Tourenmotorrad im Gebrauchtcheck: Honda ST 1300 Pan European

Honda ST 1300 Pan European im Gebrauchtcheck
Heute noch ein lohnender Fang?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 18.01.2026
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Als Honda 2002 die ST 1300 Pan European vorstellte, schien die Nachfolge geregelt. Die legendäre ST 1100 hatte sich von 1990 bis 2001 als nahezu unzerstörbare Dauerläuferin einen Kultstatus erarbeitet, der selbst BMW-Fahrer ins Grübeln brachte.

Was die alte Pan stark machte, blieb erhalten. Was fehlte, kam hinzu: mehr Platz und Komfort, mehr Leistung und besserer Schutz vor Wind und Wetter. Damit sollte die Erfolgsgeschichte nahtlos weitergehen. Doch schon bald klebte an ihr ein Makel, der bis heute ihr Image prägt.

Breite Verkleidung, ausladende Koffer, 329 kg fahrfertig

Wer die Honda ST 1300 Pan European das erste Mal sieht, glaubt an ein rollendes Massiv: breite Verkleidung, ausladende Koffer, 329 Kilogramm fahrfertig. Alles an der ST 1300 Pan European schreit nach Schwertransport. Doch kaum kommt Bewegung ins Spiel, bröckelt die Fassade. Das vermeintliche Dickschiff tanzt überraschend elegant durch Kurven, als wäre die Honda mindestens eine Gewichtsklasse tiefer einzuordnen.

Auf der Straße überrascht die Honda ST 1300 Pan European trotz ihrer Kilos mit einer gesunden Grundhärte im Fahrwerk, einem etwas ruppigen Ansprechverhalten und überzeugender Neutralität. Hier macht sich der schmale 170er-Hinterreifen bemerkbar, der ebenfalls zur erstaunlichen Handlichkeit beiträgt.

Dazu kommt die serienmäßige Vollintegralbremse mit ABS, die auch ungeübten Fahrern aufgrund vorbildlicher Dosierbarkeit Sicherheit gibt: Ziehen am Handbremshebel aktiviert automatisch auch die Hinterradbremse, der Fußbremshebel bremst vorn mit.

Ideale Ausstattung für lange Reisen

Auch sonst glänzt die Honda ST 1300 Pan European mit klassischen Tourer-Tugenden. Unter dem Sitz steckt wie gewohnt ein Teil des Tanks, oben kommt jetzt das hinzu, was bislang an der ST 1100 nur nach Tank aussah, diesmal aber tatsächlich Sprit enthält. Somit stieg das Tankvolumen auf satte 29 Liter: 20,8 oben, 8,2 unten, wodurch abhängig von der Fahrweise Reichweiten jenseits der 500 Kilometer möglich sind.

Exzellenter Wind- und Wetterschutz

Der Wind- und Wetterschutz ist exzellent für Fahrer wie Beifahrer. Letzterer profitiert zudem von einem entspannten Kniewinkel und einer fast schon thronartigen Sitzposition, während größere Piloten wegen des engen Kniewinkels die Sitzbank meist in die höchste von drei Positionen setzen müssen – was allerdings den Windschutz verschlechtert. Bei Regen muss man außerdem die Scheibe etwas absenken, sonst droht Blindflug.

Motorrad Gebrauchtcheck Honda ST 1300 Pan European
Honda

Staufächer werden warm

Mit fahrfertigen 329 Kilogramm verlangt die Honda ST 1300 Pan European beim Rangieren kräftige Arme. Die Gepäckbrücke besteht aus einer kunststoffgedeckten Fläche mit belastbarem Schließmechanismus.

Während beim Vorgänger noch zahlreiche Öffnungen für Spanngurte vorhanden waren, zeigt sich die neue Konstruktion geschlossen. Wer dennoch nach einem Befestigungspunkt an der Honda ST 1300 Pan European für die Gepäckspinne sucht, riskiert schnell unschöne Kratzer in der empfindlichen Lackierung.

Hinter der üppigen Verkleidung staut sich zudem reichlich Hitze, nicht zuletzt, weil die hoch aufragenden Zylinderbänke des V4 viel Wärme abstrahlen. Auch die Staufächer neigen dazu, den Inhalt auf Touren mitzuerhitzen. Weiterhin fehlt eine Ganganzeige.

Problemzonen der Honda ST 1300 Pan European

Apropos Probleme: Über den Elefanten im Raum wurde noch nicht geredet. Das eigentliche Problemfeld offenbarte sich erst bei höherem Tempo. Ab ca. 130–160 km/h, gerne mit Topcase, hochgestellter Scheibe und vollbeladenen Koffern, begann die schwere Honda ST 1300 Pan European unruhig zu werden.

Während viele Besitzer lediglich von einem leichten Rühren um die Längsachse oder gar keinen Problemen berichten, wurden wenige Einzelfälle durch heftiges Pendeln von ihrer Maschine abgeworfen. Genau das Szenario, für das sich Tourenfahrer eigentlich eine Maschine wie diese zulegen – schnelles, komfortables Reisen auf Langstrecke –, brachte die ST 1300 also in Verruf. Spätestens über 200 km/h war Schluss mit lustig, viel mehr lässt der in der Praxis mit um die 116 PS gemessene V4 allerdings ohnehin nicht zu.

Kurios: Mit Sozius an Bord beruhigte sich dieses Phänomen oft spürbar. Und wer die Scheibe der Honda ST 1300 Pan European unten ließ, den Luftdruck (2,9 bar vorn, 3,0 hinten) hoch hielt und damals auf Bridgestone BT023 GT oder T31 GT setzte, hatte meist ebenfalls deutlich weniger Probleme. Moderne Tourenreifen können diese Thematik auch weiter entschärfen.

Rückrufaktion sorgte für Abhilfe bei Hitzestau

Als sich die ersten Käufer getäuscht fühlten und ihren "luxuriösen Hochgeschwindigkeits-Tourer der Zukunft" – der ausgerechnet bei Hochgeschwindigkeit schwächelte – reklamieren wollten, konterte Honda mit einem Hinweis aus dem Handbuch: "Auch wenn Sie Ihr Motorrad richtig beladen haben, sollten Sie mit Gepäck langsamer als üblich und nie schneller als 130 km/h fahren. Dann nämlich sei auszuschließen, dass die Fuhre ins Pendeln komme."

Ein Hinweis, den kaum jemand vor dem Kauf zur Kenntnis genommen haben dürfte. Spätere Gutachten sowie eine ab 2003 gestartete Serviceaktion mit zusätzlichen Verstärkungen und neuer Schwingenaufnahme konnten das Pendelverhalten zwar abmildern, aber nicht völlig beseitigen.

Ab 2004 sorgte eine Rückrufaktion für Abhilfe bei Hitzestau und fehleranfälligen Entlüftungsschläuchen, sodass die Honda ST 1300 Pan European fortan wesentlich alltagstauglicher daherkam.

Honda ST 1300 Pan European: ein echtes Tourenjuwel

Genau genommen wirkt die Kritik überzogen. Denn abseits der Autobahn-Höchstgeschwindigkeiten – und im europäischen Ausland jenseits der deutschen Richtgeschwindigkeit ohnehin irrelevant – ist die Honda ST 1300 Pan European ein echtes Tourenjuwel.

Der bullige V4 liefert ein jederzeit sattes Drehmoment, das schon ab 2.000 Touren anschiebt und bei 6.000/min sein Maximum erreicht. Damit ist die Honda ST 1300 Pan European vor allem eines: ein souveräner Kilometerfresser für entspanntes Reisen.

Marktsituation und Zubehör (Stand Sommer 2025)

Auf dem Gebrauchtmarkt ist die Honda ST 1300 Pan European allgegenwärtig: Manche Exemplare haben bereits die halbe Strecke zum Mond absolviert, andere wirken, als hätten sie die meiste Zeit ihres Lebens im Garagendunkel verbracht.

Die Preise bewegen sich von rund 3.000 Euro für frühe Jahrgänge mit hoher Laufleistung bis zu 9.000 Euro für späte Modelle im Bestzustand. Dazwischen liegt das breite Mittelfeld: gut gepflegte Maschinen mit 35.000 bis 60.000 Kilometern, die meist zwischen 5.000 und 7.000 Euro kosten.

Die Erstbesitzer stammen häufig aus der Generation 50+. Viele sind erfahrene Tourenfahrer, kommen oftmals von der Vorgänger-Pan und wissen den Komfort der 1300er zu schätzen. Entsprechend sorgfältig wurden die meisten Maschinen behandelt. Wenn sie nicht auf Reisen sind, stehen sie trocken in der Garage.

Auch mit vielen Kilometern eine zuverlässige Maschine

Honda-Werkstätten sehen die Honda ST 1300 Pan European als Dauerläufer. Auf der Hebebühne landet sie meist nur zu Inspektionen, die alle 6.000 Kilometer vorgesehen sind. Wer eine gebrauchte besichtigt, sollte vor allem auf die Wartungshistorie achten.

Eine Maschine mit über 70.000 Kilometern ist unproblematisch, wenn sie regelmäßig gepflegt wurde. Ein Serviceheft mit Honda-Stempeln ist zudem ein Hinweis darauf, dass auch Rückrufaktionen zuverlässig erledigt wurden.

Mehr Langstreckenkomfort durch zusätzliche Ausstattung

Wichtiger als das Baujahr oder die Kilometerzahl ist, ob die bekannten Optimierungen vorgenommen wurden. Da das Dickschiff trotz seiner Masse handlich fährt, beim Rangieren aber Kraft verlangt, ist ein Helfer an der Seite kein Fehler, denn so lassen sich ärgerliche Umfaller vermeiden.

Praktisch für Interessenten ist, dass man selten bei null startet. Viele Maschinen bringen bereits Topcase, Heizgriffe, Navi oder eine Lenkererhöhung mit. Zur Serienausstattung zählen das kombinierte Bremssystem CBS und ABS.

Dazu kommen oft größere Windscheiben oder verstärkte Gepäckbrücken, die den Langstreckenkomfort weiter steigern. Wer also auf dem Gebrauchtmarkt zuschlägt, darf sich in den meisten Fällen über ein Motorrad freuen, das sofort reisefertig ist.

Rückrufaktionen und Modellpflege

  • 2002 Auf der INTERMOT präsentiert. Serviceaktion: Veränderungen an Fahrwerk, Rahmen, Motor, Antriebsstrang und Elektrik. Farbvarianten: Candy Emporer Red (R175), Tower Silver Metallic (NH478), Amazonia Green Metallic (BG125); 1111 Zulassungen, 15.990 Euro.
  • 2003 Serviceaktion: Anbringen von Verstärkungen und neue Schwingenaufnahme; 532 Zulassungen.
  • 2004 Kleinere Änderungen wie Wärmeschutz und Belüftungslöcher; Preis unverändert. Farbvarianten: Candy Graceful Red (R151), Digital Silver Metallic (NHA30M), Pearl Coronado Blue (PB255); 474 Zulassungen.
  • 2006 Schwarz statt Blau; 400 Zulassungen.
  • 2007 Durch MwSt.-Erhöhung Preiskorrektur auf 16.390 Euro; 285 Zulassungen.
  • 2008 Neue rote Farbvariante "Glory" (R101C-U); 248 Zulassungen.
  • 2009 Neues Schwarz: Pearl Cosmic Black (NHA64P); Preisanstieg auf 17 450 Euro.
  • 2011 Preiserhöhung auf 17.490 Euro.
  • 2014 Neues Rot: Candy Alizarin Red (R345).
  • 2015 Preissenkung auf 14.990 Euro.
  • 2016 Blau statt Schwarz: Ion Blue Metallic (PB388); Preisanstieg auf 15 135 Euro.

Fazit