Harley-Davidson Heritage Classic 50.000 km-Dauertest

Milwaukee-Eight geht auf die Langstrecke

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Die Heritage Classic macht selbst für eine Harley extrem auf Retro. Bei MOTORRAD darf die Classic-Variante jetzt 50.000 Kilometer im Dauertest unter die Speichenräder nehmen. Hier gibt es immer die aktuellen Infos.

Und noch ein Neuzugang füllt den Dauertestfuhrpark, wieder ein Zweizylinder und wieder einer in V-Form. Mit der Heritage Classic aus dem Harley-Davidson-Programm allerdings einer der eher gemütlichen Gangart. Nichtsdestotrotz muss auch der Milwaukee-Eight-V2 in der 114ci-Spezifikation - also mit 94 PS aus 1,9 Liter Hubraum - sich über 50.000 Kilometer bewähren. Gestartet ist die neue Harley am 6.6.2018 mit 221 Kilometern auf der Uhr.

Bereits auf der Jungfernfahrt notierten die Kollegen ein direktes Ansprechen auf jeden Gasbefehl, einen geschmeidigen Motorlauf und einen durchaus imposanten Durchzug. Den ersten Defekt gab es aber auch schon: der linke vordere Blinker quittierte den Dienst.

Bevor der Zweizylinder aber endgültig in den Redaktionsalltag entlassen wird, muss er sich noch auf dem Prüfstand messen lassen.

Danach folgt noch die Eingangsmessung sowie die Verplombung des Motors und eine Kompressionsmessung. Ungefähr bei 25.000 km veröffentlicht MOTORRAD dann eine Dauertest-Zwischenbilanz; nach 50.000 Kilometern folgen Abschlussmessungen, bevor der Motor der Heritage Classic zerlegt und begutachtet wird.

Foto: Markus Biebricher
Auch in den Alpen kann die Harley richtig Spaß machen.
Auch in den Alpen kann die Harley richtig Spaß machen.

Kilometerstand: 12.800, 10/2018

Gardasee im Herbst 2018. Unsere Dauertest-Harley Davidson Heritage fährt als Begleitfahrzeug mit auf eine Foto-Produktion. Pilot Rainer Froberg, seines Zeichens Trainings-Manager beim MOTORRAD Action Team lässt das 330 Kilo-Bike auf den Straßen rund um den Monte Bondone richtig fliegen. Die Straße von Dro zum Rifugio Viate ist eine Rennstrecke für Supersportler, Supermotos und starke Nakedbikes, für Harleys sicher nicht. Doch Rainer scheucht die Ami-Braut himmelwärts, dass die Trittbretter kratzen. Ihre Contenance muss sie dabei nicht verlieren. Auch nicht auf den schmalen Spaghetti-Sträßchen, die sich vom Rifugio über Garniga und Cimone nach Arco ziehen. Die Harley beweist einfach nur, dass sie für alle Situationen des Lebens taugt, wenn man sie kundig dirigiert und ihr eine Chance gibt. Der 94 PS-starke 114-Kubik-Inch Milwaukee-Eight-V2 drückt ab Leerlaufdrehzahl gewaltig, bei 3.000/min liegen üppige 155 Newtonmeter an. Das Handling ist, sobald die Harley in Bewegung ist, erstaunlich für einen solchen Koloss. Insgesamt hat die Reise mit der Heritage großen Spaß gemacht. Selbst die Autobahn-Etappen, dank bequemer Sitzbank und großem Windschild. Beim Gepäckmitnehmen muss sich dank Koffern und viel Platz auf der Soziusbank niemand einschränken. Vorsicht ist nur dann geboten, wenn die Straßen nass sind. Dann wollen die unmodernen Dunlop-Serienreifen keinen Grip mehr aufbauen. Fazit des Gardasee-Trips: die Heritage von 2018 ist Reisemaschine und Kurvenkönigin in einem. Erstaunlich aber wahr!

Foto: Michael Pfeiffer
Wassereinbruch in den Koffern nach Dauerregenfahrt.
Wassereinbruch in den Koffern nach Dauerregenfahrt.

Kilometerstand: 9.924, 09/2018

MOTORRAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer über die Dauertest-Harley: 800 Kilometer Harley an einem Tag, die längste Harley Tour in meinem Leben. Geht gut, weil gehobener Sitzkomfort, sehr gute Fedrung, angenehmer Motor mit viel Bumms von unten. Autobahn nach Köln und zurück um Ducati Deutschland zu besuchen, die waren amüsiert, aber nicht interessiert.

Die Rückfahrt war komplett im Regen, ganz guter Wetterschutz der Verkleidung, und 371 Kilometer mit 16,9 Liter gefahren. Nachteil: Sitzbank saugt sich voll mit Wasser durch die Nähte, Koffer sind nicht 100. % Wasserdicht. Siehe Bild.

Foto: Stefan Kaschel
Die Harley taugt auch als Fernreise-Express und zur Familien-Bespaßung.
Die Harley taugt auch als Fernreise-Express und zur Familien-Bespaßung.

Kilometerstand: 7.200, 08/2018

Schnell mal am Wochenende in die Heimat: Dafür gibt es im MOTORRAD-Dauertestfuhrpark geeignetere Fahrzeuge als die neue Heritage Classic. Aber manchmal geht es eben nicht anders, und so griff MOTORRAD-Autor Stefan Kaschel sich den 300-Kilo-Brocken mit knapp 1.900 Kubik, über 150 Newtonmetern Drehmoment und 94 PS für eine Express-Rutsche nach Ostwestfalen. 500 Kilometer hin, 500 zurück. Wenn es geht, ein bisschen zügig!

Und es geht, sogar nicht mal schlecht. Erstens, weil Kaschel die hohe und ganz praktisch mit einem Handgriff installierte Scheibe montierte, die auch auf der grünen Heritage-Harley für guten Windschutz sorgt. Und zweitens, weil die 1900er in ihrem mächtigen Spritfass so viel Treibstoff bunkert, dass ein Tankstopp pro Tour ausreicht. Jedenfalls dann, wenn der mächtige V2 so rund um die 3.000/min vor sich hinbollert und das Tempo sich so um die 140 bis 150 km/h einpendelt.

Wobei: Im Wortsinn einpendeln tut sie sich erst später, ab 150 Sachen kommt Bewegung in die Fuhre. Nicht angsteinflößend, aber doch latent, vor allem, wenn Längsrillen im Spiel sind. Ansonsten aber geht es durchaus fahrstabil und komfortabel zu, solange das zentrale Federbein keine gröberen Schläge wegstecken muss. Man attestiert dem dicken, chromglänzenden Ami-Dampfer erstaunlicherweise durchaus Kurven-Qualitäten, bis die Trittbretter kratzen. Und noch etwas fällt immer wieder auf: Die Heritage wird von allen gemocht – vor allem von denen, die sonst nichts mit Motorrädern am Hut haben. Selbst Kaschels Schwester Jutta, sonst jedes Wagemuts unverdächtig, fand die Harley auf Anhieb so sympathisch, dass sie unbedingt mal mitfahren wollte. Woran es fehlte, war ein zweiter Helm, worauf sich Papa Hartmut an seinen alten Klapphelm erinnerte, der seit Ewigkeiten im Keller vor sich hin schimmelte. Und so kam es zu einer nur für den Augenblick praktikablen Lösung. Die Schwester nahm des Fahrers Helm, der Fahrer den vom Vater – aber nicht, ohne Mutters gutes Seidentuch zwischenzulagern und so jeden direkten Kontakt zwischen Helmfutter und Haut (davon gibt es auf seinem Kopf jede Menge) zu vermeiden. Ergebnis: Die Nachbarn staunten, Schwester Jutta genoss die Ausfahrt und die Harley ist längst wieder in Stuttgart. Sie hat sich wacker geschlagen.  

Kilometerstand: 6.059, 08/2018

Im Alltagsbetrieb mit kurzen Städtetripps hat sich die Heritage jetzt schon über 6.000 Kilometer auf die Uhr geschaufelt. Kollege Mike Schümann schätzt den Tempomaten und den Reisekomfort - allerdings nur bis Tempo 140. Lob gibt es auch für den kraftvollen Motor, die Bremse dürfte aber kräftiger sein.

Gast-Fahrer Hans-Jörg Götzl von Motor Klassik fühlt sich von der Harley an einen Vor-Kriegs-Bentley erinnert: ziemlich groß, ziemlich grün und ziemlich kräftig. Auch er ist vom Schub des V2 begeistert, nur "putzen" sei die Hölle.

Foto: Baumann

Kilometerstand: 2.630, 6/2018

Bei 2.151 km rollt die Dauertest-Harley zur ersten Inspektion, in deren Rahmen es neues Öl plus Filter gibt. Kostenpunkt für die Erstinspektion: 353 Euro. Direkt im Anschluss ging es mit dem Kollegen Baumann auf eine Tour in den Odenwald. Der wollte die Harley unbedingt mal fahren, schauen, ob sich der Mythos Harley erleben lässt. Er kann es. Das Leben auf der Hertiage spielt sich zwischen 1.500 und 2.000/min. ab. Komforttempo 95 km/h. Der V2 bietet satten Bumms, der Klang begeistert bei jedem Gasstoß, ohne aufdringlich (für Fahrer und Umwelt) zu sein. Entschleunigung stellt sich ganz automatisch ein, auch wenn die Hertiage bei Bedarf ganz ordentlich antreten kann. Die Einzelscheibe vorn kämpft dann allerdings mit der Gesamtmasse, die hintere springt aber rettend bei. Schräglagenfreiheit - kein Problem, wenn man nicht vergisst, dass man Harley fährt. Nervig ist nur der Windschild - er verursacht unheimliche Turbulenzen (1,90 Meter großer Fahrer). So gar nicht zum Konzept passen wollen die LED-Scheinwerfer.

Unterirdisch der Soziuskomfort. Die beste Beifahrerin der Welt wollte bereits nach einer Stunde die Mitfahrt beenden. Ungünstige Fußrastenposition, viel zu weiches Sitzbrötchen und immer das Gefühl nach hinten abzuschmieren.

Foto: Heinrich
Deutlich sichtbar: Regentropfen auf der Harley und eine damit verbundene Zwangspause auf der Ausfahrt.
Deutlich sichtbar: Regentropfen auf der Harley und eine damit verbundene Zwangspause auf der Ausfahrt.

Kilometerstand: 1.260, 06/2018

Die ersten Erfahrungen von MOTORRAD-Praktikant Ferdinand Heinrich mit einer Harley waren nach seinen eigenen Aussagen zunächst sehr gewöhnungsbedürftig: Ein schwerer Brocken! Solange sie rollt, lässt sie sich aber relativ unkompliziert bewegen. Genau wie die Sitzposition braucht es etwas Eingewöhnungszeit, um mit der Harley klar zu kommen. Der fette Motor macht aber Spaß, genauso wie jeder Gangwechsel. Das ist richtiger Maschinenbau und Schwermetall! Das lässt dich die Harley auch konsequent spüren. Positiv: Der Serienauspuff ist sehr präsent, aber weit entfernt von prollig-laut. Am meisten Spaß macht die Heritage auf Landstraßen und freier Autobahn.

Im Stau und im Stadtverkehr ist es dafür umso anstrengender. Die Angst vor einem peinlichen Umfaller wächst mit abnehmender Geschwindigkeit. Zumal es im Stau selbst bei kühlen Temperaturen schnell warm wird. Zum perfekten Tourer fehlen der Harley bessere Verzurrmöglichkeiten und eine höhere oder verstellbare Scheibe. Für mich (1,87 m) waren die Scheibe bzw. die resultierenden Verwirbelungen ab 110 km/h nicht unbedingt komfortabel, auch in geduckter Haltung. 

Kilometerstand: 500, 06/2018

Sie sieht aus wie ein rollendes Kulturerbe, und das ist sie auch. Die Heritage Classic 114 sendet eine Botschaft aus, die intuitiv jeder Passant versteht: klassische Formen und Proportionen. So wie damals in den 60ern … Daran ändert auch der kokett neu modische LED-Scheinwerfer vor nichts. Ihn flankieren noch zwei seitliche Zusatzscheinwerfer. Das versteckt liegende Zentral-Federbein in dem für 2018 komplett renovierten Fahrwerk sieht man ja ohnehin nicht. Ein echtes Erlebnis bietet das Herzstück, der 114-Kubik-inch-V2. Macht im metrischen System 1.868 Kubikzentimeter, 1,86 Liter. Uff.

Hier trifft langer Hub (114,3 Millimeter) auf niedrige Drehzahlen, große Schwungmasse auf überraschend-angenehme Gasannahme – direkt und doch schön weich. Ergibt alles zusammen ein feistes Fahrerlebnis. Im Drehzahlbereich zwischen 1.500 und 3.000 Touren gibt es wahrscheinlich nur wenig Motorrad-Motoren mit so viel Unterhaltungswert. Just bei 3.000 Umdrehungen sollen volle 155 Newtonmeter anstehen. Die Eingangsmessung wird es zeigen. So oder so, herrlicher Punch ist das! Da verzeiht man gern das zähe Ausdrehen jenseits der 4.000er-Marke, zumal der Motor ja gerade mal erst gut 500 Kilometer auf der Uhr hat. Volle 94 PS, man höre und staune, sollen bei 5.020 Touren anliegen.

Foto: Erica Barraza Torres
Thomas Schmieder fuhr mit der neuen Dauertest-Harley zum Technik Museum in Sinsheim.
Thomas Schmieder fuhr mit der neuen Dauertest-Harley zum Technik Museum in Sinsheim.

Bei ersten Autobahnfahrten hätte die im unteren Bereich abgedunkelte Scheibe ruhig etwas mehr Windschutz bieten dürfen. Die Harley-Tourer schirmen besser ab. Und sie bremsen auch besser, mit Doppelscheibe vorn. Allerdings gibt es Electra Glide & Co. nicht mit dem fetten 114er-V2. Und mit einer zweiten Bremsscheibe wiederum käme die wunderbar verchromte Radnabe der Heritage Classic 114 nicht so prominent zur Geltung. Das konnte unser Neuzugang am 9. Juni am Technik Museum Sinsheim unter Beweis stellen. Dort war die Harley unter lauter Flugzeugen ausnahmsweise einmal nicht der Star: Diese Rolle machte ihr auf Asphalt der „Rote Baron“ streitig, ein Motorrad mit Neunzylinder-Sternmotor. Mehr zum Eigenbau von Frank Ohle gibt’s in MOTORRAD 14/2018, ab 22. Juni dann.

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