Island mit dem Motorrad: "Größter Fahrspaß, den ich je hatte!"

Motorrad-Reise Island
„Größter Fahrspaß, den ich je hatte!“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 01.01.2026
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Schon beim Anflug auf den kleinen Flughafen Keflavík bestaune ich die surreale Landschaft unter mir. Ich weiß ungefähr, was mich erwartet. Denke ich. Mithilfe von Google Streetview, Instagram und Co. könnte man heutzutage problemlos um die Welt reisen, ohne je vom Sofa aufstehen zu müssen. Gefühlt hat man alles schon mal gesehen, aber eben nur am Bildschirm.

Sehnsuchtsziel Island

Deshalb klebe ich auch die gesamte Fahrzeit an den getönten Scheiben des Taxis, das mich in die Hauptstadt Reykjavík bringt, und erkenne mit eigenen Augen, warum Island so ein Sehnsuchtsziel ist. Karge Landschaften, unterbrochen von Felsformationen, spärlicher Vegetation und aufsteigenden Dampfschwaden – alles nur ein Vorgeschmack.

Mit der Vorfreude auf grandiose Natur und geniale Fahrerlebnisse bin ich nicht allein, sondern Teil einer zwölfköpfigen internationalen Gruppe. Neben vielen Italienern treffe ich US-Amerikaner, Tschechen und einen Türken. Abgesehen von ihm, Ozan, sind alle zum ersten Mal auf der Insel und können es spätestens nach dem halb italienischen, halb englischen Briefing unseres erfahrenen Tourguides Luca Bono kaum erwarten, mit den grobstollig bereiften Ducati DesertX vom Hotelparkplatz zu rollen – um ziemlich schnell zu merken, warum hier das Zusammenspiel der Elemente auch vermeintlich Gewohntes zu einer so intensiven Erfahrung macht.

Milde 10 Grad Ende Juli

Es ist Ende Juli, aber das bedeutet für diesen Breitengrad lediglich mildes Wetter. Mit Thermo-Inlay und Winterhandschuhen in der Hecktasche verlassen wir bei rund zehn Grad die Hauptstadt. Hier sollen sich 60 Prozent der nicht einmal 400.000 Einwohner Islands konzentrieren. Was für eine Ellbogenfreiheit! Als unsere Kolonne auf der berühmten Ringstraße "1" rollt, begrüßt uns ein frischer Wind. Er bläst an den Helm und greift schon bald auch nach den Motorrädern – in den offenen Landschaften erreichen wir mühelos Schräglage, auch wenn wir geradeaus fahren.

Die Natur macht klar, dass wir hier nur geduldet sind. Starke Seitenwinde prägen auch spätere Verbindungsetappen auf der Straße und sorgen dafür, dass ich den Blick nicht allzu lang in die fremdartige Umgebung abschweifen lasse und den Lenker festklammere.

Der erste Sturz im Gelände

Auf der Passstraße 435 erwischt mich eine Böe kurz vor einer Kurve, das linke Bein schnellt abfangbereit Richtung Boden. Puh. Auf unbefestigten Wegen im Nirgendwo sorgt das erst recht für Herzklopfen – vor allem auf den grob geschotterten Pisten, die uns schon an Tag eins nah an tiefe Vulkankrater führen.

Der erste Sturz lässt so nicht lange auf sich warten, geht jedoch glimpflich aus und hat sogar etwas Positives: Denn nichts könnte die internationale Truppe schneller zusammenschweißen als ein mit dem Fuß unter seiner Ducati eingeklemmter Daniele aus Italien, der von Amerikaner Doug und mir herausgezogen wird.

Das hangabwärts liegende Motorrad schiebt die Gruppe gemeinsam wieder Richtung Piste. Nicht ganz so eindrücklich, aber ebenfalls zur Exotik beitragend, ist der leichte Schwefelgeruch, auch wenn die Duftpartikel viel von ihrer Penetranz verloren haben, wenn sie in den Helm strömen.

Doch der Geruch erinnert immer mal wieder daran, wie aktiv die Erde unter uns ist, brodelt, dampft, Wasser spuckt und die unzähligen Vulkane auch hin und wieder ausbrechen – was 2010 sogar mal den Flugverkehr in Europa lahmlegte.

"Ich kann kaum verarbeiten, was ich da sehe"

Apropos Flugzeug: Der Eindruck aus dem Fenster der Boeing, hier auf einer flachen und kargen Insel gelandet zu sein, hält nicht lange an – und selbst das Wort "karg" wird der immensen Vielfalt nicht gerecht, die Island präsentiert.

Schon am ersten Fahrtag und einer 150 Kilometer langen Etappe auf unbefestigten Pisten rund um den Vulkan Hekla kann ich kaum verarbeiten, was ich da sehe. Schier bis zum Horizont reichende Graslandschaften weichen einen Augenblick später wüstenähnlicher Landschaft aus Geröll und Sand. Nur um hinter der nächsten Kuppe von grünen Hügeln abgelöst zu warten.

Lavasand und bizarre Felsen: wie auf einem anderen Planenten

Einmal geblinzelt, schon scheinen wir endgültig auf einem anderen Planeten gelandet zu sein, der nur aus Lavasand und bizarren Felsen zu bestehen scheint. Immer wenn ich denke, schon viel der unerschöpflichen landschaftlichen Vielfalt gesehen zu haben, formiert sich ein neues Bild auf der Netzhaut. Und lässt kaum Zeit, die Eindrücke zu verdauen.

Ein schwarz-braun-grünes Spektakel, in das sich zwischendurch sogar Rottöne mischen. Hin und wieder unterbrochen von türkisblauen Seen und perfekt kontrastiert von einem grauen, wolkenbehangenen Himmel.

Bei einer der längeren Pausen setze ich mich an den Rand einer Klippe und starre in dieses gigantische Gemälde. Beobachte. Lausche. Und höre – nichts. Versuche, die Landschaft in mich aufzusaugen, was natürlich nicht gelingt. Das Bild bleibt surreal und abstrakt, weil jeglicher Bezug fehlt. Allein die vereinzelten Jeeps und höhergelegten Reisebusse, die ich selbst in einiger Entfernung noch über die Schotterpiste knirschen höre, bilden für das Auge einen kleinen Anhalt.

Surreal, magisch und zutiefst berührend

Das Hochgefühl, inmitten dieser bombastischen Landschaften Motorrad zu fahren, bleibt auch in den kommenden Tagen unbeschreiblich. Immer wieder scheinen dazu die sphärischen Klänge der isländischen Post-Rock-Band Sigur Rós leise aus dem Langzeitgedächtnis zu schallen.

Ich könnte lange im Wörterbuch blättern und würde doch nicht die passenden Wörter finden, um diese Erlebnisse gebührend zu beschreiben. Vieles soll heutzutage "episch" sein, Fjallabak, Landmannalaugar oder Hekla sind es tatsächlich. Genauso der "Laki-Loop", rund um den Vulkan Laki im Süden der Insel.

Vielleicht haben wir Glück, als wir den Parkplatz mitten im schwarz-grünen Nirgendwo erreichen und nur wenige andere Touristen sehen. Selbst unsere insgesamt 18-köpfige Reisetruppe verläuft sich schnell. Und so habe ich ein paar Minuten, in denen ich ganz allein am Vulkankrater stehe und in völliger Stille aufs grün-blaue Wasser starre. Selbst der kalte Wind hat Pause.

Ein Kraftort, an dem man wohl alle Probleme der Welt besprechen und lösen könnte. Es ist surreal, magisch und zutiefst berührend. Aber die Verbindung aus Luft, Erde und Wasser sollte auch noch aus anderen Gründen prägend werden.

Freudentränen im Helm

Das umgebende Nordmeer, stille Kraterseen, peitschender Regen und, ganz intim, Freudentränen im Helm: Wasser ist auf Island überall und immer dabei. Die Wettervorhersage ist zweitrangig, denn es nieselt immer mal wieder. Noch nie war mir das so egal wie hier. Einzig an Tagen mit Dauerregen halten wir uns an asphaltierte Straßen und nutzen die Gelegenheit für Sightseeing.

Und kaum haben wir uns bei einem Kaffee aufgewärmt und getrocknet, lassen wir uns von den berühmten Wasserfällen Gullfoss oder Seljalandsfoss wieder nass machen – egal! Übrigens die einzigen Gelegenheiten, an denen so etwas wie Gedränge herrscht, denn logischerweise konzentrieren sich hier die Touristenmassen.

Unzählige Flussdurchfahrten

Trivial und auch nicht: Auf einer Verbindungsetappe wird das Zusammenspiel aus Wasser und Licht zum Spektakel am Himmel, ein Regenbogen, so gleißend hell und groß, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Auf Island passiert so etwas ganz nebenbei.

Selbst als wir in der Berglandschaft inmitten einer dichten Wolke fahren und kaum mehr als das Rücklicht des Vordermanns sehen, hat es etwas Magisches, als sich der Nebel lichtet und wir auf einmal wieder etwas von der Welt sehen, die uns umgibt.

Für die Abschnitte auf losem Untergrund ("offroad" im eigentlichen Sinne, also querfeldein, ist auch in Island streng verboten!) wird Wasser sogar zum Nervenkitzel. Am ersten Fahrtag zähle ich die Flussdurchfahrten noch mit, an Tag zwei höre ich etwa nach Nummer 15 damit auf.

Nach kurzem Briefing lässt uns Expedition-Master Luca einfach hinterherfahren. Nur bei tieferen oder größeren Furten stellt er sich in die Fluten, muss hin und wieder dirigieren oder vorab die beste Route suchen – diese kann sich schon nach dem nächsten Allrad-Dacia oder Offroad-Wohnmobil geändert haben.

Steiniger Untergrund und leichte Kurven

Kaum hatten wir die eher sandigen "River-Crossings" gemeistert, warten auf der Laki-Runde steiniger Untergrund und leichte Kurven. Die Erleichterung, ans andere Ufer gekommen zu sein, ist ein ganz neuer Aspekt beim Endurowandern. Jeder Sturz kann das Aus bedeuten, zumindest für die Maschine.

Daher warten auch nach unzähligen Wasserfahrten noch genügend Schreckmomente – etwa durch ein zuckendes Vorderrad, eine durch zu hohes Tempo irritierend hohe Bugwelle oder durch das Beobachten strauchelnder Mitfahrer.

Dass es bei einem einzigen ernsthaftem Umfaller bleibt, ist also keine Selbstverständlichkeit. Doch Petr, der zu Hause in Tschechien ebenfalls eine DesertX fährt, nimmt es gelassen, denn nach kurzer Pause läuft seine Ducati für den Rest des Tages (trotz sichtbarer "Spezialmischung" des Öls), als ob nichts gewesen wäre. Nur, dass er fortan als unser Tauchspezialist gilt.

Ausgerechnet Lava, die das Gesicht der Insel entscheidend prägt, bekommen wir an diesen Tagen nur in erkalteter und teils pulverisierter Form zu sehen. Und in unterschiedlichen Mahlgraden auch zu spüren, wenn sich die Stollen der Pirelli Scorpion darin verbeißen und Sekundenbruchteile später zurück auf die Erde schleudern. Dass ich die orange-rote Masse also nur im Bildschirm der Flugzeug-Rückenlehne sehe, macht nichts, denn aufsteigende Rauchschwaden, die Geysire und mächtigen Vulkanlandschaften bezeugen die Kraft, die in der Erde schlummert.

Größter Fahrspaß auf einem Motorrad jemals

Für unsere Fahrtage prägender sind sowieso die Feuer, die in den L-förmigen V2 unserer DesertX entfacht werden. Viele Male pro Sekunde, was uns die Erkundung dieser faszinierenden Welt so viel einfacher macht, als den Bikepackern und Wanderern, denen wir unterwegs begegnen.

Erst die für mich mit jedem Meter nur noch attraktiver werdende Ducati ermöglicht mir, so viel von Island in so kurzer Zeit auf so unvermittelte Art und Weise zu sehen, zu spüren. Und damit auch ein großes Feuer im Herzen zu entfachen – für die unbeschreibliche, fremdartige Welt, in der man als kleiner Mensch nur staunen kann.

Nebenbei erlebe ich den größten Fahrspaß, den ich auf einem Motorrad je hatte. Keine Übertreibung – ich bin im Fahr-Flow wie noch nie, fliege gefühlt über die Pisten und genieße jede Sekunde in den Rasten der Rally-Ducati.

Hohe Erwartungen noch übertroffen

Luft, Erde, Wasser und Feuer – noch nie habe ich die vier Elemente so intensiv erlebt. Noch nie habe ich Motorradfahren so intensiv erlebt. Nie hätte ich gedacht, dass die unvermeidbar hohen Erwartungen an diese Reise noch übertroffen werden könnten.

Und noch nie sollte es trotz nur vier Stunden Flugzeit so lange dauern, wieder zu Hause anzukommen und mich nicht mehr pausenlos in dieses harsche wie beeindruckende Paradies zurückzuwünschen.

Fazit