Harley-Davidson Heritage Classic 50.000 km-Dauertest

Milwaukee-Eight geht auf die Langstrecke

Bei 2.151 km erfolgte die Erstinspektion.
Thomas Schmieder fuhr mit der neuen Dauertest-Harley zum Technik Museum in Sinsheim.
10 Bilder

Die Heritage Classic macht selbst für eine Harley extrem auf Retro. Bei MOTORRAD darf die Classic-Variante jetzt 50.000 Kilometer im Dauertest unter die Speichenräder nehmen. Hier gibt es immer die aktuellen Infos.

Und noch ein Neuzugang füllt den Dauertestfuhrpark, wieder ein Zweizylinder und wieder einer in V-Form. Mit der Heritage Classic aus dem Harley-Davidson-Programm allerdings einer der eher gemütlichen Gangart. Nichtsdestotrotz muss auch der Milwaukee-Eight-V2 in der 114ci-Spezifikation - also mit 94 PS aus 1,9 Liter Hubraum - sich über 50.000 Kilometer bewähren. Gestartet ist die neue Harley am 6.6.2018 mit 221 Kilometern auf der Uhr.

Bereits auf der Jungfernfahrt notierten die Kollegen ein direktes Ansprechen auf jeden Gasbefehl, einen geschmeidigen Motorlauf und einen durchaus imposanten Durchzug. Den ersten Defekt gab es aber auch schon: der linke vordere Blinker quittierte den Dienst.

Bevor der Zweizylinder aber endgültig in den Redaktionsalltag entlassen wird, muss er sich noch auf dem Prüfstand messen lassen.

Danach folgt noch die Eingangsmessung sowie die Verplombung des Motors und eine Kompressionsmessung. Ungefähr bei 25.000 km veröffentlicht MOTORRAD dann eine Dauertest-Zwischenbilanz; nach 50.000 Kilometern folgen Abschlussmessungen, bevor der Motor der Heritage Classic zerlegt und begutachtet wird.

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Kilometerstand: 6.059, 08/2018

Im Alltagsbetrieb mit kurzen Städtetripps hat sich die Heritage jetzt schon über 6.000 Kilometer auf die Uhr geschaufelt. Kollege Mike Schümann schätzt den Tempomaten und den Reisekomfort - allerdings nur bis Tempo 140. Lob gibt es auch für den kraftvollen Motor, die Bremse dürfte aber kräftiger sein.

Gast-Fahrer Hans-Jörg Götzl von Motor Klassik fühlt sich von der Harley an einen Vor-Kriegs-Bentley erinnert: ziemlich groß, ziemlich grün und ziemlich kräftig. Auch er ist vom Schub des V2 begeistert, nur "putzen" sei die Hölle.

Foto: Baumann

Kilometerstand: 2.630, 6/2018

Bei 2.151 km rollt die Dauertest-Harley zur ersten Inspektion, in deren Rahmen es neues Öl plus Filter gibt. Kostenpunkt für die Erstinspektion: 353 Euro. Direkt im Anschluss ging es mit dem Kollegen Baumann auf eine Tour in den Odenwald. Der wollte die Harley unbedingt mal fahren, schauen, ob sich der Mythos Harley erleben lässt. Er kann es. Das Leben auf der Hertiage spielt sich zwischen 1.500 und 2.000/min. ab. Komforttempo 95 km/h. Der V2 bietet satten Bumms, der Klang begeistert bei jedem Gasstoß, ohne aufdringlich (für Fahrer und Umwelt) zu sein. Entschleunigung stellt sich ganz automatisch ein, auch wenn die Hertiage bei Bedarf ganz ordentlich antreten kann. Die Einzelscheibe vorn kämpft dann allerdings mit der Gesamtmasse, die hintere springt aber rettend bei. Schräglagenfreiheit - kein Problem, wenn man nicht vergisst, dass man Harley fährt. Nervig ist nur der Windschild - er verursacht unheimliche Turbulenzen (1,90 Meter großer Fahrer). So gar nicht zum Konzept passen wollen die LED-Scheinwerfer.

Unterirdisch der Soziuskomfort. Die beste Beifahrerin der Welt wollte bereits nach einer Stunde die Mitfahrt beenden. Ungünstige Fußrastenposition, viel zu weiches Sitzbrötchen und immer das Gefühl nach hinten abzuschmieren.

Foto: Heinrich
Deutlich sichtbar: Regentropfen auf der Harley und eine damit verbundene Zwangspause auf der Ausfahrt.
Deutlich sichtbar: Regentropfen auf der Harley und eine damit verbundene Zwangspause auf der Ausfahrt.

Kilometerstand: 1.260, 06/2018

Die ersten Erfahrungen von MOTORRAD-Praktikant Ferdinand Heinrich mit einer Harley waren nach seinen eigenen Aussagen zunächst sehr gewöhnungsbedürftig: Ein schwerer Brocken! Solange sie rollt, lässt sie sich aber relativ unkompliziert bewegen. Genau wie die Sitzposition braucht es etwas Eingewöhnungszeit, um mit der Harley klar zu kommen. Der fette Motor macht aber Spaß, genauso wie jeder Gangwechsel. Das ist richtiger Maschinenbau und Schwermetall! Das lässt dich die Harley auch konsequent spüren. Positiv: Der Serienauspuff ist sehr präsent, aber weit entfernt von prollig-laut. Am meisten Spaß macht die Heritage auf Landstraßen und freier Autobahn.

Im Stau und im Stadtverkehr ist es dafür umso anstrengender. Die Angst vor einem peinlichen Umfaller wächst mit abnehmender Geschwindigkeit. Zumal es im Stau selbst bei kühlen Temperaturen schnell warm wird. Zum perfekten Tourer fehlen der Harley bessere Verzurrmöglichkeiten und eine höhere oder verstellbare Scheibe. Für mich (1,87 m) waren die Scheibe bzw. die resultierenden Verwirbelungen ab 110 km/h nicht unbedingt komfortabel, auch in geduckter Haltung. 

Kilometerstand: 500, 06/2018

Sie sieht aus wie ein rollendes Kulturerbe, und das ist sie auch. Die Heritage Classic 114 sendet eine Botschaft aus, die intuitiv jeder Passant versteht: klassische Formen und Proportionen. So wie damals in den 60ern … Daran ändert auch der kokett neu modische LED-Scheinwerfer vor nichts. Ihn flankieren noch zwei seitliche Zusatzscheinwerfer. Das versteckt liegende Zentral-Federbein in dem für 2018 komplett renovierten Fahrwerk sieht man ja ohnehin nicht. Ein echtes Erlebnis bietet das Herzstück, der 114-Kubik-inch-V2. Macht im metrischen System 1.868 Kubikzentimeter, 1,86 Liter. Uff.

Hier trifft langer Hub (114,3 Millimeter) auf niedrige Drehzahlen, große Schwungmasse auf überraschend-angenehme Gasannahme – direkt und doch schön weich. Ergibt alles zusammen ein feistes Fahrerlebnis. Im Drehzahlbereich zwischen 1.500 und 3.000 Touren gibt es wahrscheinlich nur wenig Motorrad-Motoren mit so viel Unterhaltungswert. Just bei 3.000 Umdrehungen sollen volle 155 Newtonmeter anstehen. Die Eingangsmessung wird es zeigen. So oder so, herrlicher Punch ist das! Da verzeiht man gern das zähe Ausdrehen jenseits der 4.000er-Marke, zumal der Motor ja gerade mal erst gut 500 Kilometer auf der Uhr hat. Volle 94 PS, man höre und staune, sollen bei 5.020 Touren anliegen.

Foto: Erica Barraza Torres
Thomas Schmieder fuhr mit der neuen Dauertest-Harley zum Technik Museum in Sinsheim.
Thomas Schmieder fuhr mit der neuen Dauertest-Harley zum Technik Museum in Sinsheim.

Bei ersten Autobahnfahrten hätte die im unteren Bereich abgedunkelte Scheibe ruhig etwas mehr Windschutz bieten dürfen. Die Harley-Tourer schirmen besser ab. Und sie bremsen auch besser, mit Doppelscheibe vorn. Allerdings gibt es Electra Glide & Co. nicht mit dem fetten 114er-V2. Und mit einer zweiten Bremsscheibe wiederum käme die wunderbar verchromte Radnabe der Heritage Classic 114 nicht so prominent zur Geltung. Das konnte unser Neuzugang am 9. Juni am Technik Museum Sinsheim unter Beweis stellen. Dort war die Harley unter lauter Flugzeugen ausnahmsweise einmal nicht der Star: Diese Rolle machte ihr auf Asphalt der „Rote Baron“ streitig, ein Motorrad mit Neunzylinder-Sternmotor. Mehr zum Eigenbau von Frank Ohle gibt’s in MOTORRAD 14/2018, ab 22. Juni dann.

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