MOTORRAD sucht den Alpenkönig 2008

Alpen-Masters, 1. Teil

Erneut bewerben sich am Col du Galibier 20 aktuelle Motorräder in fünf Kategorien um den Titel "König der Alpen". Auf welcher Maschine lässt sich in diesem Jahr die herrliche Bergkulisse am besten genießen?

Foto: Gargolov
Erneut bewerben sich am Col du Galibier 20 aktuelle Motorräder in fünf Kategorien um den Titel
Erneut bewerben sich am Col du Galibier 20 aktuelle Motorräder in fünf Kategorien um den Titel "König der Alpen".
Wie ein wilder Hengst gebärdet sich die Maschine urplötzlich. Das Vorderrad springt über die Bodenwellen, das Hinterrad sucht vergebens nach Traktion. Das ABS regelt planlos. Die Spitzkehre rast förmlich auf den Piloten zu, der die Maschine mit Kraft und Körpereinsatz gerade noch in die Kehre zwingen kann. Was ist los? So störrisch haben wir das Naked Bike noch nie erlebt. Zu Hause in Deutschland hat es sich stets ganz manierlich benommen, war bei den Fahrtests nicht besonders auffällig.

Hier oben in den Alpen ist eben alles anders. Hier sind die Straßen buckliger, hier gibt es jede Menge Aufbrüche und Löcher im Asphalt, dessen Reibwert sich ohnehin alle Handbreit ändert. Hinzu kommen Wasserrinnen und Steinbrocken auf der Fahrbahn, Kuhfladen und Schafherden, Murmeltiere und Radfahrer. Die Anforderungen an Mensch und Maschine sind in den Alpen erheblich größer als im gut ausgebauten deutschen Straßennetz, das nur selten Überraschungen bietet. Zumal man auf der Gebirgstour häufig zu zweit und mit Gepäck unterwegs ist. Das belastet die Fahrwerke zusätzlich. Und auch die Motoren, die in der Höhe ohnehin schon einen kleinen Teil ihrer Leistung einbüßen. Allerdings haben moderne Triebwerke mit Lambda-geregelter Einspritzung selbst auf Passhöhen knapp unter 3000 Meter praktisch keine Abstimmungsprobleme. Dagegen leiden von Vergasern gespeiste Motoren in der Höhe ab und an unter Schluckauf und miserabler Gasannahme, weil die Gemischbildung in der dünnen Luft nicht mehr optimal funktioniert.
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Welches der 20 aktuellen Motorräder wird es als
Welches der 20 aktuellen Motorräder wird es als "König der Alpen" auf den Thron schaffen?

Der Berg ruft

Immer mehr Piloten können das Fahren in den Bergen ohne solche Probleme genießen. Passhöhen wie der Col du Galibier oder der Col de la Croix de Fer werden zu Treffpunkten, vor den Restaurants in den Tälern reiht sich eng aneinander unterschiedlichstes Motorradmaterial auf. Dass es die Flachland-Biker en masse in die Alpen zieht, liegt neben der fahrerischen Herausforderung auch am Erlebnis Berge, am grandiosen Panorama und der herrlichen Landschaft. Das Auge fährt ja schließlich mit.

Aus diesen Gründen entstand bei MOTORRAD die Idee zum Alpen-Masters, das in diesem Jahr bereits zum vierten Mal stattfindet. Ein großer Test, der die speziellen Anforderungen in den Bergen widerspiegelt, in dem unterschiedlichste Maschinen quer durch die gesamte Bandbreite zum Zuge kommen. Wie in den Vorjahren und wie im echten Leben sind vom leistungsstarken Supersportler bis zum mächtigen Touren-Cruiser alle Gattungen vertreten. Grundsätzlich wurden die neuen Modelle des Jahrgangs 2008 berücksichtigt. Nicht modellgepflegte Motorräder, die in der Vergangenheit bereits einmal teilgenommen haben, müssen zu Hause bleiben (siehe Tabelle unten). Eine Ausnahme bildet jeweils der Gewinner des letzten Jahres. Somit darf die BMW R 1200 R im Finale (MOTORRAD 17/2008) gegen die fünf Gruppensieger verteidigen.

Während sich bei den ersten beiden Alpen-Masters die Motorräder am Stilfser Joch beweisen mussten, ist 2008 wie im Vorjahr der Ort Les Verneys am Fuß des Col du Galibier nahe dem französischen Grenoble Ausgangspunkt einer 170 Kilometer langen Testrunde. MOTORRAD ist als Veranstalter mit einem großen Testteam vertreten, das von Testfahrern führender europäischer Motorradmagazine verstärkt wird. Das alles macht das Alpen-Masters zum weltweit größten Motorradtest.
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Vier aktuelle Alleskönner auf Bergwanderung: Aprilia NA 850 Mana, BMW F 650 GS, Ducati Monster 696 und Triumph Street Triple.
Vier aktuelle Alleskönner auf Bergwanderung: Aprilia NA 850 Mana, BMW F 650 GS, Ducati Monster 696 und Triumph Street Triple.

Allrounder

Der karthagische Feldherr Hannibal überquerte mit 37 Elefanten die Alpen, um gegen die Römer zu Felde zu ziehen. Er hätte es durchaus leichter haben können, wären Pferde statt Elefanten zum Einsatz gekommen. Heute, rund 2200 Jahre später, können Motorradfahrer noch immer ihre Schlüsse daraus ziehen. Muss man unbedingt mit großen, schweren Motorrädern Alpenpässe erklimmen, oder geht es mit kompakteren, wendigeren Maschinen nicht unbeschwerter?

Die hier ausgewählten Motorräder sind preisgünstige, mehrzylindrige Alleskönner, die jeden noch so steilen Anstieg meistern, leichtfüߟig und sicher zu beherrschen sind, so dass selbst Einsteiger und weniger geübte Motorradfahrer eine Tour in die Bergwelt frohen Mutes wagen können.
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Bergsteigen auf zwei Rädern: für die Ducati 848, Honda Fireblade, KTM 1190 RC8 und Yamaha YZF-R6 kein Problem.
Bergsteigen auf zwei Rädern: für die Ducati 848, Honda Fireblade, KTM 1190 RC8 und Yamaha YZF-R6 kein Problem.

Sportler

Noch ein Grad mehr Schräglage, noch wirkungsvollere Bremsen, noch ein paar weitere PS: Die Ingenieure feilen an einer immer besseren Performance. Supersportler, so will man meinen, sind für die Rennstrecke gemacht, kompromisslos. Umso überraschender, wie häufig einem auf weniger perfekt geteerten, dafür aber abenteuerlichen Sträßchen der Alpen Supersportpiloten in Scharen begegnen. Sollte es etwa Spaß machen, sich kopfüber von den Bergen zu stürzen?
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Unterwegs auf höchsten Touren: Honda DN-01, Kawasaki 1400 GTR, Suzuki Hayabusa und Triumph Rocket III Touring.
Unterwegs auf höchsten Touren: Honda DN-01, Kawasaki 1400 GTR, Suzuki Hayabusa und Triumph Rocket III Touring.

Tourer/Sporttourer

Große Innovationsfreude kann man den Motorradherstellern im touristischen Bereich nicht gerade nachsagen. Eher sparsam war das, was sie für das Modelljahr 2008 als Tourer oder Sporttourer präsentierten. Nicht einmal BMW hat als Marktführerin dieser Sparte etwas Neues im Angebot, und Honda erbat sich im Fall des lang ersehnten VFR-Nachfolgers noch Bedenkzeit. Daher kommt es beim Alpen-Masters in diesem Jahr zu einem Aufeinandertreffen der ungewöhnlichen Art, zu einer Art Konzeptvergleich grundverschiedener Modelle.

Kawasaki schickt die mächtige 1400 GTR, noch am ehesten ein klassischer Tourist, Suzuki ist mit der ebenfalls Ende letzten Jahres präsentierten Hayabusa vertreten, die für die sportliche Art des Reisens steht. Triumph brachte im vergangenen Winter die riesige Rocket III Touring, ein Reise-Cruiser mit Scheibe und Packtaschen. Und schließlich fiel die Wahl auf Hondas DN-01. Obwohl kein typischer Tourer, soll sie in diesem Feld das Potenzial eines automatischen Antriebs unter Beweis stellen. Die Reisemaschinen der Zukunft werden wohl bald schon auf eine Schaltung verzichten.

Aufgefallen Allrounder

Aprilia NA 850 Mana
Plus
+ Automatik sehr unauffällig
+ Motor recht drehmomentstark
+ Lastwechselreaktionen gering
+ Bremsen mit sehr guter Wirkung
+ Tankattrappe pfiffiger Stauraum

Minus
- ABS noch nicht lieferbar
- Fahrwerk etwas zu weich
- Automatik und Kette: Warum kein wartungsarmer Zahnriemen?


Ducati Monster 696
Plus
+ Motor mit weicher Gasannahme
+ Lastwechselreaktionen gering
+ Fahrwerk wendig, kompakt
+ Bremsen ordentlich
+ Verbrauch angenehm niedrig

Minus
- Lenker unbequeme Kröpfung
- Gepäck kein Platz vorhanden
- Sitzbank knapp für einen Sozius
- Federung hinten zu straff


Triumph Street Triple
Plus
+ Motor leistungsstark, harmonisch und sehr lebendig
+ Handlichkeit ist enorm
+ Fahrverhalten sehr präzise
+ Bremsen wirkungsvoll

Minus
- Bremsen kein ABS
- Gepäck kaum unterzubringen
- Federbein schlägt manchmal durch
- Zuladung gering


Sieger Allrounder
BMW F 650 GS
Plus
+ Motor kultiviert, kraftvoll
+ Sitzposition entspannt
+ Fahrwerk stabil mit reichlich Reserven, komfortabel
+ Verbrauch gering

Minus
- Kaufpreis hoch bei Ausstattung als vollwertiger Tourer
- Gabel verzieht leicht bei harten Bremsmanövern

Fazit Allrounder

Wer gut sitzt, der gut fährt. Auf der F 650 GS gelingt es sogar mit Beifahrer und viel Gepäck prächtig. Aufgrund des ausgewogenen und sicher zu beherrschenden Fahrwerks fühlt sich der GS-Pilot auf den Gebirgsstraßen wie zu Hause. An Fahrdynamik mangelt es nicht. Und da sich die BMW auch sonst keine Schwächen leistet, gehört sie ins Finale. Da kann die Triumph noch so einen brillanten Motor besitzen, die Ducati noch so toll klingen und die Aprilia fast von selbst fahren, das Rundum-sorglos-Paket bieten sie nicht.

Aufgefallen Sportler

Ducati 848
Plus
+ Leistungsentfaltung homogen
+ Lastwechselreaktionen gering
+ Getriebeabstimmung gelungen
+ Fahrwerk besser abgestimmt als bei der 1098

Minus
- Bremse stumpf wirkend und schlecht zu dosieren
- Kraftstoffverbrauch erhöht
- Handlichkeit eingeschränkt


KTM 1190 RC8
Plus
+ Motor durchzugsstark
+ Sitzposition entspannt
+ Gewicht spürbar gering
+ Federungsreserven bei Beladung
+ Bremsen gut wirkend

Minus
- Getriebe hakig
- Gasannahme hart, nervige Lastwechselreaktionen
- Fahrwerk bockelhart


Yamaha YZF-R6
Plus
+ Fahrverhalten superhandlich
+ Lenkung präzise, direkt
+ Fahrwerk fein abgestimmt
+ Bremsen knackig, gut dosierbar
+ Reichweite ordentlich

Minus
- Leistungscharakteristik spitz
- Drehzahlband schmal nutzbar
- Sound aggressiv, laut
- Sitzposition sehr sportlich


Sieger Sportler
Honda Fireblade
Plus
+ Fahrwerk stabil, sehr präzise zu steuern, neutral
+ Federelemente sensibel ansprechend, gut gedämpft
+ Leistung jederzeit genug

Minus
- Fußrastenposition etwas hoch
- Motor unter 4000/min völlig ohne Druck
- Sitzposition sehr sportlich

Fazit Sportler

Es ist nicht die schiere, unbändige Leistung, die der Fireblade zum Sieg in ihrer Klasse verhilft. Das sichere Gefühl, den Hochleistungssportler in allen Situationen und auf noch so schlechten Straßen­belägen souverän im Griff zu haben, gibt den Ausschlag. Zu straff oder auch nur schlecht abgestimmte Fahrwerke (848 und RC8) oder ein zu hart ans Gas gehender, ruppiger Motor (RC8) mindern den Fahrspaß. Die Yamaha verliert, weil ihr drehzahlgieriger, schmal­brüstiger Vierzylinder in den Bergen wenig Sinn macht.

Aufgefallen Tourer/Sporttourer

Honda DN-01
Plus
+ Kraftübertragung perfekt
+ Bremsanlage sehr wirksam
+ ABS regelt hervorragend
+ Fahrverhalten neutral
+ Federung komfortabel

Minus
- Sitzposition auf Dauer unbequem
- Windschutz mäßig
- Stauraum wenig
- Reichweite gering


Suzuki Hayabusa
Plus
+ Fahrleistungen überragend
+ Drehmoment jede Menge
+ Motor läuft seidenweich
+ Fahrverhalten stabil

Minus
- Bremse agiert etwas stumpf
- Sitzposition lang gestreckt
- Soziussitz unkomfortabel


Triumph Rocket III Touring
Plus
+ Schub beeindruckend
+ Krafteinsatz erfolgt weich
+ Fahrersitz bequem
+ Windschutz ordentlich
+ Abrollkomfort gut

Minus
- Gewicht extrem hoch
- Handling sehr träge
- Soziussitz unkomfortabel
- Verbrauch sehr hoch


Sieger Tourer
Kawasaki 1400 GTR
Plus
+ Leistungsangebot hoch
+ Sitzposition bequem
+ Windschutz effektiv
+ Tourenausstattung umfassend
+ Bremsanlage wirksam

Minus
- Drehmoment unten gering
- In Kurven etwas schwerfällig
- ABS regelt grob

Fazit Tourer/Sporttourer

Dass die gewaltige Touring-Rocket kein Kehrenflitzer ist, überrascht niemanden. Allerdings ist der Dreizylinder im Wortsinn eine Wucht. Wenn er der DN-01 nur ein paar Newtonmeter spendieren könnte. Immerhin kann deren Automatikgetriebe im Kurvenkarussell begeis­-
tern. Als Tourer bräuchte die Honda eine bequemere Sitz­position. Das gilt auch für die sportliche Hayabusa, deren sanfte Power von unten genial kommt. Ein Gerät für den herzhaften Solo-Tagestrip. Die GTR bietet eine größere Bandbreite und mehr Ausstattung, dazu ein ABS.

So testet Motorrad

Links, rechts, links, rechts: Unzählige Messreihen im Pylonen-Parcours dienen als Grundlage für die subjektive Bewertung in den Bergen.
Foto: Künstle
...und so gesund verpflegt sich das Testteam.
...und so gesund verpflegt sich das Testteam.
Eines vorweg: Schnell fahren bei den Fahrdynamik-Tests heißt nicht, dass MOTORRAD in den Alpen rast, was das Zeug hält. Schwächen offenbaren sich jedoch erst im Grenzbereich. Deshalb durchlaufen die 20 Maschinen vorab auf dem MOTORRAD-Testgelände ein spezielles Messprogramm. Im Gebirge werden dann Durchzug, Verbrauch und Bremsweg ermittelt.

Im Slalom-Parcours setzen die starken und handlichen Sportler zunächst die Benchmark, aber Street Triple, Hayabusa und Monster können das Tempo locker mitgehen. Bei der Rocket Touring und der DN-01 hapert es an der Schräglagenfreiheit, entsprechend langsam sind auch die Zeiten in der Kreisbahn. Mana und F 650 GS setzen in Schräglage mit zwei Personen ebenfalls ziemlich früh auf.

Die schwere Rocket ist außerdem ein echter Säufer. Am genügsamsten sind die Allrounder F 650 GS und Monster 696. Überraschend der geringe Durst der Sportler Fireblade und R6. Dass die DN-01 den zweithöchsten Verbrauch hat, geht wohl auf das Konto der höheren Verlustleistung des Automatikgetriebes.

Die Beschleunigungswerte wurden wie sonst üblich solo in der Ebene gemessen, der Durchzug zum einen im letzten Gang in großer Höhe, zum anderen im zweiten Gang am Berg, hier mit Sozius. Dabei geht der Monster die Puste aus, die DN-01 wirkt ohnehin angestrengt. Wobei selbst bei einer 1400 GTR der Hubraum die lange Übersetzung nicht ausgleichen kann.

Deutliche Unterschiede gibt es bei der Bremsmessung, dort gelingt der DN-01 ein Überraschungserfolg. Auffällig: Die Allrounder lassen sich besser bremsen als die Sportler. ABS hilft ohnehin immer.

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