Um die nachfolgende Story zu verstehen, blenden wir uns zurück in das Jahr 1999. Ich hatte als freier Autor bereits einige Storys für MOTORRAD geschrieben, und man wollte mich als potenzielles Talent einstellen. Voraussetzung dafür war ein Trainee-Jahr, das es zu absolvieren galt.
Jung, ungestüm, übermotiviert und übereifrig
Nun, ich war jung, ungestüm, übermotiviert und übereifrig. Was zur Folge hatte, dass ich in den ersten Monaten zwei Motorräder zerlegte. Mir ging einfach die Kurve aus. Kurz gesagt: Ich stand unter Beobachtung, denn mein damaliger Test-Chef, Gerhard "Gegesch" Lindner, ehemaliger Deutscher Meister in der 600er-Supersport-Serie, wollte niemand in seinem Team, der ständig übers Ziel hinausschoss. Vor allem wollte er niemand, der nicht imstande war, aus seinen Fehlern zu lernen.
Ende November kam es leider ganz dicke ...
Nach den Stürzen gelobte ich Besserung. Doch Ende November kam es leider ganz dicke. Im Rahmen eines Vierer-Vergleiches duellierten wir uns in Spanien auf einer engen Passstrecke. Eine in sehr großer Schräglage und sehr schnell genommene Bodenwelle wurde mir und der schweren X-Eleven zum Verhängnis.
Ich bremste vielleicht zu stark, und vielleicht war es auch die unerwartet starke Wirkung des DUAL-CBS, eines Verbundbremssystems, das mir als alten XT-Fahrer ganz neue Verzögerungsaspekte aufzeigte. Jedenfalls brach bei rund 160 km/h in voller Schräglage das Hinterrad aus, und wir, die X-Eleven und ich, düsten auf eine Felslandschaft zu, in der sich nur eine Lücke offenbarte. Der 1100er gelang es nicht, sie zu treffen. Mir gottlob schon.
Als ich zu mir kam, tat mir alles weh. Die Lederkombi war öldurchtränkt, denn beim Sturz hatte es die Lichtmaschine aus dem Motor gerissen. Völlig benebelt sagte ich zu einem unserer Testfahrer, die mir zu Hilfe eilten, er solle doch mal schnell den Zündschlüssel abziehen, damit die Maschine nicht geklaut werden könne.
25 Jahre alte Yamaha Fazer 600 im Praxistest
"Hier, kannst du selbst abziehen!"
Tom, so hieß der Kerl, kletterte daraufhin über die Felsen in einen Canyon und kam Minuten später wieder zu mir. Er hielt den gesamten Kabelbaum in der Hand, inklusive Zündschloss, und meinte: "Hier, kannst du selbst abziehen!"
Mir schwante, dass es wohl nicht klappen würde, nach dem Check von Kette, Luft und Öl wieder weiterzufahren. Ein Kran hievte die 1100er Tage später aus dem Canyon. Sie reiste auf einer Palette verschnürt zurück in die Redaktion. Tankinhalt: 0,5 Liter. Er war noch so dick wie eine Zigarettenschachtel. Über den Rest möchte ich nicht schreiben.
Der Wiedergutmachungsplan: 5.500 Kilometer nach Sizilien im Winter
So humpelte ich mit Krücken – nahezu alle Bänder meines Körpers waren überdehnt – in den Folgewochen über den Redaktionsflur. Natürlich ließ man sich zu dieser Zeit nicht krankschreiben. Allenthalben trafen mich schiefe Blicke, und irgendwann saß ich erneut vor Test-Chef Gegesch auf dem Stuhl. "Tja", meinte er, "ich wüsste nicht, wie du die Scheiße, die du angestellt hast, jemals wieder ausbügeln kannst. Mach dir trotzdem mal Gedanken darüber."
Eine glückliche Fügung verhalf mir zu einem Vorschlag, den ich ihm einige Tage später freudestrahlend übermittelte. Denn: Ende Januar stand die Motorradmesse IMOT an. Und auf dieser Messe wollte die Redaktion den Besuchern unbedingt ein zerlegtes Dauertest-Motorrad präsentieren. Mit 44.500 km Laufleistung war die Yamaha Fazer 600 am nächsten an der 50.000-km-Marke, die das Ende des Langstreckentests markierte.
"Mein Angebot: Ich fahre die restlichen 5.500 km auf die Fazer", schlug ich Test-Chef Gegesch vor, als ich wieder vor ihm saß. "Hast du mal rausgeschaut?", entgegnete er. Es war Mitte Dezember, der Schnee lag 30 Zentimeter hoch, und die Temperaturen kratzten an minus zehn Grad.
"Wenn ich erst mal auf der anderen Seite der Alpen stehe, wird’s warm"
Egal. Die 600er-Fazer hatte ich ins Herz geschlossen und bereits viele Touren mit ihr unternommen. "Wenn ich erst mal auf der anderen Seite der Alpen stehe, wird’s warm", sagte ich im Anflug von jugendlichem Leichtsinn und positiver Lebenseinstellung.
Mein Plan – so hatte ich es ausgerechnet – war es, in einer Woche über Landstraßen bis nach Sizilien und zurückzufahren. Dann, so meine Rechnung, sollten die 50.000 voll sein. Test-Chef Gegesch schaute, als hätte ihm gerade jemand bewiesen, dass die Erde doch eine Scheibe war. "Gut", meinte er, "mach das! Ich hoffe, du hast in Erdkunde aufgepasst."
Kälteschock am Brenner
Sein letzter Satz ging mir bei der Alpenüberquerung nicht aus dem Kopf. Am 2. Januar stand ich, verpackt wie das Michelin-Männchen, 20 Kilometer vor der Brennermautstelle auf einem Parkplatz, um mich warm zu zittern.
Mein Zwiebel-Outfit hatte sich leider nicht bewährt. Lange Unterhose plus Wollunterhemd, dann eine Textilkombi und darüber noch einen Thermoboy. Ich sah aus, als würde ich 120 statt 70 kg wiegen. Das Bein über die Sitzbank der Yamaha Fazer 600 zu schwingen fiel mir so schwer wie vermutlich einem 90-Jährigen.
Die Yamaha Fazer 600, es war eine goldfarbene, trug ein graues Kleid aus einer Salz-Dreck-Mischung, und ich hoffte inständig, dass die Reifen ausreichend Grip bei Minusgraden böten. Denn es war saukalt. Und wurde mit jedem Höhenmeter kälter. Der 600er machte das alles nichts aus.
Auf ihrem breiten Tank thronte ein Magnetrucksack, den ich auch heute noch benutze. Er besaß ein altmodisches Kartenfach, in dem eine nahezu kaputtgefaltete Italienkarte steckte.
Braucht nichtmal hohe Drehzahlen, um sich wohlzufühlen
Der Reihenvierzylinder nahm jederzeit per Knopfdruck seine Arbeit auf und hing selbst auf 1.370 Höhenmetern und bei 15 Grad minus noch perfekt am Gas. Der Antrieb der Yamaha Fazer 600 stammte ursprünglich aus der YZF 600 R Thundercat. Für den Einsatz in der Fazer wurde der Motor etwas anders abgestimmt, hatte aber mit seinen 95 PS mehr als ausreichend Leistung. Und er brauchte nicht einmal hohe Drehzahlen, um sich wohlzufühlen.
Die kleine, rahmenfeste Verkleidung bot für mich ausreichend Windschutz, und die Sitzposition empfand ich als wirklich komfortabel. Die Maschine tat alles, um mir den Ritt in den Süden leicht zu machen.
Derart ineinander verliebt, steuerten wir auf Sizilien zu, während mir Gegeschs Frage nach meinen Erdkunde-Kenntnissen nicht aus dem Kopf ging. Denn: Erstens wurde es im Winter auch in Italien recht schnell dunkel – spätestens gegen 17 Uhr sollte man sich in der Dämmerung nach einem Hotel umschauen.
Zweitens war es morgens auch in Italien saukalt. Und drittens zogen sich die 2.500 Landstraßenkilometer hin, vor allem wenn man täglich aufgrund von Kälte und Dunkelheit maximal sieben Stunden fahren konnte …
Auch in schlechten Zeiten ein perfektes Paar
Kurzum: Es war eine äußerst dumme Idee von mir, 5.500 Kilometer im Januar über Landstraßen in nur einer Woche abspulen zu wollen. Und vielleicht ahnt ihr es bereits – meine Schulnote in Geografie war schlechter als "befriedigend" gewesen.
Doch wieder einmal bestätigte sich, dass einen schlechte Zeiten oder schlimme Umstände zusammenschweißen – die Yamaha Fazer 600 und ich, wir wurden ein perfektes Paar. Sie ließ mich in keiner Situation im Stich.
Egal, ob ihr Scheinwerfer auf der Suche nach einer Unterkunft – blöderweise hatten die meisten Hotels oder B&Bs saisonbedingt geschlossen – die Nacht durchschnitt oder die Bremsen mich aus kniffligen Fahrsituationen retteten, auf die Yamaha konnte man sich stets verlassen. Und unter uns: Nicht einmal der Arsch tat mir weh.
Rechenfehler vor Sizilien
Nach vier Tagen erreichte ich Villa San Giovanni und überlegte, nach rund 1.900 Kilometern die Fähre nach Sizilien gegenüber zu nehmen. Denn meine Rechnung würde nicht aufgehen. Ich saß am Strand und schaute auf Sizilien. Dummerweise hatte ich mich verrechnet!
Doch ich entschied mich umzukehren und hoffte, mit ein paar Umwegen am Ende zurück in Stuttgart die 50.000 voll zu haben. Allerdings: Mathe war in der Schule auch nicht meine Stärke gewesen.
Kurz vor Mailand fehlten mir immer noch rund 1.000 km, und in Deutschland war es immer noch bitterkalt. Ich fuhr auf die Autobahn, legte die Strecke Mailand–Piacenza je zwei Mal zurück und zitterte mich dann über den Brenner.
Abrupte Trennung, aber viele Erinnerungen
Statt einer Woche hatte ich zehn Tage gebraucht, dabei zwei Kilo abgenommen, mehrfach die selbst gestrickten Wollsocken meiner Mutter gepriesen und mich täglich neu in meine Gefährtin verliebt. Die Yamaha Fazer 600 und ich waren längst ein eingespieltes Team. Jeder sah über die Schwächen des anderen hinweg.
Doch unsere Beziehung zerbrach, denn ihr Schicksal war besiegelt. Sie wurde zerlegt, vermessen, ausgestellt und anschließend als Puzzle verkauft. Schneller als ich gucken konnte, hatte es mir die Nächste angetan: Eins unserer anderen Dauertest-Motorräder, die CBR 600 F, entpuppte sich als vollwertiger Ersatz.
Doch in meiner Erinnerung blieben die Fazer 600 und mein Trip in den Süden, der es mir letztlich doch ermöglichte, meinen Traumjob zu bekommen, präsent. Mein internes Wikipedia hatte über die Yamaha Fazer 600 Folgendes abgespeichert: leicht, handlich, bequem, unkompliziert, elastischer Motor, sehr gute Bremsen, tourentauglich, optimales Landstraßenbike.












