 4

Der Rote Baron von Frank Ohle

Ja, sie fuhr! Nur nicht heute. FUEL-Frontmann Rolf Henniges hatte das Vergnügen 2013, siehe https://www.motorradonline.de/test/sternmotor-bike.454820.html
Abgehoben - doch mit Bodenhaftung: Springer-Gabel und rudimentäre Einkolben-Bremse. Der Propeller vor dem XXXL-Motor ist bloß ein Gimmick.Offener Primärtrieb: Riementrieb vom Winkel- zum Viergang-Harley-Getriebe.Keep cool: Durch Schläuche zwischen den Zylinderköpfen strömt Schmieröl im Kreis.
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Eine Idee, neun Zylinder, 3600 Kubik. Was Frank Ohle auf zwei Räder gestellt hat, sucht seinesgleichen. Das Motorrad mit Flugzeug-Sternmotor zählt zum Verrücktesten zwischen Himmel und Erde. So abgehoben dieses Bike auch wirken mag, sein Erbauer ist absolut bodenständig.

Ortstermin an Deutschlands größtem privaten Technikmuseum in Sinsheim. Dessen Besucher sind einiges gewöhnt, klettern mal eben in die Concorde, Tupolev Tu 144 oder Ju 52, bewundern Rennwagen, Lokomotiven und klassische Motorräder. Wer hier auffallen will, muss sich etwas einfallen lassen. Frank Ohle, 56, hat das getan. Als er sein 350 Kilogramm schweres Motorrad mit Neunzylinder-Sternmotor aus der Ausstellung schiebt, hat Fotograf Rocky kaum noch freies Schussfeld mit dem Teleobjektiv, so viele Neugierige umkreisen das feuerrote Gefährt. Der rote Baron ist eine Ode an die Ästhetik sichtbarer Technik. Und eine Hommage ans Machbare.

Ein Flugzeugmotor auf zwei Rädern. Ein Tüftler mit tausend verrückten Idee. Neun Zylinder ohne Schalldämpfer. Und ein Redakteur, der trotz Lederkombi die Hosen voll hat. Rolf Henniges traf Frank Ohle und sein neues Meisterwerk auf einem weitläufigen
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Geboren aus einer Vision, gebaut aus Leidenschaft: „In Vietnam sah ich mal einen Sternmotor aus einem amerikanischen Flugzeug. Damit fing alles an.“ Bis dahin hatte der Maschinenbauer aus Wuppertal keinen besonderen Bezug zu Flugzeugen. Aber von da an eine fixe Idee: „Nun wollte ich unbedingt ein Motorrad mit Sternmotor bauen.“ Daraus ergab sich das Thema Roter Baron, samt passender Lackierung. Schon der selige Ernst Leverkus nannte Motorradfahren einst „Fliegen auf der Erde“ – von einem Flugzeugmotor im Zweirad ahnte „Klacks“ dabei freilich nichts. So wie Frank Ohle nicht wusste, was ihn erwartete.

Sternmotor kostete 18.000 Euro

Ungezählte Stunden Arbeit kostete ihn seine Konstruktion, zwei Jahre lang die gesamte Freizeit. Schon den Motor aufzutreiben, war abenteuerlich. Fündig wurde er in Australien. Dort fertigt die Firma Rotec Sternmotoren für Ultraleichtflugzeuge und Replikas von Fluggeräten aus dem Ersten Weltkrieg – wie geschaffen für Franks Roten Baron. Doch allein der per Schiff und Spedition gelieferte Motor kostete mal eben 18.000 Euro. Damit fingen die Probleme erst an: Ein Flugzeugmotor ist nun mal für Flugzeuge konfiguriert. Vorn rotiert der Propeller, hinten steckt der Vergaser dran. „Eine Antriebswelle für ein Getriebe ist da nicht vorgesehen.“

Foto: r-photography.info
400 cm³ Einzelhubraum und 3.600 cm³ insgesamt.
400 cm³ Einzelhubraum und 3.600 cm³ insgesamt.

Also musste Frank sie selber entwerfen – eine der größten Herausforderungen seines Projekts. Er zerlegte den 120-Kilo-Brocken von Motor und staunte: Die Kurbelwelle hat nur einen einzigen Hubzapfen. Darauf sitzt ein Hauptpleuel, an dem über Gelenke acht Hilfspleuel befestigt sind. Frank musste die Kurbelwelle auseinandernehmen und eigenhändig verlängern. Leichter gesagt als getan. „Es war ein Riesenproblem, die vorhandene Kurbelwelle an die neuen Erfordernisse anzupassen.“ Der neuen Antriebswelle, die bis kurz vor den 63 Zentimeter tiefen Sitz reicht, wich der Vergaser. Frank flanschte ihn schräg an einen Kasten an.

Moment mal: Ein einziger 40er-Vergaser von Bing reicht, um alle Zylinder mit zündfähigem Gemisch zu versorgen, bei 3.600 cm³? „Tja, auf meiner BMW R 100 RT mit viel kleinerem Hubraum sitzen zwei davon.“ Das Geheimnis? „Der Sternmotor saugt bloß in eine Vorkammer, weil immer nur einer der Zylinder zündet.“ By the way: 400 Kubik Einzelhubraum gelten als ideal in einem Motorrad-Motor. Ein Winkelgetriebe überträgt die Kraft der Kurbelwelle, immerhin 150 PS bei niedrigen 2.450 Touren, auf eine Zwischenwelle. Von dort reicht sie ein drei Zoll breiter Zahnriemen ans Viergang-Getriebe weiter, beides von Harley-Davidson. „Der offene Primärtrieb sorgt für Nervenkitzel“, lächelt Frank.

Warum der Motor jetzt nicht läuft? „Ganz einfach: Erstens steht das Motorrad schon seit längerer Zeit als Leihgabe im Technik Museum Sinsheim, wo es täglich besichtigt werden kann.“ Will heißen: Batterie leer. Zweitens liegt es an der speziellen Bauweise des Motors: Eine Ringleitung versorgt die Zylinderköpfe mit Schmieröl. Im Ruhezustand sackt das Öl mit der Schwerkraft nach unten ab. „Stehen in einem untenliegenden Zylinder Ventile geöffnet, kann Öl in den Brennraum gelangen und dann das Pleuel krummkloppen.“ Deswegen muss vor jedem erneuten Start des Motors erst das Öl abgelassen werden.

Für so viel aufwendige Startvorbereitung war im Museum leider keine Zeit. FUEL-Frontmann Rolf Henniges fuhr den roten Riesen vor fünf Jahren, seine Eindrücke stehen in MOTORRAD 11/2013. Nur so viel: Er war schwerst beeindruckt. Das sind wir hier und heute sogar im Stand. Das gesamte Drumherum musste Frank Ohle selbst konstruieren und bauen, anpassen und schweißen – Rahmen, Schutzbleche, Tanks. Den Lenkkopf mit zwei Kegelrollenlagern dengelte der Wuppertaler eigenhändig und entwarf eine Integralbremse: Der Handhebel steuert die Einzelscheiben im schmalen Vorder- und amtlich fetten Hinterrad. Doch der Rote Baron „taugt nicht wirklich für Straßenbetrieb,“ gibt Frank zu. Denn vermutlich hält dieses Motorrad den Weltrekord für den geringsten Abstand zwischen Ventildeckel und Erdboden – Bordsteinklettern wäre mit diesem Tiefflieger nicht nur aus Gewichtsgründen unmöglich. Der Rote Baron trägt Lenkergewichte in Geschossform und obenauf eine rot lackierte Übungsgranate der Bundeswehr. Ist Frank Ohle ein Militarist? „Überhaupt nicht. Mit dem ganzen Kriegsscheiß habe ich gar nix am Hut!“

Aber zu einem Motorrad mit Flugzeugmotor wollte er nun mal passendes Zubehör. Bis hin zum Namen. Der eher ein Irrtum der Geschichte ist. Manfred Freiherr von Richthofen erzielte 80 Luftsiege, war der bekannteste Jagdflieger des Ersten Weltkriegs. Aber kein Baron. Das basiert auf einer falschen englischen Übersetzung des deutschen Titels Freiherr. Falls sich jemand inspiriert fühlt: Rotec baut auch Sternmotoren mit sieben Zylindern und zarten 2,8 Liter Hubraum. Da geht noch was – was „Kleines“.

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