"Jetzt rasen sie wieder" – der alte Überschriften-Klassiker scheint endlich ausgestorben. Aber besser wird’s dadurch nicht: "Krankenhäuser warnen wegen Motorradunfällen vor Blutkonserven-Mangel" klingt noch viel reißerischer, und beschreibt ein schauriges Bedrohungsszenario für die ganze Gesellschaft. Denn laut Focus online (Artikel vom 30. April 2026) sorgen die "Unfälle" durch die aktuell "beginnende Motorradsaison für knappe Blutkonserven in Kölner Krankenhäusern." Tatsächlich?
Unsinnige gedankliche Verbindung von Kliniken Köln GmbH und Focus
Das klingt, als ob zumindest in den Straßen von Köln das Blut der Motorradfahrer gerade zentimeterhoch steht. Tatsächlich nahm diese unsinnige gedankliche Verbindung ihren Anfang in einer Presseinfo der "Kliniken Köln GmbH," die in einem Aufruf zum Blutspenden knappe Blutkonserven mit "beginnender Motorradsaison" verknüpfte, aber immerhin nicht von Unfällen sprach. Diese ergänzte erst Focus online. MOTORRAD wollte wissen, wie es wirklich ist. Siehe Interview.
Interview mit Daniel Beiser
Daniel Beiser ist (stellv.) Pressesprecher des DRK-Blutspendedienstes West am Zentrum für Transfusionsmedizin in Breitscheid.
Kurz gesagt: Nein, das können wir so nicht bestätigen. Der Gedanke hält sich hartnäckig, ist aber fachlich überholt. Er stammt (vermutlich) aus einer Zeit, in der Unfallchirurgie einen größeren Anteil am Blutbedarf hatte. Heute ist das anders. Der überwiegende Teil der Blutkonserven wird für die Behandlung schwerer Erkrankungen benötigt, allen voran in der Onkologie.
Motorradunfälle kommen vor, keine Frage. Sie sind aber kein Treiber für strukturelle Engpässe in der Blutversorgung. Solche pauschalen Zusammenhänge greifen zu kurz und führen eher zu Missverständnissen.
Engpässe entstehen nicht, oder nur sehr selten, durch einzelne Ereignisse, sondern durch ein Ungleichgewicht zwischen Spendenaufkommen und Bedarf. Das sehen wir typischerweise in Phasen, in denen weniger Menschen spenden gehen. Dies war zuletzt im Januar 2026 der Fall, hier gab es zeitweise massive Engpässe, sodass wir Lieferungen an Kliniken und Krankenhäuser drastisch kürzen mussten. Die Gründe hierfür sind nicht ganz klar, naheliegend war hier aber die verstärkte Influenzawelle.
Klassische Beispiele sind sonst aber auch Krankheitswellen, Ferienzeiten oder auch längere Hitzeperioden. Gleichzeitig läuft die medizinische Versorgung unverändert weiter, insbesondere in der Krebstherapie, bei Operationen oder chronischen Erkrankungen.
Wenn dann weniger Blut gespendet wird, spüren wir das sehr schnell, weil Blutprodukte nur begrenzt haltbar sind. Was uns besonders freut: In einigen Regionen entstehen inzwischen eigene Blutspendetermine speziell von und für Biker.
Ja, die gibt es, jedoch weniger, als es früher der Fall war. Und sie haben wenig mit spektakulären Einzelfaktoren zu tun. Typische kritische Phasen sind:
- Ferienzeiten, insbesondere Sommer und rund um Weihnachten
- starke Erkältungs- und Grippewellen
- Brückentage und verlängerte Wochenenden
In diesen Zeiträumen sinkt die Spendenbereitschaft erfahrungsgemäß, während der Bedarf stabil bleibt. Die Erhöhung der Spendebereitschaft ist also der eigentliche Hebel.Das Wetter spielt aber auch eine Rolle: Es kommen weniger Menschen zur Blutspende, wenn es über mehrere Tage sehr schwül und heiß ist, wenn Starkregen fällt, wenn Stürme wüten oder die Straßen eisglatt sind.
Der größte Bedarf liegt heute klar in der Behandlung von Krebspatientinnen und -patienten. Dort werden Blutpräparate regelmäßig und oft über längere Zeiträume in großen Mengen benötigt, zum Beispiel im Rahmen von Chemotherapien. Weitere wichtige Einsatzbereiche sind große Operationen, die Versorgung von chronisch Kranken sowie Notfälle.
Der sinnvollste Zeitpunkt ist nicht "wenn es knapp wird", sondern regelmäßig. Blut wird jeden Tag gebraucht. Wer spendet, sollte das kontinuierlich tun und nicht nur anlassbezogen. Damit entsteht Versorgungssicherheit. Männer dürfen übrigens sechsmal, Frauen viermal pro Jahr Blut spenden.
Der richtige Ansprechpartner sind die DRK-Blutspendedienste oder ein anderer anerkannter Blutspendedienst in der Region. Ideal ist, vorab einen Termin zu buchen und die eigenen Spendenintervalle einzuhalten. Termine gibt es unter: www.drk-blutspende.de oder 0800-1194911.
Den einen idealen Spender, Spenderin gibt es so nicht. Was besonders hilft, sind verlässliche, regelmäßige Spenderinnen und Spender, unabhängig von der Blutgruppe. Gleichzeitig gibt es natürlich Unterschiede in der medizinischen Bedeutung.
Blutgruppe 0 negativ gilt als besonders wertvoll, weil sie im Notfall universell einsetzbar ist. Seltene Blutgruppen sind ebenfalls wichtig, weil sie schwer zu ersetzen sind.Am Ende ist aber entscheidend, dass genügend Menschen überhaupt spenden und das kontinuierlich tun. Diese Kontinuität ist für uns einer der wichtigsten Faktoren, damit wir jederzeit sicher und zuverlässig mit Blut versorgen können.





